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Samstag, 1. Juni 2013

Dia da Criança



„Mais vale ser criança, que querer compreender o mundo”

„Lieber ein Kind sein wollen, als die Welt zu verstehen”

(Fernando Pessoa)

Heute, am 01. Juni, wurde hier in Portugal, wie in vielen anderen Ländern der Welt, der Kindertag (port.: Dia da Criança / engl.: Children´s Day) mit einer Menge Spiel, Sport, Spaß und vielen kinderfreundlichen Aktionen gefeiert.
In Deutschland wird dieser, den Kindern gewidmeter Tag, immer am 20. September eines jeden Jahres begangen.
Aber egal an welchem Tag man auch immer den Kindertag zelebriert, wichtig ist, das man sich immer an die Kinder, ihre Rechte und ihr Wohlbefinden erinnert – an jedem Tag des Jahres!

Der Kindertag geht auf die „Weltkonferenz zum Wohlergehen der Kinder“ (port.: „Conferência Mundial para o bem-estar da criança“) zurück, die im August des Jahres 1925 im schweizerischen Genf stattfand, und auf der damals die „Genfer Erklärung zum Schutze der Kinder“ (port.: „Declaração de Genebra sobre a Proteção das Crianças) von über 50 Nationen verabschiedet wurde.

1954 beauftragten die nach dem II. Weltkrieg gegründeten Vereinten Nationen (port.: Organização das Nações Unidas) auf einer Generalvollversammlung ihre Kinderhilfsorganisation UNICEF damit, dafür zu sorgen, das jedes Mitglied der UNO ein Weltkindertag (port.: Dia Mundial da Criança) ins Leben rief, der national immer an unterschiedlichen Tagen gefeiert werden durfte, aber immer auf die weltweite Kinderrechte aufmerksam machen sollte!

So entstand der Kindertag in Portugal, der jedes Jahr am 01. Juni gefeiert wird, und daran erinnern soll, dass Kinder ein unumstößliches Recht auf Spiel, Freizeit, Gesundheit, Schule und elterliche Fürsorge und Liebe haben!

Montag, 28. Mai 2012

Die multiplen Persönlichkeiten des Fernando Pessoa





Vor Tagen veröffentlichte ich hier in meinem Blog eine kleine Biographie über den portugiesischen Schriftsteller Fernando Pessoa (Eintrag „Fernando Pessoa“ vom 23. Mai 2012).
In dem Text erwähne ich die Tatsache, dass Pessoa in seinem schriftstellerischen Leben an die 76 Heteronymen erschaffen hat.
Eine genaue Anzahl seiner Heteronymen ist auch heute nicht möglich, da nach Pessoas Tod immer wieder Figuren auftauchten und immer noch auftauchen, von denen man annahm, sie wären eigenständige literarische Persönlichkeiten gewesen, die sich aber dann im Nachhinein als Heteronymen von Pessoa entpuppen.

Ein literarisches Heteronym ist vergleichbar mit einem Pseudonym.
Doch während ein Schriftsteller bei einem Pseudonym seine Werke lediglich unter einem andren Namen schreibt, erschafft er sich mit einem Heteronymen immer eine eigene schriftstellerische Persönlichkeit.
Das heißt, dieser Schriftsteller gibt dieser erfundenen Persönlichkeit nicht nur einen eigenen Namen, sondern erschafft diesem auch einen eigenen Geburtstag und Geburtsort, einen eigenen privaten und beruflichen Lebenslauf, eine eigene Familie, einen eignen schriftstellerischen Werdegang und sogar einen eigenen Schreibstil, der oftmals so gar nicht seinem eigenen entspricht.

Fernando Pessoa war ein wahrer Weltmeister, was die Erschaffung von Heteronymen anging.
Seine berühmtesten schriftstellerischen Persönlichkeiten waren Alberto Caeiro, Álvaro de Campos und Ricardo Reis.
Aber er war auch der Schöpfer nicht so bekannter Schriftsteller und Dichter, wie etwa Dr. Caloiro, Joaquim Moura Costa und Bernardo Soares.

Heute würde man sagen, Fernando Pessoa litt zu Lebzeiten unter gespaltenen Persönlichkeiten – und das immerhin mindestens 76 Mal!

Hier nun eine Auflistung der bis heute bekannten Heteronymen die Fernando Pessoa erschaffen hat:


1. Chevalier de Pas – Er war Pessoas erste erfundene Persönlichkeit. Er erfand ihn 1894 im zarten Alter von nur sechs Jahren. Der Chevalier de Pas begleitete Pessoa bis an sein Lebensende

2. Alberto Caeiro – Mit vollem Namen nannte ihn Pessoa „Alberto Caeiro da Silva“. Er ließ ihn am 16. April 1889 in Lissabon auf die Welt kommen. Alberto Caeiro ist blond und blauäugig und besitzt nur eine einfache vierjährige Grundschulausbildung. Trotzdem ist er mit viel Bauernschläue gesegnet. Er ist der Autor von Werken wie „O Guardador de Rebanhos“ und „O Pastor Amoroso“ sowie „Os Poemas Inconjuntos“. Fernando Pessoa ließ ihn im Juni 1915, mit nur 26 Jahren, an Tuberkulose sterben

3. Álvaro de Campos – Er ist ein Prosaschreiber aus der Algarve, den Pessoa im Jahre 1890 in der Stadt Tavira auf die Welt kommen lässt. Als junger Mann zieht er nach Glasgow, in Schottland, um dort Schiffsbauingenieurswesen zu studieren. Nach seinem Studium zieht er nach Lissabon und fängt hier an zu schreiben. Er ist ein Neurotiker und Angsthase, der sich überall fremd fühlt

4. Ricardo Reis – Pessoa lässt Ricardo Reis am 19. September 1887 in Porto auf die Welt kommen. Ricardo Reis studiert Medizin und praktiziert zu erst auch als Arzt, bis er eines Tages beschließt zu schreiben. Er hat einen humanistischen Hintergrund, bringt sich selbst die alt-griechische Sprache bei und ab 1919 lebt er im brasilianischen Exil, wo er als Königstreuer vor den portugiesischen Republikanern geflohen ist. Er ist Verfasser verschiedener Oden und Neoklassiker

5. A. Francisco de Paula Angard – Ein Mitarbeiter der von Fernando Pessoa gegründeten Zeitung „O Palrador“ und Autor verschiedener wissenschaftlicher Texte

6. Urban Accursio – Ein Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“

7. Adolph Moscow – Ein Mitarbeiter der von Fernando Pessoa gegründeten Zeitung „O Palrador“, der in dieser als Romancier tätig ist und als der Autor von „Os Rapazes de Barrowby“ benannt wird

8. Dr. Pancracio – Ein Mitarbeiter der von Fernando Pessoa gegründeten Zeitung „O Palrador“ der in dieser als Journalist, Chronist und Dichter beschäftigt ist

9. Luís António Congo – Ein Mitarbeiter der von Fernando Pessoa gegründeten Zeitung „O Palrador“ der in dieser als Chronist beschäftigt ist

10. Eduardo Lança – Ein brasilianischer Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“

11. Pedro da Silva Salles alias Pad Zé – Redakteur der Zeitung „O Palrador“ und zuständig für die Witzabteilung der Zeitung

12. José Rodrigues do Valle, alias Scicio – Literarischer Direktor der Zeitung „O Palrador“

13. António Augusto Rey da Silva – Verwalter der Zeitung “O Palrador”

14. Pip – Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“ und Autor verschiedener humoristischer Geschichten

15. Dr. Caloiro – Journalist und Reporter der Zeitung „O Palrador“ und Autor des Werkes „A Pesca das Pérolas“

16. Morris – Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“

17. Theodor – Mitarbeiter der von Fernando Pessoa gegründeten Zeitung „O Palrador“

18. Diabo Azul (Blauer Teufel) – Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“

19. Parry – Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“

20. Gallião Pequeno – Mitarbeiter der von Fernando Pessoa gegründeten Zeitung „O Palrador“

21. Cecília – Mitarbeiterin der Zeitung „O Palrador“

22. José Rasteiro – Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“ und hier als Autor verschiedener Rätsel und zahlreicher Sprichwörter benannt

23. Marvell Kisch – Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“ und Autor des Romans „A Riqueza de um Doido“

24. Gabriel Keene – Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“ und Autor des Romans „Em Dias de Perigo“

25. Sableton-Kay – Mitarbeiter der Zeitung „O Palrador“ und Autor des Romans „A Lucta Aerea“

26. Dr. Gaudêncio Nabos – Mitarbeiter der von Fernando Pessoa gegründeten Zeitung „O Palrador“. Dieser luso-englische Humorist ist bei der Zeitung als Journalist tätig

27. Nympha Negra – Mitarbeiter und Rätselschreiber bei der Zeitung „O Palrador“

28. Professor Trochee – Autor humoristischer Werke

29. Claude Pasteur – Franzose, Übersetzer von „Cadernos de Reconstrução Pagã“

30. Tagus – Mitarbeiter beim „Natal Mercury“ im südafrikanischen Durban

31. David Merrick – Dichter, Erzähler und Dramaturg

32. Lucas Merrick – Kurzgeschichtenschreiber und Bruder von David Merrick

33. Willyam Links Esk – Verfasser eines, mit Absicht, schlecht geschriebenen Briefes in englischer Sprache, das mit dem 13. April 1905 datiert ist

34. Charles Robert Anon – Dichter, Philosoph und Erzähler

35. Alexander Search – englischer Dichter und Kurzgeschichtenschreiber

36. Charles James Search – Bruder von Alexander Search, Übersetzer und Essayist

37. Herr Prosit – deutscher Übersetzer des Werkes „O Estudante de Salamanca“

38. Jean Seul de Méluret – französischer Dichter und Essayist

39. Pantaleão – Poet und Prosaschreiber

40. Torquato Mendes Fonseca da Cunha Rey – Autor verschiedener Texte

41. Pipa Gomes – Angestellter im Verlag von Fernando Pessoa, Ibis, und Autor verschiedener politischer Texte für die von Fernando Pessoa gegründeten Zeitung „O Phosphoro“

42. Joaquim Moura Costa – satirischer Poet, militanter Republikaner, Mitarbeiter bei der von Fernando Pessoa gegründeten Zeitung „O Phosphoro“

43. Faustino Antunes alias A. Moreira – Psychologe und Autor des Werkes „Ensaio sobre a Intuição“

44. António Gomes – Philosoph, der an der „Univeristät der Unnützen“ studiert hat und Autor des Werkes „Historia Cómica do Sapateiro Affonso“ ist

45. Vicente Guedes – Übersetzer, Poet, Erzähler, Tagebuchschreiber und angeblicher Mitarbeiter in Fernando Pessoas Verlag Ibis. Bruder von Gervásio Guedes

46. Gervásio Guedes – Bruder von Vicente Guedes und Autor des Textes „A Coroação de Jorge Quinto“

47. Carlos Otto – Poet und Autor des Werkes „Tratado de Lucta Livre“

48. Miguel Otto – Bruder von Carlos Otto der das Werk seines angeblichen Bruders „Tratado de Lucta Livre“ ins englische übersetzt

49. Frederick Wyatt – Poet und Prosaschreiber der nur in der englischen Sprache geschrieben hat

50. Reverend Walter Wyatt – englischer Geistlicher und angeblicher Bruder von Frederick und Alfred Wyatt

51. Alfred Wyatt – Engländer der in Paris lebt, ein angeblicher Bruder von Frederick und Walter Wyatt

52. Bernardo Soares – Poet und Prosaschreiber

53. António Mora – Philosoph und Soziologe. Er ist ein Zögling von Alberto Caeiro

54. Sher Henay – Sammler und Schreiber verschiedener Vorworte in englischer Sprache

55. Frederico Reis – Essayist und Bruder von Ricardo Reis

56. Barão de Teive (Baron von Teive) – Ein brasilianischer Prosadichter und Autor von „Educação do Stoico“ und „Daphnis e Chloe“, den Pessoa Selbstmord begehen lässt

57. Maria José – Autorin des Werkes „A Carta da Corcunda para o Serralheiro“

58. Abílio Quaresma – Autor von Krimis und Polizeikurzgeschichten

59. Inspektor Guedes – Autor von verschiedenen Detektivgeschichten

60. Uncle Pork – Dieser Charakter ist Autor verschiedener Detektivkurzgeschichten

61. Pero Botelho – Chronist und Autor verschiedener Briefe

62. Efbeedee Pasha – Autor von humoristischen Geschichten

63. Thomas Crosse – Engländer voller Geheimnisse und Liebhaber der portugiesischen Kultur

64. I.I. Crosse – Unterstützer seines Bruders Thomas Crosse und ebenfalls Liebhaber der portugiesischen Kultur

65. A.A. Crosse – Rätselliebhaber und –schreiber

66. Rafael Baldaya – Ein langbärtiger Astrologe, der als Autor der Werke „Tratado da Negação“ und „Princípios de Metaphysica Esotérica“ benannt wird

67. Horace James Faber – Kurzgeschichtenschreiber und Essayist der nur in englisch schrieb

68. Navas – Übersetzer der Kurzgeschichten von Horace James Faber

69. António de Seabra – Literaturkritiker der Kritiken in verschiedenen Zeitungen veröffentlichte

70. João Craveiro – Journalist

71. Dinis da Silva – Autor des Werkes „Loucura“

72. Dr. Pancrazio – Geschichtenerzähler

73. Henry More – englischer Autor und Prosadichter

74. Wardour – Dichter

75. J. M. Hyslop – Dichter

76. Sebastian Knight - Dieser Charakter wurde von Fernando Pessoa erfunden, aber nie literarisch verwendet

Mittwoch, 23. Mai 2012

Fernando Pessoa



In meinem hier erschienenen Blogeintrag „Ach, wenn ich doch nur könnte…“, vom 19. Mai 2012, erwähne ich die Versteigerung des Mahagonischreibtisches und der Royal-Schreibmaschine des Schriftstellers Fernando Pessoa, die sich am gestrigen Dienstag im Auktionshaus World Legend, hier in Lissabon, ereignet hat.
Heute bin ich von meinem Arbeitskollegen Filipe Zavarsky gefragt worden, wer denn Fernando Pessoa sei.

Nun, der bedeutende Lyriker und Sprachvirtuose Fernando Pessoa, der mit vollem Namen Fernando Antonio Nogueira Pessoa hieß, wurde am Nachmittag des 13. Juni 1888, einem Antoniustag in Lissabon, im vierten Stock des Hauses mit der Hausnummer 4 im Largo de São Carlos, genau gegenüber des Opernhauses Teatro de São Carlos, geboren.
Sein Vater, Joaquim de Seabra Pessoa, war Beamter im Justizministerium und nebenbei Musikkritiker bei der Tageszeitung "Diário de Noticias". Seine Mutter war die aus der Azoreninsel Terceira stammende Maria Magdalena Pinheiro Nogueira Pessoa.

Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er sehr glücklich im Kreise seiner Eltern, seiner Großmutter väterlicherseits Dionísia und den zwei älteren Hausangestellten Joana und Emilia.
Doch diese glückliche Kindheit wurde jäh unterbrochen, als er nämlich im Alter von nur fünf Jahren seinen Vater verlor, der am 24. Juli 1893 an der Schwindsucht starb.
Nach dem Tod des Vaters geriet die kleine Familie in sehr schwierige finanzielle Schwierigkeiten. So musste seine Mutter fast alle Möbeln veräußern und eine bescheidenere Bleibe in der Rua de São Marçal n° 104 suchen.
Ein paar Monate später, im Januar 1894, verstarb auch sein kleinerer Bruder Jorge, der noch nicht einmal sein erstes Lebensjahr erreicht hatte.

Kurz nach dem Tode seines Bruders lernte seine Mutter den Hauptmann João Miguel Rosa, einen Beamten des Außenministeriums, kennen und lieben.
Ende 1894 wurde João Miguel Rosa nach Durban in Südafrika beordert, um dort den Posten des portugiesischen Konsuls zu besetzen.
1895 wurde die Ehe zwischen Pessoas Mutter Maria Magdalena und João Miguel Rosa per procura in der Kirche São Mamede zu Lissabon geschlossen.

Nach der Hochzeit folgten Maria Magdalena Pessoa und ihr Sohn Fernando dem neuen Familienoberhaupt nach Südafrika.
Sie verließen Lissabon im Januar 1896 auf dem Passagierschiff „Funchal“ in Richtung der Insel Madeira.
Auf Madeira stiegen sie dann auf das englische Handelsschiff „Hawarden Castle“ um, der sie direkt an das Kap der Guten Hoffnung (port.: Cabo da Boa Esperança) brachte.

Im südafrikanischen Durban drückte Fernando Pessoa zum ersten Mal die Schulbank, nämlich in der West Street School, einer Grundschule die von irischen Nonnen geleitet wurde. Hier an dieser Schule kam er dann auch zum ersten Mal mit der englischen Sprache und Kultur in Berührung.
Im Jahre 1899 wechselte er in die Durban High School, wo er, so lange er auf dieser Schule war, jedes Jahr als einer der besten Schüler abschnitt.
Sein Englisch wurde so hervorragend, dass er im Alter von elf Jahren seine ersten Gedichte in dieser Sprache schrieb.
In dieser Zeit erschuf er eines seiner erstes Heteronymen (port.: heterónimos), nämlich Alexander Search, und fing an, durch diese erfundene Persönlichkeit, Briefe an sich selber zu schreiben.

1901 starb seine kleine Schwester Madalena Henriqueta im Alter von nur zwei Jahren.
Wenige Wochen nach dem Tod seiner Schwester reiste die Familie auf dem Handelsschiff „König“ nach Lissabon, um hier einen einjährigen Heimaturlaub zu verbringen.
An Bord der „König“ war auch der Leichnam seiner kleinen Schwester, welches in Portugal beigesetzt werden sollte.
In Lissabon wurde dann im Januar 1902 sein Stiefbruder João Maria geboren.

In dieser Zeit isolierte sich Fernando Pessoa immer mehr von seiner Mutter, die gewollt oder ungewollt, ihrem zweiten Ehemann und ihrem jüngsten Sohn immer mehr Aufmerksam schenkte, so empfand es jedenfalls der junge Fernando.
Dennoch verbrachte Fernando Pessoa, so schrieb er einmal später, damals wunderschöne Monate in Portugal. Er besuchte, unter anderem, die Familie seiner Mutter im Mai 1902 auf der Azoreninsel Terceira und auch den Verwandten seines Stiefvaters in Tavira, an der Algarve, stattete die Familie damals einen Besuch ab.

Während seine Mutter, sein Stiefvater und seine kleinen Geschwister im Juni 1902 zurück nach Durban reisten, blieb Fernando Pessoa zuerst in Lissabon bei seiner Großmutter zurück.
Erst drei Monate später, im September 1902, reiste er seiner Familie auf dem Dampfer „Herzog“ nach Südafrika nach.
Als er in Durban ankam, schrieb er sich an der Durban Commercial School, einer Handelsschule, ein und bereitete sich auf dieser für die Universität vor.
Er widmete sich immer mehr der englischen Literatur und las gerne, unter anderem, Werke von William Shakespeare, Edgar Ellen Poe und Lord Byron.

1903 bewarb er sich um einen Studienplatz für Literatur an der University of the Cape of Good Hope (port.: Universidade do Cabo da Boa Esperança), bestand aber nur knapp die Aufnahmeprüfung.
Nichtsdestotrotz schrieb er damals, am Tag der Prüfung, von 899 Kadidaten den besten Aufsatz in englischer Literatur, und erhielt dafür, mit gerade mal 15 Jahren, den Queen Victoria Memorial Prize (port.: Prémio Rainha Vitória) und somit die Aufnahme an die Universität.
Er widmete sich fortan immer mehr der englischen Poesie und den englischen Klassikern, obwohl er später in seinem Leben einmal sagen wird, das „alleine die portugiesische Sprache immer seine Heimat war“.
In seiner Zeit an der Universität von Durban erschuf er die zwei Heteronymen Charles Robert Anon und H. M. F. Lecher.

Im Jahre 1905 beschloss er sein Studium in Südafrika nicht mehr fortzusetzen und verließ die Universität, trotz der Bestnoten die er hatte.
Auch seine Professoren können ihn nicht davon überzeugen weiterhin in Südafrika zu bleiben.
Die Sehnsucht nach Portugal war wohl übergroß.
Noch im selben Jahr kehrte er in sein geliebtes Lissabon zurück – ohne Familie.
Hier lebte er mit seiner Großmutter Dionísia und zwei Tanten in der Rua da Bela Vista n° 17.
1906 schrieb er sich an der Philosophischen Fakultät (port.: Faculdade de Letras) der Universität von Lissabon ein, brach sein Studium dort aber nach noch nicht einmal einem Jahr aus Langeweile ab.

Ein Jahr später, im August 1907, starb seine geliebte Großmutter Dionísia und hinterließ ihm eine kleine Erbschaft.
Mit dem Geld das ihm seine Großmutter hinterließ, gründete er eine kleine Druckerei in der Rua da Conceição da Glória, die er auf den Namen „Empreza Ibis – Typographica e Editora – Officinas a Vapor“ (dt.: „Unternehmen Ibis – Buchdruckerei und Verlag – Dampfdruckwerkstatt“) taufte, mit der er aber alsbald bankrott ging.

Fernando Pessoa erholte sich nur schwer von dieser Niederlage und aus ihm wurde fortan ein unscheinbarer Büroangestellter und Fremdsprachenkorrespondent, der sich gerne hinter dicken Brillengläsern versteckte – jedenfalls vormittags.
Denn nachmittags saß er stundenlang in den Lissabonner Cafés und diskutierte, schrieb und trank und füllte eine große Truhe mit unzähligen Manuskripten.

Im Jahre 1912 veröffentlichte er in der Zeitschrift „A Águia“ seinen ersten Artikel über „Neue portugiesische Dichtung“ (port.: „A nova poesia portuguesa“) und Dank dieses Artikels bildete sich ein avantgardistischer Kreis, dem fortan Pessoa selbst, sein enger Freund Mario de Sá Carneiro, der vielseitige Künstler Almada Negreiros sowie die Maler Santa-Rita Pintor und Amadeo de Sousa Cardoso angehörten.
Dieser Kreis von Literaten, das sich fortan regelmäßig im Café „A Brasileira“ im Chiado traf oder aber auch im Café „Martinho da Arcada“ auf der Praça do Comercio zusammenkam, machte es sich zum Ziel, das in ihren Augen nach der Abschaffung der Monarchie im Jahre 1910 träge und selbstzufrieden gewordene Land, wachzurütteln. Außerdem wollten sie damals, wie sie es ausdrückten, „der Ignoranz, dem Fanatismus und der Tyrannei“ entgegentreten.

Mit dem Geld des wohlhabenden Vaters von Mario de Sá Carneiro erschien 1915 die um eine radikale Erneuerung bemühte literarische Zeitschrift „Orpheu“, die gleich am Erscheinungstag zum Skandal wurde.
Vom ersten Tag an, war „Orpheu“ das Tagesgespräch von ganz Lissabon und auf offener Straße wurde mit dem Finger auf Pessoa und seine Herausgeberfreunde gezeigt.
Der plumpe Hohn, den sich die Konkurrenz in den Tagen nach der Erscheinung der Zeitschrift erlaubte, war die beste Reklame für das aufmüpfige Unternehmen.
Die Werbung war so gut, dass nach drei Wochen die Auflage des „Orpheu“ vergriffen war.
Nur Sá Carneiros Vater war von der ganzen Sache nicht so begeistert und stellte gleich nach der zweiten Nummer der Zeitschrift die Finanzierung ein.
Nach dem Ende des „Orpheu“ zerfiel die Literaten-Gruppe um Fernando Pessoa allmählich. Als sein Freund Mario de Sá Carneiro 1916 in Paris Selbstmord beging, glitt Pessoa immer mehr in die Einsamkeit ab.

1917 versuchte sein Schriftstellerfreund Almada Negreiros an dem Erfolg des „Orpheu“ anzuknüpfen und gab die erste und einzige Nummer der Zeitschrift „Portugal Futurista“ heraus, in dem Fernando Pessoa, unter dem Heteronymen Àlvaro de Campos, einen sehr provozierenden Text mit dem Titel „Ultimato“ veröffentlichte.
Das Pessoa unter anderen Namen schrieb, war für ihn Selbstverständlich und mit der Zeit wurden Heteronymen ein Markenzeichen Fernando Pessoas.

Heteronymen gehen über ein gewöhnliches Pseudonym weit hinaus.
Heteronymen werden immer mit einer eigenen Statur und Physiognomie, mit einem Horoskop und einem Lebenslauf, mit einer eigenen Persönlichkeit und einem eigenen Stil versehen.
Fernando Pessoa war beim erfinden solcher Persönlichkeiten ein wahrer Weltmeister!
Auf der Suche nach dem Ich, das er nie finden konnte, spaltete sich Pessoa in unterschiedliche „alter ego“ auf, die einander und Pessoa selbst widersprachen, sich gegenseitig kritisierten und alle unter ihrem erfundenen Namen literarisch tätig waren.

Zu Fernando Pessoas Phantasiegestalten gehörten Alberto Caeiro, der blonde und blauäugige Lissabonner ohne Schulbildung und Beruf, Ricardo Reis, der Arzt aus Porto mit einer humanistischen Bildung, der monokeltragende Àlvaro de Campos, der in Glasgow zum Schiffsingenieur ausgebildet wurde und provozierende Artikel schrieb und Chevalier de Pas, der Briefe an Pessoa verfasste.
All diese Personen waren zwar alle literarisch existent, aber sie waren nichts weiter als die reine Phantasiebildung eines Mannes.
So erfand Pessoa seine eigene, große Dichterfamilie, eine Familie die zum Schluss aus sage und schreibe mindestens 76 Heteronymen bestand!

Aber Fernando Pessoa war in Wahrheit ein einsamer Mann!
Er lebte sehr zurückgezogen, fast ohne menschliche Bindungen.
Schreiben war für Pessoa eine Mission, die mönchische Zucht verlangte und ihn völlig beanspruchte.
So ist auch nur eine Liebesbeziehung Fernando Pessoas bekannt.
Im Jahre 1920 verliebte er sich in Ophélia Queirós, einem fröhlichen, 19 jährigen Mädchen. Bei ihr suchte er so etwas wie einen Ausweg aus seiner inneren Isolation.
Sie trafen sich fast täglich, doch nach nur neun Monaten brach Pessoa seine Beziehung zu Ophélia ab.
Sein Schicksal, so schrieb er in einem Brief an das Mädchen, stehe unter einem anderen Gesetz.
Später, im Jahre 1929, lebte die alte Liebe zwischen Pessoa und Ophélia noch einmal auf, aber nach nur vier Monaten trennte sich das Paar erneut.

Am 17. März 1925 starb seine geliebte Mutter.
Er wurde nun zunehmend depressiv, trank immer mehr und öfters und stürzte irgendwann in eine große Identitäts- und Wahrheitssuche.
Er wendete sich immer mehr dem Okkultismus und der Esoterik zu, fing an englischsprachige theosophische Schriften zu übersetzen und interessierte sich immer mehr für den Sebastianismus.

Er erholte sich nach einiger Zeit wieder und fing erneut an zu schreiben.
Nach Jahren ununterbrochenen Umherziehens ließ er sich endgültig in einem Haus in der Rua Coelho da Rocha n° 16, im Stadtteil Campo de Ourique, nieder und lebte dort bis zu seinem Tod.
Dort schrieb er eines seiner größten Werke, das 1934 veröffentlichte lyrische Epos „Mensagem“.

Anfang November 1935 erkrankte Fernando Pessoa schwer.
Er war erst 47 Jahre alt, aber seine jahrelangen Alkoholexzesse und das starke rauchen machten sich nun negativ bemerkbar.
Am 29. November 1935 wurde er in das Krankenhaus Hospital de São Luís dos Franceses eingewiesen und die Ärzte diagnostizieren ihm eine schwere Leberzirrhose.
Ans Bett gefesselt, brachte er in englischer Sprache seine letzten Worte zu Papier:

„I know not what tomorrow will bring!“
(port.: „Não sei o que o amanhã trará!“ / dt.: „Ich weiß nicht, was der morgige Tag bringen wird!“)

In der Nacht fiel er ins Koma und am Tag darauf, dem 30. November, versagten seine Nieren und er erlag seinem schweren leiden.

In der Gestalt seines Heteronymen Alberto Caeiro sagte Fernando Pessoa einmal über sich selbst:
„Wenn ihr nach meinem Tod meine Biographie schreiben wollt, so ist nichts leichter als dies. Sie hat nur zwei Daten – Geburts- und Todestag. Alle Tage dazwischen gehören mir!“

Im Jahre 1988, anlässlich seines einhundertsten Geburtstags, wurden seine Gebeine vom Friedhof Prazeres (port.: Cemitério dos Prazeres) in das berühmte Lissabonner Hieronymuskloster (port.: Mosteiro dos Jeronimos), einem der portugiesischen Heiligtümer, überführt.
Hier ruht er nun neben Männern wie Vasco da Gama, Luis Váz de Camões und König Manuel I.
Ihm wurde damit eine Ehre zuteil, die ihm zu Lebzeiten stets verwehrt worden war.

Samstag, 19. Mai 2012

Ach, wenn ich doch nur könnte…


Nächsten Dienstag, den 22. Mai 2012, wird das Auktionshaus World Legend in Lissabon einen Schreibtisch und eine Schreibmaschine des portugiesischen Dichters, Lyrikers und Schriftstellers Fernando Pessoa versteigern.

Fernando Pessoa, der nach dem großen Luis de Camões als der bedeutendste Poet Portugals gilt und Autor solch berühmter Werke wie „O Banqueiro Anarquista“ (dt.: „ Ein anarchistischer Bankier“), „O Guardador de Rebanhos“ (dt.: Der „Schafhirte“) und „Mensagem“ (dt.: „Botschaft“) ist, benutzte sowohl den Schreibtisch als auch die Schreibmaschine als er bei der Portugiesischen Gesellschaft für Sprengstoffe (port.: Sociedade Portuguesa de Explosivos) als Fremdsprachenkorrespondent angestellt war.

Die Sociedade Portuguesa de Explosivos, ehemals im 1.Stockwerk eines Hauses im Largo do Corpo Santo nº 28, unweit des Cais do Sodré gelegen, ist ein Ort den Pessoa mehrere Male in Briefen an seine Freunde erwähnt.
So schreibt er seinem Freund Mario de Sá Carneiro im Jahre 1915, wie er am Schreibtisch seines Büros sitzend, oftmals seine persönliche Korrespondenz und viele seiner Gedichte auf seiner Schreibmaschine Marke „Royal“ tippt.

Der schwere Schreibtisch aus Mahagoni, mit jeweils vier Schubladen auf der linken und auf der rechten Seite, soll dem Aktionshaus zwischen 10.000 und 20.000 Euro einbringen.
Die Schreibmaschine soll für 3.000 bis 5.000 Euro versteigert werden.

Bei diesen zwei Objekten handelt es sich also nicht um Dinge aus dem Privatbesitz des Künstlers, aber sehr wohl um Objekte aus dem Leben eines der größten Schriftsteller Portugals und der portugiesischsprachigen Literatur.
Hätte ich das nötige Kleingeld, so würde ich liebend gerne am kommenden Dienstag bei der Auktion mitbieten und so einiges dafür tun, um in den Besitz des Schreibtisches zu kommen.
Ach, wenn ich doch nur könnte…

Donnerstag, 29. September 2011

Teatro Nacional de São Carlos





Das am 30. Juli 1793 fertig gebaute Nationaltheater São Carlos (port.: Teatro Nacional de São Carlos), das bis heute die durch das große Erbeben von 1755 völlig zerstörte Oper (bitte lesen sie hierzu auch meinen Beitrag „Die Oper am Tejo“, vom 11.09.2011!) ersetzt, war nie ein reines Reservat des Hofes, wie es das nicht mehr existierende Opernhaus gewesen war, sondern eher ein Schauplatz des Bürgertums.

Finanziert wurde das Theater, das eigentlich von Anfang an dazu bestimmt war eine Oper zu sein, von einer Gruppe reicher Bürger, die unter dem Prämierminister Marquês de Pombal, aufgestiegen waren.
Vor allem die Familie Quintela, die das damalige Tabakmonopol besaß und die das Grundstück für den Bau des Theaters zur Verfügung stellte, die Familie Cruz Sobrais, die in Brasilien ein Vermögen mit Kaffee gemacht hatte und die Familie Caldas, die im lukrativen Zuckerhandel tätig war, sorgten mit ihrem Geld dafür das der klassizistische Bau in einer Rekordzeit von nur 6 Monaten erbaut wurde.

Am gleichnamigen Platz, dem Largo de São Carlos, im Stadtteil Chiado, gelegen, wurde das Theater von dem im italienischen Bologna geschulten portugiesischen Architekten José da Costa e Silva erbaut, der sich ohne Zweifel von der Mailänder Scala inspirieren ließ.
Das Operngebäude ist von pombalinischen Häusern umgeben.
In jenem direkt gegenüber dem Schauspielhaus, hoch oben im 4. Stockwerk, wurde im Jahre 1888 Fernando Pessoa, einer der größten Dichter und Poeten Portugals, geboren.

Eröffnet wurde das Theater am 31. Juli 1793, durch Königin Maria I, mit der Oper „La Ballerina arnante“, des italienischen Komponisten Domenico Cimarosa.
Zuerst trug die Oper den Namen „Teatro Carlota Joaquina“.
Carlota Joaquina de Bourbon war eine spanische Infantin und heiratete 1790 den portugiesischen Thronfolger Infante João, der Jahre später als König João VI den Thron bestieg.
Die in Marmor gemeißelte lateinische Inschrift an der Außenfassade des Theaters zeugt heute noch von dieser ursprünglichen Namensgebung.
Aber da das Volk die Kronprinzessin Carlota Joaquina, gelinde gesagt, nicht ausstehen konnte, wurde die Oper alsbald von allen nur das „Teatro Italiano“ (dt.: Italienisches Theater) genannt, da früher ausschließlich italienische Opern hier gespielt wurden.

Dies führte so weit, das selbst portugiesische Komponisten ihre Werke nur aufführen konnten, wenn die Opern in italienischer Sprache verfasst waren.
Als Alfredo Keil (bitte lesen sie hierzu auch meinen Beitrag „Alfredo Keil“, vom 22. August 2011), der Verfasser der portugiesischen Nationalhymne, im Jahre 1899 die erste in Portugal verfasste Oper „A Serrana“ hier uraufführte, musste er dies auf Italienisch machen.
Selbst französische oder deutsche Opern, inklusive die Opern von Wagner mussten vor einer Aufführung zuerst ins italienische übersetzt werden!
Italienisch war bis zum Jahre 1910, als die Monarchie stürzte und die Republik ausgerufen wurde, die Sprache der Oper schlecht hin, und so erklärt es sich, warum es heute von bekannten ausländischen Opern hier in Portugal stets eine originale und eine italienische Version gibt.

Der regelmäßige Opernbesuch gehörte Anfang des 19. Jahrhunderts, alsbald zum Leben der kulturell interessierten und begüterten Schichten Lissabons.
Das Teatro Nacional de São Carlos ist eine der ältesten, heute noch existierenden, Opernhäuser Europas.
Von den fünf Logenreihen und insgesamt 600 Sitzplätzen aus kann man Darbietungen von höchster Akustikqualität erleben.

Namhafte Opernsänger und Opernsängerinnen sind in diesem Opernhaus aufgetreten.
Zu erwähnen seien hier die Italiener Ebe Stignani und Mario del Monaco, die hier gemeinsam gastierten, die deutsche Opernsängerin Georgine von Milinkovic, die Schweizerin Elisabeth Glauser, der Finne Heikki Siukola und der Deutsche Klaus König.

Heute geht der Spielplan normalerweise von November bis Juni, aber außerhalb dieser Zeit finden auch andere Konzerte und Theater- und Ballettaufführungen statt.
Seinen Ruf als „Theater des Volkes“ (port.: „Teatro do Povo“) hat sich das Teatro Nacional de São Carlos bis heute erhalten.
So werden, wenn große Opern auf dem Programm stehen, die Aufführungen direkt auf eine riesige Leinwand übertragen, so dass jeder in den Genuss kommen kann, in einer lauen Sommernacht, ein Opernstück zu genießen.

Ein Genuss den sich wirklich jeder leisten kann und sollte!

Mittwoch, 8. Juni 2011

Coca Cola is it


Im „Museu da Farmácia“ (dt.: Apotheker-Museum), in Lissabon, kann man zur Zeit die interessante Ausstellung „125 Jahre Coca Cola“ (port.: „125 anos Coca Cola“) besichtigen.

Warum ausgerechnet in einem Apotheker-Museum werden sich viele Fragen?
Doch wer ein wenig über die Geschichte von Coca Cola bescheit weiß, weiß dass dieses koffeinhaltige Brausegetränk einmal als Medizin „geboren“ wurde.

Es war im Jahre 1884, um genauer zu sein am 08. Mai 1884, als der amerikanische Apotheker John Stith Pemberton in seiner kleinen Apotheke „Jacob´s Pharmacy“ in Atlanta, im Bundesstaat Georgia, ein Glas dieses von ihm erfundenen und selbstgebrauten Getränks, an den Mann brachte.

Pimberton verkaufte damals, im ersten Jahr, nur etwa neun Gläser dieses Brausegetränks pro Tag.
Wenn man bedenkt wie viel Coca Cola heute pro Tag verkauft und getrunken wird, eine lächerliche Zahl.

Die chronologische Geschichte von Coca Cola wird im Foyer des Lissabonner Apotheker-Museums anhand von Grafiken, Postern, Fotografien und seltenen Einzelstücken, die extra aus den USA ausgeliehen wurden, erzählt.
Auch wie die Coca Cola nach Portugal kam, wird in dieser Ausstellung ausführlich beschrieben.

So erfährt der Museumsbesucher, dass es Coca Cola bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, in Portugal zu kaufen gab.
Damals erfand der berühmte portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa den bis heute in Portugal legendären Werbeslogan „primeiro estranha-se, depois estranha-se“ (dt.: „Zu erst verwundert es einen, dann verwundert es einen“).
Allerdings wurde die Marke im Jahre 1929 vom portugiesischen Markt genommen, denn der Militärdiktatur war sie, wegen ihrer schon damals sehr freiheitsliebenden Slogans und Werbungen, ein Dorn im Auge.
Erst 1974, nach dem Ende der Militärdiktatur, war die Einfuhr von Coca Cola wieder in Portugal erlaubt.

Am 04. Juli 1977, ironischer Weise dem Amerikanischen Unabhängigkeitstag, kam Coca Cola in Portugal offiziell wieder in den Handel und ist seitdem, wie überall auf der Welt, von den Ladentheken nicht wegzudenken.

Die Ausstellung „125 anos Coca Cola“ kann noch bis zum 30. Juli 2011 besucht werden.
Sie ist von Montags bis Freitags, von 10 Uhr bis 18 Uhr, geöffnet und der Eintritt ist frei!

Samstag, 26. Juni 2010

Tod eines Schriftstellers


Vor genau einer Woche verstarb der portugiesische Schriftsteller José Saramago.
Ich habe noch nie sehr viel von Saramago und seinen Werken gehalten.
Als Schriftsteller fand ich ihn eher Mittelmäßig, um nicht zu sagen schlecht.
Wie Saramago 1998 zu seinem Nobelpreis für Literatur kam, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.
Und als Mensch, obwohl ich ihn nie persönlich kennen gelernt habe, war er mir, was seine politischen und sozialen Einstellungen anging, eher suspekt und peinlich, als vertrauenswürdig.

Aber da man ja über Tote weder schlecht reden noch schlecht schreiben sollte, werde ich versuchen mich mit Kritik an diesem erzkonservativen Kommunisten zurückzuhalten, der für sich in Anspruch nahm, die „Stimme Portugals“ zu sein.
Wo ich mich allerdings nicht zurückhalten kann, ist über die Art und Weise, wie nun hier in Portugal, nach seinem Tod, die Presse und die Politik mit Saramagos Tod umgeht, ihn ja schon fast in den Himmel emporhebt und verehrt.

So hat gestern António Costa, der Bürgermeister von Lissabon, öffentlich verkündet, dass die Asche von Saramago in Lissabon bleiben soll, und zwar genau vor der Casa dos Bicos, wo sich die Stiftung Saramago befindet, begraben unter einem jahrhundert alten Olivenbaum, welches extra aus seinem Heimatort Azinhaga, herbeigebracht werden soll.
Dies alles gibt mir langsam das Gefühl, dass der Tod Saramagos, einem Mann der sich zu Lebzeiten provokativ von Portugal abwandte, um auf der spanischen Atlantikinsel Lanzerote zu leben, langsam zu so etwas wie einer Heiligsprechung eines Atheisten entwickelt.
Und das ist mir, und vielen meiner Landsleute, zuwider.

Die Zeitungen und Fernsehsender, die noch vor Monaten über Saramago lästerten, seine Bücher teilweise zerrissen und ihn für seine „Portugalfeindlichkeit“ kritisierten, diese selben Zeitungen und Fernsehsender füllen seit einer Woche ganze Seiten und Sendezeiten mit Huldigungen an ihn.

Natürlich ist das alles eine Sache des Geschmacks, so auch Saramagos Werke.
Man liest sie gerne, oder man liest sie eben nicht.
Fakt ist, das Saramago, noch vor Fernando Pessoa und Camões, heute der meistgelesene Schriftsteller Portugals im Ausland ist.
Vor allem in der Dritten Welt, wo er als ein Demokrat und Freiheitskämpfer gilt, wird Saramago wie eine Art Literaturgott verehrt.

Aber trotz aller Verehrungen und trotz all der Huldigungen die über Saramago jetzt nach seinem Tod geschrieben werden, darf man nicht in Versuchung geraten, aus Saramago das zu machen, was er in Wirklichkeit nie war: nämlich ein „Demokrat“ und „Freiheitskämpfer“.
Außer die hier verwendeten Begriffe wie „Demokratie“ und „Freiheitsliebe“ werden auf die marxistisch-leninistische Doktrin reduziert.
Eine Doktrin, die alleine im 20. Jahrhundert Millionen von Menschen Elend, Hunger, Leid, Verfolgung und den Tod gebracht hat.
Eine Doktrin die Saramago, wohlgemerkt, nie kritisiert hat und auf die er ein Leben lang stolz war!

Deshalb, wer Saramago ehren will, der darf nicht nur seine Bücher als Maß aller Dinge nehmen, sondern muss vor allem seine Biografie genau studieren.

Ein Mann, der zu Lebzeiten die Politik Nordkoreas Beispielhaft nannte und der die Festnahe kubanischer Regimegegner als notwendig erachtete, der mag zwar mit ach und krach einen Literaturnobelpreis verdient haben, aber niemals eine letzte Ruhestätte in der portugiesischen Hauptstadt.
Eine Ruhestätte die mit der Zeit dann wohl zum marxistisch-leninistischen Anlaufpunkt mutieren wird.
Auf Lanzerote, der Insel die Saramago so sehr geliebt hat und auf der er die letzten Jahre seines Lebens verbracht hat, wäre noch viel Platz für seine Beisetzung gewesen.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Die späte Rache Durbans an Fernando Pessoa


Was haben Fernando Pessoa, Portugals größter Dichter und Schriftsteller des letzten Jahrhunderts, und meine Wenigkeit gemeinsam?

Nun, zugegeben, auf den ersten Blick recht wenig;
um nicht zu sagen Nichts!

Aber auf den zweiten Blick, ist da so eine Stelle in unseren Lebensläufen, die auffallend identisch sind.

Ich bin nämlich als sechsjähriger mit meinen Eltern nach Deutschland gezogen und habe in Darmstadt meine Kind-, Schul- und Jugendzeit verbracht.
Und Fernando Pessoa, ist als achtjähriger mit seiner Mutter und seinem Stiefvater João Miguel Rosa nach Südafrika gezogen und hat dort in Durban, am Indischen Ozean, seine Kind-, Schul- und Jugendzeit verbracht.

Und hier hören die Gemeinsamkeiten zwischen mir und Fernando Pessoa auch schlagartig auf.
Denn während ich es nur zum Freizeitschreiber und Hobbydichter gebracht habe, hat Fernando Pessoa, mit seiner originellen Art und Weise des Schreibens, es zum bedeutendsten Schriftsteller der portugiesischen Sprache im 20. Jahrhundert gebracht.

Und noch etwas Gravierendes unterscheidet mich von Fernando Pessoa, was unsere Kindheit und Jugend angeht.

Während ich nämlich meine Zeit in Deutschland nicht leugnen kann (die Veröffentlichung dieses Blogs ist wohl der beste Beweis dafür!) hat Fernando Pessoa während seines ganzen Lebens nur sehr ungern über seine Zeit im südafrikanischen Durban gesprochen, geschweige denn geschrieben!
In keinem seiner Werke geht er auf seine Kindheit und seine Jugend in Durban ein. Er verbrachte neun Jahre in Durban, von seinem achten bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr. Man könnte meinen das diese Jahre, die Wissenschaftler als die wichtigsten und prägendesten in unserem ganzen Leben bezeichnen, an Fernando Pessoa völlig vorbeigegangen sind. Man könnte sogar meinen Pessoa hat diese Jahre völlig aus seinem Gedächtnis verdrängt!

Fernando Pessoa wurde am 13. Juni 1888 in Lissabon geboren, und verstarb am 30. November 1935, ebendort.
Seine Mutter hatte, als er sieben Jahre alt war, sich in zweiter Ehe mit dem damaligen portugiesischen Konsul in Durban, Kommandant João Miguel Rosa, verheiratet.
So kam es, dass Fernando Pessoa als Kind nach Südafrika reiste, wo er dann auch bis zu seinem 17. Lebensjahr blieb.
Er lebte mit seiner Familie in der Ridge Road, im vornehmen Stadtteil Comercial District, besuchte dort zuerst die katholische Convent School und später die angesehene Durban High School. Sein Stiefvater war portugiesischer Konsul und er hatte nicht das was man eine allzu strenge Erziehung nennen könnte. Im Gegenteil!
Warum er also dieser Zeit so wenig Beachtung schenkt, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben.

Zwei Büsten erinnern in ganz Durban an Portugals Nationaldichter, der als Kind durch die Strassen dieser Stadt gelaufen ist und an den Stränden des Indischen Ozeans nach Muschelschalen gesucht hat.

Die eine Büste steht an der Kreuzung Pine Road und Gardiner Road, und zeigt Fernando Pessoa, so wie er meistens abgebildet wird, mit Brille und einem großen Hut.
Außer seinem Namen und seinem Geburts- und Sterbedatum ist auch ein Dreizeiler von Pessoa auf der Büste eingraviert, nämlich folgender:

“Oh salty sea
How much of your salt
Are the tears of Portugal?”

Im Original, im Gedichtsband “A Mensagem”, lautet der Dreizeiler:

“Ó mar salgado
Quanto do teu sal
São lágrimas de Portugal?”

Die zweite Büste steht auf dem Gelände der Durban High School, wo Pessoa als Kind in die Schule gegangen ist.
Beide Büsten wurden von portugiesischen Bürgern gestiftet und aufgestellt. Hätte man darauf gewartet dass die südafrikanische Stadtverwaltung Pessoa ein Denkmal setzt, dann hätte man wohl noch ein paar Jahrzehnte warten können.

So gesehen, so wie Fernando Pessoa die Stadt Durban aus seinen Erinnerungen verbannt zu haben scheint, so hat auch Durban Fernando Pessoa vollkommen verdrängt.
Vielleicht ist das die Rache Durbans dafür, dass Fernando Pessoa die Stadt nicht in einem einzigen seiner Werke erwähnt hat.

Montag, 6. Juli 2009

Wissen sie wo São Sebastião da Pedreira liegt?


Ich bewundere Menschen die stolz sind auf ihre Wurzeln, die Wert legen auf ihre Herkunft und die ihren Ursprung nicht verbergen.
Ich mag Menschen die stolz Flagge zeigen können ohne sich mit Schuldgefühlen rumplagen zu müssen.

Vielleicht denke ich aber auch nur so, weil ich Lissabonner bin, ein „alfacinha“ (bitte lesen sie auch mein post „Alfacinha = Lissabonner“) und ich mir als Portugiese nicht vorstellen kann in einer anderen Stadt geboren worden zu sein.
Ich meine, der liebe Gott hat mich mit einer großen Vorstellungskraft gesegnet; aber diese könnte niemals so groß sein, das ich mir vorstellen könnte, in Porto, Coimbra oder Faro geboren worden zu sein.

Natürlich mögen jetzt viele Denken, wie man auf etwas stolz sein kann, wofür man persönlich nichts kann und was eigentlich per Zufall geschehen ist.
Aber so ist es nun einmal, wenn man Lokalpatriot ist!

Ich selber bin in, wie die meisten Lissabonner heutzutage, in der Geburtsklinik Maternidade Alfredo da Costa, im Stadtteil São Sebastião da Pedreira, geboren worden.

Ich bin schon mehrmals an der Geburtsklinik vorbeigegangen, und ich muss gestehen, dass ich nicht gerade große sentimentale Gefühlsausbrüche hatte.
Ich habe weder Purzelbäume geschlagen, noch sind mir vor lauter Rührung die Tränen in die Augen gestiegen und ich hatte auch nicht das Bedürfnis ganze Gedichtsbände zu diesem Thema zu schreiben.
Mir ist es auch ehrlich gesagt egal, ob die Nichtlissabonner wissen wo überhaupt das Stadtteil São Sebastião da Pedreira liegt, wie viele Einwohner es hat und welche lokalen Traditionen in ihm gepflegt werden.
São Sebastião da Pedreira ist einfach nur ein banaler Ort in Lissabon.
Natürlich ist dieser Ort nichts besonderes, nur weil ich dort geboren bin.
Aber ich selber fühle mich als etwas besonderes, weil ich dort geboren bin!

Der aus Lissabon stammende Schriftsteller und Dichter Fernando Pessoa, hat genau zu diesem Thema einmal geschrieben:
„Der Ort an dem man geboren wird, ist wohl der zufälligste. Egal ob Lissabon, Porto oder Cascais“ („O lugar onde se nasce é o lugar onde mais por acaso se está. Tanto faz ele ser Lisboa, o Porto ou Cascais“).
Nun, für viele Lissabonner gilt dieser Ausspruch von Pessoa schon fast als Verrat an unserer Hauptstadt.

Aber ich sehe die Sache weniger emotional.
Schließlich ist bekannt, dass Fernando Pessoa gerne ab und zu einen über den Durst trank. Und wer weiß ob er nicht gerade einen Gebechert hat, als er diesen Ausspruch zu Papier brachte.
Schließlich wird einem ja nur geraten, wenn man Auto fährt nicht zu trinken; aber über das Trinken beim Schreiben hat noch niemand Regeln aufgestellt, so viel ich weiß.