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Dienstag, 18. November 2014

Damião de Góis – Humanist, Historiker und Diplomat


Am 16. Oktober Anno Domini 1572 verhängte das Inquisitionsgericht (port.: tribunal do Santo oficio) zu Lissabon die Strafe „carcere perpetuo“ gegen den Humanisten, Historiker und Diplomaten Damião de Góis. Wegen Ketzerei und Abwendung von der römisch-katholischen Kirche wurde er zuerst zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt und seine Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt.
18 Monate dauerte damals das Gerichtsverfahren gegen den 70jährigen Damião de Góis.
Gleich nach seiner Verurteilung wurde er ins Kloster von Batalha (port.: Mosteiro da Batalha) gesteckt, durfte dann aber nach einiger Zeit seine Haftstrafe unter Hausarrest in seinem Geburtshaus in Alenquer verbringen.
Hier in Alenquer verstarb er dann drei Tage vor seinem 72. Geburtstag, am 30. Januar 1574.

Damião de Góis wurde als Sohn des adligen Gutsherren und Viehzüchters Rui Dias de Góis und seiner vierten Ehefrau, der Flämin Isabel de Limi, am 02. Februar 1502 in der portugiesischen Stadt Alenquer geboren.
Als Damião neun Jahre alt war verstarb sein Vater und er wurde von seiner Mutter an den Hof in Lissabon geschickt um dort König Manuel I als Pagen zu dienen.

Die Regentschaft von Manuel I, am Anfang des 16. Jahrhunderts, war wirtschaftlich und kulturell das „goldene Zeitalter“ der portugiesischen Entdeckungs- und Expansionspolitik.
Damião de Góis wuchs damals an einem Hof auf, an dem sich die verschiedensten Seefahrer, Kartografen, Schriftsteller, Theologen, Dichter, Maler, Mathematiker und Astronomen die Klinke in die Hand gaben.
Damião wollte zuerst Seefahrer werden, aber als König Manuel I im Jahre 1521 stirbt und sein Sohn João III den Thron übernimmt, sieht der es nicht ein, warum er einen so klugen Kopf wie Damião de Góis zur See fahren lassen soll, wenn der ihm von viel größerem Nutzen an Land sein kann.

Und so wurde Damião im Jahre 1523, im Alter von 21 Jahren, von König João III nach Antwerpen geschickt – dem führenden Handelsplatz und Finanzzentrum des damaligen Europas – um dort Sekretär des Königs am Handelskontor (port.: feitoria) zu werden. Er führte seine Arbeit in Antwerpen zur vollsten Zufriedenheit des Monarchen aus, aber mit der Zeit fand Damião die Schreibarbeit recht monoton und sie erfüllte ihn nicht.

Damião nahm jede Gelegenheit wahr sich weiterzubilden. Unter anderem lernte er in Antwerpen bei einem Privatlehrer latein und italienisch und bei einem Besuch im schweizerischen Fribourg nahm er Theologie- und Philosophieunterricht bei seinem späteren Freund Erasmus von Rotterdam (port.: Erasmo de Roterdão).
1531 beschloss König João III ihn auf eine diplomatische Reise durch den Norden Europas zu schicken. Und so kam es, das Damião de Góis in den folgenden zwei Jahren Polen, Litauen, Dänemark, Schweden, Endland, Frankreich und auch Deutschland als Vertreter des Königs von Portugal bereiste.
In Deutschland lernte er dann in Wittenberg Philipp Melanchton (port.: Filipe Melâncton)  und Martin Luther (port.. Martinho Lutero) kennen und freundete sich mit den beiden Reformatoren an.
Später wird Damião de Góis sich aber, als er von der Inquisition in die Mangel genommen wird, vor allem von Luther und seinen revolutionären Ideen distanzieren.

Im Jahre 1533 beendete Damião de Góis seine diplomatische Reise durch Nordeuropa und kehrte an den Hof in Lissabon zurück.
König João III ernannte ihn zum Schatzmeister der „Casa da India“ (dt.: Indienhaus), der damaligen zentralen Verwaltungsbehörde aller portugiesischer Überseegebiete und des Überseehandels. Da es aber nur bei der Ernennung dieses prestigeträchtigsten Postens blieb, beschloss Damião de Góis nach ein paar Monaten wieder Portugal zu verlassen – ohne die Erlaubnis des Königs!

Damião de Góis hatte eine Einladung seines Freundes Erasmus von Rotterdam erhalten und reiste über Basel nach Fribourg, wo er dann für fünf Monate im Hause des wohl berühmten Humanisten seiner Zeit blieb.
Anfang 1534 tritt Damião eine Reise nach Italien an, wo er sich an der damals sehr renommierten Universität von Padua einschrieb um zu studieren.
Hier in Padua blieb er die nächsten vier Jahre seines Lebens und während seiner Studienzeit lernte er viele berühmte Wissenschaftler und Theologen der damaligen Zeit kennen. Eine der Bekanntschaften die er in Padua verhängnisvoller Weise machte, war die des portugiesischen Jesuitenpaters Simão Rodrigues de Azavedo.
Azavedo wird elf Jahre später derjenige sein, der Damião de Góis bei der Inquisition anschwärzt, und mit dafür sorgt, dass er lebenslänglich erhält.

Als Damião de Góis sein Studium 1538 beendete, reiste er ins flämische Leuven (port.: Lovaina / dt.: Löwen) um an der dortigen Katholischen Universität weiter zu studieren. In Leuven lernte er kurz nach seiner Ankunft die Tochter des reichen Kaufmanns André van Hargen lernen, die Bürgerstochter Johanna van Hargen.
Ein Jahr später, 1539, heiraten Damião de Góis und Johanna van Hargen.
In Leuven publiziert Damião seine ersten großen Werke:
Im Jahre 1539 „Commentani rerum gestarum in India“, 1540 „Fides, religio moresque Aethiopum“ und 1544 „Damiani a Goes eqvitis Lvsitani aliqvot opvscvla“

Als französische Truppen im Jahre 1542 Flandern überfielen und die Stadt Leuven besetzten, nahmen sie Damião de Góis, einen glühenden Verteidiger der Stadt, fest.
Nur gegen ein sehr hohes Lösegeld und ein gut eingelegtes Wort beim französischen Monarchen Franz I (franz.: François I) konnte König João III damals die Freilassung von Damião de Góis nach monatelanger Haft erreichen.

1545 kehrte Damião de Góis mit seiner Ehefrau Johanna nach Portugal zurück. Dank der sehr guten Geschäftsbeziehungen und den persönlichen Kontakten die er außerhalb Portugals besaß und pflegte konnten er und seine Familie in Portugal ein wohlhabendes und, wie es scheint, recht glückliches Leben führen.
Dieses Glück wurde damals nur dadurch gestört, das Damião de Góis wegen seiner offenen Art und Weise ab und zu mit dem Klerus und dem Adel in Konflikt kam.
So denunzierte ihn z.B. Simão Rodrigues de Azavedo, ein Jesuitenpater den er noch aus Padua kannte, bei der Inquisition als Ketzer. Diese Verleumdungen hatten aber noch keine Konsequenzen für Damião de Góis, denn er genoss damals das uneingeschränkte Vertrauen des Königs.
Erst Jahre später sollte sich das Blatt gegen Damião de Góis wenden!

König João III mochte Damião de Góis sehr und hatte zu ihm größtes Vertrauen. So kam es, dass der König ihn im Jahre 1548 zum obersten Verwalter des Zentralarchivs des Königreiches, der Torre do Tombo, ernannte.
Im Jahre 1566 erhielt Damião de Góis vom Königshaus den Auftrag ein Buch über das Leben des verstorbenen Königs Manuel I und die Entdeckungen während seiner Regierungszeit zu schreiben.

Dieses Buch, mit dem Namen „Crónica do Felicissimo Rei D. Manoel“ (dt.: „Chronik des glücklichen Königs Manuel“), galt damals – und gilt auch heute noch – als das wichtigste Werk von Damião de Góis.
Aber, so bedeutsam diese Chronik über Manuel I literarisch auch war, so verhängnisvoll sollte sie später für den Humanisten Damião de Góis sein.

Denn in einer Zeit in denen Chroniken über Monarchen immer in Lobhudelei ausarteten, wagte es Damião de Góis doch damals tatsächlich die Regierungszeit von Manuel I nicht so strahlend darzustellen wie vom Königshaus eigentlich gewünscht.
Er schrieb in seiner Chronik schonungslos über die Ausbeutung und die willkürlichen Grausamkeiten der damaligen Kolonialzeit und nannte so die Dinge beim Namen.
Viele hochrangige Adlige und Männer der Kirche – allen voran Kardinal Henrique (port.: Cardeal D. Henrique), der Onkel des Königs und Großinquisitor des Königreiches – fanden Damiãos Buch damals recht respektlos und werteten die in Auftrag gegebene Chronik nicht mehr und nicht weniger als Hochverrat – und Hochverrat wurde damals mit der Todesstrafe geahndet!
Ehe sich Damião de Góis versah, stand er plötzlich unter Beobachtung des Großinquisitors Kardinal Henrique.

1571 wurde Damião de Góis tatsächlich von der Inquisition der Ketzerei angeklagt.
In einem Gerichtsverfahren das sich über eineinhalb Jahre hinzog gestand er zermürbt und resigniert die Fehler ein, die er 35 Jahre vorher begangen haben soll, und bat das Inquisitionsgericht um Gnade.
Sein Geständnis und seine bitte um Vergebung verhinderten seinen Tod auf dem Scheiterhaufen, aber sie verhinderten nicht die Demütigung denen er fortan ausgeliefert war und die bis zu seinem Tod andauern sollten.

Damião de Góis, einer der kritischsten Zeitgeister seiner Epoche in Europa und der wichtigste Humanist der portugiesischen Renaissance, wurde nach seiner Verurteilung durch das Inquisitionsgericht unter Hausarrest gesetzt.
Die letzten Monate seines Lebens verbrachte er von allen verlassen in seinem Geburtshaus in Alenquer, wo er am 30. Januar 1574, unter bis heute recht mysteriösen Umständen, starb.

Sonntag, 23. März 2014

Schreiben sie einem Portugiesen niemals mit roter Tinte


Vor einpaar Tagen, ich weiß nicht mehr wie wir darauf kamen, erklärte ich meinen zwei Arbeitskolleginnen Johanna und Maria – die eine Deutsche die andere Österreicherin – das es in Portugal ein absolutes No Go ist Jemanden ein Schriftstück mit roter Tinte zu schreiben, und sei es nur dessen Namen.
Es gilt hierzulande als unhöflich, ja eigentlich schon als beleidigend, einen Brief, eine Postkarte oder auch nur eine einfache Mitteilung auf einem Post It mit roter Farbe zu verfassen.

Warum das so ist, kann heute keiner mehr so genau sagen.
Aber höchstwahrscheinlich hat dieses Tabu einen religiösen Ursprung.
Portugal war schon immer, seit seiner Staatsgründung, sehr katholisch geprägt, und im Christentum ist Rot seit jeher die Farbe des Satans, des Feuers, der Hölle und der Sünde.
Möglicherweise liegt hier die Quelle dieses Aberglaubens, der sich bis heute gehalten hat.

So ist es z.B. belegt, dass in Zeiten in denen die allmächtige Inquisition (port.: Inquisição) hier in Portugal wütete, die Wohnhäuser und Geschäfte von Andersgläubigen, von Ketzern und der Hexerei beschuldigten mit roter Farbe, für alle Sichtbar, gekennzeichnet wurden.
Auf solch eine Art und Weise von der Kirche Diskriminiert zu werden war im Mittelalter eine Sache von Leben oder Tod!
Außerdem hatte die Inquisition die Gewohnheit, so las ich einmal, die Namen der zur Folter oder zum Tode verurteilten Personen mit roter Tinte niederzuschreiben.

Die römisch-katholische Kirche war es anscheinend auch, die im Mittelalter das Märchen in Umlauf setzte, die Juden würden immer die Türen ihrer Häuser mit Schweineblut beschmieren, um so ihre Heime gegen Feuer, Sünde und Christen zu beschützen.
Eine diffamierende Behauptung die vielen Menschen jüdischen Glaubens das Leben kostete!

Als das Mittelalter dann irgendwann endete und auch die Inquisition dann im späten 18. Jahrhundert in Portugal abgeschafft wurde, blieb das Unbehagen vor der roten Farbe auf einem Schriftstück in den Köpfen der Menschen bestehen – bis in unsere Tage!

Ich selbst vermeide es mit roter Schrift zu schreiben.
Um etwaigen Missverständnissen zu entgehen rate ich also jedem, einem Portugiesen niemals etwas mit roter Tinte zu schreiben, auch wenn es gut gemeinte Worte, Wünsche oder Grüße sind.
Er wird sonst beleidigt sein und sicherlich denken sie wünschen sich, er möge zum Teufel gehen!…

Freitag, 30. September 2011

Gil Vicente - der Vater des portugiesischen Theaters


Deutschland mag das Land der Dichter und Denker sein, aber auch für uns Portugiesen waren Wörter immer eine Leidenschaft.
Seitdem die mittelalterlichen Barden Verse verfassten, hat sich die Liebe zur Sprache, die schiere Freude am Klang von Wörtern – und natürlich an Geschichten – tief in die portugiesische Seele eingegraben.

Wo und wann Gil Vicente, der „Meister des geschriebenen Wortes“ und „Vater des portugiesischen Theaters“, der eigentlich von Haus aus Goldschmied war, geboren wurde, das weiß man heute nicht mehr so genau.
Man vermutet aber, dass er um das Jahr 1465 geboren wurde.
Sowohl die Städte Barcelos als auch Guimarães, beide in Nordportugal gelegen, als auch Lissabon kommen als mögliche Geburtsorte des Poeten, Dramaturgen und Stückeschreibers in die engere Auswahl.
Aber vielleicht ist er auch ganz woanders geboren…

Man weiß, dass er noch recht jung eine gewisse Branca Bezerra ehelichte die ihm zwei Söhne, mit Namen Gaspar und Belchior, schenkte.
Später, nachdem seine erste Frau verstorben war, war er in zweiter Ehe mit Melicia Rodrigues verheiratet, die ihm drei Kinder gebar: Paula, Luis und Valeria.

Um 1500 kam er, wie so viele seiner Zeitgenossen, an den Hof König Manuels I, um dort sein Glück zu machen.
Zunächst arbeitet er für die Königinwitwe Leonor in seinem erlernten Beruf als Goldschmied.
Doch dabei blieb es nicht.

Den 400 Höflingen – 30 Jahre zuvor, unter König João II, waren es lediglich 200 gewesen – fehlte es an Unterhaltung am Hof.
So kam es, dass Gil Vicente im Jahre 1502, vor königlicher Kulisse, sein erstes dramatisches Versdrama aufführte – ein so genanntes „Auto“, ein Versdrama mit gesungenen und getanzten Einlagen.

Dieses erste Auto von Gil Vicente hieß „Monólogo do Vaqueiro“ (dt.: „Monolog des Kuhhirten“) und wurde am Abend des 08. Juni in den königlichen Privatgemächern der Burg Castelo de São Jorge, aus Anlass der Geburt des Thronfolgers João, der zwei Tage zuvor auf die Welt gekommen war, uraufgeführt.
Den „Monólogo do Vaqueiro“ schrieb Gil Vicente damals in spanischer Sprache, um der Mutter des Thronerben, Königin Maria, die von Geburt Spanierin war, zu huldigen.
Der 08. Juni 1502 gilt seitdem als die Geburtsstunde des portugiesischen Theaters.
Gil Vicente rezitierte damals sein Werk lediglich vor König Manuel I, seiner Ehefrau Königin Maria, die noch im Kindbett lag, der Königin Leonor, der Witwe Königs João II, der Königinmutter, Infantin Beatriz und sechs Hofdamen.

Es gefiel, und von nun an bekam Gil Vicente den Auftrag zu allen Festen und offiziellen Anlässen des Hofes Spiele, Komödien, Tragikkomödien und Farcen zu verfassen.
Insgesamt schrieb er 46 Bühnenstücke, die durchweg alle voll scharfem Humor und sozialer Satire sind.

Zum Weihnachtsfest 1502 bat ihn die Königinwitwe Leonor sein „Monólogo do Vaqueiro“ noch einmal aufzuführen.
Doch Gil Vicente fand das dieses Werk für den Anlass nicht angemessen war, und so schrieb für die Weihnachtszeit sein Werk „Auto Pastoril Castelhano“ (dt.: „Das Kastilische Hirtengedicht“), ebenfalls auf spanisch.
Dieses Auto schrieb er nicht nur, sondern er spielte in ihm sogar zum ersten Mal mit.

Gil Vicente lebte in einer Zeit des Wandels.
Ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen, sagte und schrieb er, was er dachte, in einer offenen, oft derben Sprache – der Sprache des Volkes eben.

Noch nicht einmal 30 Jahre später sollte der große Dichter Luís Vaz de Camões, unter dem Einfluss des Humanismus, schon in einer neuen und kultivierten Sprache, die nur noch die gebildete Elite verstand, schreiben.

Hinter dem burlesken Komödianten Gil Vicente verbarg sich jedoch ein kritischer Beobachter, der die sozialen Umwälzungen seiner Zeit genau registrierte und das Verhalten der Beteiligten treffend darstellte: den verarmten Landarbeiter und Kleinbauern, der für den Sohn den sicheren Futtertrog beim Klerus, für die Tochter den Aufstieg am Hofe suchte, der sich nur zu oft als Abstieg in die Prostitution erwies;
er zeigte den um politischen Einfluss bemühten Klerus und reiche, adelige Nichtstuer und er karikierte die Aufblähungen des Hofes;
stellte Schmarotzer und Emporkömmlinge neben Handwerker und Händler.

Insgesamt verfasste er 46 Werke.
Von diesen 46 Werken schrieb er 16 auf Portugiesisch, 11 auf Spanisch und 19 in einer portugiesisch-spanischen Mischsprache.
Seine bis heute bekannten Werke heißen:

• Monólogo do Vaqueiro oder Auto da Visitação (1502)
• Auto Pastoril Castelhano (1502)
• Auto dos Reis Magos (1503)
• Auto de São Martinho (1504)
• Quem tem Farelos? (1505)
• Auto da Alma (1508)
• Auto da Índia (1509)
• Auto da Fé (1510)
• O Velho da Horta (1512)
• Exortação da Guerra (1513)
• Comédia do Viúvo (1514)
• Auto da Fama (1516)
• Auto da Barca do Inferno (1517)
• Auto da Barca do Purgatório(1518)
• Auto da Barca da Glória (1519)
• Cortes de Júpiter (1521)
• Comédia de Rubena (1521)
• Pranto de Maria Parda (1522)
• Farsa de Inês Pereira (1523)
• Auto Pastoril Português (1523)
• Frágua de Amor (1524)
• Farsa do Juiz da Beira (1525)
• Farsa do Templo de Apolo (1526)
• Auto da Nau de Amores (1527)
• Auto da História de Deus (1527)
• Tragicomédia Pastoril da Serra da Estrela (1527)
• Farsa dos Almocreves (1527)
• Auto da Feira (1528)
• Farsa do Clérigo da Beira (1529)
• Auto do Triunfo do Inverno (1529)
• Auto da Lusitânia, intercalado com o entremez Todo-o-Mundo e Ninguém (1532)
• Auto de Amadis de Gaula (1533)
• Romagem dos Agravos (1533)
• Auto da Cananea (1534)
• Auto de Mofina Mendes (1534)
• Floresta de Enganos (1536)


Das alte Handwerk als Goldschmied verlernte er aber nie, und so fertigte er 1506, für das neu gegründete Hieronymus-Kloster in Belém, eine kostbare Monstranz aus dem ersten afrikanischen Gold das nach Portugal kam.
Diese Monstranz kann heute im Museu Nacional de Arte Antiga (dt.: Nationalmuseum für Alte Kunst) bewundert werden kann.

In mehreren seiner gewagten Spiele griff er die Kirche und vor allem ihr Geschäft mit den Ablassbriefen unverholen an.
Doch die Zeiten hatten sich geändert, und immer mehr brachte ihn seine unverblümte Sprache in Schwierigkeiten.

Im Jahre 1531, als König João III beim Papst „Die Erlaubnis für die Errichtung der Inquisition in Portugal (port.: „Autorização para o estabelecimento da Inquisição em Portugal“) beantragte, ließ der portugiesische Botschafter in Antwerpen Gil Vicentes Auto „Farsa do Clérigo da Beira“ (dt.: „Das Possenspiel des Geistlichen aus Beira“) aufführen.
Die päpstlichen Gesandten, die im Publikum anwesend waren, waren über das Stück alles andere als amüsiert, und beklagten sich daraufhin sogleich beim Papst.

Mit der Einführung der Inquisition wurde es für Gil Vicente und allen anderen, die der Linie der katholischen Kirche nicht treu folgten, zunehmend schwieriger und gefährlicher, sich öffentlich mit gesellschaftskritischen Themen auseinanderzusetzen.

1534 wurde Gil Vicente – der zudem die cristões novos (zum Christentum konvertierten Juden) öffentlich verteidigt hatte – als einen der ersten Opfer der Inquisition der Prozess gemacht.
Er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, die er dann in dem Gefängnis Cadeia do Tronco, in der Rua das Portas de Santo Antão in Lissabon, unweit des Rossio, verbüßte.

1536, gleich nach seiner Freilassung, kehrte er noch einmal an den Hof zurück und stellte sich im Prolog seines letzten Autos „Floresta de Enganos“ (dt.: „Urwald der Täuschungen“) als verfolgten und geknebelten Denker dar.
Danach wurde es abrupt still um ihn.

Man vermutet, dass er irgendwann im Jahre 1536, wahrscheinlich an den Folgen der Haft, an unbekannter Stelle verstorben ist.
Jedenfalls ist ab diesem Jahr kein Werk von ihm mehr bekannt und er wird auch nicht mehr, wie bis dahin üblich, in den königlichen Hofdokumenten erwähnt.

Zu seinen Lebzeiten wurden nur wenige seiner Stücke in fliegenden Blättern veröffentlicht.
Aber die wenigen die Verbreitung fanden, erlangten Beliebtheitsstatus und wurden sogar über die damaligen Landesgrenzen bekannt.
So soll z.B. der holländische Philosoph Erasmus von Rotterdam sogar die portugiesische Sprache erlernt haben, nur um die Werke Gil Vicentes im Original lesen zu können.
Auch namhafte deutsche Schriftsteller und Komponisten, wie Emanuel von Geibel, Max Bruch oder Robert Schumann, ließen sich im laufe der Jahrhunderte durch die Werke Gil Vicentes inspirieren.

Im Jahre 1562 gaben sein Sohn Luis und seine Tochter Paula in dem Buch „Copilagem de todas as obras de Gil Vicente“ seine gesammelten, aber nicht ganz vollständigen Werke, zum ersten Mal heraus.
Die nächste Auflage wurde 20 Jahre später, im Jahre 1582, veröffentlicht, war aber bereits von der Zensur der allmächtigen Inquisition, stark gekürzt.
Erst im 19. Jahrhundert wird der große Gil Vicente wieder im Original verlegt.
Im Jahre 1834 erscheint unter der Feder des Portugiesen Barreto Feio, kurioserweise in einem Hamburger Verlag, die dritte Ausgabe der Gesammelten Werke von Gil Vicente.

Dienstag, 27. September 2011

Alheira


In meinem Beitrag „Die 7 Wunder der portugiesischen Gastronomie“, vom 20. September 2011, zähle ich die sieben kulinarischen Spezialitäten auf, die beim Wettbewerb der typisch traditionellen portugiesischen Küche, der Anfang dieses Monats stattgefunden hat, den Sieg davontrugen.

Eines dieser Leckereien, das als Sieger gekürt wurde, ist die in Portugal sehr beliebte und bekannte „Alheira“.
Ich bin heute gefragt worden, was denn eine „Alheira“ sei und wie sie denn so schmecken würde.

Nun, bei der „Alheira“ handelt es sich um eine Wurstspezialität aus dem Norden Portugals, die heute hauptsächlich aus Schweinefleisch und Brot besteht, früher aber eben nicht aus Schweinefleisch bestand, sondern lediglich aus anderen Fleischsorten, wie Hühnchen, Lamm, Ente, Rind, Kalb oder Kaninchen.
Und um gleich die zweite Frage zu beantworten:
Ja, sie schmeckt sehr lecker!

Die Alheira ist eine Erfindung portugiesischer Juden des 16. Jahrhunderts, die dank der Inquisition die damals in Portugal eingeführt wurde, leider nur zwei Möglichkeiten hatten um am Leben zu bleiben.
Entweder sie gingen mehr oder weniger freiwillig ins Exil oder aber sie konvertierten zum katholischen Glauben.
Viele, die sich damals für die Konvertierung entschlossen, übten aber nach dem Übertritt zum Katholizismus weiterhin, im Verborgenen, ihren ursprünglichen jüdischen Glauben aus.

Früher war es in Portugal üblich, die daheim hergestellten Wurstwaren in einem gemeinschaftlichen Räucherofen zu bringen und sie dort alle zusammen zu räuchern.
Da aber die jüdische Religion die Zubereitung und den Verzehr von Schweinefleisch heute wie damals verbietet, kamen die jüdischen Bürger nicht zur Räucherung und konnten so leicht von den anderen Einwohnern identifiziert werden und somit an die allmächtige Inquisition verraten werden.

Um ihr Leben zu retten, begannen die Juden Würste aus anderen Fleischsorten, wie Kalb-, Rind- oder Hähnchenfleisch herzustellen, vermischten das Fleisch mit Brot oder Brotteig, und brachten dann diese koscheren Würste in den Gemeindeofen zum räuchern.
So hatten sie einerseits ihre jüdische Tradition bewahrt, kein Schweinefleisch essen zu müssen, und andererseits nahmen sie offen am Gemeinschaftsleben teil.
Die Christen aber, von den Juden hinters Licht geführt, glaubten nun, ihre jüdischen Mitbürger hätten sich assimiliert und fingen nun selbst an schmackhafte Alheiras herzustellen, allerdings mit Schweinefleisch.

Heute besteht eine Alheira normalerweise aus gekochtem Schweinefleisch, Speck und zu gut einem Drittel aus Weißbrot.
Aber es gibt sie auch noch traditionell aus Rindfleisch, Geflügel und Wild und seit kurzem sogar aus dem in Portugal allgegenwärtigen Bacalhau (dt.Stockfisch).
Aber egal welche Fleischsorte man für diese Wurst auch immer verwendet, die Produktion an sich ist immer die gleiche.

Das Fleisch wird zuerst mit Salz, Pfeffer, Knoblauch und Paprika gewürzt, dann durch den Fleischwolf gedreht und anschließend wird die so entstandene Masse in Schweine- oder Lammdärme zu Würsten von ca. 30 cm abgedreht.
Danach wird die Alheira zu einem Hufeisen geformt und dann über eine Woche hinweg, jeweils zwei bis drei Stunden täglich, geräuchert.

In Nordportugal, genauer gesagt in der Gegend um die Stadt Mirandela, in der Region um Trás-os-Montes, dort wo die Alheira ursprünglich her ist, wird sie traditionell frittiert mit gekochten Kartoffeln und Gemüse und ein paar Olivenölspritzern serviert und gegessen.
Weiter südlich, auch hier im Lissabonner Raum, wird sie gerne mit Pommes Frites, einem Spiegelei und frischem Salat angeboten.

Aus der ehemals geheimen Wurst der konvertierten Juden ist heute ein ganz normales Essen geworden, das überall hier in Portugal angeboten wird.
Oftmals ist sie das billigste Gericht auf der Speisekarte, was nicht heißen soll das sie auch billig schmecken muss.
Im Gegenteil, eine schmackhafte Alheira, zumal eine aus Wild oder Kaninchenfleisch, kann der reinste Gaumenschmaus sein!

Donnerstag, 5. Mai 2011

Senhor Roubado


Als am frühen Morgen des 11. Mai des Jahres 1671 zwei Küster die Türen der kleinen Dorfkirche von Odivelas öffnen um den Gottesdienst vorzubereiten, finden sie die untrüglichen Zeichen eines Einbruchs und eines ungeheuerlichen Frevels vor.

In der Kirche finden sie die Heiligenfiguren „Unserer Jungfrau des Rosenkranzes“ (port.: „Nosssa Senhora do Rosario“) und „Unserer Jungfrau aus Ägypten“ (port.: „Nossa Senhora do Egípto“), die Figur des Jesuskindes (port.: „Menino Jesus“) sowie die Figuren anderer Heiliger splitterfasernackt und entkleidet bloßgestellt.

Nach dem Frevel kommt nun auch der Schock:
Außer das die Figuren nackt sind, müssen die erschrockenen Küster auch feststellen, dass einige Schmuckperlen aus dem Rosenkranz der einen entblößten Heiligen fehlt und ein riesiger Schmuckedelstein aus der Krone der anderen Heiligenfigur heraus gebrochen ist.
Außerdem fehlen einige Altardecken, das Heilige Grabtuch, zwei vergoldete Becher und die wertvolle Monstranz, in der immer die Hostien - das Laib Christi - für die nächste heilige Messe aufbewahrt werden.

Sofort macht das Gerücht vom „gestohlenen Laib Christi“, (port.: „Senhor Roubado“), den die Hostien in der christlichen Religion darstellen, die Runde.
Dieses ungeheuerliche Sakrileg und Diebstahl erschüttert das katholische Portugal der damaligen Zeit bis auf die Grundmauern.

Eine Sonderkommission der Polizei wird daraufhin gegründet und eine nächtliche Ausgangssperre über Odivelas verhängt. Alle Häuser, selbst das Rathaus und die der hohen Bürger werden bei mehreren Razzien durchsucht – allerdings ohne Erfolg!

Nach ein paar Tagen erreicht diese skurrile Kriminalgeschichte den königlichen Hof in Lissabon.
König Pedro II ist außer sich vor Wut!
Auf seine Veranlassung hin werden an jeder Kirche des Landes, an jedem öffentlichen Platz in Portugal, Steckbriefe ausgehängt auf denen für sachdienliche Hinweise zur Ergreifung des Täters des „Senhor Roubado“ die stolze Summe von zweitausend Cruzados ausgesetzt werden.
Außerdem werden verschiedene Prozessionen veranlasst und in allen Kirchen Fürbitten abgehalten.
Der König ordnet sogar an, dass für Hundert Tage am ganzen königlichen Hof schwarze Trauerkleidung getragen werden muss.
Doch alles Beten und büßen hilft nichts.
Die Suche nach dem „Senhor Roubado“ und den anderen gestohlenen Wertgegenständen bleibt erfolglos.

Vier Monate später, am 16. Oktober 1671, ereignet sich in Odivelas erneut ein Verbrechen, der den Ort aufschreckt:
Im altehrwürdigen Kloster von Odivelas (port.: Mosteiro de Odivelas) wird ein Dieb dabei erwischt, wie er auf frischer Tat den Schwestern sechs Suppenhühner stehlen will.
Die Küchenmagd kann den Dieb im Hühnerstall festhalten bis die Dorfpolizei eintrifft.

Der auf frischer Tat festgenommene Hühnerdieb ist der betrunkene António Ferreira, der im ganzen Ort als der Dorftrottel bekannt ist.
Die Polizei findet in einer seiner Taschen ein goldenes Kreuz das zu einer der Heiligenfiguren gehört, welche Monate zuvor in Odivelas gestohlen worden waren.
Nach einigen Verhören gesteht António Ferreira den Diebstahl in der Dorfkirche, im betrunkenen Zustand, begangen zu haben.
Auf einem Feld, unweit von Odivelas, wird unter den Wurzeln eines Baumes versteckt, die Mehrzahl der gestohlenen Gegenstände gefunden.
Die Hostien allerdings, so gibt der Dorftrottel freimütig zu, habe er vor lauter Hunger noch in derselben Nacht vernascht.
Die Monstranz, in der die Hostien aufbewahrt waren, bleibt aber verschwunden.
Der ganze Ort lacht, ja ganz Portugal lacht über diesen Dorftrottel, und eigentlich wäre der Fall nun aufgeklärt und somit zu den Akten zu legen.

Doch was nun folgt ist eine selbstherrliche, gnadenlose Demonstration der Inquisition, der in einen gnadenlosen, brutalen Prozess gegen António Ferreira endet.
Die Hysterie eines Teils des Großadels und der Fanatismus der Kirchenoberen führen dazu bei, das António Ferreira, ein armer Schlucker, die ganze Härte des Inquisitionstribunal zu spüren bekommt.
Ihm wird öffentlich der Prozess gemacht.
Unter der Folter wird er aufgefordert zu sagen wo die Monstranz ist, da diese unauffindbar ist.
Doch alles foltern nützt nichts, und der „Senhor Roubado“ bleibt verschollen.
António Ferreira wird gnadenlos durch die Inquisition zum Tode verurteilt!

Am 13. November 1671 wird der Verurteilte zur Urteilvollstreckung nach Lissabon gebracht.
Dort werden ihm am nächsten Tag öffentlich am Rossioplatz, bei lebendigem Leib, beide Hände vom Körper abgehackt.
Eine Würgeschlinge wird ihm angelegt, und er wird langsam und qualvoll erwürgt.
Als er tot ist, wird sein lebloser Körper auf einen Scheiterhaufen gelegt und verbrannt.
So endet, auf stupide Weise und durch eines der vielen Fehlurteile der Inquisition, das Leben des Dorftrottels António Ferreira.

Nur noch wenig erinnert heute in Odivelas an den traurigen Held dieser wahren Geschichte.
An der Stelle im Feld, an der die gestohlenen Kirchengegenstände wieder gefunden wurden, und wo António Ferreira behauptet die Hostien vor lauter Hunger verspeist zu haben, haben die Bürger von Odivelas, hundert Jahre nach dem Ereignis, ihm ein Denkmal gesetzt.
Seit 1774 kann dort, ein alleine durch Spendengeldern finanzierter „Senhor Raubado Denkmal“ (port.: Monumento ao Senhor Roubado), bewundert werden.
Auch der jeden Montag stattfindende Wochenmarkt in Odivelas trägt den Namen dieses traurigen Helden, nämlich „Feira do Senhor Roubado“ (dt.: „Senhor Roubado Markt“), genauso wie eine Metrostation ganz in der Nähe.

Mittwoch, 2. März 2011

Dokumentierte Geschichte in der Torre do Tombo






In meinem post „Torre do Tombo“ schreibe ich über das älteste Schriftstück welches in dem Nationalarchiv der Torre do Tombo (port.: Arquivo Nacional da Torre do Tombo) lagert, nämlich eine Urkunde aus dem Jahre 882, in der ein lusitanischer Kaufmann den damaligen Kalifen von Córdoba, zu dem das heutige Gebiet Portugals gehörte, um Erlaubnis bittet, in dem kleinen Ort Lardosa bei Penafiel, eine katholische Kirche errichten zu dürfen.
Dieser Bitte wurde auch entsprochen, und so stand wenige Zeit später in Lardosa die älteste Kirche auf lusitanischem Boden, und das zur Maurenzeit!

Weitere wertvolle Dokumente, Urkunde und Akten die im Nationalarchiv lagern, sind unter anderem:

- die päpstliche Bulle „Manifestis probatum“, die vom 23. Mai 1179 datiert ist, und in der Papst Alexander III (port.: Alexandre III) dem portugiesischen König Afonso Henriques die Unabhängigkeit Portugals „Für immer und unwiderruflich“ anerkennt und bestätigt.

- Der Vertrag von Tordesilhas (port.: Tratado de Tordesilhas / esp.: Tratado de Tordesillas), der am 07. Juni 1494 zwischen Portugal und Spanien abgeschlossen wurde, und in dem die damalige „noch zu entdeckende Welt“ in eine portugiesische und eine spanische Hälfte aufgeteilt wurde

- Der Beitrittsvertrag Portugals in die EU, aus dem Jahre 1985

- Die Originale der Lissabonner Verträge (port.: Tratado de Lisboa)

- Briefe verschiedener Könige an Seefahrer, wie Vasco da Gama, Diogo Cão, Bartolomeo Dias, Tristan da Cunha, Pedro Álvares Cabral, und viele mehr, die es ihnen erlaubten „neue Welten für die Welt zu entdecken“ und diese für die portugiesische Krone in Besitz zu nehmen

- Unzählige Prozessakten aus den Zeiten der Inquisition aber auch Akten aus der Zeit der Salazar-Diktatur

Da viele der Originalakten, -urkunden und -dokumente in der Zwischenzeit digitalisiert oder auf Mikrofilm festgehalten sind, können viele dieser einzigartigen Schätze von jedem Besucher des Nationalarchivs bewundert und bestaunt werden.

Ich empfehle jedem, der einmal in der Nähe des Campus von Lissabon etwas zu erledigen hat, einmal im Torre do Tombo vorbeizuschauen, und sich die vielen geschichtlich wertvollen Schätze anzuschauen.
Sie werden einem für immer positiv im Gedächtnis bleiben!

Donnerstag, 13. Januar 2011

Es wird keine Taubstummen mehr geben, sondern nur Taube, die sprechen können


„Es wird keine Taubstummen mehr geben, sondern nur Taube, die sprechen können“ - als Jacob Rodrigues Pereira diesen denkwürdigen Satz sprach, war er auf der Höhe seiner wissenschaftlichen Forschungen, was die Taubstummensprache anging.
Pereiras Methode war revolutionär, denn sie stützte sich nur im Ansatz an die Aufzeichnungen des Gebärdespracheerfinders Juan Pablo Bonet. Pereira selbst entwickelte zur Gebärdensprache Bonets ein schnelleres phonetisches Fingeralphabet, welches die Laute der jeweiligen Sprache deutlicher machte.
Man kann also vereinfacht sagen, das Bonet der Erfinder der „Gebärdensprache“ (port.: lingua gestual) war und Pereira der Erfinder der „Taubstummensprache“ (port.: lingua oralizada)!

Als Jocobo Rodrigues Pereira wurde Jacob am 11. April 1715 im portugiesischen Peniche, als Sohn der jüdischen Bürger Magalhães Rodrigues Pereira und Abigail Ribea Rodrigues, geboren.
Als seine Eltern mit ihm vor der Inquisition in Portugal nach Frankreich fliehen mussten, war Jacob gerade mal sieben Jahre alt.
Sie ließen sich in der Stadt Bordeaux (port.: Bordéus) nieder, und hier in Südfrankreich wurde er zum Pädagogen und Lehrmeister der Taubstummensprache.
Er war der erste Mensch der Welt, der als Lehrer tauben Kindern Unterricht gab.
Für ihn sollten sich Taube nicht nur „stumm“ unterhalten können, sondern für ihn war es unheimlich wichtig das Taube sich vor allem durch Töne miteinander unterhalten konnten.

Da es keine schriftlichen Aufzeichnungen über seine Arbeiten gibt, er selber weigerte sich welche zu verfassen, sind die besonderen Lehrmethoden die er entwickelte nur von Aufzeichnungen einiger seiner Schüler bekannt.

Obwohl er sich voller Hingabe der Verbreitung seiner Lehrmethode hingab, so musste er sich doch zum Ende seines Lebens eingestehen, das die Gebärdensprache von Bonet, für die tauben Schüler wesentlich einfacher zu erlernen war als seine Taubstummensprache.

Traurig darüber, dass seine Lehrmethode nur schwerlich angenommen wurde, aber keineswegs resigniert, verstarb Jacob Rodrigues Pereira am 15. September 1780 in seinem Haus in Paris, als er einigen Schülern unterricht gab.

Dienstag, 25. August 2009

Rossio



Der Rossio ist der Hauptplatz der Stadt Lissabon. Er ist das „Herz“ der Hauptstadt, wo man sich zum Kaffeetrinken, Zeitungslesen und auf ein kleines Schwätzchen trifft.
Eigentlich heißt der Rossio offiziell seit über 125 Jahren „Praça Dom Pedro IV“.

Aber wie ich schon einmal, in einem früheren post, geschrieben habe, gewöhnen sich die Lissabonner nur sehr schwer an die Namensänderungen ihrer Straßen, Plätze und Parks.

Wortwörtlich übersetzt heißt Rossio „großer Platz“. Und das ist er dann auch, einer der größten und majestätischsten Plätze der Stadt. Schon auf den ältesten Stadtkarten Lissabons taucht er als der zentrale Platz auf. Er hat schon vieles gesehen und erlebt, der Rossio: öffentliche Hinrichtungen, Zirkusleute und Gaukler die ihre Kunststücke vollführten, Turniere, Hexenverbrennungen, Stierkämpfe, königliche Hochzeiten, Revolutionen und Jubelfeiern.

Alles begann Mitte des 13. Jahrhunderts. Da war hier, wo heute das Herz Lissabons schlägt, ein großer Olivenhain. Unter den Olivenbäumen begann man damals einen Wochenmarkt abzuhalten. Mit der Zeit dann, begann man um den Olivenhain Häuser, Werkstätte und Lager zu bauen. Sogar ein Krankenhaus, das Allerheiligenkrankenhaus (Hospital de Todos os Santos) stand bis 1750 hier.

Andere historischen Gebäude, die hier am Platz standen und die es heute leider nicht mehr gibt, waren das Dominikanerkloster (Convento de São Domingo) und der Estauspalast (Paço dos Estaus), aus dem 15. Jahrhundert, der über 300 Jahre hinweg Botschaftern, Hofangestellten und im 16. Jahrhundert für einige Zeit sogar der königlichen Familie, als Wohnsitz diente.

Das Gericht der Inquisition, stand dort, wo sich heute das Nationaltheater D. Maria II steht. In seinen Mauern fanden die Tribunale der Heiligen Inquisition statt. Dort herrschten Engstirnigkeit, Grausamkeit, Fanatismus, Verblendung und Intoleranz.
Gleich vor dem Inquisitionsgebäude, dort wo heute die Brunnen stehen, wurden über die Jahrzehnte hinweg tausende von Menschen wegen ihres Glaubens und ihrer politischen Einstellung gefoltert und hingerichtet. Juden, Mauren, Glaubensabtrünnige und so genannte Hexen wurden wegen ihrer Überzeugungen getötet.

Die Gebäude, die heute den Rossio umrahmen, stammen alle aus dem 19. Jahrhundert, und wurden nach dem großen Erdbeben von 1755 errichtet. Nur ein Bauwerk ist aus früherer Zeit übrig geblieben, nämlich der Bandeirabogen (Arco da Bandeira), der an der Südseite des heutigen Rossios lokalisiert ist, und sich zwischen dem Rossio und der Rua dos Sapateiros spannt.

Zwei Brunnen stehen auf dem Rossio. Zwischen diesen beiden Brunnen, steht auf einer 28 Meter hohen Marmorsäule, die Statue für König D. Pedro IV, die 1870 eingeweiht wurde, und die dem Platz den heutigen Namen gab.

Dieses Denkmal, für einen der wichtigsten Monarchen der portugiesischen Geschichte erbaut, stellt aber nicht König Pedro IV dar, sondern den mexikanischen Kaiser Maximilian I.

Wie kommt es aber dazu, dass ein mexikanischer Kaiser da steht, wo eigentlich ein portugiesischer König stehen sollte?

Nun, Kaiser Maximilian regierte zur selben Zeit wie König Pedro IV. Als Maximilian, im fernen Mexiko, bei einer Revolution erschossen wurde, weigerte sich der mexikanische Staat dem französischen Bildhauer Elias Robert, der ein Denkmal für Maximilan fertiggebaut hatte, auszubezahlen. Dieser hatte nun eine Statue zu viel in seinem Atelier. Als nun König Pedro IV ein Denkmal von sich in Auftrag gab, bot ihm der französische Künstler an, das Denkmal Kaiser Maximilians, natürlich nach einigen kleinen Veränderungen, zu einem sehr günstigen Preis zu überlassen.
König Pedro IV nahm diese Offerte, nach kurzem Zögern, aus zwei unschlagbaren Gründen an:

Zum ersten, waren er und Kaiser Maximilian sich äußerlich sehr ähnlich, und in 28 Metern Höhe würde sowieso keiner mehr den Unterschied merken, so meinte er selbstironisch.

Und zum zweiten befand sich Portugal damals, nach den Kriegen mit Napoleon, in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen und finanziellen Situation. Der Staatsbankrott war ausgerufen worden, und so konnte der König das Angebot von Elias Robert nicht ausschlagen (in einem zukünftigen post werde ich ausführlicher über die Statue von Pedro IV berichten) und nahm dieses Denkmal im Ausverkauf an.

Heute beherrschen die Cafés und Restaurants, sowie ein paar alte Geschäfte den Rossio. Losverkäufer schreien die Nummer ihrer Lotterielose und Schuhputzer warten auf ihre Kunden, während Blumenverkäuferinnen ihre Ware an den Mann, bzw. an die Frau bringen.

Der Rossio ist wahrhaft eine Theaterbühne, auf der tagtäglich eine Aufführung des Lebens der Stadt dargeboten wird. Und wir, die Bürger dieser Stadt, haben den Luxus auf dem Rossio wie auf einem Logenplatz zu sitzen, während wir unsere Bica genießen.

Dienstag, 11. August 2009

Portugal gibt Europa ein Beispiel. Europa soll dem folgen


In der Nähe von Coimbra, am Ufer des Rio Mondego, liegt der kleine, ca. 3000 Einwohner zählende Ort, Figueira de Lorvão. Kein Mensch außerhalb Portugals kennt diesen Ort. Und selbst in Portugal wissen nur wenige, das Figueira de Lorvão existiert.
Aber Figueira de Lorvão hat seinen Platz in der portugiesischen Rechtsgeschichte.
Hier wurde nämlich, im Jahre 1750, die Bäckerstocher Luísa de Jesus geboren.
Den Namen kennt außerhalb des Ortes praktisch niemand. Es sei denn, er interessiert sich für Gruselgeschichten.

Luísa de Jesus war Portugals einzige Massenmörderin!
Sie tötete 34 Säuglinge und wurde dafür zum Tode verurteilt.
Luísa de Jesus war die letzte Frau, an der in Portugal die Todesstrafe vollstreckt wurde. Das war am 1. Juli 1772.
Männer wurden weiterhin hingerichtet.

Die letzte Hinrichtung die in Portugal vollzogen wurde, fand im April 1846 statt. Damals traf der zweifache Mörder Jorge Antunes in Lagos auf seinen Henker.
Schon damals bestürzte die Barbarei des nicht revidierbaren Urteils die Mehrheit der Bevölkerung. Der Historiker Luís Fraga da Silva sieht in dem Widerstand gegen die Todesstrafe auch den Einfluss liberaler Bewegungen in Europa. Das abstoßende Bild von Hinrichtungen passte den „sanftmütigen Portugiesen“ nicht, so Luís Fraga da Silva. Sie wollten Sühne ohne Blutvergießen.

Und so wurden im Jahre 1852, nach einer Strafrechtsreform, die Todesstrafe und das Töten im Namen des Volkes und im Namen von Recht und Gerechtigkeit abgeschafft.
Somit wurde Portugal das erste Land in Europa, das die Todesstrafe als Justizpraxis außer Kraft setzte.

Aber es war nicht nur die „Sanftmütigkeit“ und der „ausgeprägter Gerechtigkeitssinn“ der die Portugiesen zur Abschaffung der Todesstraffe veranlasste. Vielmehr befand sich Portugal in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer großen finanziellen Notlage, und konnte die Scharfrichter und Henker, die übrigens als Staatsdiener hoch angesehene Spitzenverdiener ihrer Zeit waren, nicht mehr bezahlen.

Das staatlich geduldete und geförderte Töten erlebte seinen Höhepunkt im Mittelalter. Die Spanier führten in ihrer Regierungszeit über Portugal die Inquisition ein.
Von 1536 bis 1821 fanden knapp 14.000 Inquisitionsprozesse statt. Als Ketzer oder Hexen verurteilt, landeten ca. 8000 Menschen auf dem Scheiterhaufen, wurden gepfählt, gerädert oder auf andere brutale Art und Weise ums Leben gebracht.
Die Vollstreckungen fanden öffentlich statt; je grausamer, desto abschreckender, hieß die nie belegte These der Richter und Henker.

Die Art der Hinrichtung spiegelte den gesellschaftlichen Stand des Verurteilten: Wer niederer Geburt war, endete am Galgen, Schuldiggesprochene aus gutem Hause starben unter der Axt oder dem Schwert – das galt als ehrenvoll.

Delikte wurden variabel bestraft. So wurden notorische Langfinger gehenkt, Kindsmörder(innen) meist ertränkt – die niedrigste Stufe der Hinrichtung.
Luísa de Jesus wurde am Pelourinho (dem Pranger) angebunden und später gehenkt.
Der Pelourinho stand, reich verziert, seit dem 12. Jahrhundert in fast jeder portugiesischen Gemeinde (bitte lesen sie auch mein post „Der Pranger als Symbol der Gerechtigkeit“ vom 01.07.2009).

Luísa de Jesus hatte sich bei ihren Morden einer öffentlichen Einrichtung bedient.
In Figueira de Lorvão existierte die so genannte „Roda“, an der ungewollte Babys abgelegt werden konnten (mit der heutigen Babyklappe in Krankenhäusern und Kirchen vergleichbar).

Um diese Babys kümmerte sich dann die Kirche oder mildtätige Bürger, bis jemand gefunden wurde, der ein ausgesetztes Kind als sein eigenes annehmen wollte.
Dafür erhielt er dann von der Gemeinde eine Aussteuer und einen hohen Geldbetrag.
Luísa de Jesus holte sich ein Kind nach dem anderen und somit auch das Geld. Daheim vergiftete sie dann die Babys, wofür sie später am Galgen endete.
Heute, in einer Zeit in der immer mehr Kinder missbraucht, misshandelt, geschlagen und getötet werden, wird der Ruf nach der Todesstrafe immer lauter.

Aber, um es mit den Worten Victor Hugos zu sagen, der 1852 Portugal zur Abschaffung der Todesstrafe beglückwünschte: „Portugal gibt Europa ein Beispiel. Europa soll dem folgen“.

Donnerstag, 4. Juni 2009

Das Badehaus in der Al-Khamá




Wer heute Abend die Hauptnachrichtensendung im portugiesischen Staatsfernsehen RTP (über Satellit auch Weltweit empfangbar) einschaltete, bekam Nachrichten aus aller Welt zu sehen und natürlich auch Landesinformationen geboten.
Zwei Nachrichten, die beide mehr oder weniger, mit dem baden zu tun haben, machten mich hellhörig.
Die erste fand ich dahingehend interessant, weil der portugiesische Prämierminister Socrates, als er gefragt wurde, was er denn davon hielt, das die kommunistische Fraktion im portugiesischen Parlament, wie die anderen im Parlament vertretenen Parteien, die nord-koreanischen Raketen- und Atomtests nicht verurteilt hatten, trocken meinte:
„Bem sábe, os comunistas gostam de ir à praia, mas não gostam de se molhar“ – was frei übersetzt soviel heißt wie:
“Ach wissen sie, die Kommunisten gehen unheimlich gerne baden, werden aber nicht gerne nass”.
Wer unseren Prämieminister kennt, weiß wie humorlos er eigentlich ist, und ist sich dementsprechend über die Bedeutung dieses Kommentars sehr wohl bewusst. Über Nord-Korea und seine kommunistischen Machthaber und Generäle fällt mir leider nichts ein.
Die andere Nachricht, die ich sehr interessant fand, war aber wirklich eine Nachricht!

In der Alfama, der Lissabonner Altstadt, sind bei Bauarbeiten die Reste eines alten Badehauses aus der Zeit der arabischen Mauren entdeckt worden.
Nur wenige wissen, dass es in der Alfama eine warme Quelle gibt.
Diese warme Quelle, die tief aus dem Bodeninneren ihren Weg an die Oberfläche findet, nannten die arabischen Bewohner Lissabons, die von 715-1147 n. Chr. über die Stadt herrschten, Al-Khamá, was so viel heißt wie „heißes Wasser“.
Da das lateinische Alphabet kein Buchstabe „K“ kannte, wurden damals, als die Portugiesen in der Reconquista Portugal Stück für Stück von den Mauren eroberten, in allen arabischen und jüdischen Wörtern in denen ein „Kh“ vorkam, dieser durch ein „F“ ersetzt. So wurde aus dem arabischen Al-Bukhera das portugiesische Albufeira, aus Kharum wurde Faro, aus Al-Kharb wurde die Algarve und aus Al-Khamá wurde Alfama.
Die Mauren, so weiß man heute nach einigen Funden von alten Badehäusern überall im südlichen Europa und Nordafrika, hatten eine ausgeprägte Badehauskultur, ebenso wie die Juden.
Die Christen dagegen hatten überhaupt keine Kultur, jedenfalls was das Baden anging. Aber seien wir fair: die Araber und Juden waren damals zwar wirklich reinlicher als die Christen, aber auch nur, weil es ihre religiösen Riten vorschrieben, und noch heute vorschreiben, sich mehrmals am Tag zu Waschen.

Aber wie wir heute aus alten Berichten der Inquisition wissen, konnte zu häufiges Waschen auch hochgradig Lebensgefährlich sein.
Die skurrilste Geschichte die ich je über dieses Thema gelesen habe (in einer Fachzeitschrift im Wartezimmer meines Arztes), war die eines Christen der in der Alfama lebte. Dieser arme Kerl hatte den Drang ständig seine Hände öffentlich im Stadtbrunnen Chafariz de Dentro (dieser alte Brunnen steht heute noch in der Lissabonner Altstadt) zu waschen. Heute würde man sagen der Mann litt unter einem Tick, einen neurotischen Waschzwang, unter dem Druck sich ständig zu reinigen, ein Leiden, das heute als Krankheit angesehen wird.
Doch damals, im Mittelalter, war die Tatsache, das sich dieser arme Kerl so häufig die Hände und Füße wusch, Grund genug für die Beamten der Inquisition ihn unter dem Vorwand, er übe den jüdischen Glauben aus, zu verhaften, zu verurteilen und öffentlich zu verbrennen!
Zum Thema Inquisition und Sauberkeit sei noch nachzutragen, das es in einer Propagandaschrift von 1612, welches alleine aus dem Grund geschrieben wurde, um Christen ein Leitfaden zur Denunziation zu sein, geschrieben stand (hier übersetze ich frei):
„…ein weiteres Merkmal um einen Juden oder Mauren zu erkennen ist die Tatsache, dass diese jeden Freitag saubere Kleidung anziehen…“

Das soeben wiederentdeckte Badehaus soll nun Stein für Stein abgetragen werden und im Detail im Archäologischen Museum wieder nachgebaut werden.
Bleibt zu hoffen dass dieses Unternehmen gelingt.
Denn obwohl die Mauren über 400 Jahre im Westen und Süden Portugals gelebt und geherrscht haben, sind leider nur wenige Zeugnisse ihrer einzigartigen Kultur und Baukunst erhalten geblieben.

In einem späteren Block werde ich mich ausführlicher über die Zeit der Mauren und auch der Juden in Portugal berichten.