Samstag, 11. Juli 2009

Mit den Überseekriegen kam das Ende des Imperiums






Portugal sind die kriegerischen Auseinandersetzungen des Zweiten Weltkrieges (1939-1945), Gott sei Dank, erspart geblieben. Durch seine Neutralität, schaffte es der Diktator António de Oliveira Salazar, Portugal aus den blutigen Gemetzel Hitlers, Mussolinis und Francos herauszuhalten.

Was Salazar allerdings nicht verhindern konnte, waren die Überseekriege (Guerras do Ultramar) die von 1961 bis 1973 stattfanden und die im Ausland abschätzig Kolonialkriege (Guerras Coloniais) genannt wurden.
Da es offiziell in Portugal keine Kolonien gab, sondern nur Überseeprovinzen, konnte es sich bei diesen kriegerischen Auseinandersetzungen, so die portugiesische Auffassung, auch nicht um Kolonialkriege handeln, sondern um Überseekriege.
Ohne Zweifel sind die Überseekriege, oder Kolonialkriege, wie auch immer man sie nennen mag, das dunkelste Kapitel der neueren portugiesischen Geschichte.

Zu den Überseekriegen muss als erstes angemerkt werden, das Portugal kein Krieg gegen die Bevölkerungen von Angola, Moçambique und Portugiesisch Guinea geführt hat, sondern gegen einzelne Guerillagruppen, die ideologisch vollkommen eine andere Richtung einschlugen als die portugiesische Zentralregierung. Die Mehrheit der Bevölkerungen dieser Überseeprovinzen war mit der portugiesischen Herrschaft und ihrem Verwaltungssystem vollkommen einverstanden!

Während Portugal, seit 1949 ein Gründungsmitglied der NATO, politisch völlig westlich orientiert war, waren die Guerillakrieger, mit denen sich die portugiesischen Truppen rumschlagen mussten, alle kommunistisch-marxistisch eingestellt, und wurden als solche auch von der damaligen Sowjetunion unterstützt.
Da diese Gruppen auch eine Unabhängigkeit von Portugal erreichen wollten, wurden sie paradoxer Weise auch von dem NATO-Partner Portugals, den USA, politisch und militärisch unterstützt, denn die USA wollten auf keinen Fall die afrikanischen Länder dem Einfluss der Sowjets überlassen. Besonders der amerikanische Präsident J.F. Kennedy erwies sich als Verräter an der portugiesich-amerikanischen Politik.

So wurde Portugal gezwungen ab 1961 einen Dreifrontenkrieg in Afrika zu führen.
In Angola gegen die MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola = Volksbefreiungsarmee Angolas).
In Moçambique gegen die FRELIMO (Frente da Libertação de Moçambique = Befreiungsfront von Moçambique).
Und in Guinea gegen die PAIGC (Partido Africano da Independencia da Guiné e de Cabo Verde = Afrikanische Unabhängigkeitspartei von Guinea und Kapverde).

Der Krieg in Angola und Moçambique war alsbald für die Portugiesen entschieden. Denn obwohl es sich bei diesen zwei Überseegebieten um riesige Territorien handelte, so waren es Gebiete der offenen Savannen und mit wenig Bevölkerung, und so leicht militärisch zu bezwingen.
In Portugiesisch Guinea allerdings, hatten die Portugiesen es wesentlich schwerer, da das ganze Territorium hauptsächlich aus dichtem Urwald bestand und die Bevölkerungsdichte sehr hoch war. Guiné wurde, so kann man heute sagen, zu Portugals Vietnam.

Die portugiesische Regierung führte, trotz der kriegerischen Auseinandersetzungen, die Politik des „Lusotropicalismo“ weiterhin fort.
Mit Lusotropikalismus war das „Portugiesieren“ der Schwarzafrikaner in den Überseegebieten gemeint.
Den Schwarzen war es demnach gestattet, alle hohen Positionen in Militär, Verwaltung, Schul- und Gesundheitswesen einzunehmen, so wie den Weißen auch. Mischehen waren nicht nur zugelassen, sondern wurden gefördert. Studieren wurde den Schwarzen genauso erlaubt wie den Weißen. Die Portugiesen gründeten in den 60er Jahren zwei staatliche Universitäten in den Überseegebieten, eine in Angola und eine in Moçambique. Zum Vergleich: In Portugal gab es zur selben Zeit nur 4 staatliche Universitäten! Durch den Lusotropikalismus waren die Schwarzafrikaner gleichberechtigte Bürger Portugals.

Die Überseekriege waren, im Nachhinein gesehen, unnötige, blutige, kriegerische Auseinandersetzungen, die mit ein wenig politischem Feingefühl, verhindert hätten werden können. Man hätte z.B. die Überseegebiete in die Unabhängigkeit entlassen können, sie aber an einen losen Staatenbund mit Portugal anbinden können, so wie es das britische Empire mit seinen Kolonien und dem Commonwealth getan hat.
Viele junge portugiesische Soldaten fanden in Afrika den Tod. Ebenso viele Zivilisten, die zwischen die Fronten gerieten. Jede portugiesische Familie hatte mindestens einen Sohn oder einen Vater der in Afrika kämpfte. Viele Familien mussten Gefallene, und später auch Flüchtling beklagen.

Ich selber hatte drei Onkel die in Afrika gekämpft haben und Großtanten und Großonkel, die fluchtartig aus Moçambique fliehen mussten, weil marodierende Guerillagruppen zum Ende des Krieges hin, durch die Straßen der Hauptstadt Lourenço Marques wandalisierten und jeden erschossen, der eine weiße Hautfarbe hatte.

Am traurigsten aber ist es, das Angola, Moçambique und Portugiesisch Guinea nach dem Krieg mit Portugal keinen Frieden gefunden haben. Im Gegenteil!
Nach der Unabhängigkeit von Portugal im Jahre 1975, verwickelten sich diese Länder für Jahrzehnte in blutige, grausame Bürgerkriege, in denen, statistisch gesehen, 30 Mal so viele Schwarze umkamen, als zuvor in den Überseekriegen mit Portugal.

Noch heute hat Portugal mit den negativen Auswirkungen dieser vergangenen Kriege zu kämpfen.

Freitag, 10. Juli 2009

Eine Stadt im nostalgischem Schwarz und Weiß






Immer wenn ich alte Aufnahmen von Lissabon sehe, oder von Portugal überhaupt, dann komme ich leicht ins Schwärmen, und gerate leicht in Nostalgie.

Wie gerne hätte ich in dieser Zeit gelebt, als die Fotos noch schwarz-weiß waren und die Bilder zu laufen anfingen. Damals, als die Hauptstadt noch ein ganz anderes Gesicht hatte, begann für die meisten Menschen der Tag um 6 Uhr morgens mit einem Gang in die nächste Kirche. Früher war man noch streng katholisch und da gehörte der Gang in die Messe einfach dazu. Nach dem Kirchgang ging jeder seinem Beruf nach und am Hafen spielte sich das Leben einer Kolonialhauptstadt ab. Die feinen Damen der Gesellschaft gönnten sich einen ausgedehnten Schaufensterbummel durch den Chiado und die Baixa, und die Bauern aus dem Lissabonner Umland brachten ihr Gemüse und ihr Obst in die Märkte der Stadt, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Schaut man sich diese vielen Schwarz-Weiß-Aufnahmen an, dann wird einem schnell deutlich, wie schön die Stadt einmal war, so ganz ohne den täglichen Verkehrschaos von heute und ohne die konstante Verschmutzung.

Die hübschen Häuser am Chiado und in Benfica, die Baixa mit ihren unzähligen Geschäften und den vielen bunten Fensterläden, die vielen historischen Gebäude in der Alfama und der Mouraria und die grünen Oasen in der Estrela und im Monsanto – das alles begeistert einen sofort, wenn man sich nur die alten Aufnahmen anschaut.

Im Teich des Campo Grande schwammen einst Kois, als im restlichen Europa noch keiner wusste was das für Fische waren. Die Avenida nach Belém war mit hunderten von Palmen bewachsen. Vor hundert Jahren noch, war Lissabon eine Stadt wie aus dem Bilderbuch. Ohne Autos, nur mit alten Straßenbahnen und Pferdekutschen. Mit Seeleuten aus aller Welt und Menschen aus allen Kolonien Portugals.

Wer heute vom Wasser her nach Lissabon reinkommt, oder das Glück hat mit dem Flugzeug in Lissabon anzukommen, der wird meinen Lissabon hebt sich wie eine Traumvision gegen den strahlenden blauen Himmel ab.

Und natürlich hat Lissabon auch heute noch ihre schönen Seiten, ohne Zweifel.

Aber sie wird niemals den Charme erreichen, den sie hatte, als sie für immer auf Schwarz-Weiß-Fotos verewigt wurde.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Schwer von Freunden fällt der Abschied


Heute habe ich zufälligerweise in einer Zeitschrift gelesen, dass zu seinen Lebzeiten, der große dänische Märchenerzähler und Dichter Hans Christian Andersen hier in Portugal für einige Monate weilte.
Von Anfang Mai bis Mitte August 1866 besuchte der Schöpfer der Meerjungfrau das Land der Seefahrer und Entdecker.

Wie kam Andersen aber nach Portugal?

Seit seinen Jugendtagen verkehrte Hans Christian in den noblen Kreisen Kopenhagens mit den portugiesischen Brüdern, englischer Abstammung, José und Jorge O´Neill.
Die Brüder O´Neill weilten in Dänemark um zu studieren. Sie schlossen eine innige Freundschaft mit dem dänischen Dichter, die auch dann noch Bestand hatte, als sie wieder nach Portugal zurückreisten.

Immer wieder luden die Gebrüder O´Neill Hans Christian Andersen zu sich nach Portugal ein.
Dann, im Jahre 1866, folgte Andersen endlich der Einladung von Jorge O´Neill, der inzwischen Konsul von Dänemark in Portugal war.

Im Januar verließ er Kopenhagen, um über Hamburg, Hannover, Amsterdam, Antwerpen, Brüssel, Paris, Bordeaux und Madrid die portugiesische Grenze bei Elvas zu überqueren. Von Elvas reiste er dann weiter nach Lissabon, wo er am 6. Mai ankam. Nachdem er einen Monat im Lissabonner Raum verbrachte, besuchte er dann die Städte Setúbal, Aveiro und Coimbra. Anfang August reiste er von Coimbra wieder nach Lissabon zurück, von wo er am 14. August ein Schiff nach Dänemark nahm.

Er soll über seinen Aufenthalt, im Großen und Ganzen, sehr angetan gewesen sein. Nur über das hochsommerliche Lissabon soll er wenig begeistert gewesen sein.
Was man sehr gut verstehen kann, denn Lissabon ist auch heute noch im Monat August alles andere als einladend.

In seinem Buch „Ein Besuch in Portugal 1866“ (Originaltitel: Et Besolg i Portugal 1866) das er 1868 veröffentlichte, berichtet er ausführlich über seinen Aufenthalt hier in Portugal.

In einem Gedicht von ihm, aus diesem besagten Buch, heißt es:

Wenn ich bald mit Gottes Hilfe,
Heimkehr in den Buchensaal,
Werden die Gedanken weilen
Oft im schönen Portugal.

Und am längsten auf Pinieros,
wo mein dänisch Heim ich fand,
und ich steh auf der Terrasse
alles ist mir vertraut, bekannt.

Da der Aquädukt, Palmella,
Sintras Berge sehe ich,
schwer von Freunden fällt der Abschied,
denkt ihr auch einmal an mich?

(Übersetzt aus: Hans Christian Andersen, Ein Besuch in Portugal 1866, Müller & Kiepenheuer Verlag, Hanau/Main 1988)

Auf die Frage hin, was ihm am meisten an Portugal gefallen hat, so soll Hans Christian Andersen dem dänischen König nach seiner Rückkehr aus Portugal geantwortet haben, das er vor allem von der außergewöhnlichen Flora angetan gewesen sein soll.
Und so lässt es sich auch erklären, warum er in seinen Hutschachteln, als er in Lissabon das Schiff nach Kopenhagen betrat, hunderte von Blumen- und Baumsamen verstaut hatte.

Im Wintergarten seines Hauses in Odense stehen heute noch Oliven- und Orangenbäume, die er selbst gepflanzt haben soll.

Die späte Rache Durbans an Fernando Pessoa


Was haben Fernando Pessoa, Portugals größter Dichter und Schriftsteller des letzten Jahrhunderts, und meine Wenigkeit gemeinsam?

Nun, zugegeben, auf den ersten Blick recht wenig;
um nicht zu sagen Nichts!

Aber auf den zweiten Blick, ist da so eine Stelle in unseren Lebensläufen, die auffallend identisch sind.

Ich bin nämlich als sechsjähriger mit meinen Eltern nach Deutschland gezogen und habe in Darmstadt meine Kind-, Schul- und Jugendzeit verbracht.
Und Fernando Pessoa, ist als achtjähriger mit seiner Mutter und seinem Stiefvater João Miguel Rosa nach Südafrika gezogen und hat dort in Durban, am Indischen Ozean, seine Kind-, Schul- und Jugendzeit verbracht.

Und hier hören die Gemeinsamkeiten zwischen mir und Fernando Pessoa auch schlagartig auf.
Denn während ich es nur zum Freizeitschreiber und Hobbydichter gebracht habe, hat Fernando Pessoa, mit seiner originellen Art und Weise des Schreibens, es zum bedeutendsten Schriftsteller der portugiesischen Sprache im 20. Jahrhundert gebracht.

Und noch etwas Gravierendes unterscheidet mich von Fernando Pessoa, was unsere Kindheit und Jugend angeht.

Während ich nämlich meine Zeit in Deutschland nicht leugnen kann (die Veröffentlichung dieses Blogs ist wohl der beste Beweis dafür!) hat Fernando Pessoa während seines ganzen Lebens nur sehr ungern über seine Zeit im südafrikanischen Durban gesprochen, geschweige denn geschrieben!
In keinem seiner Werke geht er auf seine Kindheit und seine Jugend in Durban ein. Er verbrachte neun Jahre in Durban, von seinem achten bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr. Man könnte meinen das diese Jahre, die Wissenschaftler als die wichtigsten und prägendesten in unserem ganzen Leben bezeichnen, an Fernando Pessoa völlig vorbeigegangen sind. Man könnte sogar meinen Pessoa hat diese Jahre völlig aus seinem Gedächtnis verdrängt!

Fernando Pessoa wurde am 13. Juni 1888 in Lissabon geboren, und verstarb am 30. November 1935, ebendort.
Seine Mutter hatte, als er sieben Jahre alt war, sich in zweiter Ehe mit dem damaligen portugiesischen Konsul in Durban, Kommandant João Miguel Rosa, verheiratet.
So kam es, dass Fernando Pessoa als Kind nach Südafrika reiste, wo er dann auch bis zu seinem 17. Lebensjahr blieb.
Er lebte mit seiner Familie in der Ridge Road, im vornehmen Stadtteil Comercial District, besuchte dort zuerst die katholische Convent School und später die angesehene Durban High School. Sein Stiefvater war portugiesischer Konsul und er hatte nicht das was man eine allzu strenge Erziehung nennen könnte. Im Gegenteil!
Warum er also dieser Zeit so wenig Beachtung schenkt, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben.

Zwei Büsten erinnern in ganz Durban an Portugals Nationaldichter, der als Kind durch die Strassen dieser Stadt gelaufen ist und an den Stränden des Indischen Ozeans nach Muschelschalen gesucht hat.

Die eine Büste steht an der Kreuzung Pine Road und Gardiner Road, und zeigt Fernando Pessoa, so wie er meistens abgebildet wird, mit Brille und einem großen Hut.
Außer seinem Namen und seinem Geburts- und Sterbedatum ist auch ein Dreizeiler von Pessoa auf der Büste eingraviert, nämlich folgender:

“Oh salty sea
How much of your salt
Are the tears of Portugal?”

Im Original, im Gedichtsband “A Mensagem”, lautet der Dreizeiler:

“Ó mar salgado
Quanto do teu sal
São lágrimas de Portugal?”

Die zweite Büste steht auf dem Gelände der Durban High School, wo Pessoa als Kind in die Schule gegangen ist.
Beide Büsten wurden von portugiesischen Bürgern gestiftet und aufgestellt. Hätte man darauf gewartet dass die südafrikanische Stadtverwaltung Pessoa ein Denkmal setzt, dann hätte man wohl noch ein paar Jahrzehnte warten können.

So gesehen, so wie Fernando Pessoa die Stadt Durban aus seinen Erinnerungen verbannt zu haben scheint, so hat auch Durban Fernando Pessoa vollkommen verdrängt.
Vielleicht ist das die Rache Durbans dafür, dass Fernando Pessoa die Stadt nicht in einem einzigen seiner Werke erwähnt hat.

Straßenlaternen wie anno dazumal






Wer jemals in Lissabon zu besuch war, wird von dem gleißendem Sonnenlicht, der die Stadt durchflutet angenehm überrascht sein.
Der Regisseur und Filmemacher Wim Wenders, der mehrmals in Lissabon drehte, soll vom natürlichen Licht regelrecht angetan gewesen sein.

Und abends, wenn dann die Sonne untergeht, übernehmen der Mond und die vielen Straßenlaternen die Aufgabe, die Stadt zu erhellen. Und wenn einmal Neumond ist, dann strahlen die Straßenlaternen genug licht aus, um Lissabon in ein romantisches Licht zu tauchen.

Aber es war nicht immer so!
In Mittelalter wurde Lissabon, wie viele andere Städte in dieser Zeit, des Nachts zuerst mit Fackeln und später mit Lampionlampen mit Kerzenlicht erleuchtet.
Anfang des 19. Jahrhunderts lösten dann Lampen, gefüllt mit Olivenöl und einem Docht, die Lampionlampen mit Kerzen ab. Lissabon war weltweit die erste Stadt in der diese Lampen benutzt wurden.
Da sie um ein vielfaches heller leuchteten als die Kerzenlampen, führten bald auch andere Metropolen, wie London, Paris, Madrid und Wien, die Olivenöllampen ein.
Ein positiver Nebeneffekt für die portugiesische Wirtschaft war es damals, das Portugal als größter Olivenölproduzent, gute Geschäfte mit dem Verkauf von Olivenöl an das Ausland machen konnte.

1855 wurden dann, im Lissabonner Stadtteil Belém die ersten Gaslampen aufgestellt. Bis 1858 waren sie über die ganze Hauptstadt verteilt. Die Gaslampen, aus London eingeführt, ersetzten die Öllampen weil sie den Vorteil hatten, noch heller zu leuchten als diese.
1903, mit der Einführung der Elektrizität, wurden dann mit den Jahren die Gaslampen abgelöst.

Aber ob nun mit Öl betrieben, mit Gas oder, wie heute, mit Elektrizität, die Lampen blieben eigentlich immer die Selben. Nur die Speisung der Lichtquelle war immer eine andere.
Die gusseisernen, schwarzen Straßenlampen die heute das Lissabonner Straßenbild, vor allem nachts, prägen, sind fast alle die Selben, wie vor 200 Jahren.
Der Unterschied ist nur der, das die ganz alten Straßenlampen daran erkennbar sind, dass sie noch mit dem Lissabonner Wappen, das Sankt Vinzenzschiff mit den zwei Raben, verziert sind.
Die neueren Modelle, immerhin auch schon über 100 Jahre alt, haben kein Wappen, sondern bestehen nur aus bearbeitetem Gusseisen.

Die alten Straßenlampen findet man heute nur noch in den alten Stadtvierteln, wie in der Alfama, in der Baixa, im Bairro Alto oder in Belém.
In den moderneren Stadtteilen, wie Alvalade, Lumiar und Socorro trifft man nur die modernen, silberfarbenen Straßenbeleuchtungen aus Neon, an.
So wie sie in jeder anderen modernen Stadt der Welt auch anzutreffen sind.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Ein Fußballgott erobert Madrid


Von zwei Giganten wurde gestern medial weltweit berichtet.

Der eine war der „King of Pop“, hieß Michael Jackson, und von ihm nahm die ganze Welt, in einer bewegenden und überraschenderweise nicht kitschigen Trauerfeier, im amerikanischen Los Angeles, abschied.

Der andere heißt Cristiano Ronaldo, ist Weltfußballer, und wurde im spanischen Madrid, im Santiago-Bernabéu-Stadion einer grölenden Menge, als neuer Spieler für die Mannschaft von Real Madrid, vorgestellt.

Von dem einen nahm die Welt in Kalifornien abschied, als ob es Morgen keine Musik mehr gäbe, und der andere wurde in Madrid empfangen als sei er der Messias. Wie der Erlöser, der Real Madrid von der jahrelangen Barcelona-Übermacht befreien soll.

Das war schon eine bombastische Show, die sich unsere spanischen Nachbarn da für unseren Cristiano haben einfallen lassen. Ich muss gestehen, dass ich mir diese Show angeschaut habe. Schließlich lief sie zur besten Nachrichtensendezeit, und mir blieb nichts anderes übrig.

Zu den Klängen von „Nessun Dorma“ betratt Cristiano Ronaldo das Stadion und mit dem „Radetzky-Marsch“ verließ er denselbigen, nach gut einer halben Stunde.
Dazwischen eroberte der Fußballgott Madrid, indem er ein bisschen mit einem Ball rumkickte, sich mit seinem Hemd mit der Nummer 9 zeigte, ein paar Autogramme gab und eine, aus fünf Sätzen bestehende, Rede hielt!

Angeblich soll er 94 Millionen, manche meinen auch 100 Millionen, andere reden sogar von 120 Millionen Euro erhalten haben, um für Real Madrid zu spielen. Egal wie viel es auch immer gewesen sein mag: für ihn hat es sich auf alle Fälle gelohnt.
Natürlich gibt es jetzt Moralapostel (und hier in Portugal gibt es eine Menge Moralapostel!) die meinen, das wären Summen die völlig an der Realität vorbei gehen würden, und diese Summen wären nicht mit der Krise vereinbar, die wir im Augenblick weltweit haben.

Nun scheint es aber im bezahlten Profifußball keine Krise zu geben, und seien wir doch einmal ehrlich:
wenn einer uns so viel Geld anbieten würde, für ein bisschen Rumkicken, wer von uns würde so ein Angebot nicht annehmen?

Also bitte, liebe Moralapostel, erspart uns eure Heucheleien.
Kann man es einem Cristiano Ronaldo verübeln für so viel Geld, für solch eine Traumsumme, nach Madrid zu wechseln? Natürlich nicht!

Viel bedeutender als die exorbitante Summe, die Cristiano Ronaldo erhalten hat, finde ich aber die Tatsache, welchen Jubel man ihm heute entgegengebracht hat.

Noch nie in der Geschichte hat ein Portugiese in Spanien so viel Zustimmung und Sympathiebekundungen erhalten, wie heute Cristiano Ronaldo.
Und das ist, so finde ich, zweifellos die Nachricht des Tages:

Das nämlich ein 24jähriger Kicker, aus einem Armenviertel Madeiras, dessen Vater Frührentner war und seine Mutter Putzfrau, es schafft abertausende Spanier zu solchen Euphorieausbrüchen zu bringen und das er eine Fußballmannschaft findet, die bereit ist, ihm solch ein Gehalt zu zahlen!

„Ich bin mein Geld wert“ („Eu valo todo o dinheiro“) hat Cristiano vor Tagen in einem Interview der RTP gesagt.
Man möchte es ihm fast glauben!
Aber ich möchte nicht wissen, was ihm blüht, wenn er in Madrid versagt…

Nur die Alten bleiben zurück





„Portugal é Lisboa e o resto é paisagem” – (Portugal ist Lissabon und der Rest ist Landschaft), so lautet ein altes portugiesisches Sprichwort.

Er ist sicherlich von Lissabonnern in die Welt gesetzt worden, und auf eine vereinfacht Art und Weise zeigt er wie „größenwahnsinnig“ eigentlich die Bewohner der Hauptstadt sind, die wirklich glauben, hier in Portugal die Krönung der Schöpfung zu sein.

Aber auf eine bestimmt Weise, steht dieser alte Spruch auch für ein ernstes Problem; nämlich das Problem der Landflucht und der Verödung der alten Dörfer im ländlichen Nord- und Südportugal. Die großen urbanen Zentren an der Küste, vor allem Lissabon, Porto, Almada, Setúbal und Faro wirken wie Magnete auf das traditionell, vernachlässigte Hinterland, aus dem viele junge Leute leider noch heute wegziehen. In den alten Dörfern bleiben nur die Alten zurück.

Der Weggang der jungen, arbeitsfähigen und zukunftsorientierten Menschen aus der Provinz in die Städte, macht aus Portugal ein zweigeteiltes Land:
Während die Städte an der Küste wachsen und prosperieren, auch in Zeiten weltweiter Wirtschaftskrise, verödet das Landesinnere.

Lange war die Landwirtschaft des Hinterlandes die Haupteinkommensquelle Portugals. Doch die wachsende Bedeutung des Dienstleistungssektors, vor allem des Tourismus, leiteten einen tief greifenden sozialen Wandel ein: Immer mehr Menschen wandern auf der Suche nach Arbeit in die Städte ab.
Schon heute Leben 50% der portugiesischen Bevölkerung, also die Hälfte, in den beiden Großräumen von Lissabon und Porto!

Umgekehrt heißt das: die ländlichen Regionen wie der Minho, Trás-os-Montes, die Beira Alta, die Beira Baixa und der Alentejo veröden und sterben aus. Das führt dazu das das architektonische Erbe verfällt, Schulen werden aus Mangel an Schülern für immer geschlossen, die landwirtschaftliche Arbeit verschwindet, der Rückgang der Artenvielfalt (Biodiversität sagt man glaube ich in Deutschland dazu) schreitet voran, genauso wie die Erosion.

Es gibt Dörfer und Gemeinden in Nordportugal, die bestehen das ganze Jahr über nur aus 10 bis 12 Rentner. Erst im Sommer, wenn Ferienzeit ist, kommen ihre Kinder und Kindeskinder aus Frankreich, Deutschland und den Niederlande zurück, wo sie das ganze Jahr über als Gastarbeiter leben, und verbringen die Sommerferien „na terra“, auf dem Land, mit ihnen.

Nun hat man das Problem langsam erkannt und mit Hilfe der Europäischen Union will man nun kräftig in die Infrastruktur investieren, um junge Leute wieder in den alten Ortschaften anzusiedeln.
Bleibt nur zu hoffen, dass es dafür nicht schon ein bisschen zu spät ist.

Dienstag, 7. Juli 2009

Portugiesische Austern aus Setúbal


Als die Römer Caetobriga gründeten, das heutige Setúbal, da lag die Ortschaft noch auf dem Südufer des Flusses Sado. Die Römer besiedelten nur die schmale Landzunge zwischen dem Fluss und dem Atlantik.
Man vermutet dass den Römern dieser Platz am sichersten erschien. Doch unzählige Erdbeben und Seestürme zwangen den Wiederaufbau von Caetobriga an den Nordufer des Sado zu verlegen.
Dort liegt sie bis heute, die Stadt Setúbal, zwischen riesigen Orangenhainen gebettet.

Die pastellfarbenen Häuser am Meer, die vielen kleinen, grünen Parks und die schönen Plätze verbergen geschickt, das Setúbal eigentlich eine Industriestadt ist und der drittgrößte Hafen Portugals, nach Lissabon und Porto.
Die Stadt lebt vom Zement und den Steinbrüchen aus der Serra da Arrábida, vom Salz aus den Salinen am Sado, von der größten Sardinenfangflotte der Iberischen Halbinsel und von…
Austern!

Aus Setúbal kommen die „Portugaises“, besonders schmackhafte Austern mit festem Fleisch, die wie kleine Steine aussehen.
Portugiesen, selbst die von der High Society, essen meistens nur gekochte Austern.
So ist der Verbrauch im Land minimal, und die Austergärtner exportieren die „Portugaises“, die sie in den Bänken vor der Stadt züchten, zum größten Teil nach Frankreich, wo sie reißenden Absatz finden.
Die wenigsten bleiben in Setúbal, man schätzt nur etwa 10% der Ernte.

Wer gerne mal gekochte Austern probieren will, sollte im Restaurant „Naval Setúbalense“ vorbeischauen.
Es ist der einzige Ort, den ich persönlich kenne, wo die Austern zusammen mit schmackhaften Kräutern in einer Kupferpfanne (Cataplana) zubereitet werden.

Wer sie roh essen will, der muss sich schon auf den Weg nach Frankreich machen…

Wenn ein Prämierminister in die Oper geht


Dieses Wochenende ist unser Prämierminister José Socrates in die Oper gegangen.
Und der Titel des Mannes ist wirklich Prämierminister und nicht, wie so oft deutsche Medien behaupten oder schreiben, Ministerpräsident!

Warum ich als Portugiese so viel Wert auf diesen Unterschied lege?
Nun, „Primeiro Ministro“ (Prämierminister = Erster Minister) wird nach dem Parlamentspräsidenten und dem Staatspräsidenten, der dritte Mann im Staate, hier in Portugal, genannt.
Als „Presidente de Ministros“ (Ministerpräsident) wurden zur Zeit der Diktatur, im 20. Jahrhundert, die Diktatoren António de Oliveira Salazar und Marcello Caetano, tituliert.
Die Zeiten der Diktatur sind aber vorbei.
Also bitte deutsche Medien, tituliert den Chef der portugiesischen Regierung als Prämierminister und nicht als Ministerpräsidenten!
Schließlich titulieren wir hier in Portugal Frau Dr. Angela Merkel auch als Bundeskanzlerin, und nicht als Reichskanzlerin!
Ich hoffe es ist mir gelungen den Unterschied klar zu machen.

Aber nun zum eigentlichen Grund warum ich dieses post schreibe. Wie anfangs schon erwähnt, besuchte am Wochenende unser Prämierminister Socrates die Oper im Centro Cultural de Belém (CCB).

Dies alleine wäre natürlich nicht eine Nachricht wert. Nein, die eigentliche Nachricht ist die, dass er kräftig Ausgebuht wurde, als er die Oper betrat.
Und warum wurde er ausgebuht?
Nun, er kam eine halbe Stunde zu spät an der Oper an, und solange mussten die anderen Opernbesucher auf die Aufführung warten.
Deshalb also, wurde er ausgebuht, als er den Opernsaal, an der Seite seiner Freundin Fernanda Câncio, betrat.

Am nächsten Tag konnte man dann in den Tageszeitungen in großen, dicken Buchstaben lesen, das Socrates mit seiner Freundin eine halbe Stunde zur Opernaufführung kam, und nur in kleinen Lettern war zu lesen, warum er denn später in der Oper eintraf.
Nun, der Mann hatte an diesem Nachmittag ein Treffen mit dem Ministerpräsidenten (und der ist wirklich Ministerpräsident und nicht Prämierminister!) von Cabo Verde gehabt, und dieser Herr nahm es mit der Pünktlichkeit auch nicht gerade sehr ernst.

Also kam Socrates zu spät zur Oper, weil er seinen Pflichten als Staatsmann nachgekommen war.
Man stelle sich vor, er hätte das Treffen mit dem Ministerpräsidenten von Cabo Verde abgesagt, um in die Oper zu gehen. Dann hätte man ihm wahrscheinlich vorgeworfen, nur ans Vergnügen gedacht zu haben, und nicht an seine Pflichten als Staatsmann.

Wer eigentlich hätte ausgebuht werden sollen an diesem Abend, ist meiner Meinung nach, die Leitung der Oper.
Denn, in jedem normalen, zivilisierten Land der Welt, hätten die Verantwortlichen der Oper um Punkt 20 Uhr, wie vorgesehen, die Aufführung beginnen lassen, mit oder ohne Anwesenheit des Prämierministers.
Und dann hätte man nach dem ersten Akt, dem Mann und seiner Freundin den Eintritt ja gewähren können! So hätte man diese hässliche Szene des Ausbuhens verhindern können und es wäre erst gar nicht zu diesem traurigen Zwischenfall gekommen.

Als Prämierminister Socrates heute gefragt wurde, ob ihm denn die Oper gefallen hätte, antwortete er knapp und mit einem verschmitzten Lächeln:
„Die erste halbe Stunde war mir etwas Fremd, aber danach habe ich sie genossen…!“

Montag, 6. Juli 2009

Ein Taschentuch als persönlicher Liebesbeweis






Was macht heutzutage eine junge Portugiesin, wenn sie einem jungen Mann ihre Liebe gestehen will?
Nun, wie überall auf der Welt, wird sie ihm wohl heute eine SMS, eine MMS oder vielleicht auch eine E-Mail senden.

Das ist klingt für uns, die wir etwas älter sind, nicht gerade sehr romantisch. Aber wenn die Liebenden durch die Anwendung dieser modernen Kommunikationstechnologie dadurch zusammenkommen, dann hat sie ihren Zweck erfüllt.

Früher aber, wenn eine junge Frau hier in Portugal ihrem Schwarm ihre Liebe gestehen und beweisen wollte, dann bestickte sie ihm ein Taschentuch.
Über viele hunderte von Jahren – vermutlich seit dem 17. Jahrhundert - dienten diese „Lenços de Namorados“ (Taschetücher der Liebenden) in ganz Portugal als persönlichster Liebesbeweis einer jungen Frau an einen jungen Mann. Früher stickten nämlich die jungen Frauen im heiratsfähigen Alter monatelang an diesen besagten Taschentüchern, die sie dann ihren Liebsten schenkten.

Heute hat sich diese Tradition nur noch im Norden Portugal, im Minho, erhalten. Dort werden heute sogar Kurse angeboten, damit junge Mädchen wieder das besticken der Taschentücher erlernen. Diese Taschentücher, meistens so um die 50 cm² groß, aus weißer Baumwolle bestehend, dienten den jungen Frauen als Projektionsfläche für ihre Träume, Hoffnungen, geheimen Botschaften, Wünsche, selbst gedichtete Reime und dekorativen Motiven, wie Herzchen, Blumen, Vögelchen usw.

Man kann die bunten und farbenfrohen Bestickungen der „Lenços de Namorados“ mit den Einträgen in den Poesiealben deutscher Schulmädchen vergleichen.
Mit dem kleinen Unterschied, das deutsche Mädchen nicht gerade ans heiraten denken, wenn sie sich ins Poesiealbum rein schreiben lassen…

Waren die „Lenços de Namorados“ bestickt, wurden sie, meistens auf Dorf- und Kirchfesten, von den jungen Mädchen an ihre Wunschkandidaten übergeben. Viele junge Männer nahmen auch schon mal zwei, drei oder mehrere Taschentücher an. Was zur Folge hatte, das viele Dorffeste mit sich untereinander streitenden jungen Mädchen endeten.

Zur Gaudi der jungen Männer natürlich!...

Römisches Erbe


In einem vorherigen post, mit dem Namen „Römische Vergangenheit unterm Gullideckel“, habe ich erwähnt dass die Römer für knappe 6 Jahrhunderte hier in Portugal, im damaligen Lusitanien, weilten.

In der Zeit ihrer Herrschaft führten sie Latein als Amtssprache ein, gründeten neue Städte und bauten alte Städte mit Brücken, Tempeln, Theatern, Badehäusern und Straßen aus, und schlossen diese dem damaligen römischen Wegenetz an, das sich über das ganze Römische Reich erstreckte.

Leider blieben nur wenige architektonische Juwelen aus dieser Zeit übrig, wie der weltberühmte Dianatempel in Évora, die Mosaiken von Conimbriga, der Torbogen und die Mauerreste in Beja, die unterirdischen Galerien in Lissabon und die römischen Bäder in Milreu.

Was sie allerdings ohne Zweifel hinterließen, waren die Gründungen vieler so genannter „villaes romanas“.
Villaes romanas waren römische Gutshöfe, die einen römischen Herren als Besitzer, und lusitanische Sklaven als Arbeiter hatten.
Mit den Jahren wurden aus den „villaes romanas“ Siedlungen, und die Sklaven erhielten Bürgerrechte. So entstanden von den Römern neu gegründete Städte, die heute portugiesische Großstädte sind.

Die berühmtesten „vilaes romanas“ sind Myrtilis, das heutige Mértola, Agua Flavie, die heutige Stadt Chaves und Ipses, das heutige Alvor.

Aber auch schon vor den Römern existierende Ortschaften und Städte erhielten nach der Eroberung durch sie, römische Namen
(folgend nun einige portugiesische Städte und ihre römischen Namen. Die römischen Namen stehen in Klammern)


Alcácer do Sal (Bevipo)
Alenquer (Arabriga)
Aveiro (Alavarium)
Beja (Pax Julia)
Braga (Bracara Augusta)
Castelo Branco (Castra Leuca)
Coimbra (Aeminium Conimbriga)
Évora (Liberalitas Julia)
Faro (Ossonoba)
Guarda (Lancia Oppidana)
Leiria (Collippo)
Lisboa (Felicitas Julia)
Porto (Portus Cale)
Setúbal (Caetobriga)
Tomar (Sellium)
Viseu (Verurium)

Die Flüße Minho (Fluvium Minius), Douro (Fluvius Durius), Mondego (Fluvius Monda) und Tejo (Fluvius Tagus) leiten ihre heutigen Namen von den römischen Bezeichnungen ab.

Nur bei dem höchsten Gebirge Portugals, die Serra da Estrela (Herminius Mons) hat sich der römische Name nicht durchgesetzt.

Wissen sie wo São Sebastião da Pedreira liegt?


Ich bewundere Menschen die stolz sind auf ihre Wurzeln, die Wert legen auf ihre Herkunft und die ihren Ursprung nicht verbergen.
Ich mag Menschen die stolz Flagge zeigen können ohne sich mit Schuldgefühlen rumplagen zu müssen.

Vielleicht denke ich aber auch nur so, weil ich Lissabonner bin, ein „alfacinha“ (bitte lesen sie auch mein post „Alfacinha = Lissabonner“) und ich mir als Portugiese nicht vorstellen kann in einer anderen Stadt geboren worden zu sein.
Ich meine, der liebe Gott hat mich mit einer großen Vorstellungskraft gesegnet; aber diese könnte niemals so groß sein, das ich mir vorstellen könnte, in Porto, Coimbra oder Faro geboren worden zu sein.

Natürlich mögen jetzt viele Denken, wie man auf etwas stolz sein kann, wofür man persönlich nichts kann und was eigentlich per Zufall geschehen ist.
Aber so ist es nun einmal, wenn man Lokalpatriot ist!

Ich selber bin in, wie die meisten Lissabonner heutzutage, in der Geburtsklinik Maternidade Alfredo da Costa, im Stadtteil São Sebastião da Pedreira, geboren worden.

Ich bin schon mehrmals an der Geburtsklinik vorbeigegangen, und ich muss gestehen, dass ich nicht gerade große sentimentale Gefühlsausbrüche hatte.
Ich habe weder Purzelbäume geschlagen, noch sind mir vor lauter Rührung die Tränen in die Augen gestiegen und ich hatte auch nicht das Bedürfnis ganze Gedichtsbände zu diesem Thema zu schreiben.
Mir ist es auch ehrlich gesagt egal, ob die Nichtlissabonner wissen wo überhaupt das Stadtteil São Sebastião da Pedreira liegt, wie viele Einwohner es hat und welche lokalen Traditionen in ihm gepflegt werden.
São Sebastião da Pedreira ist einfach nur ein banaler Ort in Lissabon.
Natürlich ist dieser Ort nichts besonderes, nur weil ich dort geboren bin.
Aber ich selber fühle mich als etwas besonderes, weil ich dort geboren bin!

Der aus Lissabon stammende Schriftsteller und Dichter Fernando Pessoa, hat genau zu diesem Thema einmal geschrieben:
„Der Ort an dem man geboren wird, ist wohl der zufälligste. Egal ob Lissabon, Porto oder Cascais“ („O lugar onde se nasce é o lugar onde mais por acaso se está. Tanto faz ele ser Lisboa, o Porto ou Cascais“).
Nun, für viele Lissabonner gilt dieser Ausspruch von Pessoa schon fast als Verrat an unserer Hauptstadt.

Aber ich sehe die Sache weniger emotional.
Schließlich ist bekannt, dass Fernando Pessoa gerne ab und zu einen über den Durst trank. Und wer weiß ob er nicht gerade einen Gebechert hat, als er diesen Ausspruch zu Papier brachte.
Schließlich wird einem ja nur geraten, wenn man Auto fährt nicht zu trinken; aber über das Trinken beim Schreiben hat noch niemand Regeln aufgestellt, so viel ich weiß.

Vom Singen eines Geburtstagsständchens


Am Samstag, dem 04. Juli, feierte mein Vater António seinen 71 Geburtstag.
Um ehrlich zu sein feierte er seinen Geburtstag im eigentlichen Sinne nicht, da er ja keine Geburtstagsgäste hatte und er auch nicht eine Torte anschneiden musste.
Trotzdem ließen es sich meine Mutter und ich, es uns nicht nehmen, ihm gleich morgens, nach dem Aufstehen, ein kleines Geburtstagsständchen zu singen.
Und welches Geburtstagsständchen singt man da wohl?

Nun, natürlich das weltweit berühmteste, nämlich „Happy Birthday To You“.
Allerdings sangen wir ihm die portugiesische Version von dem Ständchen vor, schließlich ist der Mann Portugiese.

Nach dem singen, und einem gemeinsamen Frühstückskaffee, ging ich an meinen Schreibtisch, und summte dabei das Lied in Gedanken weiter.
Und dann fiel mir etwas auf, was für mich Grund genug war, dieses post hier heute zu schreiben.
Mir fiel nämlich auf, dass die portugiesische Version von „Happy Birthday“ , viel origineller ist als die englische oder gar die deutsche Version.

Die englische Version lautet nämlich:

„Happy birthday to you,
happy birthday to you,
happy birthday dear (Name),
happy birthday to you.”

Zugegeben, nicht gerade sehr originell, oder?

Die deutsche Version lautet:

„Zum Geburtstag viel Glück,
zum Geburtstag viel Glück,
zum Geburtstag liebe(r) (Name) alles Gute,
zum Geburtstag viel Glück“

Nun, vom Land der Dichter und Denker hätte ich da mehr erwartet, sorry!...

Die portugiesische Version „Parabéns A Você“ ist 4-strophig und lautet im Original so:

„Parabéns a você
Nesta data querida
Muitas felicidades
Muitos anos de vida!

Hoje é dia de festa
Cantam as nossas almas
Para o/a menino/a (Name)
Uma salva de palmas!

Tenha tudo de bom
Do que a vida contém
Tenha muita saúde
E amigos também

Hoje o/a (Name) faz anos
Porque Deus assim quis
O que mais desejamos
É que seja feliz!”

Übersetzt ins Deutsche, lautet der Text in etwa so:

„Wir gratulieren dir herzlich
An diesem besonderen Tag
Wünschen dir viele Lebensjahre
Und viele Glückwünsche.

Heute ist ein Festtag
Es singen unsere Seelen
Für die (den) liebe(n) (Name)
Einen riesigen Applaus.

Es soll ihr (ihm) allzeit gut gehen
Das ganze Leben lang
Viel Gesundheit soll sie (er) haben
Und viele Freunde ebenso.

(Name) hat heute Geburtstag
Weil Gott es so will
Was wir ihr (ihm) vor allem wünschen
Ist ewiges Glück!“

Natürlich reimt sich das ganze auf Portugiesisch, was bei der deutschen Übersetzung leider nicht möglich ist.
Die Portugiesen singen aber meistens nur die ersten zwei Strophen, weil sich sonst das ganze Geburtstagsständchen ins Endlose hinziehen würde.

Was ich heute, dank Internet, erfahren habe, ist das das Originallied auf das Kindergartenlied „Good Morning To All“ zurückgeht, welches die amerikanischen Schwestern Mildred und Petty Smith aus Kentucky Ende des 19. Jahrhunderts als Begrüßungslied für die Kindergartenkinder schrieben, die sie unterrichteten.

Die portugiesische Version entstand allerdings, als der Lissabonner Radiosender Renascença 1948 ein Wettbewerb organisierte, wo für die Melodie von „Happy Birtday to You“ ein portugiesischer Text gesucht wurde.
Gewonnen hat dann die Version, die heute noch jedes Mal hier in Portugal gesungen wird, wenn man das „Happy Birthday“ anstimmt.

In diesem Sinne, nochmals alles Liebe und Happy Birthday Papa!

Samstag, 4. Juli 2009

Römische Vergangenheit unterm Gullideckel



Auch wenn heute leider nur noch ein paar wenige alte Steinbrücken, Tempel und Kastelle davon zeugen: die Römer waren einmal für Jahrhunderte hier in Portugal.

Natürlich waren sie auch in Lissabon. Als die römischen Legionäre im zweiten Jahrhundert vor Christus, das damalige Lusitanien besetzten, machten sie die Stadt Olissipo zur Hauptstadt ihrer westlichsten Provinz. Wahrscheinlich um Julius Cäsar zu schmeicheln, nannte der Stadthalter Roms die Stadt alsbald Felicitas Julia (Glückliches Julia). Und das muss Lissabon damals auch gewesen sein, um Christi Geburt: eine glückliche, wohlhabende und lebenswerte Stadt. Heute weiß man nämlich, aus alten Schriften, dass viele römische Beamte alles dafür taten, um nach Felicitas Julia versetzt zu werden; viel lieber als nach Gallien, Britannien oder Germanien, wo die Barbaren lebten. Die Römer fühlten sich im damaligen Lusitanien nicht nur wohl, sondern auch geborgen!

Die Lissabonner Altstadt Baixa ist von weitläufigen Galerien aus jener Römerzeit untertunnelt („Galerias romanas“), die bis heute das Fundament vieler Häuser der Baixa bilden. Die unterirdischen Gewölbe kann man heute nicht mehr genau bestimmen. Es können Wände von Lagerhäuser gewesen sein, Wasserkanäle oder Wasserzisternen. Keiner weiß es heute mehr. Entdeckt wurden diese Galerien nach dem großen Erdbeben von 1755, als der Marquês de Pombal die zerstörte Innenstadt im heutigen schachbrettartigen Muster neu aufbauen ließ. Die pragmatischen Konstrukteure der damaligen Zeit nutzten die offensichtlich noch bestens erhaltenen und robusten römischen Galerien einfach zur Stabilisierung der Neubauten. So kann man heute behaupten, das die halbe Baixa auf den Ruinen römischer Bauten steht.

Nur selten haben Touristen die Möglichkeit, diese Gewölbekeller zu besichtigen. Nämlich nur einmal im Jahr, meistens im August oder im September, öffnet sich dann mitten auf der belebten Rua da Conceição ein Loch, das direkt in die Lissabonner Unterwelt führt. Im Lissabon von heute findet man leider, wie im ganzen Land, nur noch vereinzelt Spuren der römischen Vergangenheit. Außer den erwähnten Galerien in der Baixa findet man in Lissabon nur noch das alte römische Theater, direkt neben der Kathedrale Sé.

Die Galerien, dank dem Bau der Baixa, stehen heute das ganze Jahr unter Wasser (so wie in der Stadt Venedig die meisten Gebäude ihre Fundamente ebenfalls unter Wasser haben).

Da das Auspumpen der Gewölbegänge mit großem Aufwand verbunden ist, öffnet das verantwortliche Stadtmuseum (Museu da Cidade) die Galerien nur einmal im Jahr. Der Besuch erfolgt in kleinen, geführten Gruppen. So selten der Blick in die Galerien möglich ist, so riesig ist dementsprechend der Andrang an dem einzigen Wochenende an dem sie dem Publikum zugänglich sind, zumal die Führungen kostenlos sind.

Wer die Galerien besichtigen will, muss eine Menge Geduld mitbringen und die vielen mitleidigen Blicke der Passanten, die nicht verstehen können, wie man anstehen kann, „nur“ um ein paar alte Kellergewölbe zu sehen, über sich ergehen lassen.

Ich selber habe einmal 3 Stunden angestanden, für eine etwa 20-minütige Führung. Aber das Warten hat sich ohne Zweifel gelohnt. Wenn man an der Einstiegsluke steht, einem einfachen Gullideckel, der zwischen zwei Straßenbahngleisen mitten auf der Rua da Conceição liegt, die steile Steintreppe hinabstolpert, so kommt man sich vor, als ob man in eine andere Welt hinabsteigt.

Man bekommt ein Teil Lissabons zu sehen, dass nur ganz wenige Auserwählte sehen dürfen. Denn eines darf man nicht vergessen: sobald man aus der Tiefe wieder hinaufsteigt, so werden diese Kellergewölbe für wieder mindestens ein Jahr unter Wasser verschwunden sein.

Freitag, 3. Juli 2009

Von zwei legendären Raben


Das Lissabonner Stadtwappen, besteht aus einem Schiff und zwei Raben.
Wie Lissabon zu diesem Wappen kommt, erzählt eine alte Legende, die sich über jahrhunderte lang überliefert hat.
Diese Legende lautet wie folgt:

Vor langer, langer Zeit, als König Rodrigo von Valencia die Schlacht von Guadalete gegen die arabischen Mauren verlor, und diese sein Königreich besetzten, da machten sich ein paar wagemutige Christen, mit den sterblichen Überresten des Heiligen Vinzenz, einem Diakon aus Saragossa der den Märtyrertod gestorben war, auf einem alten Nachen, auf den Weg ins noch nicht besetzte Asturien, um die Gebeine des Heiligen vor den Mauren zu retten.

Sicher reisten sie über das Mittelmeer, bis zur Straße von Gibraltar. Doch ab da, als sie den Atlantik erreichten, da wurde das Meer stürmisch, dort wo die Erde mit einem Paukenschlag aus Fels ins Meer endete. Und sie waren gezwungen an Land zu gehen.
Die Christen fragten den Bootsführer, wie denn das Land heißen würde, welches sie vom Schiff aus sehen konnten, und wie denn dieses, ins Meer hinausragende Kap, genannt wurde. Der Bootsführer antwortete ihnen, dass das Land von den Mauren Algarve genannt werden würde, und dass das Kap keinen Namen hätte.

So beschlossen die Christen aus Valencia an Land zu gehen um sich vor der stürmischen, rauen See zu schützen. Am nächsten Morgen, sie wollten schon ihre Reise fortsetzen, da erblickten sie in der Ferne ein Piratenschiff. Schnell ging der Bootsführer wieder an Bord und segelte davon, nicht ohne vorher versprochen zu haben, er würde wieder kommen und sie alle wieder mitnehmen. Er wolle nur sein Nachen vor den Piraten in Sicherheit bringen, so sagte er. Natürlich kam der Bootsführer nie wieder zurück, und so blieben die Christen einsam und verlassen an diesem namenlosen und verlassenen Kap, zurück.

Mit der Zeit errichteten sie eine kleine Kapelle, um die Gebeine des Heiligen Vinzenz zu beherbergen. Um die Kapelle herum bauten sie eine kleine Ortschaft. Das Kap nannten sie nach dem Heiligen, Kap Sankt Vinzenz („Cabo São Vicente“) und dem Ort gaben sie den Namen Sagres. Über viele Jahre ließen die Mauren sie gewähren, und sie konnten sogar unbehelligt ihrem christlichen Glauben nachgehen.

Viele Jahre gingen ins Land, und eines Tages führte der portugiesische König Afonso Henriques mit seinen Rittern Krieg gegen die maurischen Kalifen. Diese waren über die christlichen Ritter so erzürnt, dass sie die kleine Ortschaft Sagres dem Erdboden gleich machten und die Christen in die Sklaverei schickten.
Nach vielen, vielen Jahren, und vielen, vielen Schlachten, bezwang Afonso Henriques endlich die maurischen Kalifen, befreite die Algarve von den arabischen Herrschern und machte sie zu seinen Gefangenen. Durch Zufall erfuhr der König dass unter seinen Gefangenen auch ein alter Mönch aus Valencia war. Der König ließ diesen zu sich kommen und schenkte ihm die Freiheit.

Voller Ehrfurcht erbat sich der Mönch von König Afonso Henriques, die Gebeine des Heiligen Vinzenz, die er bei Zeiten vor den Mauren vergraben und versteckt hatte, an einen sicheren Ort bringen zu dürfen.
Der König kam dieser Bitte nach, ließ ein Schiff kommen und segelte mit dem Mönch zu der Ruine der Kapelle um die Gebeine des Heiligen Vinzenz zu bergen. Doch während der Überfahrt verstarb der alte Mönch, bevor er sagen konnte, wo denn genau die Gebeine des Heiligen vergraben und versteckt waren.

Afonso Henriques ging also alleine zur Ruine der Kapelle, und in ihrer Nähe sah er mehrere Raben, wie sie eine bestimmte Stelle umkreisten. An dieser bestimmten Stelle ließ er seine Männer graben, und tatsächlich fanden sie die Gebeine des Heiligen.
Er ließ die Gebeine mit einem Segelschiff nach Lissabon bringen, und während der ganzen Überfahrt begleiteten zwei Raben das Schiff, so erzählt man sich.

Dieses Segelschiff, und diese zwei Raben sind bis heute das Wappen von Lissabon!

Die Gebeine des Heiligen Vinzenz ruhen heute in einem kostbaren orientalischen Perlmuttschrein in der Sakristei der Kathedrale Sé von Lissabon.
Die Ironie der Geschichte aber ist es, das ausgerechnet ein spanischer Heiliger der Schutzpatron Lissabons geworden ist.

Um ehrlich zu sein, sind die Lissabonner mit dem Heiligen Vinzenz auch nie so richtig warm geworden. Er mag zwar der Schutzpatron der Stadt sein, geliebt und verehrt, wird aber der Heilige Antonius, ein Sohn der Stadt.

Auch mit den Raben haben die Lissabonner so ihre Schwierigkeiten. Denn die Mehrzahl der Lissabonner hat in ihrem ganzen Leben noch nie einen Raben in freier Wildbahn gesehen. Aus dem einfachen Grund, weil Raben in Portugal, und schon gar nicht in Lissabon, in freiere Wildbahn vorkommen.
Will der Lissabonner einen Raben sehen, so muss er in den Zoo gehen. Dies führt dazu, das nicht nur der Heilige Vinzenz zu einer Legende wurde, sondern auch die Raben regelrecht zu „Fabeltieren“ mutierten, so wie für andere z.B. ein Einhorn.

Die Lissabonner Stadtfarben sind übrigens die Farben Schwarz und Weiß. Schwarz steht für die Farbe der Raben und weiß für die Farbe der Segel des Schiffes, welches den Sarg mit den Gebeinen des Heiligen Vinzenz nach Lissabon gebracht hat.

Ich als Lissabonner, glaube natürlich an diese Legende.
Da der Glaube, so heißt es, Berge versetzen kann, warum soll er dann auch nicht Heilige auf die Reise schicken können, in Begleitung von Raben?

Der alte grüne Doppeldeckerbus




Gestern Mittag war ich in Lissabon zu einem Bewerbungsgespräch. Und in der Altstadt Baixa wäre ich, durch fehlende Aufmerksamkeit meinerseits, beinahe von einem Sightseeingbus überfahren worden.

Diese Sightseeingbusse, die heute durch Lissabon fahren, sind alte, bunt angestrichene Doppeldeckerbusse, denen man das Dach abgenommen hat, und die früher ihren Dienst bei den Lissabonner Verkehrsbetrieben „Carris“ versehen haben. Heute, wie gesagt, fahren sie Touristen durch die Stadt.

Ich kann mich noch sehr genau an diese, damals in meiner Kindheit allerdings grünen Busse, erinnern.
In Großbritannien, von der Firma AEC-Society hergestellt, wurden die Busse, Modell Leyland, ursprünglich in zwei Farben lackiert.
Rot, wenn sie für den Londoner Markt vorhergesehen waren, und grün, wenn sie für den Lissabonner Markt bestimmt waren.

Als Kind, ich muss so um die vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, bin ich ab und zu mit ihnen gefahren. Sie gehörten zum Lissabonner Stadtbild so wie die alten Straßenbahnen („electricos“).
Die Straßenbahnen haben zum Glück bis zum heutigen Tag überlebt. Die alten, grünen Doppeldeckerbusse („autocarro de 2 pisos“) allerdings, wurden schon vor gut 40 Jahren aus dem Verkehr gezogen.

Ich bin leider nicht sehr oft mit diesen Bussen gefahren, denn mit sechs Jahren zogen ich und meine Eltern nach Deutschland, und als ich dann zehnjährig wieder nach Portugal kam, da waren sie bereits außer Dienst gestellt.
Aber ich werde niemals die unzähligen grünen, riesigen (für ein Kleinkind sieht alles riesig aus!) Leylandbusse mit den Karosserien von Weymann vergessen, wie sie am Rossio und am Restauradoresplatz standen oder die breiten Avenidas entlangfuhren.

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerung, die ich niemals vergessen werde, spielt sich in so einem alten Leylandbus ab.

Eines Tages fuhr meine Mutter Luisa, mit mir und meiner kleineren Schwester Carla, in so einem Doppeldeckerbus in die Stadt.
Ich weiß noch, dass ich immer im oberen Deck mitfahren wollte, da man ja von da oben einen besonderen Blick über die Stadt hatte.
Und um es so richtig auszukosten, fuhr ich auch wirklich immer bis zum letzten Moment auf dem oberen Deck mit, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die mit meiner Schwester auf dem Arm sich immer sputen musste, um hinten rechtzeitig auszusteigen.

An diesem Tag, als meine Mutter mit uns Kinder also in die Stadt fuhr, trödelte ich mal wieder beim Aussteigen.
Jedenfalls muss es das gewesen sein, denn das nächste an das ich mich erinnern kann, ist wie meine Mutter, mit meiner kleinen Schwester auf dem Arm, hinter dem Bus herläuft (die alten Leylandbusse hatten hinten keine Türen, sondern waren offen) und ich im fahrenden Bus ihnen hinterher schaue.
Nur Dank der anderen Fahrgäste, die den Fahrer zuriefen, er möge sofort anhalten, hielt der Bus noch einmal an, und meine Mutter konnte ihren Sohnemann wieder in ihre Arme nehmen.

Und an noch eine bestimmte Begebenheit kann ich mich erinnern, was die alten Leylandbusse angeht.
Ich weiß noch, als ob es gestern gewesen wäre, wie oft mich meine Mutter ermahnt hat, nicht in die Wohnungen der Leute rein zu schauen, wenn der Bus an einer Ampel oder Kreuzung anhielt. Sie hielt das für äußerst unhöflich!
Da das obere Deck des Busses genau mit dem ersten Stockwerk der Wohnhäuser kombinierte, konnte man den Leuten regelrecht in die Suppenteller reinschauen, wenn sie die Fenster offen hatten.
Die Aufforderungen meiner Mutter, nicht in die Wohnungen der Leute reinzuschauen, waren für mich damals total unverständlich.
Was konnten denn diese netten Menschen (manche winkten mir sogar zu) denn schon dagegen haben?

Ich mag nicht sehr oft mit ihnen gefahren sein, den alten Leylandbussen der traditionsreichen Firma AEC.
Aber ich habe oft von den wenigen Fahrten, die ich mit ihnen machen durfte, geträumt!
Das sind Kindheitserinnerungen die man nie vergisst!
Diese Erinnerungen sind noch nicht einmal 40 Jahre alt.
Aber mir kommt es vor, jetzt wo ich dieses post schreibe, als ob das alles schon 100 Jahre her ist.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Geburtsort unbekannt!


Mit dem Festprogramm „900 Jahre – 900 Stunden“ hat die Stadt Guimarães diese Woche mit den Feierlichkeiten zum 900. Geburtstag von Afonso Henriques, dem ersten König von Portugal begonnen.

Afonso Henriques wurde voraussichtlich am 15. August 1109, als Sohn Alfons I, des Grafen von Burgund (Afonso de Borgonha) und dessen Ehefrau, Dona Teresa de Castella, geboren.
Er erhielt bei seiner Geburt den Titel eines Grafen von Portucale.
Da sein Vater starb, als er erst 3 Jahre alt war, wurde er recht früh zum Ritter geschlagen.
Die Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter war seit frühester Zeit sehr gespannt, zumal seine Mutter später versuchte ihm, zugunsten ihres neuen Liebhabers, den Grafentitel von Portucale streitig zu machen.
Dies führte dazu, das Afonso Henriques 1128 gegen seine eigene Mutter revoltierte und in der Schlacht von São Mamede ihre Truppen bezwang, und sie, zusammen mit ihrem Liebhaber der Grafschaft verwies.
Der erste Akt zur Gründung der portugiesischen Nation war vollzogen.

Afonso Henriques hatte in den folgenden Jahren noch etliche Auseinandersetzungen mit seiner Mutter und seinem Onkel, dem König von Kastilien, zu überstehen.
Gleichzeitig führte er auch gegen die arabischen Mauren einen Eroberungskrieg im Namen Gottes und des Glaubens, was ihm große Sympathien bei den Kirchenfürsten einbrachte.

1139 gelang es ihm bei der Schlacht von Ourique, die Mauren aus dem Alentejo zu vertreiben. Nach der Schlacht von Ourique erklärte Afonso Henriques seine Grafschaft zu einem Königreich und er selber, ernannte sich zum König von Portugal.
Der zweite Akt zur Gründung der portugiesischen Nation war vollzogen.

Am 05. Oktober 1143 erkannten dann im Vertrag von Zamorra, die Könige von Kastillien widerwillig die portugiesische Unabhängigkeit an.
Somit war der dritte Akt zur Gründung Portugals vollzogen.

Im Jahre 1179 wurde dann die Unabhängigkeit Portugals auch von Papst Alexander III, in der Bulle Manifestis probatum anerkannt.
Mit dieser Bulle, die als die erste Unabhängigkeitserklärung Portugals gilt, war Portugal nun endgültig ein unabhängiger und freier Staat.
Der vierte und letzte Akt zur Gründung Portugals war vollzogen!

Bei seinem Regierungsantritt Bestand die portugiesische Nation allerdings nur aus dem heutigen Großraum Porto und der Provinz Minho.
Erst mit den Jahren, und nach vielen Reconquistakriegen gegen die Mauren, konnte Afonso Henriques, der den Beinamen „der Eroberer“ erhielt, seinen Regentschaftsbereich bis nach Lissabon, das er 1143 eroberte, und sogar noch weiter südlich erstrecken.

An einem kalten Dezembermorgen des Jahres 1185 verstarb Afonso Henriques, nach langen 46 Regierungsjahren, als König von Portugal, in der von ihm eroberten Stadt Coimbra.
Dort, in der Kirche von Santa Cruz wurde er nach seinem Tod beigesetzt.

Diese ganzen Heldentaten und Heldendaten von Afonso Henriques sind schriftlich überliefert und an ihnen besteht nicht der geringste geschichtlicher Zweifel.

Was man aber bis heute nicht sicher sagen kann und woran sehr wohl in letzter Zeit geschichtlich gezweifelt wird, ist in welcher Stadt Afonso Henriques das Licht der Welt erblickt hat.

Es gibt keine schriftlichen Dokumente, die 100%ig belegen können, in welcher Stadt genau der erste König von Portugal geboren wurde. Man orientiert sich nach uralten mündlichen Überlieferungen.
Über Jahrhunderte hinweg galt die Stadt Guimarães nicht nur als die Wiege der Nation („Berço da Nação“), sondern auch als Geburtsort von Afonso Henriques.
Doch seit einigen Jahren, nachdem man in einem Kloster der nordportugiesischen Stadt Viseu dubiose Urkunden entdeckt hat, die darauf hinzuweisen scheinen, das Afonso Henriques eventuell in Viseu geboren wurde, hängt bei den Historikern der Haussegen schief.

Denn die einen Historiker beharren weiterhin darauf das Afonso Henriques in Guimarães geboren worden ist.
Und die anderen Historiker wiederum, unter der Leitung des renommierten Historikers João Silva de Sousa, behaupten nun, Viseu sei die Geburtstätte des ersten portugiesischen Königs, und nicht Guimarães.

Ich habe da so meine eigene Meinung:
Wenn man über jahrhunderte lang in den Schulen beigebracht bekommen hat, das Guimarães der Geburtsort von Afonso Henriques ist, dann sollte man es vielleicht, um des Friedens willen, auch dabei belassen.
Denn ohne hieb- und stichfeste Beweise wird die ganze Sache, außer einem großen Streit, sowieso nichts bringen; und das ausgerechnet zu so einem wichtigen Jubiläum.

Um aber gleich Nägel mit Köpfen zu machen, hat dieser Woche die Stadtverwaltung von Guimarães, den goldenen Schlüssel der Stadt an ihren größten Sohn verliehen.
Da der aber nun schon seit über 800 Jahre tot ist, hat man stellvertretend für ihn, den goldenen Schlüssel an den heutigen höchsten Mann im Staate, Präsidenten Anibal Cavaco Silva weitergegeben.
So werden historische Fakten geschaffen!

Nicht das da einer aus der Stadt Viseu noch auf die Idee kommt, Afonso Henriques die Ehrenbürgerwürde zu verleihen…

Mittwoch, 1. Juli 2009

Auch ohne Don Quixote sind sie wunderschön


In keinem Land Europas, von Griechenland abgesehen, gibt es noch heute so viele in Betrieb befindliche Mühlen wie in Portugal.
Selbst im benachbarten Spanien, wo sie einmal der Dichter Cervantes in seinem Werk „Don Quixote de la Mancha“ verewigt hat, gibt es heutzutage weniger Windmühlen als bei uns in Portugal.

Egal wo man ihnen, bei einem Besuch im ländlichen Portugal auch immer begegnet, sie fallen durch ihr charakteristisches, meistens weiß-blaues Aussehen, sofort auf.

Die ersten Windmühlen (in Portugal "moinhos" genannt) werden in Berichten aus dem 13. Jahrhundert erwähnt.
Solange also, bereichern sie die Ebenen des Alentejo und der Algarve und die Hügel der Estremadura und der Beira Alta.
Aber leider, werden es jedes Jahr immer weniger.
Viele Landwirte und Müller lassen die Windmühlen verkommen, denn das Mahlen des Getreides übernehmen heutzutage Großunternehmen.

Im Normalfall bestehen Windmühlen aus einem konisch geformten Mühlenhaus auf einem runden Grundriss.
Generationen von Historikern haben sich den Kopf zerbrochen, warum damals Windmühlen ausgerechnet rund gebaut worden sind, und nicht etwa eckig.
Ob rund oder eckig, sie würden den gleichen Zweck erfüllen…

Als Mühlenflügel haben Windmühlen hölzerne Speichen, zwischen denen dreieckige Segelflächen ausgespannt werden.
Viele Mühlen erhalten kleine Tongefäße an den Speichen angebunden, die bei der Drehung im Wind, ein pfeifendes Geräusch verursachen.
Wer jemals diesen Ton vernommen hat, wird ihn niemals wieder vergessen!

Heute werden die traditionellen Windmühlen langsam aber sicher von den riesigen, modernen Windrädern abgelöst.
Wo man z.B. früher über den Hügeln bei Torres Vedras unzählige weiß-blaue Windmühlen sehen konnte, so kann man heute dutzende riesige, graue Windräder bestaunen.

In der Zwischenzeit ist es zur Mode geworden, alte Windmühlen zu restaurieren, und sie als Wohnraum umzufunktionieren. Vielleicht rettet das die Windmühlen mit der Zeit vor dem völligen verschwinden.

Zu wünschen wäre es allemal!

Der Pranger als Symbol der Gerechtigkeit






Besucht man ein altes Dorf oder eine alte Stadt in Portugal, so fallen einem, zumeist im alten Stadtzentrum, große, gerade, steinerne und meistens reich verzierte Säulen auf.

Bei diesen Säulen, die auf Portugiesisch „pelourinhos“ genannt werden, handelt es sich ursprünglich um Schandpfähle oder Prangersäulen, die seit der Gründung Portugals im 12. Jahrhundert, bis tief in das 18. Jahrhundert hinein, in zahllosen Ortschaften aufgestellt wurden.

Diese Schandpfähle dienten aber seit jeher nicht in erster Linie dazu Diebe, Betrüger oder Fälscher zu bestrafen, und an den „Pranger“ zu stellen, sondern sie waren vor allem ein Sinnbild für die jeweilige örtliche Gerichtsbarkeit, die vom König der jeweiligen Ortschaft zugesprochen wurde.
Das portugiesische Wort „pelouro“ bedeutet denn auch „öffentliches Amt“ oder „kommunale Behörde“.

So ist denn auch zu erklären, warum diese Säulen für gewöhnlich kunstvoll ausgestattet und verziert sind. Wären sie einfache Prangersäulen, dann wären sie ohne jegliche Verzierung oder Verschnörkelung versehen.
Pelourinhos stehen meist in der Nähe von Stätten weltlicher und geistlicher Macht, wie Rathäusern, Gerichtsgebäude oder auch Kirchen, und es handelt sich bei ihnen immer um Unikate!

Pelourinhos erheben sich aber nicht nur in portugiesischen Städten und Ortschaften, sondern sie sind über die ganze Welt verteilt.
Von Brasilien bis nach Südafrika, von Indien bis nach Malakka und von Macau bis nach Timor, überall existieren diese zylindrisch, bisweilen einem Obelisken ähnelnden Pranger.

Kunst für den Papierkorb






Im vorherigen post mit dem Namen „Donnerstag nachts im Campo Pequeno“ habe ich über den Spektakel berichtet, der sich jeden Donnerstagabend, und manchmal auch an Samstagen und Sonntagen, in den einzelnen Stierkampfarenen des Landes ereignen und der vielen Portugiesen als das höchste Gut ihres Brauchtums gilt.

Wie von mir beschrieben, so gibt es zwei Typen von Menschen, wenn es um den Stierkampf geht.
Nämlich der Typ, der den Stierkampf abgöttisch liebt und sich als „aficionado“ (Stierkampfliebhaber) öffentlich bekennt.
Und dann der Typ, der jegliche Form des Stierkampfes als barbarischen Akt bezeichnet und als grausame Tierquälerei abtut.

Wie ich so schön zu sagen pflege:
„Jedem das seine – mir das meiste!“
Es steht mir nicht zu die Meinung anderer zu kritisieren.
Aber ich erlaube es auch keinem, mich zu „missionieren“.

Worüber es aber keine Meinungsverschiedenheit geben sollte, sind die in ganz Portugal und Spanien berühmten „cartazes“ die extra für den Stierkampf gezeichnet und gemalt werden.
Diese „cartazes“ stellen Szenen aus dem Stierkampf, bzw. Szenen aus dem Leben der Stiere und der „toureiros“ dar.

Ein „cartaz“ ist nichts weiter als eine Info, auf dem das Datum des nächsten Stierkampfes abgedruckt ist, und die Namen der „toureiros“ und der „forcados“.
Was diese Infos allerdings so besonders macht, ist die künstlerische Art und Weise wie sie gestaltet werden. Manche von ihnen sind richtige Kunstwerke.
Ein „cartaz“ kann die Größe eines DIN-A5-Blattes haben, und wird dann in einen Briefkasten eingeworfen, aber er kann auch 10 x 30 Meter groß sein, und hängt dann an verschiednen Häuserwänden oder an der Arena selbst, um den nächsten Stierkampf anzukündigen.

Es gibt in Portugal und Spanien Zeichner, Maler und Druckereien, die sich auf diese Art der Kunst regelrecht spezialisiert haben.
Wer jemals, bei einem Besuch in Lissabon, Santarém oder Vila Franca de Xira, diese überdimensionalen „Gemälde“ gesehen hat, kommt so leicht aus dem Staunen nicht heraus.

Aber, ob ein „cartaz“ nun so groß ist wie ein Blatt Papier, die Größe eines Plakates hat, oder vielleicht doch die Größe einer ganzen Hauswand besitzt; eines haben sie alle gemeinsam:
nach dem Stierkampf enden sie alle im Papierkorb.

Donnerstags nachts im Campo Pequeno





Donnerstags nachts zwischen Ostersonntag und Ende Oktober, ist die Lissabonner Stierkampfarena im Campo Pequeno, genauso wie jede andere Stierkampfarena des Landes, ein magisches Feld; dann ist nämlich Stierkampfzeit („tempo de touradas“).
Der Stierkampf ist fester Bestandteil portugiesischen Brauchtums und Folklore.

Wie im Nachbarland Spanien, so gibt es auch hier in Portugal zwei Typen von Menschen:
die die den Stierkampf lieben, und die die ihn abgrundtief hassen.
Der Stierkampf, auf Portugiesisch „tourada“ genannt, lässt niemanden gleichgültig.
In Portugal unterscheidet sich der Stierkampf allerdings grundsächlich vom Stierkampf in Spanien; beide sind nicht mit einander zu vergleichen!

Das ist so, als wenn man Handball und Fußball miteinander vergleichen würde. Zwar wird beim Hand- und beim Fußball jeweils ein Ball zum spielen benutzt. Das Spiel selber aber unterscheidet sich grundlegend. So ungefähr kann man sich den Unterschied zwischen der portugiesischen „tourada“ und der spanischen „corrida“ vorstellen. Corrida ist überhaupt ein Begriff, der in Portugal schon einem Schimpfwort gleichkommt.

Der Hauptunterschied zwischen einer „tourada“ und einer „corrida“ ist, das der Stier in einer portugiesischen Arena niemals den Tod findet, so wie die spanischen Stiere in einer Arena auf der anderen Seite der Grenze. Eher erwischt es hier in Portugal ab und zu Mal den Stierkämpfer tödlich, den „toureiro“.

Der Kampf selbst besteht aus drei Teilen.
Zuerst beschäftigen sich die „toureiros“ zu Fuß mit dem Stier und versuchen ihn einigermaßen zu bändigen.
Dann tritt der berittene Stierkämpfer, der „cavalheiro“, auf seinem Pferd in Aktion. Hier wird nun der Stierkampf fast zu einem imaginären Ballett, in dem lusitanischer Ross und Reiter eine Einheit gegen den Stier bilden.
Und zuletzt treten die acht „forcados“ in die Arena ein. Sie springen unbewaffnet in die Arena, stellen sich in einer Reihe vor dem Stier auf und einer aus ihrer Mitte wirft sich dem Stier zwischen die Hörner und versucht sich an diesem festzuhalten. Dann stürmen die anderen auf das Tier zu und versuchen ihn mit bloßer Manneskraft sprichwörtlich „in die Knie“ zu zwingen.

Anders als in Spanien darf der Stier, wie gesagt, nach diesem Spektakel lebend die Arena verlassen.
War er ein guter Kampfstier, und hat er für ein Spektakel ohnegleichen gesorgt, dann wird ihm die Freiheit geschenkt und er darf sein Lebensabend als Zuchtstier auf der Weide verbringen. War er aber ein mittelmäßiger oder gar schlechter Stier, dann kommt er direkt ins Schlachthaus. So ist nun einmal das Leben eines Nutztieres!

In den letzten Jahren finden sich vor einigen Stierkampfarenen des Landes immer wieder öfters, so genannte Tierschützer, die lautstark gegen den Stierkampf protestieren. Meistens handelt es sich bei diesen Demonstranten um deutsche Staatsbürger.

Nun, ich persönlich habe nichts gegen diese Demonstranten, solange sie friedlich bleiben, und nicht wie vor einigen Wochen, wehrlose Besucher einer „tourada“ mit Tierblut bespritzen und beschmutzen.
Aber als Portugiese, der 30 Jahre lang in Deutschland gelebt hat, und dem es nie im Traum eingefallen wäre, vor einer Hühnerfarm zu demonstrieren, würde ich diese Demonstranten schon gerne einmal fragen, ob sie in Deutschland nicht genug Tiere zum Retten haben, das sie sich ausgerechnet eine Tierart zum schützen aussuchen müssen, die dieses Schutzes überhaupt nicht bedarf.

Denn ohne den Stierkampf, wären die Stiere und auch die lusitanischen Pferde, die alleine nur für den Stierkampf gezüchtet werden, schon längst ausgestorben!
Außerdem, wer sich ein wenig mit dem Stierkampf auseinander setzt, wird erfahren, dass man nicht umsonst bei diesen Tieren von „wilden Stieren“ spricht. Das heißt, im Gegensatz zu den Rindern die in Deutschland in dunklen und stickigen Ställen geboren werden um dann acht Monate gemästet zu werden, um danach beim Schlachter zu Enden, ohne jemals eine grüne Wiese betreten zu haben, werden portugiesische Kampfstiere wild auf einer Weide geboren und leben dann für die nächsten fünf oder sechs Jahre ihres Lebens wild und in völliger Freiheit.
Und wer sich die Menschen, die mit dem Stierkampf zu tun haben, anschaut und ihnen genau zuhört, der wird feststellen dass es kaum größere Tierliebhaber und Tierschützer gibt, als diese selbst.

Ich selber bin ein großer „aficionado“, so nennt man hier in Portugal, die Menschen die dem Stierkampf nachfrönen, und ich bin stolz darauf.
Ich werde mir niemals diese Liebhaberei, die eine 1000 Jahre alte Kunst und Folklore meines Volkes ist, durch ein paar deutsche Pseudodemonstranten nehmen lassen.