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Montag, 27. Juli 2015

Mit einer Nussschale über den Atlantik – die historische Fahrt der „Bom Sucesso“


Wer jemals die Stadt Olhão in der südportugiesischen Algarve besucht hat (lesen sie hierzu bitte auch meinen Blogeintrag „Olhão“, vom 30. Juni 2015), dem wird am Hafen, zwischen all den Fischer- und Segelbooten, ein kleiner, aber besonders schöner Segler aufgefallen sein.
Bei diesem Kahn – einem so genannten Kaik (port.: caíque) – handelt es sich um eine maßstabgetreue Nachbildung eines Seglers, welches vor über 200 Jahren eine recht abenteuerliche Atlantiküberquerung hinter sich gebracht hat.
Der Name dieses Kaik lautete und lautet „Bom Sucesso“ (dt.: guter Erfolg / gutes Gelingen / viel Erfolg) und ist heute das Wappen der Stadt Olhão.

Kaiks – nicht zu verwechseln mit Kajaks! – sind, vereinfacht gesagt, Miniaturausgaben von Schiffstypen mit denen Portugal einst die Welt umsegelte, wie etwa Karavellen, Galeonen und Naus.
Im Gegensatz zu diesen großen Seglern, waren Kaiks aber nicht für lange Fahrten konzipiert, sondern fanden als robuste Fischer- und Frachtschiffe eigentlich nur in Küstennähe Verwendung.
Die Fischer der Algarve wagten mit diesen kleinen Kähnen gerade mal ab und zu eine Fahrt bis ins nahe Nordafrika.
Vor allem die Einwohner von Olhão benutzten diesen recht wendigen Bootstyp seit jeher um in der vor ihrer Haustür liegenden Ria Formosa zu fischen.

Als Anfang des 19. Jahrh. französische Soldaten auf Befehl von Napoleon Bonaparte Portugal besetzten, verboten sie u. a. den Fischern von Olhão die Kaiks zu benutzen und so ihrem eigentlichen Broterwerb nachzugehen.
Daraufhin fanden die Einwohner von Olhão eine zwar gefährlichere – da unter Todesstrafe stehende – aber dennoch wesentlich ertragreichere Erwerbstätigkeit:
sie schmuggelten auf Teufel komm raus!
Die schnittigen Kaiks, die kaum Tiefgang hatten, waren in den zahlreichen Kanälen, Sanddünen, Salzmarschen und seichten Lagunen der Ria Formosa hierfür für ihre Besitzer sehr von Nutzen. 

Im Juni 1808 erhoben sich die Bürger von Olhão erfolgreich gegen die französischen Besatzer.
Dank der Hilfe englischer Truppen konnten die französischen Soldaten recht schnell besiegt werden und hinter die spanische Grenze gedrängt werden.
Bereits am 23. Juni 1808 galt die Algarve als von den Franzosen befreit.

Die Nachricht über diesen überaus wichtigen Sieg gegen die verhassten Franzosen konnte zuerst einmal nicht an den Staatsoberhaupt gegeben werden, da die damalige Monarchin, Königin Maria I, und ihr Sohn Prinzregent João, der spätere König João VI, im entfernten Brasilien im Exil weilten.
Die königliche Familie war kurz vor der französischen Besatzung im November 1807, samt ihrem Hofstaat und der Regierung, außer Landes gegangen und hatte in Rio de Janeiro ihre Zelte aufgeschlagen.

Da man aber so schnell wie möglich den Prinzregenten über den durchaus wichtigen militärischen Erfolg in der Heimat in Kenntnis setzen wollte, entschloss die portugiesische Militärregierung der Algarve dem Regenten ein Dokument mit der Nachricht über den Sieg Portugals gegen Frankreich zukommen zu lassen.

Am 07. Juli 1808, drei Wochen nach der Befreiung der Algarve, bestiegen 17 einfache Männer aus Olhão den Kaik „Bom Sucesso“ und stachen wagemutig in See.
An Bord waren Manuel de Oliveira Nobre, der zum Kapitän bestimmt worden war,
Manuel Martins Garrocho, der Eigentümer der „Bom Sucesso”,
und die einfachen Fischer
António Pereira Gémio
António da Cruz Charrão
António dos Santos Palma
Domingos do Ó Borrego
Domingos de Sousa
Francisco Lourenço
João Domingues Lopes
João do Munho
Joaquim do Ó
Joaquim Ribeiro
José Pires
José da Cruz
José da Cruz Charrão
Manuel de Oliveira
und Pedro Ninil

Keiner dieser Männer hatte sich vorher so weit in den Atlantik hinausgewagt und es darf behauptet werden, dass keiner von ihnen sich auch nur annähernd vorstellen konnte was für Strapazen und Gefahren vor ihnen lagen.
Wenn man bedenkt, dass die „Bom Sucesso“ gerade mal 18 m lang und 5 m breit war, das mehrere Tausend Kilometern vor ihnen lagen, sie vor französischen Kriegsschiffen und Piraten ständig auf der Hut sein mussten und das sie, außer einer alten Seekarte, keinerlei nautisches Gerät an Bord hatten, kann man ohne Zweifel von Wagemut bei diesen Männern sprechen.
Sie orientierten sich nachts mit Hilfe der Sterne und nutzten die Winde und Meeresströmungen um ihr Ziel Rio de Janeiro zu erreichen.

Begünstigt durch aus Nordosten wehenden Winden erreichte nach einer Woche auf See die „Bom Sucesso“ am 14. Juli Funchal auf Madeira. Hier versorgte sich die Mannschaft mit frischem Wasser und Lebensmitteln.
In einer Hafenkneipe lernte Kapitän Manuel de Oliveira Nobre den Seemann Francisco Domingos Machado kennen.
Machado war zwar noch jung an Jahren, hatte aber schon als Matrose eine Reise ins entfernte Macau hinter sich gebracht, was ihn, in den Augen des Kapitäns, „hochseetauglich“ machte.
Kapitän Oliveira Nobre lud den jungen Machado zur Überfahrt ein, konnte ihn aber nicht für diese bezahlen. Außer dem Dokument mit der Nachricht an den Prinzregenten hatte die „Bom Sucesso“ keinerlei Wertsachen an Bord. Kapitän Oliveira Nobre machte Machado aber ein Angebot schmackhaft, welches er sofort annahm.
Vor versammelter Mannschaft sagte Kapitän Oliveira Nobre dem jungen Machado zu, er würde das Kommando der „Bom Sucesso“ übernehmen, sollte er selber während der abenteuerlichen Reise versterben.
Ein Angebot das der einfache Matrose Machado nicht ausschlagen konnte und wollte.
Zwei Tage später, am 16. Juli, stach die „Bom Sucesso“ wieder in See.

Nach einer langen Zeit auf dem Meer ließen sich eines Morgens zwei Pelikane auf der „Bom Sucesso“ nieder, wohl um sich auszuruhen. Da die Männer diese Vögel von ihrer Heimat her kannten, wussten sie dass sich Pelikane nur sehr selten mehr als 60 oder 70 Seemeilen vom Land zu entfernten pflegten.
Als die Männer dann auch Treibholz, Seegras und Schilfrohr im Wasser treiben sahen, wussten sie, dass sie sich wohl nicht mehr sehr weit von der Küste befinden würden.

Fünf lange und stürmische Wochen nach ihrer Wegfahrt von Madeira und nachdem sie mit großer Zähigkeit und Willenskraft alle Hindernisse auf hoher See überwunden hatten, sichteten die Männer endlich die südamerikanische Küste.
Als sie an Land gingen erfuhren sie von Missionaren, die im Urwald Indios bekehrten, dass sie nicht in Brasilien angelandet waren, sondern sich in Französisch-Guayana befanden – also in Feindesland.
Sie füllten ihre Fässer mit frischem Wasser, besorgten sich im Urwald Nahrung und stachen darauf hin sofort wieder in See.
Da sie nun wussten wo sie sich ungefähr befanden, segelten sie die restliche Strecke immer in Landesnähe.
Sie segelten und ruderten an der dicht bewaldeten Küste Amazoniens, Pernambucos und Bahias vorbei, bevor sie endlich am 22. September 1808 in die Bucht von Guanabara, in Rio de Janeiro, einfuhren.

Sie hissten die portugiesische Flagge und gingen an Land.
Sofort sammelten sich am Hafen zahlreiche Bürger der Stadt und die Soldaten Rios, die den Kaik zuerst gar nicht bemerkt hatten, dachten anfänglich an einen üblen Scherz, denn für sie war es unvorstellbar, dass solch eine Nussschale wie die „Bom Sucesso“ den Atlantik überqueren konnte.
Als dem wachhabenden Kommandeur aber das versiegelte Dokument an den Prinzregenten gezeigt wurde, wurden die Atlantiküberquerer sofort in den königlichen Palast zu Prinzregent João geführt.

Der Regent war beeindruckt und konnte zuerst einmal, wie wohl jeder an diesem Tag in Rio de Janeiro, nicht so richtig glauben das die „Bom Sucesso“ den weiten Weg von Olhão nach Brasilien gefunden hatte.
Er empfing die ganze Mannschaft und ließ dieser, nach dem lesen des Dokuments das die portugiesische Militärregierung der Algarve an ihn gesendet hatte, noch am selben Tag die stattliche Summe von 1.200 Reis, die damalige portugiesische Goldwährung, auszahlen.

Aber der Prinzregent beließ es nicht bei dieser stattlichen Geldsumme für die 18 wagemutigen und tapferen Fischer aus Olhão.
In den folgenden Tagen gab er allen einen hohen militärischen Rang und versah jeden von ihnen mit dem höchsten Verdienstsorden den der portugiesische Staat damals zu vergeben hatte, dem Christusorden (port.: ordem de Cristo), einem Orden der bis dahin eigentlich nur an Adelige verliehen wurde.
Außerdem kaufte er Manuel Martins Garrocho, dem Eigentümer der „Bom Sucesso“, seinen Kaik ab und schenkte ihm einen neuen Segler, mit dem die Mannschaft später auch die Heimreise nach Portugal antrat.

Die original „Bom Sucesso“ gibt es heute nicht mehr.
Keiner weiß was aus dieser kleinen Nussschale geworden ist. Tatsache ist, das der Kaik bis 1841 nachweißlich eines der beliebtesten Ausstellungsstücke des renommierten Marinemuseums von Rio de Janeiro war.

Am 15. November 1808 erhob Prinzregent João Olhão zur Stadt und versah diese mit dem lyrischen Beinamen „Vila de Olhão da Restauração“ (dt.: Olhão, Stadt der Wiederherstellung).
Diesen Ehrentitel gab der Prinzregent der Stadt als Dank für die wichtige Initiative der Bürger Olhãos für die „Wiederherstellung“ der Unabhängigkeit Portugals von den französischen Besatzern.

Im Februar 1809 kehren die 18 Fischer aus Olhão in ihre Heimat zurück.
An Bord nahmen sie verschiedene Schriftstücke mit, unter ihnen verschiedene Anordnungen und Befehle des Prinzregenten an die Militärverwaltungen in Lissabon und der Algarve, sowie zahlreiche Briefe und Schriftstücke bürgerlicher, adliger und kirchlicher Bürger Rios an die verschiedensten Empfänger in Portugal.
Der portugiesische Seepostweg war gegründet!

In Portugal angekommen fingen einige der 17 Männer der „Bom Sucesso“ eine militärische Karriere an, andere widmeten sich wieder der Fischerei zu und zwei von ihnen, Manuel de Oliveira Nobre und Francisco Domingos Machado blieben der portugiesischen Übersee-Seefahrt treu.

Aber so unterschiedlich sich auch ihre jeweiligen Lebenswege nach ihrer tapferen Reise über den Atlantik entwickelten, alle 18 fanden sie nach dem Tod ihre letzte Ruhestätte in der Kapelle Nossa Senhora dos Aflitos im Herzen von Olhão, dort wo sie heute noch ruhen.
Der Kaik „Bom Sucesso“, wenn auch nur die Kopie, hat sie alle überlebt und steht heute im Hafen von Olhão, wo sie der Stadt als Museums- und Ausflugsboot dient.

Dienstag, 30. Juni 2015

Olhão







Im Vergleich zu anderen Orten an der Algarve ist das nur wenige Kilometer östlich der Distrikthauptstadt Faro gelegene und knapp 50.000 Einwohner zählende Städtchen Olhão noch weitgehend vom Tourismus unberührt.
Wichtiger Erwerbszweig der Bewohner ist der Fischfang auf Sardinen und Thunfisch die hier heute noch in einer Konservenfabrik weiterverarbeitet werden.
Der Hafenumsatz liegt an erster Stelle im Distrikt Faro, noch vor dem von Portimão, Lagos oder Tavira.

Das noch immer sehr orientalisch anmutende Olhão erhält sein maurisches Flair durch die typischen weißen zwei- bis dreistöckigen Würfelhäuser, deren Flachdächer zu Terrassen (port.: açoteias) mit durchbrochenen Kamin- und Ausguckaufbauten ausgestattet sind. Diese kubistische Bauweise ist freilich kein maurisches Erbe, sondern wurde im ausgehenden 18. Jahrh., als eine große Zahl von Fischern aus Aveiro sich in Olhão niederließ, wegen ihrer Zweckmäßigkeit in dem hier vorherrschenden heiß-trockenen Klima als maurischer Stil wieder entdeckt.

Mit außergewöhnlichen architektonischen Sehenswürdigkeiten kann Olhão nicht aufwarten, ganz stimmungsvoll ist jedoch die Atmosphäre am Hafen, wo nicht zuletzt eine eigenwillige Fischmarkthalle (port.: mercado de peixe) die Blicke auf sich lenkt.
Die Fischer von Olhão sind seit jeher dafür berühmt sehr talentiert und erfolgreich ihrem Handwerk nachzugehen und aus ihrem Fang dann exquisite Gerichte zu zaubern. Das geht soweit, das Olhão heute als die „kulinarische Hauptstadt“ der Algarve gilt.

Außer dem malerischen Hafen und der Fischmarkthalle verdient die Pfarrkirche Nossa Senhora do Rosário an der Praça da Restauração, im historischen Stadtzentrum, Beachtung. Vom Turm dieses in den Jahren 1681 bis 1698 von Fischern erbauten Gotteshauses bietet sich ein schöner Blick über die Stadt.
Gegenüber, in der Kapelle Nossa Senhora dos Aflitos, beteten und beten heute noch die an Land zurückgebliebenen Fischerfrauen für ihre auf See befindlichen Männer.

Aber so arm Olhão auch an großen architektonischen Sehenswürdigkeiten auch sein mag, an Geschichte und spektakulären Landschaften ist diese Kleinstadt an der Lagune der Ria Formosa umso reicher.
Die Ria Formosa ist einer der größten vogel- und fischreichsten Wassernaturschutzgebiete (port.: Parque Natural da Ria Formosa) Europas.
Unzähligen Kanäle, Sanddünen, Salzmarschen und ein Watt bilden diese unglaubliche Lagunenlandschaft vor der Küste der Algarve.

Obwohl die Umgebung von Olhão wahrscheinlich bereits in der Jungsteinzeit bevölkert war, wurde die heutige Stadtgegend nachweißlich erst von den Römern ständig besiedelt. Die heute noch existierende alte römische Steinbrücke in der Gemeinde Quelfes ist wohl das markanteste Bauwerk aus dieser Zeit.

Im 8. Jahrh. n. Chr. wurde die Algarve von den arabischen Mauren erobert und besiedelt.
Die neuen Herren gaben dem Ort den Namen „al-Hain“, was soviel bedeutete wie „sprudelnde Quellen“, da es in dieser Gegend sehr viele Quellen und Brunnen gab.
Aus „al-Hain“ wurde mit der Zeit „Alham“ und später, als die Portugiesen Mitte des 13. Jahrh die Algarve im Rahmen der Reconquista von den Mauren eroberten, benannten sie den Ort in „Olham“ um, gaben ihn aber schnell auf, so das er rasch an Bedeutung verlor.

Die nächsten Siedler sollten erst wieder im 17. Jahrh. hier auftauchen, dann nämlich, als sich Fischer aus der Stadt Aveiro im Territorium der heutigen Stadt ansiedelten und den Ort Olhão nannten.
Die ersten Bewohner bauten sich einfache Strohhütten und erst Ende des 18. Jahrh. fingen die Fischer an feste Steinhäuser im maurischen Stil zu errichten, so wie wir sie heute kennen.

Die Fischer lebten aber damals nicht nur vom Fischfang, sondern gaben sich auch Erfolgreich dem Schmuggel hin.
Das kam daher, weil die in der Nähe liegende Stadt Faro damals sehr hohe Steuern und Zölle auf importierte Waren erhob.
Da Olhão strategisch sehr gut in einem Labyrinth von verzweigten Meeresarmen, Lagunen und Sandbänken lag – die nur von den einheimischen Fischern gefahrlos befahren werden konnten – umgingen viele Händler die horrenden Handelszölle in Faro, indem sie die Fischer von Olhão zum schmuggeln animierten.

Als das Schmuggeln überhand nahm und auch noch marokkanische Piraten vor Olhão anfingen ihr Unwesen zu treiben, beschloss der Gouverneur in Faro im Jahre 1654 auf einer Sandinsel in der Ria Formosa vor Olhão eine Festung zu errichten.
Diese Festung, die den Namen Fortaleza de São Lourenço erhielt, versandete leider recht schnell und verlor mit der Zeit als Festung der Stadt schnell an Wert.
Im Jahre 1747 beschloss man daher eine neue Festung zu bauen, diesmal auf der vor Olhão gelagerten Insel Armona.
Doch kaum war diese Festung erbaut, da wurde sie 1755 von einem verheerenden Erdbeben völlig zerstört.

Mitte des 18. Jahrh. war Olhão zu einem kleinen florierenden Ort herangewachsen.
Die Einwohner konnten sehr gut vom Meer leben, und zwar so gut, dass König José I im Jahre 1765 dem Ort die gleichen Steuerprivilegien zugestand, wie sie bis dahin nur die Stadt Faro hatte.
Dank dieser neuen steuerlichen Freiheiten entwickelte sich Olhão zusehends und seine Bürger wurden damals zu den reichsten der ganzen Algarve.

Als zwischen 1779 und 1783 spanisch-französische Truppen das von den Engländern regierte und in der Nähe liegende Gibraltar belagerten, blühte Olhão wirtschaftlich und handelspolitisch noch einmal auf.
In Folge der napoleonischen Kriege auf der Iberischen Halbinsel besetzten französische Truppen auch Portugal.
Während Königin Maria I und ihr Sohn, Prinzregent João, mit der ganzen Regierung und dem gesamten Hofstaat nach Rio de Janeiro ins Exil gingen (lesen sie hierzu auch meinen Blogeintrag „Das brasilianische Exil der portugiesischen Königsfamilie“, vom 29. November 2011) blieben die Portugiesen der Willkür der Franzosen überlassen.
Obwohl Prinzregent João bei seinem Abschied aus Portugal, aus Angst vor Repressalien, seinen Untertanen empfohlen hatte sich nicht gegen die Truppen Frankreichs zu stellen, fanden während der französischen Okkupation in Portugal doch verschiedene kleine Aufstände statt, die aber bis dahin alle von den französischen Soldaten grausam niedergeschlagen wurden.

Es waren die Fischer von Olhão die im Juni 1808 erfolgreich gegen die französischen Invasionstruppen vorgingen.
Die Franzosen hatten Olhão am 14. April 1808 besetzt und den Ort auf brutalste Art und Weise geplündert und unterworfen.
Den Einwohnern, die praktisch alle nur von der Fischerei lebten, wurde auf Anordnung von General Jean Andoche Junot, dem Oberbefehlshaber der französischen Truppen, u. a. untersagt aufs offene Meer hinauszufahren, so dass sie ihrem Haupterwerb nicht mehr nachgehen konnten.
Ihnen wurden hohe Steuern auferlegt und es war den Bürgern bei Todesstrafe verboten portugiesische Hoheitszeichen, wie etwa Fahnen, Banner oder Wappen, zu besitzen oder diese gar zur Schau zu stellen.
Ebenfalls unter Todesstrafe setzten die Franzosen das Schmuggeln, womit den Bürgern von Olhão ihre bis dahin zweite Lebensgrundlage auch genommen wurde.

Die französischen Truppen, die damals in Portugal wohl so zerstörerisch und brutal vorgingen wie heute der so genannte Islamische Staat in Syrien oder dem Irak, waren hierzulande verständlicher Weise nicht gerade sehr beliebt!

Vor allem die Bürger der Algarve, hier insbesondere die Menschen in Olhão, widersetzten sich regelmäßig den drastischen Befehlen und Anordnungen der Franzosen, was zur Folge hatte, das diese hier in diesem Teil Portugals besonders brutal gegen die Bevölkerung vorging.

Eines dieser Anordnungen der Franzosen war, wie schon erwähnt, das Verbot von portugiesischen Hoheitszeichen, die kein Bürger und kein Gebäude der Stadt besitzen noch zeigen durfte.
Die Hauptkirche von Olhão, die Kirche Nossa Senhora do Rosário, war an ihrem Altar mit einem portugiesischen Wappen geschmückt, der seit der französischen Okkupation aber durch ein Tuch verdeckt wurde.
Als am Vorabend zur Feier des Heiligen Antonius (port.: Santo António), dem 12. Juni 1808, ein Festgottesdienst in dieser Kirche abgehalten wurde, entblößte der Pfarrer während der Messe das portugiesische Wappen, welches bis dahin unter dem Tuch versteckt war, und die Bevölkerung unterstützte mit lautem Wohlwollen diesen offenen Affront gegen die verhassten französischen Besatzer.
Diese Widersetzung gegen die französischen Besatzungsgesetze in der Kirche war sozusagen der „Startschuss“ für die bis dahin größte Revolte gegen die französischen Besatzer!
Nach diesem für Olhão denkwürdigen Gottesdienst holten alle Bürger der Stadt – einer Zählung nach soll Olhão damals an die 4.000 erwachsene Einwohner gehabt haben – ihre bis dahin aufbewahrten Fahnen und Banner aus ihren Verstecken hervor und zeigten diese demonstrativ offen auf der Straße.

Da sich damals lediglich 58 französische Soldaten in der Stadt aufhielten – die französische Hauptgarnison befand sich zu dieser Zeit in der nahen Stadt Faro – ließen diese die euphorischen und revoltierenden Bürger aus Angst gewähren.

Aber eine französische Antwort ließ nicht lange auf sich warten!
Noch am Tag der Revolte wurden französische Soldaten aus Tavira und Vila Real de Santo António – etwa 200 Mann – nach Faro beordert um das revoltierende Olhão wieder zur Räson zu bringen.
Drei Tage später, am 16. Juni 1808, einem Fronleichnamdonnerstag, trafen die bis an die Zähne bewaffneten französischen Truppen an der römischen Steinbrücke von Quelfes bei strömendem Regen auf die kämpferische Bevölkerung von Olhão.
Die Bürger von Olhão waren zahlenmäßig den französischen Soldaten zwar weit überlegen, hatten aber außer Mistgabeln, Stöcken, Zwillen, Armbrüsten und Steine keine anderen Waffen um sich zu verteidigen.

Dennoch entschieden sich die gut ausgerüsteten Franzosen die Portugiesen nicht anzugreifen und beschlossen auf Verstärkung und besseres Wetter zu warten.
Das war zweifellos ihr Fehler, denn, um es mit den Worten von Michael Gorbatschow zu sagen, „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – und die Franzosen wurden bestraft!

Da das Wetter nicht besser wurde und die Kampfesmoral der Besatzer immer mehr sank, entschlossen sich die Einwohner von Olhão am 18. Juni 1808 zum Angriff gegen die Franzosen.
Mit Hilfe englischer Soldaten, die den Portugiesen zu Hilfe geeilt waren, konnten die Bürger von Olhão die napoleonischen Truppen bezwingen und das belagerte Olhão befreien.
Diese Revolte gegen die Franzosen war der Vorreiter weiterer Aufstände gegen die verhassten Invasionstruppen. So lehnten sich alsbald die Städte Loulé, dann Lagos und schließlich auch die Provinzhauptstadt Faro gegen die Franzosen auf, so das eine Woche nach der Revolte in Olhão, am 23. Juni 1808, die Algarve offiziell als „Franzosenfrei“ galt.

Drei Wochen nach dem erfolgreichen Aufstand beschlossen 17 Fischer aus Olhão nach Brasilien zu segeln um dem Königshaus über die neuesten Ereignisse in Portugal zu unterrichten.
Am 07. Juli 1808 stachen sie in einer Nussschale in See und nach einer beschwerlichen Reise von 77 Tagen auf dem Meer, landeten sie am 22. September 1808 in Rio de Janeiro an.

Die Fischer wurden sofort nach ihrer Ankunft zum Regenten des Königreiches, Prinz João, vorgelassen und überbrachten diesem die Nachricht vom Sieg der Einwohner von Olhão über die französischen Invasionstruppen.
Prinzregent João war über diesen errungenen Volkssieg sehr erfreut und zum Dank gab er dem Ort Olhão augenblicklich die Stadtrechte, mit allen Privilegien, Freiheiten, Rechten und Ehren wie sie die anderen Städte des Königreiches besaßen und genossen.
Und noch mehr:
als Zeichen seiner Anerkennung durfte sich die Stadt nach einem Erlass vom 15. November 1808 fortan offiziell „Vila de Olhão da Restauração“ (dt.: „Olhão, Stadt der Wiederherstellung“) nennen.
Diesen lyrischen Beinahmen gab der Prinzregent der Stadt als Dank für die wichtige Initiative der Bürger Olhãos für die „Wiederherstellung“ der Unabhängigkeit Portugals von den Franzosen.

Die Erhebung von Olhão zur Stadt kam ihrer Entwicklung nur zugute und bis ins letzte Jahrhundert hinein florierte Olhão wie kaum eine andere Stadt an der Algarve.
Erst mit dem Niedergang der für diesen Landstrich so wichtigen Fischindustrie und nach der Schließung mehrerer Fischkonservefabriken – nur eine ist heute noch übrig geblieben – hatte der expandierende Aufstieg Olhãos ein Ende.

Der Tourismus sorgt in den letzten Jahren für einen Aufschwung in Olhão.
Auch wenn Olhão keine so landschaftlich schöne Strände hat wie z.B. Albufeira, Portimão, Lagoa oder Tavira – auch wenn sich der Strand von Armona (port.: Praia da ilha da Armona) sich keinesfalls verstecken muss – so sind sie doch sehr sehenswert und erholsam gelegen.
Ich persönlich habe das große Glück sehr gute Freunde in Olhão zu haben und bin ihnen dort jederzeit sehr willkommen.
Aber auch wer keine Freunde in Olhão hat, der wird sie hier, in dieser durchaus sehr gastfreundlichen, stolzen und geschichtsträchtigen Stadt, garantiert schnell finden!

Sonntag, 13. Juli 2014

Die Portugiesen in... Rio de Janeiro


Portugal ist bei der Fußball-WM 2014 (port.: Mundial de futebol 2014) in Brasilien bereits in der Vorrunde ausgeschieden.
Nichtsdestotrotz wurde in Brasilien weiter Fußball gespielt.
So findet am heutigen Sonntag, im berühmten Maracanã-Stadion zu Rio de Janeiro, das Finale der diesjährigen Fußball-WM statt.
Ich habe hier im „Planet Portugal“ in den letzten vier Wochen versucht den einen oder anderen Austragungsort dieser Fußball-WM in Brasilien vorzustellen. Alle diese Städte haben eine portugiesische Entstehungsgeschichte und noch heute einen starken portugiesischen Einfluss, so wie auch die Stadt Rio de Janeiro.

Hier nun im Folgenden eine mehr oder weniger umfassende chronologische Stadtgeschichte von einer der schönsten Städte der Welt – Rio de Janeiro.
Ich habe bei der Erstellung der Chronologie vor allem Wert auf die Entstehungsgeschichte der wichtigsten noch vorhandenen portugiesischen Baudenkmäler gelegt, sowie ebenso auf die wichtigsten geschichtlichen und politischen Ereignisse in der Stadt während der portugiesischen Kolonialzeit.


Rio de Janeiro – die chronologische Geschichte einer Stadt:

- 1500
Die Region in der sich heute die Stadt Rio de Janeiro befindet, wird damals von Tamaio-Indios, vom Volk der Tupinambá, bevölkert. Man schätzt heute die damalige Bevölkerungszahl der Tamaio (tupi: „Großeltern“) auf ca. 70.000 Menschen.
Der Seefahrer Pedro Álvares Cabral entdeckt, eher zufällig auf dem Weg nach Indien, Brasilien. Er landet mit seiner Flotte am 22. April 1500 in Porto Seguro, im heutigen Bundesstaat Bahia

- 1502
Gaspar de Lemos, Navigator einer der Expeditionsflotten des Seefahrers André Gonçalves, entdeckt am 01. Januar die Bucht von Guanabara (tupi: „Meeresarm“ / port.: Bahia de Guanabara). Weil er glaubt, es handelt sich bei dieser Meeresbucht um die Mündung eines großen Flusses, nennt er den „Fluss“ Rio de Janeiro (dt.: Januarfluss)

- 1503
Der portugiesische Entdecker Gonçalo Coelho errichtet am Strande von Flamengo, an der Mündung eines Baches, der sich damals zur wichtigsten Süßwasserquelle für die folgenden Schiffsbesatzungen entwickelte, eine kleine Handelsniederlassung aus Lehm. Diesen Bach nennen die Tamaio-Indianer Carioca (tupi: „Haus des weißen Mannes“). Heute werden die Einwohner Rios „Cariocas“ genannt

- 1506
Nachdem er zwei Jahre am Rio Carioca gesiedelt hat, tritt der Entdecker Gonçalo Coelho die Heimreise nach Lissabon an

- 1515
Der spanische Seefahrer Juan Diaz de Solis macht im November, auf seiner Expeditionsfahrt ins südliche Südamerika, Halt in der Bucht von Guanabara

- 1519
Am 13. Dezember ankert die Flotte von Fernão de Magalhães (dt.: Ferdinand Magellan), bestehend aus den vier Segelschiffen „La Trinidad“, „Santo Antonio“, „Victoria“ und „Conception“, in der Bucht von Guanabara.
Fernão de Magalhães benennt, wissentlich oder unwissentlich, die Bucht mit dem Namen „Santa Luzia“

- 1530
Der erste Gouverneur Brasiliens, Martim Afonso de Sousa, besucht mit einer Flotte von fünf Schiffen und 500 Mann Besatzung, die Bucht von Guanabara auf seinem Weg ins südliche Brasilien.
Dort gründet er später im heutigen Bundesstaat São Paulo die erste europäische Stadt Südamerikas, São Vicente.

- 1531
Der adelige Seefahrer und Pero Lopes de Sousa, der zur Mannschaft von Martim Afonso de Sousa gehört, baut das erste Steinhaus am Bach Carioca

- 1553
Der erste Generalgouverneur Brasiliens, Tomé de Sousa, kommt mit seinem Freund, dem Jesuitenpater und bedeutenden Theologen Manuel da Nobrega, in der Bucht von Guanabara an. Manuel da Nobrega ist auf der Durchreise und gründet ein Jahr später die spätere Stadt São Paulo

- 1555
Der französische Admiral Nicolas Durand de Villegagnon dringt mit seinen Männern in die Bucht von Guanabara ein, besetzt die Kolonie und errichtet die Festung Fort Coligny auf der von den Indios genannten Insel Serigipe (tupi: „im Fluß der Krebse“). Die Insel trägt heute zu ehren Admirals de Villegagnon seinen Namen, Ilha de Villegagnon

- 1559
Nach 4 Jahren Besetzung verlässt Nicolas Durand de Villegagnon wieder die Bucht von Guanabara. Fort Coligny und die Insel Serigipe bleiben aber unter französischer Herrschaft

- 1560
Den Portugiesen gelingt es, unter dem Kommando des Juristen und späteren Generalgouverneurs Mem de Sá, das Fort Coligny einzunehmen und die Franzosen von der Insel Serigipe zu vertreiben. Diese versuchen sich daraufhin auf der 36 km² großen Insel Paranapuam (tupi: „Wildkatze“), der heutigen Ilha do Governador (dt.: Gouverneursinsel), anzusiedeln

- 1565
Estácio de Sá, ein Neffe von Mem de Sá, gründet am 01. März die Stadt São Sebastião do Rio de Janeiro und wird ihr Gouverneur.
Die Stadt erstreckte sich damals lediglich zwischen dem Zuckerhut (port.: Pão de Açucar) und dem heutigen Stadtteil Urca, wo sich heutzutage das Forte de São João befindet

- 1567
Am 20. Januar gelingt es dem Stadtgründer Estácio de Sá die Franzosen von der Insel Paranapuam und somit endgültig aus der portugiesischen Kolonie zu vertreiben. Er verletzt sich aber bei dieser Befreiungsaktion und stirbt einen Monat später, am 20. Februar, an seinen schweren Verletzungen.
Nach dem Tod von Estácio de Sá wird sein Onkel Mem de Sá Gouverneur der Stadt.
Im selben Jahr gründen die Jesuiten die erste Schule von Rio

- 1568
Salvador Correia de Sá, ein Neffe von Mem de Sá, folgt seinem Onkel auf dem Stuhl des Gouverneurs

- 1572
Cristóvão de Barros löste Salvador de Sá als Gouverneur ab

- 1576
Der Richter António Salema wird neuer Gouverneur der Stadt

- 1577
Salvador Correia de Sá, der von 1568 bis 1572 schon einmal die Stadt verwaltet hat, löst nach nur einem Jahr Amtszeit António Salema als Gouverneur von Rio de Janeiro ab

- 1582
Aleixo Manuel, der erste praktizierende Arzt von Rio de Janeiro, lässt auf dem Hügel São Bento die Kapelle Nossa Senhora da Conceição errichten.
Das Krankenhaus der Santa Casa da Misericórdia, eine kirchlich-soziale Einrichtung, wird gebaut. Neben dem Krankenhaus entsteht die Kirche Igreja de Nossa Senhora do Bonsucesso

- 1585
Die Kirche Igreja de São Sebastião dos Capuchinhos, im heutigen Stadtteil Tijuca, wird gebaut

- 1586
Aus Bahia kommen die ersten Benediktinermönche in die Stadt. Sie beginnen mit dem Bau des Münsters Mosteiro de São Bento

- 1590
Die ersten Mönche des Karmeliterordens kommen in Rio an.
Der Kaufmann João Pereira de Sousa, der mit Spitznamen „bota fogo“ (dt.: „Brandstifter“) genannt wird, kauft von seinem Freund Francisco Velho ein Grundstück, an dem sich heute der Stadtteil und der Strand von Praia de Botafogo erstreckt.
Der Stadtteil (port.: bairro) Botafogo wird gegründet

- 1592
Die ersten Franziskanermönche kommen in Rio an.
Am Strand von Praia de Santa Luzia, den es heute nicht mehr gibt da die Landebahn des Flughafen Santos Dumont bis ans Wasser reicht, errichten die Franziskaner eine kleine Kapelle, die heutige Kirche Igreja de Santa Luzia

- 1599
Francisco de Mendonça e Vasconcelos übernimmt von Salvador Correia de Sá das Amt des Gouverneurs von Rio de Janeiro.
Olivier van Noort, der dabei ist als erster Holländer die Welt zu umrunden, trifft in der Bucht von Guanabara ein. Ihm wird aber verweigert dort zu ankern und so segelt er weiter in Richtung Feuerland

- 1602
Martim Correia de Sá, Sohn des ehemaligen Gouverneurs Salvador Correia de Sá, tritt seine erste Amtszeit als Gouverneur von Rio de Janeiro an

- 1603
Die Festung Forte de São Tiago, wo heute das Nationalhistorische Museum der Stadt untergebracht ist (port.: Museu Histórico Nacional da Cidade do Rio de Janeiro), wird gebaut

- 1608
Afonso de Albuquerque – nicht zu verwechseln mit dem berühmten portugiesischen Vizekönig in Indien gleichen Namens – wird Gouverneur von Rio de Janeiro.
Der Franziskanermönch Francisco dos Santos beginnt mit dem Bau des Klosters Convento de Santo António, der bis 1620 dauern wird

- 1609
Auf See, unweit der brasilianischen Küste, erleidet das Segelschiff „Candelária“ Schiffbruch und droht zu sinken. Das wohlhabende Passagierehepaar António Martins Palma und Leonor Gonçalves geloben eine Kapelle zu stiften, sollten sie nicht untergehen. Das Schiff schafft es mit Mühe an die Küste und das Ehepaar überlebt. Daraufhin halten sie Wort und stiften eine kleine Kapelle, die heutige Kirche Igreja de Nossa Senhora da Candelária

- 1611
Der Karmelitermönch Pedro Viana, der zuvor schon in der Stadt Santos für den Bau des dortigen Karmeliterklosters verantwortlich war, übernimmt auch in Rio den Bau des Klosters Convento do Carmo. Dieses Kloster, das heute noch existiert, wird im 19. Jahrhundert, nach Ankunft der portugiesischen Königsfamilie in Brasilien, von der Krone beschlagnahmt und dann zum offiziellen Wohnsitz von Königin Maria I umfunktioniert

- 1614
Constantino de Menelau wird 10. Gouverneur von Rio

- 1617
Rui Vaz Pinto wird zum Gouverneur von Rio de Janeiro ernannt.
Aus Bahia kommen die ersten Benediktinermönche in die Stadt. Sie beginnen mit dem Bau des Klosters São Bento

- 1620
Francisco Fajardo wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1623
Correia de Sá wird zum zweiten Mal Gouverneur von Rio

- 1633
Rodrigo de Miranda Henriques wird Gouverneur von Rio

- 1635
Es wird mit dem Bau der Kirche Igreja de Nossa Senhora da Penha begonnen

- 1637
Der aus Cadiz stammende Militär Salvador Correia de Sá Benevides wird zum ersten Mal Gouverneur von Rio de Janeiro. Er ist es, der das erste Rathaus und das erste Gefängnis in Rio bauen lässt

- 1639
Auf der Insel Ilha das Cobras (dt.: Schlangeninsel), einer der Inseln in der Bucht von Guanabara, wird mit dem Bau der Festung Fortaleza de São José begonnen

- 1642
Duarte Correia Vasqueanes, Halbbruder des ehemaligen Gouverneurs Salvador Correia de Sá, wird für wenige Monaten Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1643
Luis Barbalho Bezerra wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1644
Francisco de Souto Maior wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1645
Am 08. Mai verzichtet Francisco de Souto Maior auf sein Gouverneursamt, da er an einer Expedition nach Portugiesisch Westafrika teilnimmt, wo er mithelfen will die Holländer aus Angola zu vertreiben.
Sein Nachfolger wird Duarte Correia Vasqueanes, der schon einmal das Gouverneursamt für kurze Zeit inne hatte

- 1648
Salvador Correia de Sá e Benevides wird Anfang des Jahres zum zweiten Mal Gouverneur der Stadt, verzichtet aber Mitte des Jahres wieder auf sein Amt, da er an einem Eroberungsfeldzug in Angola teilnehmen will, um dort die Holländer aus der portugiesischen Kolonie zu vertreiben. Sein Nachfolger wird erneut für kurze Zeit Duarte Correia Vasqueanes

- 1649
Sebastião de Brito Pereira wird neuer Gouverneur von Rio

- 1651
António Galvão wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1652
Luis de Almeida Portugal wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1657
Tomé Correia de Alvarega wird zum ersten Mal Gouverneur von Rio de Janeiro.
Mönche des Franziskanerordens fangen mit dem Bau der Kirche Igreja da Ordem Terceira de São Francisco da Penitência, eine der schönsten Kirchen der Stadt, an

- 1659
Salvador Correia de Sá e Benevides beginnt seine dritte Amtszeit als Gouverneur der Stadt

- 1660
Tomé Correia de Alvarega wird erneut Gouverneur von Rio, wird aber noch im selben Jahr von Agostinho Barbalho Bezerra ermordet, der selber das Amt des Gouverneurs übernimmt

- 1661
Auf Befehl von König Afonso VI im fernen Portugal, wird Agostinho Barbalho Bezerra abgesetzt und João Correia de Sá, ein Nachfahre des Gründers von Rio de Janeiro,  Estácio de Sá, zum neuen Gouverneur ausgerufen

- 1662
Pedro de Melo wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1665
Der Stadtteil (port.: bairro) Urca wird gegründet

- 1666
Pedro Mascarenhas de Lencastre wird Gouverneur von Rio

- 1670
João da Silva e Sousa wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1671
Der Portugiese António Caminha stiftet eine kleine Kapelle, die an der Stelle gebaut wird, wo einmal später die Kirche Igreja da Glória stehen wird

- 1675
Matias da Cunha wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1676
Rio de Janeiro wird zum Bistum

- 1679
Der General Manuel Lobo tritt am 09. Mai sein Amt als Gouverneur von Rio de Janeiro an, doch zwei Monate später tritt er eine Expeditionsreise ins südliche Brasilien an.
João Tavares Roldon vertritt ihn als Gouverneur

- 1681
Pedro Gomes wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1682
Duarte Teixeira Chaves wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1686
João Furtado de Mendonça wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1689
Am 24. Juni wird Francisco Napier de Lencastre Gouverneur von Rio de Janeiro.
Er gründet die erste Volksmiliz und die erste Militärschule der Stadt, bevor er zu einer Expeditionsreise nach Angola aufbricht

- 1690
Luis César de Meneses wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1693
António Pais de Sande wird Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1694
André Cusaco tritt am 29. August sein Amt als Gouverneur von Rio de Janeiro an. Cusaco wurde ursprünglich in Irland geboren und hieß Andrew Cusack

- 1695
Am 19. April wird Sebastião de Castro e Caldas Gouverneur von Rio de Janeiro.
Als der französische Kommandant De Gennies versucht die Stadt zu überfallen, lässt ihn Sebastião de Castro e Caldas von der neu erbauten Festung Fortaleza de Santa Cruz da Barra aus, erfolgreich mit Kanonen bombardieren

- 1697
Am 15. Oktober wird Martim Correia Vasques zum ersten Mal Gouverneur von Rio de Janeiro ernannt. Da er sich aber noch im selben Monat auf dem Weg nach São Paulo macht, besetzt Francisco de Castro Morais den Platz des Gouverneurs.
Die Münzprägeanstalt Casa da Moeda wird in Rio gegründet

- 1699
Artur de Sá Meneses, noch ein Mitglied der Familie Sá die so viele Gouverneure in Rio hervorgebracht hat, wird Gouverneur von Rio de Janeiro. Bis Juli 1702 bleibt er im Amt

- 1702
Álvaro da Silveira e Albuquerque wird im Juli Gouverneur von Rio de Janeiro. Er bleibt bis April 1704 im Amt.
Auf Anordnung des Bischofs von Rio, D. Francisco de São Jeronimo, wird der erste Bischofspalast der Stadt gebaut

- 1704
D. Francisco de São Jeronimo, Bischof von Rio de Janeiro, wird im April der erste Geistliche auf dem Stuhl des Gouverneurs. Bis zum August 1705 bleibt er im Amt

- 1705
Der Adelige Fernando Martins Mascarenhas Lencastre wird im August Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1709
António de Albuquerque Coelho de Carvalho ist von Juni bis Dezember Gouverneur von Rio de Janeiro. Danach löst ihn Gregorio de Castro Morais als Gouverneur ab

- 1710
Francisco de Castro Morais wird das zweite Mal zum Gouverneur ernannt.
Der französische Freibeuter Jean-François Duclerc überfällt mit seinen Männern Rio de Janeiro, kann die Stadt aber nicht einnehmen. Duclerc wird festgenommen und unter Hausarrest gesetzt. Am 11. März wird er auf mysteriöse Art und Weise von einer Gruppe Maskierter in seinem Gefängnis umgebracht

- 1711
Am 12. September wird die Stadt erneut von Franzosen, unter dem Kommando des Freibeuters und Marineoffiziers René Duguay-Trouin, attackiert. Duguay-Trouin und seine Männer wollen die über 600 französischen Gefangenen in den Gefängnissen von Rio befreien.
Den Freibeutern gelingt es die Stadt einzunehmen, zu plündern und vorerst zu besetzen.
Am 10. Oktober unterzeichnet der Feldherr João de Paiva Souto Maior, Repräsentant des Gouverneurs in der Stadt, die Kapitulationsurkunde.
Die portugiesische Krone setzt daraufhin António de Albuquerque Saldanha de Carvalho erneut als Gouverneur ein

- 1713
Der Adlige Francisco Xavier de Tavora wird Gouverneur von Rio

- 1716
Manuel Almeida Castelo Branco ist von Anfang des Jahres bis zum Juni das erste Mal Gouverneur von Rio de Janeiro

- 1717
António de Brito Freire de Meneses wird Gouverner von Rio

- 1719
Manuel Almeida Castelo Branco wird zum zweiten Mal Gouverneur von Rio de Janeiro, wird aber noch im selben Jahr von Oberst Aires de Saldanha e Albuquerque Coutinho Matos e Noronha abgelöst.
In Rio de Janeiro wird das erste Aquädukt für die öffentliche Wasserversorgung der Stadt, der Aqueduto da Carioca, gebaut

- 1723
In Rio feiern portugiesische Einwanderer aus Madeira und den Azoren zum ersten Mal Karneval in den Straßen der Stadt

- 1725
Luis Vaía Monteiro wird Gouverner von Rio de Janeiro.
Der Bau an der ersten Straße, die einmal die zwei Städte Rio de Janeiro und São Paulo verbinden soll, beginnt

- 1727
Obwohl die Tupi-Sprache – die Sprache der Ureinwohner – die meistgesprochene Sprache der Kolonie ist, wird ihr Gebrauch von Gouverneur Luis Vaía Monteiro in der Stadt verboten

- 1732
Manuel de Freitas da Fonseca wird Gouverneur von Rio

- 1733
Der Edelmann Gomes Freire de Andrade wird Gouverneur in Rio de Janeiro. Er wird sein Amt 30 Jahre lang ausüben, so lange wie kein anderer vor ihm. Und Gomes Freire de Andrade wird auch der letzte Gouverneur sein, denn nach ihm wird Rio de Janeiro zur Hauptstadt des Vize-Königreiches Brasilien und von einem Vize-König regiert werden

- 1743
Gomes Freire de Andrade baut sich einen neuen Gouverneurspalast, der später einmal zum Palast des Vize-König umgebaut wird

- 1747
Die erste Druckerei Rio de Janeiros wird in Betrieb genommen, aber gleich wieder auf Anordnung Portugals geschlossen

- 1749
Die Einwohnerzahl Rio de Janeiros beläuft sich zu dieser Zeit auf etwa 24.000 Personen

- 1750
Der Aquädukt da Carioca, eines der bedeutendsten Bauten der portugiesischen Kolonialzeit in Brasilien, wird fertig gestellt

- 1754
Die Straße zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, die erste Landverbindung zwischen diesen zwei wichtigen Städten, wird fertig gestellt

- 1759
Auf Anordnung des portugiesischen Premierministers, dem Marques de Pombal, müssen 190 Jesuiten die Stadt verlassen. Alle Besitztümer der Jesuiten werden entweder verstaatlicht oder von der Krone versteigert.
Das erste Weisenhaus der Stadt, das Colégio dos Órfãos de São Pedro, wird in Betrieb genommen

- 1763
Der Gouverneur Gomes Freire de Andrade stirbt am 01. Januar.
Am 27. Juni wird D. António Alvares da Cunha erster Vize-König von Brasilien und Rio de Janeiro Hauptstadt des Vize-Königreiches. Er hat sein Amt bis zum 31. August 1767 inne

- 1767
D. Antonio Rolim de Moura Tavares wird am 17. November zweiter Vize-König von Brasilien und bleibt in diesem Amt bis zum 04. November 1769.
Genau gegenüber dem Palast des Vize-Königs, dem alten Gouverneurspalast, wird mit dem Bau eines Opernhauses, dem ersten Theaterhaus Brasiliens, begonnen

- 1769
D. Luis de Almeida Silva Mascarenhas wird am 04. November dritter Vize-König von Brasilien und bleibt im Amt bis zum 30. April 1778

- 1772
Die Wissenschaftliche Akademie von Rio wird gegründet

- 1776
Das Opernhaus wird fertig gestellt und eingeweiht

- 1779
D. Luis de Vasconcelos e Sousa wird am 30. April Vize-König von Brasilien und bleibt im Amt bis zum 09. Mai 1790
Die Naturkundliche Akademie wird gegründet

- 1783
Der erste öffentliche Park der Stadt Rio und ganz Südamerikas, der heutige Passeio Público, wird von dem Mulatten Valentim da Fonseca e Silva, von vielen einfach nur Mestre Valentim (dt.: Meister Valentin) genannt, angelegt

- 1786
Die Literarische Gesellschaft (dt.: Sociedade Literária) von Rio wird gegründet.
Anlässlich der Hochzeit des Kronprinzenpaares João und Carlota Joaquina in Portugal finden in der Stadt verschiedene Feierlichkeiten statt

- 1789
Der brasilianische Freiheitskämpfer Tiradentes, der gegen die Sklavenpolitik der portugiesischen Kolonialherren kämpfte, wird am 12. Mai in Rio de Janeiro festgenommen.
In ganz Rio de Janeiro gibt es zu dieser Zeit 14 Wirtshäuser

- 1790
D. José Luis de Castro wird am 09. Mai der fünfte Vize-König von Brasilien und bleibt im Amt bis zum 14. Oktober 1801.
Ein Brand im Senatsgebäude am 20. Juli vernichtet fast alle wichtigen Dokumente der Stadt

- 1792
Am 21. April wird Tiradentes hingerichtet. Nach der Unabhängigkeit Brasiliens und nach dem Kaiserreich wird er zum ersten Nationalhelden Brasiliens

- 1794
In ganz Rio gibt es jetzt 18 Wirtshäuser

- 1798
Das Postwesen wird in Rio eingeführt

- 1799
Die Einwohnerzahl Rios wird auf ca. 43.000 geschätzt

- 1801
D. Fernando José de Portugal e Castro wird am 14. Oktober der sechste Vize-König von Brasilien und bleibt im Amt bis zum 14. Oktober 1806

- 1806
D. Marcos de Noronha e Brito wird am 14. Oktober der siebte und letzte Vize-König von Brasilien und bleibt im Amt bis zum 22. Januar 1808.

- 1808
Die portugiesische Königsfamilie verließ, auf der Flucht vor den französischen Truppen Napoleons, Portugal am 29. November 1807.
Mit der Ankunft der königlichen Familie in Rio de Janeiro, am 08. März, finden verschiedene, teilweise sehr gravierende Veränderungen und Gründungen in der Stadt statt, die nun die Hauptstadt des portugiesischen Imperiums ist und ca. 80.000 Einwohner zählt.
- So wird der Palast des Vize-Königs (port.: Paço dos Vice-Reis), der auch schon als Gouverneurssitz (port.: Casa dos Governadores) gedient hatte, mit Ankunft der Königsfamilie im März offiziell zum neuen Königspalast (port.: Paço Real)
- Das Kloster Convento do Carmo ist ab April das offizielle Domizil von Königin Maria I
- Am 13. April wird die Kirche Nossa Senhora do Monte do Carmo zur Kathedrale von Rio de Janeiro bestimmt
Am 12. Mai wird die Militär- und Geheimpolizei (port.: Policia Militar e Secreta) von Rio gegründet
Am 27. Mai werden in Rio die Müllabfuhr und Straßenreinigungen eingeführt
Am 06. Juni wird die erste Medizinhochschule (port.: Escola de medicina) in Rio gegründet
Am 10. September erscheint die Zeitung „Gazeta do Rio de Janeiro“, die erste Zeitung Brasiliens
Am 12. Oktober wird die Bank von Brasilien (port.: Banco do Brasil) gegründet

1810
Am 27. Juli wird Die brasilianische Nationalbibliothek (port.: Biblioteca Nacional do Brasil), die erste öffentliche Bibliothek des Landes, von Prinzregent João gegründet

1811
 Der ca. 140 Hektar große Botanische Garten (port.: Jardim botânico) von Rio de Janeiro wird gegründet

1816
Königin Maria I, Königin des Vereinigten Königreiches von Portugal, Brasilien und der Algarve, stirbt am 20. März in Rio de Janeiro. Nachfolger wird ihr Sohn João, der als João VI den Thron besteigt.
Der Franzose Adolph Pharoux eröffnet das erste Hotel der Stadt

1818
König João VI wird am 06. Februar in der Stadt gekrönt
Das erste Museum der Stadt, das Museu Real, wird von König João VI eingeweiht

1821
Am 20. April verlässt König João VI schweren Herzens Brasilien um wieder in Lissabon den portugiesischen Thron zu besetzen, wo er am 03. Juli ankommt.
Er lässt seinen Sohn Pedro als Regenten in Rio de Janeiro zurück.
Man schätzt die Einwohnerzahl Rios in diesem Jahr auf etwa 112.000 Einwohner

1822
Nachdem sich Prinzregent Pedro weigert verschiedene koloniale Anordnungen aus Lissabon in Brasilien einzuführen, wird ihm befohlen nach Lissabon zurückzukehren.
Er weigert sich und proklamiert daraufhin am 01. August die weitgehende Autonomie Brasiliens vom Mutterland.
Am 07. September erklärt Pedro in São Paulo, mit dem „Schrei von Ipiranga“ (port.: „Grito do Ipiranga“), die Unabhängigkeit Brasiliens. Daraufhin wird er am 12. Oktober zum Kaiser Brasiliens proklamiert und am 01. Dezember in Rio de Janeiro als Pedro I gekrönt.

Mit der Unabhängigkeit Brasiliens endete eine über 300 Jahre lange ständige Präsenz Portugals in Rio de Janeiro. Aber auch nach der Unabhängigkeit blieb Brasilien dem Mutterland Portugal wie keine andere Kolonie verbunden. Und keine Stadt des ehemaligen Kolonialreiches ist auch heute noch so „portugiesisch“ wie Rio de Janeiro.