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Sonntag, 13. April 2014

Mafra – die größte Votivgabe der Welt


Zwei Wege führen in das 45 km nordwestlich von Lissabon gelegene Städtchen Mafra.
Der eine verläuft über Sintra nach Norden, der andere führt weiter östlich über Loures. Wählt man die über Loures führende Straße, so sieht man gleich hinter der Stadtgrenze von Lissabon Odivelas liegen – eine zu schnell gewachsene Satellitenstadt die einmal für ihr Zisterzienserinnen-Kloster, den Mosteiro de São Dinis e de São Bernardo, berühmt war, das König Dinis, dessen schwerer gotischer Steinsarkophag in der Apsis steht, um 1300 von dem Baumeistergeschwisterpaar Antão und Afonso Martins errichten ließ.

Unter einem späteren Nachfolger von König Dinis auf dem portugiesischen Thron, König João V, war Odivelas und sein Kloster vor allem für köstliches Gebäck aus der Klosterbäckerei bekannt. Aber es gab einen anderen, viel triftigeren Grund warum Odivelas bei João V so beliebt war. Der Monarch hatte mit mehreren Nonnen des Klosters lustvolle Verhältnisse.
Mit einer dieser Nonnen, Madre Paula Teresa, hatte er sogar eine längerdauernde Beziehung. Diese amouröse Beziehung zu Madre Paula führte dazu, dass diese dem König drei Söhne schenkte. Einer dieser Söhne, Gaspar, wurde später einmal Erzbischof von Braga und ein anderer, José, sogar Großinquisitor des Landes.
Das Erdbeben von 1755 ließ von dem alten Kloster kaum etwas übrig, und so wurde er im alten Stil wieder aufgebaut.

Dafür glänzt, nur 30 km nordwestlich von Odivelas, ein anderes Kloster in einem unscheinbaren Städtchen: der gigantische Klosterpalast von Mafra (port.: Convento e Palácio de Mafra), der Kloster, Kirche und Palast in einem ist.
Nur ein prunkliebender Barockfürst wie König João V konnte sich diese imposante Anlage ausdenken, die als Konkurrenzunternehmen zum spanischen El Escorial von Philipp II erbaut wurde und gleichzeitig ein steinernes Gelübde zum Dank für die Geburt des Thronfolgers von João V ist.
Sicherlich, königliche Gelübde schlugen in Portugal schon mal öfters in prächtige Kirchenbauten zu Buche.
Manuel I mit seinem Mosteiro dos Jerónimos (dt.: Hieronymuskloster) in Belém, den er zum Dank für die Entdeckung des Seeweges nach Indien durch Vasco da Gama einst bauen ließ, war das große Vorbild.
Es war nun einmal in Portugal Gang und Gäbe, dass die Monarchen ihren privaten Handel mit Gott machten, und Votivgaben als Versprechungen leisteten.

Und so gelobten König João V und seine Gemahlin Königin Maria Anna von Österreich ein Kloster zu Ehren des in Portugal sehr beliebten Heiligen Antonius (port.: Santo António) zu bauen, wenn ihnen endlich ein Thronfolger geboren würde.
João V und Maria Anna hatten im Oktober 1708 geheiratet und erst 1711 wurde ihnen ein Kind geboren – allerdings ein Mädchen.
Erst 1714 wurde dem Paar endlich der ersehnte Thronfolger Infante José geboren und so wurde, wie versprochen, Mafra gebaut!

Die ehrgeizige Anlage für 300 Franziskanermönche und 150 Novizen stellte seinerzeit ein Großprojekt dar, dem das Land zu Beginn des 18. Jahrhunderts kaum finanziell gewachsen war und der das Königreich damals fast in den Staatsbankrott geführt hätte.
Nur die plötzlich aufkommenden riesigen Goldfunde in Brasilien konnten letztendlich das Projekt wahr machen.

Zahlreiche Ausländer mussten für die Vollendung des Bauwerks ins Land geholt werden.
Der Entwurf stammt z.B. von dem Deutschen Johann Friedrich Ludwig, den man hier in Portugal eher unter dem Namen João Frederico Ludovice kennt. In Portugal, wo er sich seit etwa dem Jahr 1700 aufhielt, wurde er von Königin Maria Anna, einer Habsburgerin, protegiert.
Für die Bildhauerwerkstatt rief man den Italiener Alessandro Giusti ins Land – die besten Skulpturen aus Carraramarmor aber bestellte der König gleich direkt in Rom und Florenz.

Am 17. November 1717 wurde der Grundstein für das Kloster gelegt. Um den Bau zu beschleunigen, wurden 45.000 arbeitsfähige Männer aus dem ganzen Land zum Dienst gezwungen. Sie mussten Tag und Nacht, praktisch unentgeltlich, arbeiten um den Traum des Königs zu verwirklichen. Deshalb wurden 7.000 Soldaten an die Baustelle abkommandiert um Aufpasser und Antreiber spielen.
Offiziellen Berichten zufolge sollen angeblich „nur“ 1.400 Männer bei den Bauarbeiten gestorben sein, obwohl andere Quellen von über 3.000 Toten Arbeitern während der Bauphase sprechen.
Die Kirche konnte bereits am 22. Oktober 1730, dem 41. Geburtstag von König João V, eingeweiht werden. Die Arbeiten an der Gesamtanlage zogen sich jedoch noch bis 1750 hin.

Angesichts der Ausdehnung und Maße des fertigen, fast quadratischen Komplexes stellt sich beim heutigen Betrachter fast ein leichtes Schwindelgefühl ein:
Der Klosterpalast von Mafra besitzt eine 220 m lange Fassade, eine unglaubliche Fläche von 40.000 m², 4.500 Fenster und Türen, 9 Innenhöfe und 1.200 Zimmer und Sälen deren Besichtigung in der Mehrzahl leider nicht möglich ist, da ein großer Teil des Convento heute als Militärkaserne dient.
Die Vorderfront ist rechts und links von riesigen Eckpavillons eingerahmt und wird von der zentralen Kirchenfassade mit ihren zwei Türmen sowie von einer Vierungskuppel beherrscht. Die mit Marmor ausgestattete Kirche wirkt Dank ihrer klaren Linien harmonisch, aber kühl.
Marmor ist zweifelsohne Mafras Baustein.

Sehenswert ist auch die von Manuel Caetano de Sousa entworfene Bibliothek mit ihren 36.000 Bänden.
Die Kulisse dieser Bibliothek ist einfach nur edel.
Sie ist ganz aus rosafarbenem Marmor und exotischen Hölzern aus den königlichen Kolonien. Eine doppelstöckige, 88 m lange Galerie mit Schränken voller wertvoller Bücher, von denen viele Erstausgaben sind machen sie zu einer der schönsten Bibliotheken Europas.
Zu den Kostbarkeiten der Bibliothek zählen die älteste Homerausgabe in Griechisch, mehrere Bibel aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die Stücke von Gil Vicente, des ersten Dramaturgen Portugals, aus der Zeit Manuel I, und vor allem die Erstausgabe der weltberühmten „Os Lusíadas“ von Luis Vaz de Camões.
Bedauerlich, dass man hier nicht sitzen und blättern kann, denn die Bibliothek ist heute nur fürs Auge gedacht. Wahrscheinlich saß auch nie ein Bragança-König hier, um in seinen Schätzen zu schmökern.
Einfach nur schade!

An die Bibliothek grenzt der Botanische Garten des Klosterpalastes und an diesen schließt sich das 819 Hektar große ummauerte Waldgebiet Tapada de Mafra an. Dieses Waldgebiet, in dem es auch heute noch Wildschweine, Rot- und Damhirsche und noch anderes Jagdwild gibt, war einmal das königliche Jagdrevier und wurde von allen Monarchen rege für ihre Jagdgesellschaften benutzt.

Mafra spielt eine wichtige und positive Rolle in der portugiesischen Kunstgeschichte. Eine ganze Generation portugiesischer Handwerker und Künstler wurden in der so genannten „Schule von Mafra“ geschult und geprägt. Zu ihnen zählen, um nur zwei von vielen zu erwähnen, der Bildhauer Joaquim Machado de Castro und der Architekt des Königpalastes von Queluz Mateus Vicente de Oliveira.
Als im Jahre 1807 die französischen Truppen Napoleons Portugal überfielen und die Bragança nach Brasilien flohen, waren die Tage von Mafra als ständiger Wohnpalast gezählt.
Als König João VI 1822 wieder nach Portugal zurückkehrte, weigerte er sich den Palast wieder regelmäßig zu bewohnen. Er zog die Paläste von Queluz und Sintra vor; sie waren ihm weniger kalt und protzig.
Das Kloster wurde im Jahre 1834 von den Mönchen aufgegeben.
Dafür kamen 1840 die Militärs und blieben dort bis heute.
In einem Teil des riesigen Komplexes des Klosterpalastes ist heute ein Infanterieregiment untergebracht.

So protzig und museal die königlichen Räume der Bragança auch waren, so spartanisch und genügsam waren die Zellen der Mönche die hier Tür an Tür mit dem König und seinem Gefolge lebten. Wie einfach die Mönche damals im Kloster leben mussten, so ganz ohne Komfort, kann jeder heute bei einem Besuch des Klosterkomplexes mit eigenen Augen sehen.
Erst wenn man die Mönchszellen besucht hat, wird einem das Abgründige in König Joãos einst gegebenes Gelübde deutlich:
Er baute den Mönchen eine armselige Bleibe mit Totenschädeln an den Zellwänden, während er sich selbst und den Seinen einen feudalen Palast errichten ließ, der trotz aller Grenzenlosigkeit einfach nicht wohnlich genug war.
Und selbst der letzte Monarch Portugals, König Manuel II, hat einmal gesagt, dass er mit Mafra nur melancholische und schmerzhafte Erinnerungen verbinden würde.
Wer will es ihm verdenken!
Hier in diesem riesigen Palast verbrachte er seine letzte Nacht in Portugal, bevor er mit seiner Mutter und Großmutter am 05. Oktober 1908 vom nahen Strand in Ericeira nach England ins Exil fliehen musste.

Aus Mafra muss man heute aber nicht mehr fliehen.
Im Gegenteil, heute sollte man sich auf alle Fälle die Zeit nehmen und diesen Abstecher in das Lissabonner Umland, nach Mafra, unbedingt gönnen, wenn man einpaar Tage Urlaub in Lissabon plant.
Es lohnt sich alle mal!

Freitag, 25. November 2011

Die Überschwemmungen vom November 1967






Heute vor genau 44 Jahren, in der Nacht vom 25. auf den 26. November 1967, fielen hier in Lissabon die heftigsten Regenfälle seit Menschengedenken.
Als „Cheias de Novembro de 1967“ (dt.: „Überschwemmungen vom November 1967“) ging diese schlimmste Wetterkatastrophe in die Chroniken der Stadt und in die Geschichte des Landes ein.

Fünf Stunden Dauerregen reichten damals aus, um Lissabon und seine Region in ein völliges Chaos zu stürzen.
Mehr als 700 Menschen fanden damals den Tod und über 3.500 wurden in dieser Nacht Obdachlos.
Außer Lissabon waren vor allem die Städte Loures, Odivelas, Vila Franca de Xira und Alenquer betroffen.
Die Überflutungen und Erdrutsche dieser Nacht töteten ganze Familien und rissen Autos, Bäume, Brücken und Häuser, die zumeist nur einfache Bretterbuden (port.: baracas) waren, mit sich und hinterließen nur Morast, Zerstörung und Tod zurück.

Zwischen 19:00 Uhr und Mitternacht an diesem 25. November regnete es unaufhörlich.
Laut der Wetterstation in Monte de Estoril fielen in diesen fünf Stunden sage und schreibe, 159 Liter Regen pro m², das entspricht in etwa 1/5 der Regenmenge die sonst in einem ganzen Jahr über Lissabon herunterkommt.

Der gesamte Großraum Lissabon stand damals unter Wasser.
Aber es waren vor allem die Gegenden um Pontinha, Urmeira, Póvoa de Santo Adrião, Frielas, Quinta dos Silvados, Pombais, Olival de Basto, Senhor Roubado, Serra da Luz, Famões, Bairro da Barrosa und Odivelas die von den starken Wassermassen am schwersten Heimgesucht wurden.

Meine Eltern, die damals mit mir in Pontinha lebten, erzählen heute noch, dass sie sich damals nur mit größter Mühe und viel Glück in dieser Nacht haben retten können. Ich selber war damals erst 18 Monate alt, kann mich also an diese Katastrophe nicht erinnern.

Der erste Hilferuf, der in dieser Nacht bei der Feuerwehr in Pontinha einging wurde um 21:10 Uhr registriert.
Ab da nahmen die Feuerwehren im Großraum Lissabons praktisch im Minutentakt Anrufe mit der bitte um Hilfe entgegen.
Da aber, durch die starken Regenfälle und durch all den Schutt und Dreck den das Wasser mit sich führte, die Straßen in der Zwischenzeit unpassierbar waren, konnten die Feuerwehren nichts tun, außer an die immer häufiger werdenden Anrufer zu appellieren, die Ruhe zu bewahren.
Die Hilfe der Feuerwehren in den ersten Stunden der Katastrophe war unkoordiniert und sehr gering. Und mit dem Morgengrauen des 26. November wurde sie leider auch nicht besser.

Das lag aber nicht in erster Linie an ihnen, sondern an der Tatsache, das die damalige Regierung von Diktator António de Oliveira Salazar die Rettungsarbeiten massiv behinderte und Salazar mit aller Macht die genaue Lage der Situation und die präzise Angaben zu den immer größer werdenden Opferzahlen verheimlichen wollte.
Man kann sagen, dass das damalige Regime diese Katastrophe einfach totschweigen wollte!

Nur die damaligen Studentenvereinigungen der Universität Lissabon (port.: Associações de Estudantes da Universidade de Lisboa) und die Katholische Universitätsjugend (port.: Juventude Universitária Católica) begaben sich damals, gegen den Willen ihrer Universitäten, auf die Straßen und versuchten zu Helfen wo sie konnten.
Sie befreiten mehrere Menschen aus dem Schlamm, retteten teilweise deren weniges Hab und Gut, richteten selbstständig Notunterkünfte her und die Medizinstudenten versorgten die Verletzten so gut sie konnten.

Auch wenn er es gerne anders gehabt hätte, so konnte Salazar es doch nicht verhindern, das die Bilder dieser Überschwemmungskatastrophe damals dann doch um die Welt gingen.
Zwar gab es damals noch kein Internet und die portugiesische Presse stand unter einer strengen Zensur, aber die Korrespondenten der einzelnen ausländischen Fernsehanstalten und Zeitungen die hier in Portugal tätig waren, schickten in den Tagen die nach der Überschwemmung folgten, genügend Film- und Bildmaterial in ihre Heimatländer.
Sie lösten mit ihren Berichterstattungen und den eindrucksvollen Bildern eine internationale Solidaritätswelle aus, wie es sie bis dahin in Portugal, seit dem großen Erdbeben vom Allerheiligentag 1755, nicht mehr gegeben hatte.

Unter anderem kamen damals aus Großbritannien, Frankreich, der Schweiz, Spanien, Italien und sogar aus dem Fürstentum Monaco, Hilfsgüter für die Opfer der Hochwasserkatastrophe an.
Auch Deutschland beteiligte sich damals an dieser Solidaritätswelle. Die damalige Deutsche Bundesregierung ließ den Opfern insgesamt 1.000 Impfungen gegen Typhus (port.: febre tifóide) zukommen.

Statistisch gesehen kommen solche Regenfälle, wie sie 1967 geschehen sind, nur alle 250 Jahre vor.
Aber starke Niederschläge zählen auch heute zu den gefährlichsten Naturkatastrophen in Portugal.

Laut der portugiesische Umweltorganisation „Quercus“, starben im vergangenen 20. Jahrhundert hier in Portugal sieben Mal mehr Menschen an den Folgen von Regenfällen und Überschwemmungen als an den Folgen von Erdbeben!

Dienstag, 8. November 2011

Absurde verkehrspolitische Pläne


Endlich zuhause!
Heute war es nicht einfach nach hause zu kommen.
Seit heute morgen streiken die Öffentlichen Verkehrsmittel (port.: transportes públicos) landesweit.
Die Arbeiter der Transportunternehmen streiken, weil sie Angst um ihre Arbeitsplätze, und somit um ihre Zukunft, haben.

Vergangene Woche hat nämlich Prämierminister Pedro Passos Coelho angekündigt in ganz Portugal die Öffentlichen Verkehrsmittel zu reformieren.
Alleine hier in Lissabon sollen knapp 50 Bus- und Straßenbahnlinien des Verkehrsbetriebs „Carris“ gestrichen oder deren Streckenverlauf radikal gekürzt werden.
Außerdem stellt die Regierung die Fährverbindungen der Fährgesellschaft „Transtejo“ in Frage und die Betriebsdauer der Lissabonner Metro soll ebenfalls drastisch verkürzt werden.

Laut dem Verkehrsministerium sollen hier in Lissabon zukünftig 15 Bus- und Straßenbahnlinien der Verkehrsgesellschaft „Carris“ ihren Betrieb völlig einstellen und 33 andere städtische Buslinien ihren Streckenverlauf und ihre Fahrplanzeiten drastisch verkürzen.

Zwei Linien der „Transtejo“, der Gesellschaft die bisher die Fährverbindungen zwischen der Hauptstadt und den Städten am Südufer des Tejo sicherstellt hat, sollen nur noch zu Stoßzeiten (port.: horas de ponta) funktionieren. Die anderen Fährverbindungen sollen in ihrer Betriebszeit drastisch verkürzt werden.
So sollen demnach die Fährverbindung zwischen Belém und Porto Brandão / Trafaria und zwischen Cais do Sodré und Seixal nur noch lediglich morgens und abends funktionieren.
Die anderen Fährverbindungen, sollen nur noch bis maximal 22 Uhr aufrechterhalten werden.

Die Lissabonner Metro soll nicht, wie bisher, bis um 01 Uhr morgens ihren Dienst tun, sondern soll schon um 23 Uhr die Beförderung der Passagiere beenden.
Außerdem sollen die Linien, die die Lissabonner Vorstädte Amadora und Odivelas bedienen, dann schon zum Teil um 21:30 Uhr den Fahrbetrieb einstellen.

Es ist mir sehr wohl klar, dass in der wirtschaftlichen Lage in der wir uns gerade befinden, der Staat auch bei den Transportunternehmen einsparen muss.
Aber zwischen einer Einsparung und einer völlig blinden Rationalisierungswut wie sie jetzt die Regierung plant, ist ein meilenweiter Unterschied.

Wer Portugal kennt, weiß dass es hier viele Supermärkte, Shopping Centers, Restaurants, Cafés, Krankenhäuser, usw. gibt.
Tausende Menschen arbeiten dort bis spät in die Nacht als Verkäufer, Köchin, Kellner, Krankenschwester oder Wachmann und tragen somit zur Wirtschaft dieses Landes bei.
Doch diese arbeitenden Menschen müssen nach getaner Arbeit auch einmal nach hause.
Wenn sie also z.B. um Mitternacht oder um 1 Uhr morgens von ihrem Arbeitsplatz nach hause gehen wollen, müssen sie die Möglichkeit haben um diese Uhrzeit ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen zu dürfen.
Diese Möglichkeit wird ihnen genommen, wenn sich die Regierung mit ihren Sparmaßnahmen durchsetzt.

Von einem Minister oder Abgeordneter, der einen Chauffeur hat und der jederzeit auf den Fahrdienst des Parlaments zurückgreifen kann, sollte man wahrlich ein bisschen mehr Sensibilität und Realitätssinn erwarten.
Schließlich baden wir heute nur das aus, was die Politik und die gierige Finanzwelt seinerzeit fabrizieret haben.

Die verkehrspolitischen Maßnahmen, die die Regierung plant sind ein soziales Attentat auf all die schwer arbeitenden Bürgerinnen und Bürger, die tagtäglich ihren Beitrag zum Wohle dieses Landes leisten.

Ich würde mir manchmal wünschen Pedro Passos Coelho und seine Minister müssten ab und zu mit den Öffentlichen Verkehrsmittel zur Arbeit und nach Hause fahren.
Dann würden sie vielleicht ihre absurden und unverschämten Vorhaben noch einmal überdenken!

Donnerstag, 5. Mai 2011

Senhor Roubado


Als am frühen Morgen des 11. Mai des Jahres 1671 zwei Küster die Türen der kleinen Dorfkirche von Odivelas öffnen um den Gottesdienst vorzubereiten, finden sie die untrüglichen Zeichen eines Einbruchs und eines ungeheuerlichen Frevels vor.

In der Kirche finden sie die Heiligenfiguren „Unserer Jungfrau des Rosenkranzes“ (port.: „Nosssa Senhora do Rosario“) und „Unserer Jungfrau aus Ägypten“ (port.: „Nossa Senhora do Egípto“), die Figur des Jesuskindes (port.: „Menino Jesus“) sowie die Figuren anderer Heiliger splitterfasernackt und entkleidet bloßgestellt.

Nach dem Frevel kommt nun auch der Schock:
Außer das die Figuren nackt sind, müssen die erschrockenen Küster auch feststellen, dass einige Schmuckperlen aus dem Rosenkranz der einen entblößten Heiligen fehlt und ein riesiger Schmuckedelstein aus der Krone der anderen Heiligenfigur heraus gebrochen ist.
Außerdem fehlen einige Altardecken, das Heilige Grabtuch, zwei vergoldete Becher und die wertvolle Monstranz, in der immer die Hostien - das Laib Christi - für die nächste heilige Messe aufbewahrt werden.

Sofort macht das Gerücht vom „gestohlenen Laib Christi“, (port.: „Senhor Roubado“), den die Hostien in der christlichen Religion darstellen, die Runde.
Dieses ungeheuerliche Sakrileg und Diebstahl erschüttert das katholische Portugal der damaligen Zeit bis auf die Grundmauern.

Eine Sonderkommission der Polizei wird daraufhin gegründet und eine nächtliche Ausgangssperre über Odivelas verhängt. Alle Häuser, selbst das Rathaus und die der hohen Bürger werden bei mehreren Razzien durchsucht – allerdings ohne Erfolg!

Nach ein paar Tagen erreicht diese skurrile Kriminalgeschichte den königlichen Hof in Lissabon.
König Pedro II ist außer sich vor Wut!
Auf seine Veranlassung hin werden an jeder Kirche des Landes, an jedem öffentlichen Platz in Portugal, Steckbriefe ausgehängt auf denen für sachdienliche Hinweise zur Ergreifung des Täters des „Senhor Roubado“ die stolze Summe von zweitausend Cruzados ausgesetzt werden.
Außerdem werden verschiedene Prozessionen veranlasst und in allen Kirchen Fürbitten abgehalten.
Der König ordnet sogar an, dass für Hundert Tage am ganzen königlichen Hof schwarze Trauerkleidung getragen werden muss.
Doch alles Beten und büßen hilft nichts.
Die Suche nach dem „Senhor Roubado“ und den anderen gestohlenen Wertgegenständen bleibt erfolglos.

Vier Monate später, am 16. Oktober 1671, ereignet sich in Odivelas erneut ein Verbrechen, der den Ort aufschreckt:
Im altehrwürdigen Kloster von Odivelas (port.: Mosteiro de Odivelas) wird ein Dieb dabei erwischt, wie er auf frischer Tat den Schwestern sechs Suppenhühner stehlen will.
Die Küchenmagd kann den Dieb im Hühnerstall festhalten bis die Dorfpolizei eintrifft.

Der auf frischer Tat festgenommene Hühnerdieb ist der betrunkene António Ferreira, der im ganzen Ort als der Dorftrottel bekannt ist.
Die Polizei findet in einer seiner Taschen ein goldenes Kreuz das zu einer der Heiligenfiguren gehört, welche Monate zuvor in Odivelas gestohlen worden waren.
Nach einigen Verhören gesteht António Ferreira den Diebstahl in der Dorfkirche, im betrunkenen Zustand, begangen zu haben.
Auf einem Feld, unweit von Odivelas, wird unter den Wurzeln eines Baumes versteckt, die Mehrzahl der gestohlenen Gegenstände gefunden.
Die Hostien allerdings, so gibt der Dorftrottel freimütig zu, habe er vor lauter Hunger noch in derselben Nacht vernascht.
Die Monstranz, in der die Hostien aufbewahrt waren, bleibt aber verschwunden.
Der ganze Ort lacht, ja ganz Portugal lacht über diesen Dorftrottel, und eigentlich wäre der Fall nun aufgeklärt und somit zu den Akten zu legen.

Doch was nun folgt ist eine selbstherrliche, gnadenlose Demonstration der Inquisition, der in einen gnadenlosen, brutalen Prozess gegen António Ferreira endet.
Die Hysterie eines Teils des Großadels und der Fanatismus der Kirchenoberen führen dazu bei, das António Ferreira, ein armer Schlucker, die ganze Härte des Inquisitionstribunal zu spüren bekommt.
Ihm wird öffentlich der Prozess gemacht.
Unter der Folter wird er aufgefordert zu sagen wo die Monstranz ist, da diese unauffindbar ist.
Doch alles foltern nützt nichts, und der „Senhor Roubado“ bleibt verschollen.
António Ferreira wird gnadenlos durch die Inquisition zum Tode verurteilt!

Am 13. November 1671 wird der Verurteilte zur Urteilvollstreckung nach Lissabon gebracht.
Dort werden ihm am nächsten Tag öffentlich am Rossioplatz, bei lebendigem Leib, beide Hände vom Körper abgehackt.
Eine Würgeschlinge wird ihm angelegt, und er wird langsam und qualvoll erwürgt.
Als er tot ist, wird sein lebloser Körper auf einen Scheiterhaufen gelegt und verbrannt.
So endet, auf stupide Weise und durch eines der vielen Fehlurteile der Inquisition, das Leben des Dorftrottels António Ferreira.

Nur noch wenig erinnert heute in Odivelas an den traurigen Held dieser wahren Geschichte.
An der Stelle im Feld, an der die gestohlenen Kirchengegenstände wieder gefunden wurden, und wo António Ferreira behauptet die Hostien vor lauter Hunger verspeist zu haben, haben die Bürger von Odivelas, hundert Jahre nach dem Ereignis, ihm ein Denkmal gesetzt.
Seit 1774 kann dort, ein alleine durch Spendengeldern finanzierter „Senhor Raubado Denkmal“ (port.: Monumento ao Senhor Roubado), bewundert werden.
Auch der jeden Montag stattfindende Wochenmarkt in Odivelas trägt den Namen dieses traurigen Helden, nämlich „Feira do Senhor Roubado“ (dt.: „Senhor Roubado Markt“), genauso wie eine Metrostation ganz in der Nähe.