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Montag, 27. Juli 2015

Mit einer Nussschale über den Atlantik – die historische Fahrt der „Bom Sucesso“


Wer jemals die Stadt Olhão in der südportugiesischen Algarve besucht hat (lesen sie hierzu bitte auch meinen Blogeintrag „Olhão“, vom 30. Juni 2015), dem wird am Hafen, zwischen all den Fischer- und Segelbooten, ein kleiner, aber besonders schöner Segler aufgefallen sein.
Bei diesem Kahn – einem so genannten Kaik (port.: caíque) – handelt es sich um eine maßstabgetreue Nachbildung eines Seglers, welches vor über 200 Jahren eine recht abenteuerliche Atlantiküberquerung hinter sich gebracht hat.
Der Name dieses Kaik lautete und lautet „Bom Sucesso“ (dt.: guter Erfolg / gutes Gelingen / viel Erfolg) und ist heute das Wappen der Stadt Olhão.

Kaiks – nicht zu verwechseln mit Kajaks! – sind, vereinfacht gesagt, Miniaturausgaben von Schiffstypen mit denen Portugal einst die Welt umsegelte, wie etwa Karavellen, Galeonen und Naus.
Im Gegensatz zu diesen großen Seglern, waren Kaiks aber nicht für lange Fahrten konzipiert, sondern fanden als robuste Fischer- und Frachtschiffe eigentlich nur in Küstennähe Verwendung.
Die Fischer der Algarve wagten mit diesen kleinen Kähnen gerade mal ab und zu eine Fahrt bis ins nahe Nordafrika.
Vor allem die Einwohner von Olhão benutzten diesen recht wendigen Bootstyp seit jeher um in der vor ihrer Haustür liegenden Ria Formosa zu fischen.

Als Anfang des 19. Jahrh. französische Soldaten auf Befehl von Napoleon Bonaparte Portugal besetzten, verboten sie u. a. den Fischern von Olhão die Kaiks zu benutzen und so ihrem eigentlichen Broterwerb nachzugehen.
Daraufhin fanden die Einwohner von Olhão eine zwar gefährlichere – da unter Todesstrafe stehende – aber dennoch wesentlich ertragreichere Erwerbstätigkeit:
sie schmuggelten auf Teufel komm raus!
Die schnittigen Kaiks, die kaum Tiefgang hatten, waren in den zahlreichen Kanälen, Sanddünen, Salzmarschen und seichten Lagunen der Ria Formosa hierfür für ihre Besitzer sehr von Nutzen. 

Im Juni 1808 erhoben sich die Bürger von Olhão erfolgreich gegen die französischen Besatzer.
Dank der Hilfe englischer Truppen konnten die französischen Soldaten recht schnell besiegt werden und hinter die spanische Grenze gedrängt werden.
Bereits am 23. Juni 1808 galt die Algarve als von den Franzosen befreit.

Die Nachricht über diesen überaus wichtigen Sieg gegen die verhassten Franzosen konnte zuerst einmal nicht an den Staatsoberhaupt gegeben werden, da die damalige Monarchin, Königin Maria I, und ihr Sohn Prinzregent João, der spätere König João VI, im entfernten Brasilien im Exil weilten.
Die königliche Familie war kurz vor der französischen Besatzung im November 1807, samt ihrem Hofstaat und der Regierung, außer Landes gegangen und hatte in Rio de Janeiro ihre Zelte aufgeschlagen.

Da man aber so schnell wie möglich den Prinzregenten über den durchaus wichtigen militärischen Erfolg in der Heimat in Kenntnis setzen wollte, entschloss die portugiesische Militärregierung der Algarve dem Regenten ein Dokument mit der Nachricht über den Sieg Portugals gegen Frankreich zukommen zu lassen.

Am 07. Juli 1808, drei Wochen nach der Befreiung der Algarve, bestiegen 17 einfache Männer aus Olhão den Kaik „Bom Sucesso“ und stachen wagemutig in See.
An Bord waren Manuel de Oliveira Nobre, der zum Kapitän bestimmt worden war,
Manuel Martins Garrocho, der Eigentümer der „Bom Sucesso”,
und die einfachen Fischer
António Pereira Gémio
António da Cruz Charrão
António dos Santos Palma
Domingos do Ó Borrego
Domingos de Sousa
Francisco Lourenço
João Domingues Lopes
João do Munho
Joaquim do Ó
Joaquim Ribeiro
José Pires
José da Cruz
José da Cruz Charrão
Manuel de Oliveira
und Pedro Ninil

Keiner dieser Männer hatte sich vorher so weit in den Atlantik hinausgewagt und es darf behauptet werden, dass keiner von ihnen sich auch nur annähernd vorstellen konnte was für Strapazen und Gefahren vor ihnen lagen.
Wenn man bedenkt, dass die „Bom Sucesso“ gerade mal 18 m lang und 5 m breit war, das mehrere Tausend Kilometern vor ihnen lagen, sie vor französischen Kriegsschiffen und Piraten ständig auf der Hut sein mussten und das sie, außer einer alten Seekarte, keinerlei nautisches Gerät an Bord hatten, kann man ohne Zweifel von Wagemut bei diesen Männern sprechen.
Sie orientierten sich nachts mit Hilfe der Sterne und nutzten die Winde und Meeresströmungen um ihr Ziel Rio de Janeiro zu erreichen.

Begünstigt durch aus Nordosten wehenden Winden erreichte nach einer Woche auf See die „Bom Sucesso“ am 14. Juli Funchal auf Madeira. Hier versorgte sich die Mannschaft mit frischem Wasser und Lebensmitteln.
In einer Hafenkneipe lernte Kapitän Manuel de Oliveira Nobre den Seemann Francisco Domingos Machado kennen.
Machado war zwar noch jung an Jahren, hatte aber schon als Matrose eine Reise ins entfernte Macau hinter sich gebracht, was ihn, in den Augen des Kapitäns, „hochseetauglich“ machte.
Kapitän Oliveira Nobre lud den jungen Machado zur Überfahrt ein, konnte ihn aber nicht für diese bezahlen. Außer dem Dokument mit der Nachricht an den Prinzregenten hatte die „Bom Sucesso“ keinerlei Wertsachen an Bord. Kapitän Oliveira Nobre machte Machado aber ein Angebot schmackhaft, welches er sofort annahm.
Vor versammelter Mannschaft sagte Kapitän Oliveira Nobre dem jungen Machado zu, er würde das Kommando der „Bom Sucesso“ übernehmen, sollte er selber während der abenteuerlichen Reise versterben.
Ein Angebot das der einfache Matrose Machado nicht ausschlagen konnte und wollte.
Zwei Tage später, am 16. Juli, stach die „Bom Sucesso“ wieder in See.

Nach einer langen Zeit auf dem Meer ließen sich eines Morgens zwei Pelikane auf der „Bom Sucesso“ nieder, wohl um sich auszuruhen. Da die Männer diese Vögel von ihrer Heimat her kannten, wussten sie dass sich Pelikane nur sehr selten mehr als 60 oder 70 Seemeilen vom Land zu entfernten pflegten.
Als die Männer dann auch Treibholz, Seegras und Schilfrohr im Wasser treiben sahen, wussten sie, dass sie sich wohl nicht mehr sehr weit von der Küste befinden würden.

Fünf lange und stürmische Wochen nach ihrer Wegfahrt von Madeira und nachdem sie mit großer Zähigkeit und Willenskraft alle Hindernisse auf hoher See überwunden hatten, sichteten die Männer endlich die südamerikanische Küste.
Als sie an Land gingen erfuhren sie von Missionaren, die im Urwald Indios bekehrten, dass sie nicht in Brasilien angelandet waren, sondern sich in Französisch-Guayana befanden – also in Feindesland.
Sie füllten ihre Fässer mit frischem Wasser, besorgten sich im Urwald Nahrung und stachen darauf hin sofort wieder in See.
Da sie nun wussten wo sie sich ungefähr befanden, segelten sie die restliche Strecke immer in Landesnähe.
Sie segelten und ruderten an der dicht bewaldeten Küste Amazoniens, Pernambucos und Bahias vorbei, bevor sie endlich am 22. September 1808 in die Bucht von Guanabara, in Rio de Janeiro, einfuhren.

Sie hissten die portugiesische Flagge und gingen an Land.
Sofort sammelten sich am Hafen zahlreiche Bürger der Stadt und die Soldaten Rios, die den Kaik zuerst gar nicht bemerkt hatten, dachten anfänglich an einen üblen Scherz, denn für sie war es unvorstellbar, dass solch eine Nussschale wie die „Bom Sucesso“ den Atlantik überqueren konnte.
Als dem wachhabenden Kommandeur aber das versiegelte Dokument an den Prinzregenten gezeigt wurde, wurden die Atlantiküberquerer sofort in den königlichen Palast zu Prinzregent João geführt.

Der Regent war beeindruckt und konnte zuerst einmal, wie wohl jeder an diesem Tag in Rio de Janeiro, nicht so richtig glauben das die „Bom Sucesso“ den weiten Weg von Olhão nach Brasilien gefunden hatte.
Er empfing die ganze Mannschaft und ließ dieser, nach dem lesen des Dokuments das die portugiesische Militärregierung der Algarve an ihn gesendet hatte, noch am selben Tag die stattliche Summe von 1.200 Reis, die damalige portugiesische Goldwährung, auszahlen.

Aber der Prinzregent beließ es nicht bei dieser stattlichen Geldsumme für die 18 wagemutigen und tapferen Fischer aus Olhão.
In den folgenden Tagen gab er allen einen hohen militärischen Rang und versah jeden von ihnen mit dem höchsten Verdienstsorden den der portugiesische Staat damals zu vergeben hatte, dem Christusorden (port.: ordem de Cristo), einem Orden der bis dahin eigentlich nur an Adelige verliehen wurde.
Außerdem kaufte er Manuel Martins Garrocho, dem Eigentümer der „Bom Sucesso“, seinen Kaik ab und schenkte ihm einen neuen Segler, mit dem die Mannschaft später auch die Heimreise nach Portugal antrat.

Die original „Bom Sucesso“ gibt es heute nicht mehr.
Keiner weiß was aus dieser kleinen Nussschale geworden ist. Tatsache ist, das der Kaik bis 1841 nachweißlich eines der beliebtesten Ausstellungsstücke des renommierten Marinemuseums von Rio de Janeiro war.

Am 15. November 1808 erhob Prinzregent João Olhão zur Stadt und versah diese mit dem lyrischen Beinamen „Vila de Olhão da Restauração“ (dt.: Olhão, Stadt der Wiederherstellung).
Diesen Ehrentitel gab der Prinzregent der Stadt als Dank für die wichtige Initiative der Bürger Olhãos für die „Wiederherstellung“ der Unabhängigkeit Portugals von den französischen Besatzern.

Im Februar 1809 kehren die 18 Fischer aus Olhão in ihre Heimat zurück.
An Bord nahmen sie verschiedene Schriftstücke mit, unter ihnen verschiedene Anordnungen und Befehle des Prinzregenten an die Militärverwaltungen in Lissabon und der Algarve, sowie zahlreiche Briefe und Schriftstücke bürgerlicher, adliger und kirchlicher Bürger Rios an die verschiedensten Empfänger in Portugal.
Der portugiesische Seepostweg war gegründet!

In Portugal angekommen fingen einige der 17 Männer der „Bom Sucesso“ eine militärische Karriere an, andere widmeten sich wieder der Fischerei zu und zwei von ihnen, Manuel de Oliveira Nobre und Francisco Domingos Machado blieben der portugiesischen Übersee-Seefahrt treu.

Aber so unterschiedlich sich auch ihre jeweiligen Lebenswege nach ihrer tapferen Reise über den Atlantik entwickelten, alle 18 fanden sie nach dem Tod ihre letzte Ruhestätte in der Kapelle Nossa Senhora dos Aflitos im Herzen von Olhão, dort wo sie heute noch ruhen.
Der Kaik „Bom Sucesso“, wenn auch nur die Kopie, hat sie alle überlebt und steht heute im Hafen von Olhão, wo sie der Stadt als Museums- und Ausflugsboot dient.

Dienstag, 30. Juni 2015

Olhão







Im Vergleich zu anderen Orten an der Algarve ist das nur wenige Kilometer östlich der Distrikthauptstadt Faro gelegene und knapp 50.000 Einwohner zählende Städtchen Olhão noch weitgehend vom Tourismus unberührt.
Wichtiger Erwerbszweig der Bewohner ist der Fischfang auf Sardinen und Thunfisch die hier heute noch in einer Konservenfabrik weiterverarbeitet werden.
Der Hafenumsatz liegt an erster Stelle im Distrikt Faro, noch vor dem von Portimão, Lagos oder Tavira.

Das noch immer sehr orientalisch anmutende Olhão erhält sein maurisches Flair durch die typischen weißen zwei- bis dreistöckigen Würfelhäuser, deren Flachdächer zu Terrassen (port.: açoteias) mit durchbrochenen Kamin- und Ausguckaufbauten ausgestattet sind. Diese kubistische Bauweise ist freilich kein maurisches Erbe, sondern wurde im ausgehenden 18. Jahrh., als eine große Zahl von Fischern aus Aveiro sich in Olhão niederließ, wegen ihrer Zweckmäßigkeit in dem hier vorherrschenden heiß-trockenen Klima als maurischer Stil wieder entdeckt.

Mit außergewöhnlichen architektonischen Sehenswürdigkeiten kann Olhão nicht aufwarten, ganz stimmungsvoll ist jedoch die Atmosphäre am Hafen, wo nicht zuletzt eine eigenwillige Fischmarkthalle (port.: mercado de peixe) die Blicke auf sich lenkt.
Die Fischer von Olhão sind seit jeher dafür berühmt sehr talentiert und erfolgreich ihrem Handwerk nachzugehen und aus ihrem Fang dann exquisite Gerichte zu zaubern. Das geht soweit, das Olhão heute als die „kulinarische Hauptstadt“ der Algarve gilt.

Außer dem malerischen Hafen und der Fischmarkthalle verdient die Pfarrkirche Nossa Senhora do Rosário an der Praça da Restauração, im historischen Stadtzentrum, Beachtung. Vom Turm dieses in den Jahren 1681 bis 1698 von Fischern erbauten Gotteshauses bietet sich ein schöner Blick über die Stadt.
Gegenüber, in der Kapelle Nossa Senhora dos Aflitos, beteten und beten heute noch die an Land zurückgebliebenen Fischerfrauen für ihre auf See befindlichen Männer.

Aber so arm Olhão auch an großen architektonischen Sehenswürdigkeiten auch sein mag, an Geschichte und spektakulären Landschaften ist diese Kleinstadt an der Lagune der Ria Formosa umso reicher.
Die Ria Formosa ist einer der größten vogel- und fischreichsten Wassernaturschutzgebiete (port.: Parque Natural da Ria Formosa) Europas.
Unzähligen Kanäle, Sanddünen, Salzmarschen und ein Watt bilden diese unglaubliche Lagunenlandschaft vor der Küste der Algarve.

Obwohl die Umgebung von Olhão wahrscheinlich bereits in der Jungsteinzeit bevölkert war, wurde die heutige Stadtgegend nachweißlich erst von den Römern ständig besiedelt. Die heute noch existierende alte römische Steinbrücke in der Gemeinde Quelfes ist wohl das markanteste Bauwerk aus dieser Zeit.

Im 8. Jahrh. n. Chr. wurde die Algarve von den arabischen Mauren erobert und besiedelt.
Die neuen Herren gaben dem Ort den Namen „al-Hain“, was soviel bedeutete wie „sprudelnde Quellen“, da es in dieser Gegend sehr viele Quellen und Brunnen gab.
Aus „al-Hain“ wurde mit der Zeit „Alham“ und später, als die Portugiesen Mitte des 13. Jahrh die Algarve im Rahmen der Reconquista von den Mauren eroberten, benannten sie den Ort in „Olham“ um, gaben ihn aber schnell auf, so das er rasch an Bedeutung verlor.

Die nächsten Siedler sollten erst wieder im 17. Jahrh. hier auftauchen, dann nämlich, als sich Fischer aus der Stadt Aveiro im Territorium der heutigen Stadt ansiedelten und den Ort Olhão nannten.
Die ersten Bewohner bauten sich einfache Strohhütten und erst Ende des 18. Jahrh. fingen die Fischer an feste Steinhäuser im maurischen Stil zu errichten, so wie wir sie heute kennen.

Die Fischer lebten aber damals nicht nur vom Fischfang, sondern gaben sich auch Erfolgreich dem Schmuggel hin.
Das kam daher, weil die in der Nähe liegende Stadt Faro damals sehr hohe Steuern und Zölle auf importierte Waren erhob.
Da Olhão strategisch sehr gut in einem Labyrinth von verzweigten Meeresarmen, Lagunen und Sandbänken lag – die nur von den einheimischen Fischern gefahrlos befahren werden konnten – umgingen viele Händler die horrenden Handelszölle in Faro, indem sie die Fischer von Olhão zum schmuggeln animierten.

Als das Schmuggeln überhand nahm und auch noch marokkanische Piraten vor Olhão anfingen ihr Unwesen zu treiben, beschloss der Gouverneur in Faro im Jahre 1654 auf einer Sandinsel in der Ria Formosa vor Olhão eine Festung zu errichten.
Diese Festung, die den Namen Fortaleza de São Lourenço erhielt, versandete leider recht schnell und verlor mit der Zeit als Festung der Stadt schnell an Wert.
Im Jahre 1747 beschloss man daher eine neue Festung zu bauen, diesmal auf der vor Olhão gelagerten Insel Armona.
Doch kaum war diese Festung erbaut, da wurde sie 1755 von einem verheerenden Erdbeben völlig zerstört.

Mitte des 18. Jahrh. war Olhão zu einem kleinen florierenden Ort herangewachsen.
Die Einwohner konnten sehr gut vom Meer leben, und zwar so gut, dass König José I im Jahre 1765 dem Ort die gleichen Steuerprivilegien zugestand, wie sie bis dahin nur die Stadt Faro hatte.
Dank dieser neuen steuerlichen Freiheiten entwickelte sich Olhão zusehends und seine Bürger wurden damals zu den reichsten der ganzen Algarve.

Als zwischen 1779 und 1783 spanisch-französische Truppen das von den Engländern regierte und in der Nähe liegende Gibraltar belagerten, blühte Olhão wirtschaftlich und handelspolitisch noch einmal auf.
In Folge der napoleonischen Kriege auf der Iberischen Halbinsel besetzten französische Truppen auch Portugal.
Während Königin Maria I und ihr Sohn, Prinzregent João, mit der ganzen Regierung und dem gesamten Hofstaat nach Rio de Janeiro ins Exil gingen (lesen sie hierzu auch meinen Blogeintrag „Das brasilianische Exil der portugiesischen Königsfamilie“, vom 29. November 2011) blieben die Portugiesen der Willkür der Franzosen überlassen.
Obwohl Prinzregent João bei seinem Abschied aus Portugal, aus Angst vor Repressalien, seinen Untertanen empfohlen hatte sich nicht gegen die Truppen Frankreichs zu stellen, fanden während der französischen Okkupation in Portugal doch verschiedene kleine Aufstände statt, die aber bis dahin alle von den französischen Soldaten grausam niedergeschlagen wurden.

Es waren die Fischer von Olhão die im Juni 1808 erfolgreich gegen die französischen Invasionstruppen vorgingen.
Die Franzosen hatten Olhão am 14. April 1808 besetzt und den Ort auf brutalste Art und Weise geplündert und unterworfen.
Den Einwohnern, die praktisch alle nur von der Fischerei lebten, wurde auf Anordnung von General Jean Andoche Junot, dem Oberbefehlshaber der französischen Truppen, u. a. untersagt aufs offene Meer hinauszufahren, so dass sie ihrem Haupterwerb nicht mehr nachgehen konnten.
Ihnen wurden hohe Steuern auferlegt und es war den Bürgern bei Todesstrafe verboten portugiesische Hoheitszeichen, wie etwa Fahnen, Banner oder Wappen, zu besitzen oder diese gar zur Schau zu stellen.
Ebenfalls unter Todesstrafe setzten die Franzosen das Schmuggeln, womit den Bürgern von Olhão ihre bis dahin zweite Lebensgrundlage auch genommen wurde.

Die französischen Truppen, die damals in Portugal wohl so zerstörerisch und brutal vorgingen wie heute der so genannte Islamische Staat in Syrien oder dem Irak, waren hierzulande verständlicher Weise nicht gerade sehr beliebt!

Vor allem die Bürger der Algarve, hier insbesondere die Menschen in Olhão, widersetzten sich regelmäßig den drastischen Befehlen und Anordnungen der Franzosen, was zur Folge hatte, das diese hier in diesem Teil Portugals besonders brutal gegen die Bevölkerung vorging.

Eines dieser Anordnungen der Franzosen war, wie schon erwähnt, das Verbot von portugiesischen Hoheitszeichen, die kein Bürger und kein Gebäude der Stadt besitzen noch zeigen durfte.
Die Hauptkirche von Olhão, die Kirche Nossa Senhora do Rosário, war an ihrem Altar mit einem portugiesischen Wappen geschmückt, der seit der französischen Okkupation aber durch ein Tuch verdeckt wurde.
Als am Vorabend zur Feier des Heiligen Antonius (port.: Santo António), dem 12. Juni 1808, ein Festgottesdienst in dieser Kirche abgehalten wurde, entblößte der Pfarrer während der Messe das portugiesische Wappen, welches bis dahin unter dem Tuch versteckt war, und die Bevölkerung unterstützte mit lautem Wohlwollen diesen offenen Affront gegen die verhassten französischen Besatzer.
Diese Widersetzung gegen die französischen Besatzungsgesetze in der Kirche war sozusagen der „Startschuss“ für die bis dahin größte Revolte gegen die französischen Besatzer!
Nach diesem für Olhão denkwürdigen Gottesdienst holten alle Bürger der Stadt – einer Zählung nach soll Olhão damals an die 4.000 erwachsene Einwohner gehabt haben – ihre bis dahin aufbewahrten Fahnen und Banner aus ihren Verstecken hervor und zeigten diese demonstrativ offen auf der Straße.

Da sich damals lediglich 58 französische Soldaten in der Stadt aufhielten – die französische Hauptgarnison befand sich zu dieser Zeit in der nahen Stadt Faro – ließen diese die euphorischen und revoltierenden Bürger aus Angst gewähren.

Aber eine französische Antwort ließ nicht lange auf sich warten!
Noch am Tag der Revolte wurden französische Soldaten aus Tavira und Vila Real de Santo António – etwa 200 Mann – nach Faro beordert um das revoltierende Olhão wieder zur Räson zu bringen.
Drei Tage später, am 16. Juni 1808, einem Fronleichnamdonnerstag, trafen die bis an die Zähne bewaffneten französischen Truppen an der römischen Steinbrücke von Quelfes bei strömendem Regen auf die kämpferische Bevölkerung von Olhão.
Die Bürger von Olhão waren zahlenmäßig den französischen Soldaten zwar weit überlegen, hatten aber außer Mistgabeln, Stöcken, Zwillen, Armbrüsten und Steine keine anderen Waffen um sich zu verteidigen.

Dennoch entschieden sich die gut ausgerüsteten Franzosen die Portugiesen nicht anzugreifen und beschlossen auf Verstärkung und besseres Wetter zu warten.
Das war zweifellos ihr Fehler, denn, um es mit den Worten von Michael Gorbatschow zu sagen, „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – und die Franzosen wurden bestraft!

Da das Wetter nicht besser wurde und die Kampfesmoral der Besatzer immer mehr sank, entschlossen sich die Einwohner von Olhão am 18. Juni 1808 zum Angriff gegen die Franzosen.
Mit Hilfe englischer Soldaten, die den Portugiesen zu Hilfe geeilt waren, konnten die Bürger von Olhão die napoleonischen Truppen bezwingen und das belagerte Olhão befreien.
Diese Revolte gegen die Franzosen war der Vorreiter weiterer Aufstände gegen die verhassten Invasionstruppen. So lehnten sich alsbald die Städte Loulé, dann Lagos und schließlich auch die Provinzhauptstadt Faro gegen die Franzosen auf, so das eine Woche nach der Revolte in Olhão, am 23. Juni 1808, die Algarve offiziell als „Franzosenfrei“ galt.

Drei Wochen nach dem erfolgreichen Aufstand beschlossen 17 Fischer aus Olhão nach Brasilien zu segeln um dem Königshaus über die neuesten Ereignisse in Portugal zu unterrichten.
Am 07. Juli 1808 stachen sie in einer Nussschale in See und nach einer beschwerlichen Reise von 77 Tagen auf dem Meer, landeten sie am 22. September 1808 in Rio de Janeiro an.

Die Fischer wurden sofort nach ihrer Ankunft zum Regenten des Königreiches, Prinz João, vorgelassen und überbrachten diesem die Nachricht vom Sieg der Einwohner von Olhão über die französischen Invasionstruppen.
Prinzregent João war über diesen errungenen Volkssieg sehr erfreut und zum Dank gab er dem Ort Olhão augenblicklich die Stadtrechte, mit allen Privilegien, Freiheiten, Rechten und Ehren wie sie die anderen Städte des Königreiches besaßen und genossen.
Und noch mehr:
als Zeichen seiner Anerkennung durfte sich die Stadt nach einem Erlass vom 15. November 1808 fortan offiziell „Vila de Olhão da Restauração“ (dt.: „Olhão, Stadt der Wiederherstellung“) nennen.
Diesen lyrischen Beinahmen gab der Prinzregent der Stadt als Dank für die wichtige Initiative der Bürger Olhãos für die „Wiederherstellung“ der Unabhängigkeit Portugals von den Franzosen.

Die Erhebung von Olhão zur Stadt kam ihrer Entwicklung nur zugute und bis ins letzte Jahrhundert hinein florierte Olhão wie kaum eine andere Stadt an der Algarve.
Erst mit dem Niedergang der für diesen Landstrich so wichtigen Fischindustrie und nach der Schließung mehrerer Fischkonservefabriken – nur eine ist heute noch übrig geblieben – hatte der expandierende Aufstieg Olhãos ein Ende.

Der Tourismus sorgt in den letzten Jahren für einen Aufschwung in Olhão.
Auch wenn Olhão keine so landschaftlich schöne Strände hat wie z.B. Albufeira, Portimão, Lagoa oder Tavira – auch wenn sich der Strand von Armona (port.: Praia da ilha da Armona) sich keinesfalls verstecken muss – so sind sie doch sehr sehenswert und erholsam gelegen.
Ich persönlich habe das große Glück sehr gute Freunde in Olhão zu haben und bin ihnen dort jederzeit sehr willkommen.
Aber auch wer keine Freunde in Olhão hat, der wird sie hier, in dieser durchaus sehr gastfreundlichen, stolzen und geschichtsträchtigen Stadt, garantiert schnell finden!

Montag, 13. April 2015

Aveiro






Etwa auf halber Strecke zwischen dem nordportugiesischen Porto und der Universitätsstadt Coimbra liegt die Stadt Aveiro reizvoll am Ostrand eines etwa 47 km langen und bis zu 11 km breiten fischreichen Haffs (port.: ria).
Dieses Haff, die Ria de Aveiro, ist ein verzweigter und artenreicher Brackwasserbinnensee der vom Fluss Rio Vouga und dem Atlantik gespeist wird und den die ortsansässige Bevölkerung oftmals wegen seiner vielen Seitenarme „Polipo aquático“ (dt.: Seepolyp) nennt.
Aveiro ist Distriktshauptstadt, Bischofsitz und einer der wichtigsten Hafenstädte an der Westküste Portugals.
Etwa 80.000 Menschen leben in und um Aveiro, und während sich früher die Bevölkerung hauptsächlich der Fischerei, der Meersalzgewinnung der Salinen der Ria de Aveiro und dem Seetank (port.: moliço) des Haffs, der als Dünger sehr geschätzt war und neuerdings wieder ist, widmete, sind die Hauptgeschäftszweige der Stadt heute die seit dem 19. Jahrhundert hier angesiedelte Porzellan- und Keramikerzeugung, die Papier- und Nahrungsmittelindustrie und der Tourismus.

Die Gegend um Aveiro war, so zeigen neuzeitliche Ausgrabungen, schon bereits in der Jungsteinzeit und in der Bronzezeit besiedelt.
Später ließen sich die Römer in der Gegend nieder und gründeten im heutigen Stadtgebiet von Aveiro die Siedlung „Talabriga“.
In der Schenkungsurkunde „Suis terras in Alauraio et Salinas“, die mit dem 26. Februar 959 datiert ist und den die damals einflussreichste Frau der Iberischen Halbinsel, Gräfin Mumadona Dias (port.: Condessa Mumadona Dias), an das Kloster von Guimarães verfasst, wird Aveiro zum ersten Mal urkundlich namentlich erwähnt.
Im Jahre 1434 erlaubt König Duarte I den Bürgern der Stadt fortan einen alljährlichen Markt abzuhalten, einen Markt, der noch heute jedes Jahr im März (port.: Feira de Março) abgehalten wird.
Ab dem Ende des 15. Jahrhundert wurde Aveiro, Dank seiner außergewöhnlichen Lage, zu einem der bestgeschützten Hafenplätze Portugals und erlebte zu Zeiten der Entdeckungsfahrten seine größte Blüte.

Der Hafen von Aveiro war so geschützt weil der Rio Vouga durch seine angeschwemmten Ablagerungen dafür sorgte, dass lediglich eine schmale Verbindung, die „barra“, zum Meer hin offen blieb.
Ein schweres Unwetter verwüstete 1575 den Ort und verschloss die „barra“, den einzigen Zugang zum Meer. Der nunmehr vom Atlantischen Ozean getrennte Hafen verlor rasch seine ursprüngliche Bedeutung. Alle Versuche, die verschüttete Passage freizuräumen, scheiterten kläglich.
Die Fischer wurden damals von einem Tag auf den anderen brotlos, erfolgreiche Entdeckungsfahrten von Aveiro aus waren ab da durch die Versandung auch nicht mehr möglich und so erlebte die Bevölkerung einen rapiden sozialen und ökonomischen Absturz.
Aveiro brauchte Jahrzehnte um sich von dieser Naturkatastrophe zu erholen. Von den ehemals 14.000 Einwohnern die damals die Stadt bevölkerten blieben lediglich nur etwas über 3.000 übrig.

In einem feierlichen Akt erhob König José I Aveiro am 11. April 1759 zur Stadt.
Wahrscheinlich tat er das, um die Bevölkerung der Stadt zu beruhigen, denn nur wenige Monate vorher, am 13. Januar 1759, hatte der König den letzten Herzog von Aveiro (port.: Duque de Aveiro), Dom José de Mascarenhas da Silva e Lencastre, wegen seiner angeblichen Teilnahme an einem Attentat gegen den König, öffentlich wegen Hochverrats auf grausamste Art und Weise in Lissabon hinrichten lassen.
Der Hass von König José und der seines Prämierministers Marquês de Pombal gegenüber dem Herzog von Aveiro war so groß, das auf königlichen Befehl hin, der Name der Stadt von Aveiro in Nova Bragança umgeändert wurde.
Aber als Königin Maria I, die Tochter von König José I, 1777 den Thron bestieg, entledigte sie sich des von ihr gehassten Prämierministers ihres Vaters und es war sie, die aus Nova Bragança wieder Aveiro machte.

Im Frühjahr 1808 wüteten wieder orkanartige Sturmfluten über Aveiro, die so stark waren, das die alte versandete Durchfahrt, die „barra“, wieder auf natürliche Weise größtenteils freigespült wurde.
Am 03. April 1808 konnte nach größten Anstrengungen endgültig ein neuer Zugang zum Atlantik hin eröffnet werden. Fortan schützte man diese für die Stadt so wertvolle Öffnung zum Meer vor neuerlicher Versandung mit zahlreichen Deichbauten und Wehren.
So konnte Aveiro in den letzten zwei Jahrhunderten seine Bedeutung als einer der besten Häfen Portugals wiedergewinnen.

Häufig wird Aveiro mit Amsterdam und Venedig verglichen – angesichts der nur drei vorhandenen Kanäle ein recht gewagter Vergleich.
Dennoch sorgen diese drei Kanäle – der Canal das Prâmides, der Canal de São Roque und der Canal dos Santos Mârtires – und die vielen mittelalterlichen Bauten in der Stadt für ein sehr schönes Stadtbild.
Das die Stadt sich solch eine einzigartige und reizvolle Atmosphäre bewahren konnte, hat sie auch ohne Zweifel den pittoresken Seetangbooten (port.: barcos moliceiros) zu verdanken, die heute hauptsächlich für touristische Zwecke benutzt werden.

„Moliceiros“ heißen die Seetangfischer von Aveiro, die mit eben diesen charakteristischen Booten heute noch teilweise in der Ria de Aveiro, dem Haff von Aveiro, Seetang „ernten“.
Das Wort „moliceiro“ kommt von dem Wort „moliço”, dem portugiesischen Wort für Algen oder Tang, bzw. dem daraus gewonnenen natürlichen Dünger für die Landwirtschaft.
Die „moliceiros“ fahren mit ihren zumeist aus Kiefernholz gezimmerten, an den großen Bugschnäbeln und am Heck mit naiven Darstellungen bunt bemalten Segelkähnen in das weit verzweigte Haff hinaus und fischen mit einem großen Rechen den dort vorhandenen Tang aus dem Wasser.
Bei genügend starkem Wind setzen die Fischer auf den bis zu 15 m langen und etwas über 2 m breiten Booten trapezförmige Segel. Ansonsten bewegen sie die Kähne mit langen Staken oder treideln sie in schmalen Kanälen auch mit langen Seilen.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Barken in Aveiro von einst über tausend auf leider nur noch einpaar Dutzend registrierte Boote verringert. Die meisten werden für den Fremdenverkehr vermarktet um mit ihnen sehr reizvolle Kanalfahrten zu machen, aber einpaar werden auch für ihre eigentliche Bestimmung als Seetangboote genutzt.
Der früher sehr verbreitete, einträgliche Beruf des Tangfischers war eine zeitlang praktisch ausgestorben da die Landwirtschaft weitgehend zur Verwendung von Kunstdünger übergegangen war und harter Existenzkampf und Landflucht der Jugend an der Tagesordnung waren. In letzter Zeit aber, Dank der ökologischen Denkweise vieler Obst- und Gemüseproduzenten und der Verbraucher ist, der Absatz an Seetang etwas gestiegen und so gewinnt der Beruf des „moliceiro“ neuerdings etwas mehr an Bedeutung.

Anlässlich des Stadtfestes „Festa da Ria“, das alljährlich in den Sommermonaten Juli oder August stattfindet, treffen sich die letzten Tangfischer von Aveiro in der Ria zu einer Regatta, verbunden mit Geschicklichkeitswettbewerben und einem Wettstreit um die schönste Bootbemalung.
Ein Fest, dass man sich nicht entgehen lassen sollte!

Ebenso nicht entgehen lassen sollte man sich die vielen historischen Bauwerke in der Altstadt von Aveiro.
Die bedeutendsten von ihnen sind:

- das Kloster Mosteiro de Jesus
dieses Dominikanerkloster wurde 1458 gegründet und beherbergt heute das Stadtmuseum von Aveiro (port.: Museu de Aveiro), das auch unter dem Namen Museu da Santa Joana (dt.: Museum der Heiligen Johanna) bekannt ist.
Joana war eine portugiesische Infantin und wurde 1452 als Tochter von König Afonso V und seiner Gemahlin Königin Isabel geboren.
Im Jahre 1475 trat Joana in das Dominikanerkloster ein und blieb in diesem bis zu ihrem Tod am 12. Mai 1490. Im Kloster Mosteiro de Jesus wurde sie dann auch beigesetzt.
Im Jahre 1693 wurde Joana von Papst Innozenz XII selig gesprochen und obwohl die katholische Kirche sie bis heute nicht heilig gesprochen hat, wird sie hierzulande heute als Santa Joana (dt.: Heilige Johanna) verehrt.
Das sehenswerte Museum beherbergt zahlreiche Gemälde, Azulejos und religiöse Gegenstände, die dem Leben der Santa Joana gewidmet sind

- die Kirche Igreja São João Evangelsta (dt.: Sankt Johanneskirche)
in dieser Kirche waren einstmals im 17. Jahrhundert die Karmelitinnen untergebracht, weshalb die Kirche heute auch unter dem Namen Igreja das Carmelitas bekannt ist. Sie ist sehr prunkvoll ausgestattet, mit einer bemerkenswerten Kassettendecke, einem reich verzierten Altar und wunderschönen, sehenswerten Azulejos an den Wänden

- die Kathedrale von Aveiro (port.: Sé de São Domingos de Aveiro)
dieses Gotteshaus ist aus dem 15. Jahrhundert und dem Heiligen Dominikus gewidmet. Ursprünglich Hauptkirche des Dominikanerklosters der Stadt Aveiro, wurde sie im Jahre 1938 zur Kathedrale erhoben. Da die Kirche seit ihrer Gründung mehrmals umgebaut wurde, kann man heute an und in ihr verschiedene Stilrichtungen, wie Manierismus, Barock und Modernismus, bewundern

- die Kirche Igreja de Nossa Senhora da Apresentação (dt.: Kirche Unserer Lieben Frau in Jerusalem)
diese Kirche wurde im Jahre 1606 erbaut und ist in ihrem Inneren ein Überschwank an barockem, vergoldeten Holzschnitzereien, der so genannten „talha dourada“. Glanzpunkt der Innenausstattung der Kirche ist eine gotische Marienfigur aus Alabaster. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden dann an der Außenfassade die zwei großen Azulejobilder angebracht.

Weitere sehenswerte Objekte in Aveiro sind das Stadttheater (port.: Teatro Aveirense), der alte Bahnhof (port.: Estação de comboios) mit seiner prachtvollen Azulejofassade, das schöne Rathaus und der Pranger (port.: pelourinho) aus dem 18. Jahrhundert.

Ein weiteres Highlight von Aveiro ist zweifellos seine Gastronomie.
Typische regionale Fischgerichte, wie z.B. Aaleintopf (port.: caldeirada de enguias), haben den Ruf zu den besten kulinarischen Speisen zu gehören, den das Land zu bieten hat.
Wenn man nicht gerade am Abnehmen ist, dann sollte man unbedingt die traditionellen „ovos moles“ (dt.: weiche Eier) probieren, eine Süßspeise die praktisch nur aus zwei Komponenten besteht, nämlich Eigelb und Zucker – sehr viel Zucker!

Aveiro ist zweifellos eine der schönsten und originellsten Städte in Portugal und zu jeder Zeit eine Reise wert!

Donnerstag, 27. März 2014

Der königliche Palast von Queluz


Westlich der Stadtgrenze von Lissabon beginnen die Schlafstädte der Hauptstadt. Gleich hinter dem riesigen Lissabonner Stadtpark Monsanto liegen u. a. Amadora, Brandoa, Alfragide, Cacém und Queluz.
Diese Satellitenstädte bestehen zumeist aus gigantischen Hochhaussiedlungen mit hellen, modernen und sachlichen Bauten die tagsüber wie ausgestorben sind; nur morgens und abends finden Auszug und Heimkehr auf völlig verstopften Straßen statt.

Der Vorort Queluz hat schätzungsweise 80.000 Einwohner und verdankt seinen Ruhm und Bedeutung einzig und alleine dem reizvollen ehemaligem Sommersitz der portugiesischen Könige aus dem Hause Bragança, dem königlichen Nationalpalast von Queluz (port.: Palácio Nacional de Queluz), der nur 15 km von Lissabons Zentrum entfernt liegt.
Viele behaupten der Ort Queluz verdankt seinen Namen diesem kapriziösen Rokokoschloss, der einstmals für seine rauschenden Feste und Bälle, seine strahlenden venezianischen Kristalllüster, den goldbemalten Stuck und den Widerschein im Geschmeide der Damen von damals bekannt war. Deshalb glauben viele die Herkunft des Namens würde sich von den portugiesischen Worten „que luz“ ableiten, was im Deutschen soviel wie „welch ein Licht“ oder „welch ein Glanz“ übersetzen lässt.
Aber Queluz ist älter als der Palast gleichen Namens, viel älter!
Schon die arabischen Mauren siedelten hier und nannten den Ort einstmals „Qu al-Luz“, was im Deutschen mit „Tal der Mandelbäume“ zu übersetzen ist.

Wie auch immer:
Queluz wäre ohne seine Rokokopalastanlage, eine der größten in Europa, nichts weiter als eines der vielen unansehnlichen Trabantenstädte Lissabons!

Der Palast von Queluz geht auf Infante D. Pedro zurück, den zweiten Sohn von König João V und späteren Prinzgemahl Pedro III, der wie alle Bragançakönige für seine Bau- und Sinnfreudigkeit bekannt war.
1747 beauftragte Infante Pedro den Architekten Mateus Vicente de Oliveira mit dem Umbau des alten Landhauses Quinta de Queluz.
Dieses Landhaus gehörte dem pro-spanischen Adligen Manuel de Moura Corte Real, der den Titel eines Marques de Castelo Rodrigo trug.
Nachdem der Marques de Castelo Rodrigo Verrat an Portugal begangen hatte und Portugal im Jahre 1640 wieder von Spanien unabhängig wurde, beschlagnahmte die portugiesische Krone sein ganzes Vermögen und Eigentum. Und so kam im Jahre 1654 das erwähnte Landhaus in Queluz in den Besitz der Familie Bragança.

Mateus Vicente de Oliveira entwarf in der Tradition des portugiesischen Rokokos einen dreiflügligen Palast in U-Form, der die Schauseite dem Garten und nicht, wie damals in Europa eigentlich üblich, der ihm gleichgültigen Außenwelt zuwendete.
Acht Jahre lang wurde an dieser Sommerresidenz der Braganças geplant und gebaut, bis am 01. November 1755 ein gewaltiges Erdbeben das nahe Lissabon in Schutt und Asche legte, und an einem Weiterbau des Palastes erst einmal nicht mehr zu denken war.
Für den Wiederaufbau Lissabons spannte damals der Marques de Pombal, seines Zeichens Premierminister des Königreiches, alle namhaften Architekten des Landes ein, unter ihnen auch Mateus Vicente de Oliveira, den Architekten von Queluz.
Erst drei Jahre nach dem Erdbeben, 1758, wurden die Arbeiten an dem Palast, unter der Leitung des französischen Architekten Jean-Baptiste Robillion, dessen Rokoko-Geschmack nicht in Pombals Aufbauprogramm für Lissabon passte, wieder aufgenommen.

Der gelernte Graveur und Dekorateur aus Paris entwarf die monumentale Löwentreppe und die klassizistische Westfassade, die vage Erinnerungen an Versailles wachruft.
Bis zu seinem Tod im Jahre 1782 arbeitet Jean-Baptiste Robillion mit seinem Team französischer Handwerker an der leichten, heiteren Rokokoausstattung der Innenräume.
Den Garten, eine Hauptattraktion des Palastes, gestaltete er im Stil des französischen Gartenarchitekten André Le Nôtre, wobei an Vasen und Büsten aus italienischem Marmor, an mythologischen und allegorischen Bleistatuen aus England und natürlich an Azulejos aus dem heimatlichen Portugal nicht gespart wurde.
Die Wasserspiele, die Grotten und das 115 m lange, mit Azulejos prachtvoll ausgekleidete Wasserbassin Ribeira do Jamor, machen den Park zu einer Zauberwelt und zum wohl schönsten Rokokogarten Portugals (lesen sie hierzu auch meinen Blogeintrag „Die Wasserfontainen im Schlosspark von Queluz“, vom 17. November 2010).

Auf der anderen Seite des Palastes befindet sich ein großer Schlossplatz (port.: Largo do Palácio), in dessen Mitte ein Denkmal für Königin Maria I, der Gemahlin von Pedro III, steht.
Die Tochter des „Erdbebenkönigs“ José I und der Königin Maria Anna Victoria von Bourbon liebte Queluz von allen Braganças am meisten.
Maria I hatte vor einer misslungenen Verlobung mit dem französischen König Louis XV einige Zeit in Versailles verbracht. Dort lernte sie den französischen Geschmack lieben und brachte ihn dann später nach Portugal mit.
Die Königin liebte Queluz wegen seines Lichts, seiner Schönheit und seiner Weite. Doch während Maria I die Helligkeit um sich sammelte, verdüsterte sich ihr Geist zusehends.
Bei ihrer Flucht vor den Truppen Napoleons im Jahre 1808 nach Brasilien war sie schon schwer demenzkrank. Sie starb im Exil in Rio de Janeiro im Jahre 1816, in völliger geistiger Umnachtung versunken, als eine unglückliche Wahnsinnige, die ihr geliebtes Queluz leider nie wieder sehen sollte.

Heute gilt der Palast von Queluz zweifelsohne als eines der Symbole der portugiesischen Geschichte. Er verkörpert den höfischen Geschmack, der sich bis in unsere heutige Zeit hinübergerettet hat.
Seine prunkvollen Innenräume sind bewundernswert.

Aus all den azulejos- und freskogeschmückten Sälen, aus all dem Florentiner Marmor, dem brasilianischen Jacarandaholz, den wertvollen Empire- und Chippendalemöbeln und farbintensiven Wandteppichen aus Arreiolos ragt der Thronsaal (port.: Sala do Trono) heraus.
Er prunkt in Weiß und goldgemaltem Stuck. Prachtvolle venezianische Kristalllüster hängen von der Decke, riesige Spiegel schmücken die Wände und zwei, unter einem Baldachin stehende Thronsessel, beherrschen diesen wunderbaren Raum.

Aber auch andere Säle und Zimmer sind prunkvoll ausgestattet, wie etwa das Musikzimmer (port.: Sala da Musica), das große Esszimmer (port.: Sala de Jantar), das Zimmer der Botschafter (port.: Sala dos Embaixadores) und das Pavillon Robillion (port.: Pavilhão de Robillion), indem heute Staatsgäste übernachten. 
In einem Seitenflügel des Palastes liegt die Cozinha Velha. Die Alte Küche ist riesig, ihre Balken werden von Säulen getragen, glänzende Kupferkessel stehen über offenen Feuerstellen. Die Speisen der Könige wurden auf einem zehn Meter langen Marmortisch zubereitet.
Noch heute ist dieser riesige Marmortisch in Gebrauch, denn seit Jahren ist in der „Cozinha Velha“ ein luxuriöses Restaurant untergebracht.

Zwei Zimmer möchte ich hier im Palácio de Queluz ganz besonders hervorheben:
das eine ist das Don-Quijote-Zimmer (port.: Quarto Dom Quixote), das mit wunderschönen Gemälden aus dem Leben des Helden von Cervantes ausgestattet ist. In diesem kleinen Zimmer wurde 1798 der spätere König von Portugal und Kaiser von Brasilien, Pedro IV, geboren und in diesem selben Zimmer starb er 36 Jahre später.
Das zweite Zimmer, das ich hier gerne erwähnen möchte ist das „Zimmer der verlorenen Schritte“ (port.: Sala dos passos perdidos). Eine der Säle von Queluz heißt wirklich so. Er hat heute keinerlei Funktion und wahrscheinlich hatte er nie eine; jedenfalls ist keine bekannt. Das ist aber auch kein Wunder, denn der Palast ist so weitläufig, das 150 Jahre als königliches Zuhause nicht ausgereicht haben, um ihn bis in den letzten Winkel zu beleben!

Es berührt seltsam sich vorzustellen, dass hier einmal Königin Maria I mit ihrem Prinzgemahl Pedro III lebten, die nicht nur Eheleute waren, sondern auch gleichzeitig Nichte und Onkel.
Oder die abgrundtief hässliche und bösartige Königin Carlota Joaquina, die mit ihrem etwas plumpen König João IV alles andere als eine glückliche Ehe führte.
Oder Leopoldine von Österreich mit Pedro IV, der gleichzeitig König von Portugal und Kaiser von Brasilien war, und der so ein Schürzenjäger war, das er seine Frau nach Strich und Faden betrog.
So gesehen, bekommt der Palácio de Queluz im Lichte der Geschichte einen traurigen Rahmen.
Weder starke Herrscher noch glückliche Staatsmänner haben hier je gewohnt. Allenfalls prunksüchtige, verderbte und schwache.

Heutzutage wohnen keine gekrönten Häupter mehr hier, aber dann und wann wird der Palast aus seinem Dornröschenschlaf geweckt, und ist dann der Ort, an dem der portugiesische Staatspräsident oftmals seine offiziellen Staatsempfänge und Staatsbanketts abhält. 
Um den Palast zu besuchen, muss man aber nicht zu solch einem Empfang oder Bankett eingeladen sein.
Es reicht wenn man sich an der Kasse eine Eintrittskarte für den Palast und seinen wunderschönen Park holt und dann genug Zeit mitbringt um diesen wahrlich königlichen Ort zu bewundern und zu genießen!

Es ist einfach herrlich!

Sonntag, 25. November 2012

Luisa Todi – „die Sängerin aller Jahrhunderte“



An der breiten Mündungsbucht des Flusses Sado liegt die Industrie- und Distrikthauptstadt Setúbal, mit ihren bedeutenden Fischkonservenfabriken, Werften und Salinen.
Für eine Industriestadt besitzt Setúbal ein durchaus ansprechendes Ortsbild.
Entlang des Sado ziehen sich der Güter-, der Yacht- und der Fischereihafen.

Parallel zu den Häfen verläuft in Ost-West-Richtung die Hauptverkehrsstraße der Stadt, die Avenida Luisa Todi, an der, unter anderem, die Markthalle (port.: Mercado), das Stadttheater (port.: Teatro Municipal und das Ozeanographische und Fischereimuseum (port.: Museu Oceanográfico e de Pescas) liegen.
In etwa der Mitte der Avenida Luisa Todi befindet sich ein imposantes weißes Denkmal, das der großen Opernsängerin Luisa Todi gewidmet ist, die eine berühmte Tochter der Stadt ist.
Heute kennt kaum noch einer außerhalb Portugals Luisa Todi.
Aber vor 200 Jahren war Luisa Todi die berühmteste und meistgefragte Operndiva ihrer Zeit.

Geboren wurde Luisa Rosa de Aguiar, wie sie mit vollem Taufnamen hieß, am 09. Januar 1753 in der setubalenser Gemeinde Nossa Senhora da Anunciada, als Tochter des Geigers und Musiklehrers Manuel José de Aguiar und dessen Frau Ana Joaquina de Almeida.
Luisa Rosa hatte zwei Schwestern – die sieben Jahre ältere Cecilia Rosa und die drei Jahre ältere Isabel Ifigénia.

Luisa, die in eine wahre Künstlerfamilie hineingeboren wurde, in der es zahlreiche Musiker, Schauspieler und Sänger gab, kam schon in sehr jungen Jahren mit dem Musischen in Berührung.
Sie soll schon sehr früh mit dem Singen angefangen haben.
Als sie 12 Jahre alt war, zog ihre Familie mit ihr in die Hauptstadt Lissabon.

In Lissabon hatte sie dann auch ihren ersten öffentlichen Auftritt.
Im Jahre 1767, trat sie 14jährig, mit ihrer Schwester Cecilia Rosa im Teatro do Conde de Soure im Bairro Alto auf. Sie spielte und sang bei ihrem Debüt die Rolle der Lauriana in der komischen Oper „Tartufo“ (fr.: „Le Tartuffe“) von Moliere.
Leiter des Orchesters des Theaters des Bairro Altos war damals der aus Neapel stammende Geiger Francesco Saverio Todi, der nach ihrem Debütauftritt einer ihrer größten Fans wurde.
Francesco Todi erkannte sofort Luisas musikalisches Talent und begeisterte und unterstützte fortan das junge Mädchen für die klassische Oper.

Luisa und Francesco Todi scheinen sich in dieser Zeit sehr Nahe gekommen zu sein, denn bereits am 28. Juli 1769, Luisa Todi ist gerade einmal 16 Jahre alt, geben sich beide in Lissabon das Jawort.
Von diesem Tag an förderte Francesco seine Luisa wo er nur konnte und bereitete mit aller Kraft systematisch ihre internationale Karriere vor. Eine Karriere, die ihr später einmal Auftritte in ganz Europa ermöglichen sollten.

1770 besorgte Francesco Todi bei seinem Freund, dem aus Neapel stammenden Opernkomponisten David Perez, der Kapellmeister am portugiesischen Hof war, für seine Frau Luisa Gesangsstunden.
Mit Perez, der Autor von Opern wie „Solimano“, „L´Olimpiade“ und „Arminio“ war, arbeitete Luisa Todi die folgenden Jahre eng zusammen, unter anderem an der Nationaloper Teatro Nacional de São Carlos.
Im Sommer desselben Jahres engagierte das Theater im Bairro Alto Luisa Todi.
Dort sang sie in der Oper „Il viaggiatore ridicolo“, des Italieners Giuseppe Scolari, sehr erfolgreich ihre ersten Opernarien.
Im Oktober sang sie im selben Theater die Gianneta in der Oper „L'incognita persiguitata“, des italienischen Opernkomponisten Nlcolau Piccini.
Kronprinzessin Maria, die zukünftige Königin Maria I, hörte von den Erfolgen Luisa Todis und bat daraufhin den königlichen Kapellmeister David Perez, er möge ihr doch einen Privatauftritt im königlichen Schloss organisieren.
Zu diesem Privatkonzert kam es dann im Januar 1771.
Wochen später, sie war weiterhin am Theater im Bairro Alto engagiert, übernahm sie in der Oper „Il beiglierbei di Caramania“, ein weiteres Werk von Giuseppe Scolarri, die Rolle der Zoffira.

Ende 1771 zogen die Todis nach Porto, wo Luisa bis 1777 als Sängerin und Privatgesangslehrerin tätig war.
Hier in Porto wurde Luisa auch zum ersten Mal Mutter.
Im April 1772 brachte sie ihr erstes Kind, ihren Sohn João, zur Welt.
Im September 1773 wurde, ebenfalls in Porto, ihre Tochter Ana José geboren.
1775 brachte sie in der Stadt Guimarães ihre zweite Tochter, Maria Clara, zur Welt.
Ihren zweiten Sohn Francisco Xavier brachte Luisa im März 1777 im spanischen Aranjuez, unweit der spanischen Hauptstadt Madrid, zur Welt.

Nach der Geburt ihres Sohnes Francisco Xavier, begab sich Luisa Todi Ende 1777 nach London, wo sie am King´s Theatre ihr erstes Auslandsengagement hatte.
Von London zogen die Todis weiter nach Versailles und Paris, wo Luisa verschiedene Gastspiele hatte.
In Paris schenkte Luisa Todi am 22. November 1778 einer weiteren Tochter, Adelaide, das Leben.

Von Paris reisten die Todis weiter nach Wien, wo Luisa Todi am 28. Dezember 1779 vor der österreichischen kaiserlichen Familie auftrat.
Dann reiste sie weiter nach Italien, wo sie in Turin 1780 ihren ersten Vertrag als Primadonna am Teatro Regio di Torino unterschrieb.
Von Turin zog Luisa Todi nach Preußen und anderen deutschen Staaten weiter, wo sie mehrere Gastspiele hatte.
In Deutschland lernte sie die damals in Europa ebenfalls sehr gefeierte deutsche Opernsängerin Gertrud Elisabeth Mara persönlich kennen und trat mehrere Male in verschiedenen öffentlichen Wettbewerben gegen diese gesanglich auf.
Das musikbegeisterte Europa spaltet sich unweigerlich in zwei Lagern auf:
Einmal in die „Todiisten“ und einmal in die „Maraisten“.
Dank dieser Gesangswettbewerbe mit Gertrud Elisabeth Mara stieg die Beliebtheit von Luisa Todi damals ins unermessliche.

Nach Deutschland reiste Luisa Todi wieder nach Turin wo sie erneut am Teatro Regio di Torino auftrat.
Am 24. November 1782 brachte sie in dieser norditalienischen Metropole ihr sechstes und letztes Kind zur Welt, ihren Sohn Leopoldo Rodrigo Ângelo.

1784 brach Luisa Todi mit ihrem Mann und ihren Kindern, auf ausdrücklichen Wunsch von Zarin Katharina II, zu einem längeren Engagementaufenthalt nach Russland auf, der bis 1788 dauern sollte.
1788, auf dem Weg von Sankt Petersburg nach Paris, machte sie am preußischen Hof in Potsdam halt, wo sie vor König Friedrich II sang.
Sie gastierte noch in anderen deutschen Städten, wie Hannover, Wiesbaden und Mainz. In Bonn trat sie 1789 sogar mit Ludwig van Beethoven auf.
Dann reiste sie weiter nach Italien, wo sie 1790 mehrere triumphale Auftritte in Parma, Genua, Padua, Bergamo, Turin und Venedig hatte.
In Italien bekam sie zum ersten Mal Probleme mit ihrem Augenlicht. Sie fing an unscharf zu sehen und hatte ständig starke Kopfschmerzen. Als Konsequenz unterbrach sie daraufhin für einige Monate ihre Karriere.

Am 25. August 1792 trat Luisa Todi, nach einer knapp zweijährigen Pause, zum ersten Mal in Madrid wieder auf. Hier in Madrid blieb sie bis 1796, wo sie vor allem am Teatro de los Caños del Peral, dem späteren königlichen Theater, zahlreiche Erfolge feierte.
Da ihr Augenlicht immer schwächer wurde, kehrte sie 1796 wieder nach Lissabon zurück, wo sie fortan mit ihrem Mann etwas zurückgezogen lebte.
1799 reiste Luisa Todi noch einmal nach Italien, wo sie in Neapel Ihren letzten öffentlichen Auftritt hatte.
1801 kehrte Luisa Todi aus Italien nach Portugal zurück, und ließ sich mit ihrem Mann Francesco in der Stadt Porto nieder.
Zwei Jahre später, am 28. April 1803, verstarb ihr geliebter Gatte Francesco.

Als die französischen Truppen von Napoleon Bonaparte im Jahre 1806 Portugal überfielen, hätte Luisa Todi mit der portugiesischen königlichen Familie nach Brasilien fliehen oder sie hätte nach England reisen können.
Aber sie zog es vor in Portugal zu bleiben, sicherlich auch deshalb, weil sie sich der Ernsthaftigkeit der Situation nicht bewusst war.

Am 29. März 1809 überfielen die französischen Truppen, in ihrer zweiten Invasion in Portugal, auf brutalste Weise die Stadt Porto.
Luisa Todi versuchte, wie viele andere Bürger auch, an diesem Tag die Stadt fluchtartig zu verlassen.
Als sie zu tausenden versuchten den Fluss Douro über die Ponte das Barcas zu überqueren, eine aus einfachen Barkassen bestehende Brücke, brach die Brücke unter dem Gewicht der vielen Flüchtlinge zusammen und riss über 4.000 Menschen in den Tod.

Luisa Todi kam zwar mit ihrem Leben davon, doch der größte Teil ihres Reichtums, den sie in Form von wertvollem Schmuck, Edelsteinen und Perlen bei sich trug, fiel bei der Flucht in den Fluss Douro und sie selber wurde von den Franzosen gefangen genommen.
Als General Nicolas Soult, der Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Portugal, von ihrer Festnahme erfuhr, und er sich von ihrer Identität überzeugt hatte, veranlasste er ihre Freilassung und stellte sie unter seinen persönlichen Schutz.

Nach ihrer Freilassung zog Luisa Todi wieder nach Lissabon.
Hier lebte sie bis an ihr Lebensende in der Travessa da Estrela, eine Straße die heute ihren Namen trägt, unter sehr einfachen Verhältnissen. Ihr Augenlicht wurde immer schwächer und in den letzten Jahren ihres Lebens erblindete sie völlig.

Luisa Rosa de Aguiar Todi war zu Lebzeiten eine der besten und beliebtesten Operndivas der Welt. Sie konnte perfekte Opernarien auf italienisch, französisch, deutsch und englisch singen und wurde von vielen Opernliebhabern jeden Standes geliebt, ja regelrecht vergöttert.
Der böhmische Komponist und Musikpädagoge Anton Reicha nannte sie in seinem Buch „Traitéde melodie“ einfach nur die „Sängerin aller Jahrhunderte“.
Umso trauriger ist es da, das sie am 01. Oktober 1833, völlig blind und verarmt, in einem kleinen Zimmer in der Travessa da Estrela im Stadtteil Encarnação einsam verstarb.

Tröstlich ist es da, das heute der wichtigste Nachwuchspreis des klassischen Gesangs in Portugal, der Concurso Nacional de Canto Luisa Todi (dt.: Nationaler Gesangswettbewerb Luisa Todi), ihren Namen trägt.

Dienstag, 29. November 2011

Das brasilianische Exil der portugiesischen Königsfamilie


Heute vor 204 Jahren, am 29. November 1807, ging die portugiesische Königsfamilie, mit einem Teil ihres Hofstaates, ins brasilianische Exil. Königin Maria I, ihr Sohn der Thronfolger Infant João, die königlichen Infanten und Infantinnen, ein Teil des Hochadels, mehrere Minister und Staatsbeamte, sowie Militärs, Hofdamen, Ärzte, Handwerker, Kirchenmänner, Köche und Diener, alle machten sie sich an diesem Tag, über den Atlantik, nach Rio de Janeiro.

Zu diesem Exil war es gekommen, weil sich Frankreich unter Napoleon Bonaparte einen Monat zuvor, am 27. Oktober 1807, im Vertrag von Fontainebleau mit Spanien, das militärische Durchmarschrecht nach Portugal zugesichert hatte.
Der französische General Junot überschritt daraufhin die spanisch-portugiesische Grenze und begann das Land zu besetzen.
Schnell kamen die napoleonischen Truppen voran und die Portugiesen konnten der französischen Invasion kaum einen nennenswerten Widerstand entgegenbringen. Die Truppen Generals Junot kamen so der portugiesischen Hauptstadt von Tag zu Tag näher. Da der Regent und Sohn der Königin, Infante João, sich weigerte zu kapitulieren, und da er nicht ein Gefangener und somit eine Marionette Napoleons sein wollte, beschloss er, nach einer Abmachung mit England, mit seinem gesamten Hofstaat in die damalige Kolonie Brasilien zu ziehen und von dort aus die Regierungsgeschäfte über Portugal, so weit wie möglich, zu übernehmen.
Die Behörden in Lissabon stellen daraufhin in den ersten Novembertagen über 11.000 Pässe für jeweilige Überfahrten nach Brasilien aus.

Es muss damals genauso ein trister und nebeliger Tag gewesen sein, wie es heute einer war. Die Flotte, die die damals schon geistig umnachtete Königin Maria I und ihr Gefolge an diesem Tag nach Brasilien brachte, bestand aus den folgenden 16 königlichen Segelschiffen:

• Nau (dt.: Karacke) „Principe Real“ – unter dem Kommando von Kapitän Francisco José do Canto Castro e Mascarenhas

• Nau „Afonso de Albuquerque“ – unter dem Kommando von Kapitän Inácio da Costa Quintela

• Nau „Rainha de Portugal“ – unter dem Kommando von Kapitän Francisco Manuel Souto-Maior

• Nau „João de Castro“ – unter dem Kommando von Kapitän Manuel João Loccio

• Nau „Medusa“ – unter dem Kommando von Kapitän Henrique da Fonseca de Sousa Prego

• Nau „Principe do Brasil“ – unter dem Kommando von Kapitän Francisco de Borja Salema Garção

• Nau „Conde Dom Henrique“ – unter dem Kommando von Kapitän José Maria de Almeida

• Nau „Martins de Freitas“ unter dem Kommando von Kapitän Manuel de Menezes

• Fregatte (port.: Fragata) „Minerva“ – unter dem Kommando von Kapitän Rodrigo José Ferreira Lobo

• Fregatte „Golfinho“ – unter dem Kommando von Kapitän Luis da Cunha Moreira

• Fregatte „Urânia“ – unter dem Kommando von Kapitän João Manuel

• Brigg (port.: Brigue) „Lebre“ – unter dem Kommando von Kapitän Daniel Tompsom

• Brigg „Voador“ – unter dem Kommando von Kapitän Maximiliano de Sousa

• Brigg „Vingança“ – unter dem Kommando von Kapitän Diogo Nicolau Keating

• Schoner (port.: Escuna) „Furão“ – unter dem Kommando von Kapitän Joaquim Martins

• Schoner „Curiosa“ – unter dem Kommando von Kapitän Isidoro Francisco Guimarães

An die 10.000 Personen wurden an diesem nebeligen Novembertag auf diesen 16 königlichen Segelschiffen evakuiert. Die königliche Familie war, im Vergleich zu anderen königlichen Familien der damaligen Zeit, recht klein. Sie bestand nur aus 14 Personen, wovon die Hälfte Kinder waren. Laut Zeugenberichten von damals, brach an diesem Tag der Abreise der komplette Chos aus. Tausende Menschen versuchten am Hafen von Lissabon einen Platz auf einem der Schiffe zu ergattern, die sie nach Brasilien bringen sollten. Ein wunderschönes Gemälde im Lissabonner Kutschenmuseum (port.: Museu dos coches), das den Titel „A partida da Familia Real para o Brasil“ (dt.: „Abreise der königlichen Familie nach Brasilien“) trägt, zeigt auf eindrucksvolle Weise diesen Moment der Abreise.

Die 14 Mitglieder der königlichen Familie, die an jenem 29. November 1807 die Überfahrt nach Brasilien antraten, waren:


• Königin Maria I – geboren in Lissabon am 17.12.1734. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Principe Real“. Sie stirbt am 20.03.1816 in Rio de Janeiro, ohne jemals wieder portugiesischen Boden zu betreten

• Infante João – geboren am 13.05.1767 in Lissabon. Kronprinz und Regent seiner Mutter Maria I, späterer König João VI. Er macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Príncipe Real“

• Infantin Carlota Joaquina – geboren am 25.04.1775 in Aranjuez / Spanien. Kronprinzessin und Ehefrau von Infante João. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infante Pedro – ältester Sohn von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 12.10.1798 in Queluz bei Sintra. Zukünftiger König Pedro IV von Portugal und Kaiser Pedro I von Brasilien. Er macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Principe Real“

• Infante Miguel – zweitältester Sohn von Infahte João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 26.10.1802 in Queluz bei Sintra. Er macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Príncipe Real“

• Infantin Maria Teresa – älteste Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 29.04.1793 in Lissabon. Verheiratet mit Infante Pedro Carlos. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infantin Maria Isabel Francisca – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 19.05.1797 in Queluz bei Sintra. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infantin Maria Francisca de Assis – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren in Queluz bei Sintra, am 22.04.1800. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Rainha de Portugal“

• Infantin Isabel Maria – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 04.07.1801 in Queluz bei Sintra. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Rainha de Portugal“

• Infantin Maria da Assunção – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren in Queluz bei Sintra am 25.07.1805. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infantin Ana Jesus Maria Assunção – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren in Mafra am 23.10.1806. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infantin Maria Francisca Benedita – Schwester von Königin Maria I. Geboren in Lissabon am 25.07.1746. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Rainha de Portugal“

• Infantin Maria Anna de Jesus – Schwester von Königin Maria . Geboren am 07.10.1736 in Lissabon. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Rainha de Portugal“. Sie stirbt am 16.05.1813 in Rio de Janeiro

• Infante Pedro Carlos de Borbon e Bragança – Geboren am 18.06.1786. Schwager von Infante João, verheiratet mit dessen Schwester Infantin Maria Teresa. Er macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Principe Real“. Er stirbt am 26.05.1812 in Rio de Janeiro

Als General Junot an diesem Tag um kurz nach 9:00 Uhr früh in Lissabon einmarschierte, konnte er von dem Stadthügel „Alto de Santa Catarina“ nur noch in der Ferne die Flotte auf ihrem Weg nach Rio de Janeiro sehen. Er hatte zwar Lissabon, und somit ganz Portugal, vorerst für Napoleon Bonaparte eingenommen, aber die Königin und ihr Gefolge waren ihm praktisch in letzter Minute entkommen. Portugal sollte, in den kommenden Jahren, von Brasilien aus regiert werden und die Hauptstadt des Königreiches und alle politischen und kulturellen Institutionen wurden ab diesem Tag der Abreise nach Rio de Janeiro verlegt. Erst im Jahre 1821 sollte João VI, der nach dem Tode seiner Mutter Maria I, in Rio de Janeiro zum König gekrönt worden war, nach Lissabon und Portugal zurückkehren.