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Freitag, 24. Juli 2015

Eine historische Nacht im Campo Pequeno


Wer ein Freund des portugiesischen Stierkampes (port.: tourada portuguêsa) ist und gestern die Gelegenheit hatte in der restlos ausverkauften Lissabonner Stierkamparena Campo Pequeno anwesend zu sein, der wurde Zeuge eines wahrlich stierkämpferischen Ereignisses.

Die Amateurgruppe der „forcados“ der Stadt Santarém – „forcados“ sind die jungen Männer die beim portugiesischen Stierkampf völlig Waffenlos den Stier bei der so genannten „pega“ sprichwörtlich bei den Hörnern packen – machten gestern Geschichte, als sie eine einzigartige Meisterleistung vollbrachten.
Nicht das jede „pega“ an sich eine Meisterleistung wäre, aber die gestrige war doch etwas Besonderes.
So besonders, das die hiesige Presse schon von der „pega des Jahrhunderts“ spricht!
(bitte das angehängte Video anschauen!)

Die achtköpfige Gruppe „forcados“ – allen voran der 22 jährige António Gois – begeisterte das Publikum dermaßen, das sie am Schluss die Ehre erhielten, als erste „forcados“ eine portugiesische Arena durch das große Eingangstor zu verlassen; eine Ehre die bis dato eigentlich nur den Stierkämpfern (port.: toureiros) und den Reitern (port.: cavaleiros) zustand.

Anbei die Aufnahme der gestrigen spektakulären „pega“ von António Gois:


Sonntag, 2. September 2012

Von einem radikalen Tierschützer und Partycrasher



Wer am vergangenen Donnerstagabend, dem 30. August 2012, die Lissabonner Stierkampfarena im Campo Pequeno besucht hat, hat mit ansehen müssen, wie der junge „forcado“ Nuno Carvalho einen schweren Unfall erlitt.

Der 26jährige Nuno Carvalho, der zu der amateuren Forcadogruppe Aposento da Moita (port.: Grupo de forcados amadores do Aposento da Moita) aus dem Ribatejo gehört und von seinen Kollegen liebevoll „Mata“ genannt wird, hatte bei der Ausübung der fünften „pega“ des Abends äußerstes Pech.

Wie bei jeder „pega“ üblich, hatte sich Carvalho mit sieben seiner Kollegen in einer Reihe gegenüber dem Stier gestellt und ihn auf sich zurasen lassen, um diesen dann sprichwörtlich „bei den Hörnern zu packen“.
Leider hat er den Stier nicht richtig nehmen können und so stürzte er daraufhin so unglücklich zu Boden, dass der über 500 kg schwere Stier ihn mit einem seiner Hufe schwer am Rücken traf.

Sofort wurde Nuno Carvalho ins Lissabonner Krankenhaus Santa Maria (port.: Hospital de Santa Maria) gebracht, wo er noch in der gleichen Nacht, neun Stunden lang, an der Wirbelsäule operiert wurde.
Wie gestern Freunde von Carvalho berichteten und die Ärzte des Krankenhauses Santa Maria leider heute auch bestätigten, gibt es nur noch wenig Hoffnung, das Nuno Carvalho jemals wieder selbstständig laufen wird.

Weshalb ich dies alles erzähle?

Nun gestern war ich auf einem Geburtstag.
Es waren sowohl Portugiesen als auch Deutsche zu diesem Geburtstag eingeladen und irgendwie kamen wir während des späten Nachmittags auf den Vorfall im Campo Pequeno zu sprechen.
Fast jeder, sowohl „aficionados“ (dt.: Stierkampfliebhaber) als auch Stierkampfgegner, hat seine Meinung zu diesem tragischen Vorfall geäußert, ohne verletzend zu sein oder überheblich zu wirken.

Aber da es heutzutage anscheinend auf jeder Feier einen Spielverderber geben muss, ich glaube die Jugend nennt so etwas „Partycrasher“, wurde auch die gestrige Geburtstagsfeier leider von solch einem Individuum heimgesucht.

Ein Freund eines Freundes, der aus Deutschland hier in Portugal zu Besuch ist und mehr zufällig als beabsichtigt auf die gestrige Geburtstagsfeier mitgenommen wurde, outete sich als „radikaler Tierschützer“.
Das waren wirklich seine Worte:
„Ich bin ein radikaler Tierschützer!“

Nun, jedem das seine, aber anscheinend war der junge Mann nicht nur ein „radikaler Tierschützer“ sondern gleichzeitig auch ein „radikaler Weltverbesserer“ und ein „radikaler Moralist“.
Denn er war doch tatsächlich der Meinung, dass wir Portugiesen (er sprach doch tatsächlich von „ihr Portugiesen“!) blutrünstige, grausame, primitive und perverse Tiermörder seien.
Er meinte noch, es geschehe dem jungen Nuno Carvalho recht, das er jetzt wahrscheinlich ein Leben lang Querschnittsgelähmt bleiben werde, und er würde diesen jungen Mann kein bisschen bemitleiden.

Nun, alleine schon des Geburtstagskindes wegen, haben wir, die anderen Gäste, uns zurückgehalten und sind nicht weiter auf das Thema eingegangen.
Schließlich wurde uns allen – sowohl Deutschen als auch Portugiesen, die wir hier in diesem kulturlosen Land leben – eine gute Kinderstube mit auf dem Weg gegeben und dazu auch noch die Gabe des fremdschämens…

Ich habe dann am Abend, bevor ich gegangen bin, dem „radikalen Tierschützer“ noch meine Blogadresse http://www.planetportugal.blogspot.com/ mit auf dem Weg gegeben, und ihm gesagt er solle unbedingt einmal reinschauen, denn ich versprach ihm, ich würde den gestrigen Abend sicherlich bei Gelegenheit Revue passieren lassen und ihn dann bestimmt erwähnen.

Und da ich immer das zu halten pflege was ich verspreche, habe ich also nun hier, in diesem Beitrag, über den gestrigen Vorfall erzählt.

Aber eines wollte ich Dir hier noch einmal gesagt haben, lieber „radikaler Tierschützer“:

Wir mögen zwar hier am Rande Europas leben, und wir mögen in Deinen Augen nicht gerade die höchste Kultur besitzen, dennoch wissen wir sehr wohl was sich gehört.
Bei fremden Leuten zum Geburtstag eingeladen zu sein, sich dort den Magen mit leckeren Schweine- und Rindersteaks bis zum geht nicht mehr voll zu stopfen, die Geburtstagsgäste und das Geburtstagskind zu beleidigen und dann über einen Querschnittsgelähmten auf die übelste Art und Weise abzulästern, gehört sich einfach nicht.
Du behauptest wir, die wir „aficionados“ sind, wären pervers, grausam und primitiv.
Im Grunde genommen bist Du gestern Abend der Perverse, Grausame und Primitive gewesen!

Unbekannterweise wünsche ich dem forcado Nuno Carvalho für die nächste Zukunft viel Mut, Kraft und Selbstvertrauen.
Er wird es brauchen.

Die allerbesten Genesungswünsche! Boa sorte para o futuro e muita saúde Nuno!

Donnerstag, 13. August 2009

Von Feiglingen, Heulsusen und einer Massenprügelei


Wer mich kennt, weiß dass ich ein Liebhaber der portugiesischen „tourada“ (Stierkampf) bin.
Solche Liebhaber der „tauromaquia“ (Sztierkampfkunst) , wie ich einer bin, nennt man hier in Portugal „aficionado“ (Liebhaber des Stierkampfes).

So wie andere gerne an den Wochenenden Fußballligaspiele im Fernsehen sehen, so schaue ich mir gerne die wöchentlichen Übertragungen aus den einzelnen „Praça de touros“ (Stierkampfarenen) des Landes an.

Gestern wurde aus der Stierkampfarena in Alcochete der Stierkampf übertragen, der alljährlich zu den Feierlichkeiten der "Festas do Barrete Verde e das Salinas", des Stadtfestes, stattfindet.
Es war ein schöner Stierkampfabend, und auch die „pegas“ (bei einer pega packt eine Gruppe junger Männer, „forcados“ genannt, sprichwörtlich den Stier bei den Hörnern) waren sehr schön anzusehen.
Wer jemals einen portugiesischen Stierkampf gesehen hat, und somit auch eine pega, wird diesen imposanten „Kampf“ zwischen Mensch und Tier niemals vergessen (bitte lesen sie hierzu auch mein post „Donnerstag nachts im Campo Pequeno“ vom 01.07.2009).

Aber wie beim Fußball, so unterscheidet sich auch beim Stierkampf, jede einzelne Begegnung.
Keine gleicht der anderen an Emotionen, Verlauf, Ergebnis und Spannung.
Und der Stierkampfabend in Alcochete ist natürlich keine Ausnahme gewesen.

Denn während die „toureiros“ (Stierkämpfer) im sportlichen Kampf mit den „touros“ (Stieren) ihre Kunstfertigkeit zeigten, spielten sich auf einigen Sitzplätzen weniger kunstfertige Kämpfe ab.
Die ganze Fernsehnation konnte mit ansehen, wie sich 80 bis 100 Zuschauer mit den „forcados“ und ihren Anhängern prügelten.

Erst im laufe des Fernsehabends wurde berichtet wie es zu dieser Massenprügelei gekommen war.
Nun, nachdem die forcados von Alcochete zwei der sechs pegas regelrecht in den Sand gesetzt hatten, fingen einige Zuschauer von auswärts an, die forcados mit Schimpfwörtern zu titulieren, unter anderem mit dem weniger schönen Wort „maricas“.
„Maricas“ ist das portugiesische Wort für Feigling oder Heulsuse, kann aber auch für Schwul stehen.

Und wer nun in der Stierkampfarena von Alcochete, den forcados von Alcochete zuruft, sie wären „maricas“, der muss wirklich sehr mutig sein oder doch etwas lebensmüde, und er muss natürlich dann auch damit rechnen, windelweich geprügelt und geschlagen zu werden, was dann ja auch einigen Zuschauern passiert ist.

Zuerst dachte ich, als ich die Keilerei sah, ich hätte aus Versehen zum Sonderparteitag der Sozialisten rübergeschaltet.
Aber dann sah ich doch wieder einmal bestätigt, dass der eigentliche Stierkampf nicht immer im Rund stattfindet.

Als am Schluss des Stierkampfes, wie immer die Nationalhymne gespielt wurde, lagen sich alle, wie es sich gehört, wieder in den Armen.

So viel Patriotismus muss dann doch schon sein!

Mittwoch, 1. Juli 2009

Kunst für den Papierkorb






Im vorherigen post mit dem Namen „Donnerstag nachts im Campo Pequeno“ habe ich über den Spektakel berichtet, der sich jeden Donnerstagabend, und manchmal auch an Samstagen und Sonntagen, in den einzelnen Stierkampfarenen des Landes ereignen und der vielen Portugiesen als das höchste Gut ihres Brauchtums gilt.

Wie von mir beschrieben, so gibt es zwei Typen von Menschen, wenn es um den Stierkampf geht.
Nämlich der Typ, der den Stierkampf abgöttisch liebt und sich als „aficionado“ (Stierkampfliebhaber) öffentlich bekennt.
Und dann der Typ, der jegliche Form des Stierkampfes als barbarischen Akt bezeichnet und als grausame Tierquälerei abtut.

Wie ich so schön zu sagen pflege:
„Jedem das seine – mir das meiste!“
Es steht mir nicht zu die Meinung anderer zu kritisieren.
Aber ich erlaube es auch keinem, mich zu „missionieren“.

Worüber es aber keine Meinungsverschiedenheit geben sollte, sind die in ganz Portugal und Spanien berühmten „cartazes“ die extra für den Stierkampf gezeichnet und gemalt werden.
Diese „cartazes“ stellen Szenen aus dem Stierkampf, bzw. Szenen aus dem Leben der Stiere und der „toureiros“ dar.

Ein „cartaz“ ist nichts weiter als eine Info, auf dem das Datum des nächsten Stierkampfes abgedruckt ist, und die Namen der „toureiros“ und der „forcados“.
Was diese Infos allerdings so besonders macht, ist die künstlerische Art und Weise wie sie gestaltet werden. Manche von ihnen sind richtige Kunstwerke.
Ein „cartaz“ kann die Größe eines DIN-A5-Blattes haben, und wird dann in einen Briefkasten eingeworfen, aber er kann auch 10 x 30 Meter groß sein, und hängt dann an verschiednen Häuserwänden oder an der Arena selbst, um den nächsten Stierkampf anzukündigen.

Es gibt in Portugal und Spanien Zeichner, Maler und Druckereien, die sich auf diese Art der Kunst regelrecht spezialisiert haben.
Wer jemals, bei einem Besuch in Lissabon, Santarém oder Vila Franca de Xira, diese überdimensionalen „Gemälde“ gesehen hat, kommt so leicht aus dem Staunen nicht heraus.

Aber, ob ein „cartaz“ nun so groß ist wie ein Blatt Papier, die Größe eines Plakates hat, oder vielleicht doch die Größe einer ganzen Hauswand besitzt; eines haben sie alle gemeinsam:
nach dem Stierkampf enden sie alle im Papierkorb.

Donnerstags nachts im Campo Pequeno





Donnerstags nachts zwischen Ostersonntag und Ende Oktober, ist die Lissabonner Stierkampfarena im Campo Pequeno, genauso wie jede andere Stierkampfarena des Landes, ein magisches Feld; dann ist nämlich Stierkampfzeit („tempo de touradas“).
Der Stierkampf ist fester Bestandteil portugiesischen Brauchtums und Folklore.

Wie im Nachbarland Spanien, so gibt es auch hier in Portugal zwei Typen von Menschen:
die die den Stierkampf lieben, und die die ihn abgrundtief hassen.
Der Stierkampf, auf Portugiesisch „tourada“ genannt, lässt niemanden gleichgültig.
In Portugal unterscheidet sich der Stierkampf allerdings grundsächlich vom Stierkampf in Spanien; beide sind nicht mit einander zu vergleichen!

Das ist so, als wenn man Handball und Fußball miteinander vergleichen würde. Zwar wird beim Hand- und beim Fußball jeweils ein Ball zum spielen benutzt. Das Spiel selber aber unterscheidet sich grundlegend. So ungefähr kann man sich den Unterschied zwischen der portugiesischen „tourada“ und der spanischen „corrida“ vorstellen. Corrida ist überhaupt ein Begriff, der in Portugal schon einem Schimpfwort gleichkommt.

Der Hauptunterschied zwischen einer „tourada“ und einer „corrida“ ist, das der Stier in einer portugiesischen Arena niemals den Tod findet, so wie die spanischen Stiere in einer Arena auf der anderen Seite der Grenze. Eher erwischt es hier in Portugal ab und zu Mal den Stierkämpfer tödlich, den „toureiro“.

Der Kampf selbst besteht aus drei Teilen.
Zuerst beschäftigen sich die „toureiros“ zu Fuß mit dem Stier und versuchen ihn einigermaßen zu bändigen.
Dann tritt der berittene Stierkämpfer, der „cavalheiro“, auf seinem Pferd in Aktion. Hier wird nun der Stierkampf fast zu einem imaginären Ballett, in dem lusitanischer Ross und Reiter eine Einheit gegen den Stier bilden.
Und zuletzt treten die acht „forcados“ in die Arena ein. Sie springen unbewaffnet in die Arena, stellen sich in einer Reihe vor dem Stier auf und einer aus ihrer Mitte wirft sich dem Stier zwischen die Hörner und versucht sich an diesem festzuhalten. Dann stürmen die anderen auf das Tier zu und versuchen ihn mit bloßer Manneskraft sprichwörtlich „in die Knie“ zu zwingen.

Anders als in Spanien darf der Stier, wie gesagt, nach diesem Spektakel lebend die Arena verlassen.
War er ein guter Kampfstier, und hat er für ein Spektakel ohnegleichen gesorgt, dann wird ihm die Freiheit geschenkt und er darf sein Lebensabend als Zuchtstier auf der Weide verbringen. War er aber ein mittelmäßiger oder gar schlechter Stier, dann kommt er direkt ins Schlachthaus. So ist nun einmal das Leben eines Nutztieres!

In den letzten Jahren finden sich vor einigen Stierkampfarenen des Landes immer wieder öfters, so genannte Tierschützer, die lautstark gegen den Stierkampf protestieren. Meistens handelt es sich bei diesen Demonstranten um deutsche Staatsbürger.

Nun, ich persönlich habe nichts gegen diese Demonstranten, solange sie friedlich bleiben, und nicht wie vor einigen Wochen, wehrlose Besucher einer „tourada“ mit Tierblut bespritzen und beschmutzen.
Aber als Portugiese, der 30 Jahre lang in Deutschland gelebt hat, und dem es nie im Traum eingefallen wäre, vor einer Hühnerfarm zu demonstrieren, würde ich diese Demonstranten schon gerne einmal fragen, ob sie in Deutschland nicht genug Tiere zum Retten haben, das sie sich ausgerechnet eine Tierart zum schützen aussuchen müssen, die dieses Schutzes überhaupt nicht bedarf.

Denn ohne den Stierkampf, wären die Stiere und auch die lusitanischen Pferde, die alleine nur für den Stierkampf gezüchtet werden, schon längst ausgestorben!
Außerdem, wer sich ein wenig mit dem Stierkampf auseinander setzt, wird erfahren, dass man nicht umsonst bei diesen Tieren von „wilden Stieren“ spricht. Das heißt, im Gegensatz zu den Rindern die in Deutschland in dunklen und stickigen Ställen geboren werden um dann acht Monate gemästet zu werden, um danach beim Schlachter zu Enden, ohne jemals eine grüne Wiese betreten zu haben, werden portugiesische Kampfstiere wild auf einer Weide geboren und leben dann für die nächsten fünf oder sechs Jahre ihres Lebens wild und in völliger Freiheit.
Und wer sich die Menschen, die mit dem Stierkampf zu tun haben, anschaut und ihnen genau zuhört, der wird feststellen dass es kaum größere Tierliebhaber und Tierschützer gibt, als diese selbst.

Ich selber bin ein großer „aficionado“, so nennt man hier in Portugal, die Menschen die dem Stierkampf nachfrönen, und ich bin stolz darauf.
Ich werde mir niemals diese Liebhaberei, die eine 1000 Jahre alte Kunst und Folklore meines Volkes ist, durch ein paar deutsche Pseudodemonstranten nehmen lassen.