Posts mit dem Label Pedro II werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Pedro II werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 28. Mai 2015

Das neue Kutschenmuseum in Lissabon





D. Afonso de Albuquerque, einst Vizekönig in Indien, blickt gelassen, in Bronze, von einer pseudo-manuelinischen Säule auf den gleichnamigen Platz und Grünanlage im Lissabonner Stadtteil Belém herab.
Am Nordende der Praça Afonso de Albuquerque befindet sich das alte Gebäude des nationalen Kutschenmuseums (port.: Museu Nacional dos Coches), eines der meistbesuchten Museen der portugiesischen Hauptstadt.
Auf der anderen Straßenseite, praktisch gegenüber des alten Museums, ist am vergangenen Wochenende, nach einer langen Plan- und Bauphase, endlich das neue Gebäude des Kutschenmuseums eröffnet worden. Eigentlich ist das neue Museumsgebäude bereits seit 2013 fertig gebaut, konnte aber aufgrund der schlechten finanziellen Lage in Portugal erst jetzt eröffnet werden.

„Portugals Seewege sind seine besten Trophäen. Die grässlichen Landwege stapft höchstens der Teufel entlang, und selbst der Belzebub würde umkehren, grau von Staub und krumm von Mühsal und höllisch fluchend vor Entsetzen.“
Diese wenig schmeichelhaften Reiseerinnerungen eines Franzosen sind über 150 Jahre alt. Aber die Kutschen, Karossen, Tragstühle und Sänften im alten und im neuen Lissabonner Kutschenmuseum sind um vieles älter (lesen sie hierzu bitte auch meinen Blogeintrag „Das Kutschenmuseum in Belém“, vom 06. Januar 2010).

Das imposante Museumsgebäude das am 23. Mai 2015 eröffnet wurde, auf den Tag genau 110 Jahre nach der Eröffnung des ersten Kutschenmuseums im Jahre 1905, ist ein Werk des brasilianischen Stararchitekten und renommierten Pritzker-Preisträgers Paulo Mendes da Rocha und des Portugiesen Ricardo Bak Gordon.

Insgesamt hat das neue Museum eine Ausstellungsfläche von 6.000 m², bestehend aus zwei riesigen Ausstellungshallen und einer großen Halle für Sonderausstellungen, sowie einem Auditorium und einer Bibliothek. Somit ist das neue Museum drei Mal so groß wie das alte Ausstellungsgebäude.

Vorerst 80 Kutschen und Karossen aus verschiedenen Epochen und Ländern, wie Italien, Frankreich, Spanien, Österreich und natürlich auch Portugal, werden im neuen Museumsgebäude ausgestellt.
55 Reisegefährte wurden vom alten in das neue Museum transportiert und 25 Kutschen wurden aus dem Museum der ehemaligen Königsresidenz, dem Herzogspalast von Vila Viçosa, nach Lissabon gebracht.
Zu besichtigen sind fortan im neuen Kutschenmuseum so prachtvolle und aufwendig gestaltete Kutschen wie

– Coche de D. Filipe II (dt.: Kutsche von Philipp II)
mit dieser Reisekutsche, die älteste des Museums, reiste der spanische König Philipp II im Jahre 1581 von Madrid nach Lissabon, um sich hier die portugiesische Königskrone aufzusetzen und so die portugiesisch-spanische Personalunion zu proklamieren

– Coche de D. Maria Francisca de Sabóia (dt.: Kutsche von Maria Francisca von Savoyen)
diese besonders schöne Kutsche aus dem 17. Jahrh., eine französische Arbeit, gehörte zum Fuhrpark der Nichte des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV, Königin Maria Francisca, die hintereinander Gattin zweier portugiesischer Könige war

– Coche do Embaixador (dt.: Kutsche des Botschafters)
mit dieser prachtvollen Kutsche fuhr im Jahre 1716 der portugiesische Botschafter D. Rodrigo de Almeida e Meneses bei Papst Clemens XI in Rom vor. Der prunksüchtige portugiesische König João V ließ diese pompöse, goldverzierte Kutsche einstmals in Rom bauen. Große mythische Figuren die die Flüsse Tiber und Tejo und die Städte Rom und Lissabon symbolisieren, zieren die Seitenwände des offenen Wagens.
In überlieferten Schriften heißt es, die anderen Diplomaten hätten sich damals geniert in ihren eigenen Kutschen beim Heiligen Vater vorzufahren. Diese Galakutsche war eine von fünf Kutschen die König João V einstmals in Rom anfertigen ließ. Zwei andere dieser fünf Kutschen waren die Kutsche der Ozeane und die Lissabonner Krönungskutsche

– Coche dos Oceanos (dt.: Kutsche der Ozeane)
Dies war eine weitere Kutsche die der damalige Botschafter Portugals, D. Rodrigo de Almeida e Meneses, im Jahre 1716 bei seinen diplomatischen Missionen in Rom bei Papst Clemens XI benutzte.
Auch sie wurde, wie die so genannte Kutsche des Botschafters, von König João V in Rom in Auftrag gegeben.
Das besondere an dieser pompösen Kutsche sind die vergoldeten Putten, die den Atlantik, den Indischen Ozean, den Pazifik und das Mittelmeer symbolisieren 

– Coche da Coroação de Lisboa (dt.: Lissabonner Krönungskutsche)
auch diese Kutsche ließ sich der prunkliebende König João V im Jahre 1716 in Rom anfertigen. Im Gegensatz zu den anderen Kutschen die sich der König in Italien anfertigen ließ, war diese nicht für den diplomatischen Dienst angefertigt worden, sondern war für zukünftige Krönungszeremonien in Lissabon gedacht.
Da die Kutsche über 7 m lang und 3 m breit war ist sie in den damaligen engen Straßen Lissabons nie im Einsatz gewesen. Nach ihrer Fertigung wurde diese prachtvolle Kutsche per Segelschiff nach Lissabon gebracht

– Coche da Coroa (dt.: Kutsche der Krone)
diese Galakutsche aus dem Anfang des 18. Jahrh. wurde von vom portugiesischen König João V in Frankreich in Auftrag gegeben und von dessen Botschafter am Hofe des Sonnenkönigs, Luis Manuel da Câmara Graf von Ribeira Grande, benutzt

– Coche Papa Clemente XI (dt.: Kutsche von Papst Clemens XI)
König João V erhielt diese Kutsche im Jahre 1715 von Papst Clemens XI als Geschenk zur Geburt seines Sohnes, des portugiesischen Thronfolgers José, geschenkt

– Coche de D. Pedro II (dt.: Kutsche von Pedro II)
diese mit vergoldeten Holzschnitzereien versehene Kutsche aus dem 17. Jahrh. gehörte einstmals dem Bragança-König Pedro II. Sie ist im französischen Stil aber in Portugal angefertigt worden

– Coche dos Patriarcas (dt.: Kutsche der Patriarchen)
die Lissabonner Patriarchen ließen sich in dieser im 17. Jahrh. gebauten und mit silberbesticktem Samtbrokat versehenen Kutsche anno dazumal über das schlechte Pflaster schaukeln

– Coche de D. Maria Ana de Austria (dt.: Kutsche von Maria Ana von Österreich)
als die Habsburger Erzherzogin Maria Ana von Österreich im Oktober 1708 mit einer Flotte von elf Schiffen in Lissabon eintraf um den portugiesischen König João V zu ehelichen, brachte sie unter anderem aus ihrer Heimat eine prachtvolle Kutsche mit.
Diese Kutsche, die heute ihren Namen trägt, wurde vom Bruder von Maria Ana, Kaiser Josef I, in Österreich in Auftrag gegeben und dort von österreichischen und holländischen Handwerkern gebaut

– Coche de D. João V (dt.: Kutsche von João V)
in Portugal hergestellt, ist diese Kutsche eine der wenigen, von denen man mit Sicherheit sagen kann wer sie gebaut, bzw. dekoriert hat.
Anfang des 18. Jahrh. bat der portugiesische Monarch João V die Brüder José de Almeida, Bildhauer, und Felix Vicente de Almeida, Holzschnitzer, darum ihm eine Prunkkarosse zu bauen. Für die malerischen Verzierungen und Bilder an der Kutsche wurden die beiden Maler José da Costa Negreiros und der Franzose Pierre-Antoine Quillard herangeholt.
Das Ergebnis ist die prachtvolle Kutsche die man heute im Kutschenmuseum bewundern kann  

– Coche de D. José I (dt.: Kutsche von José I)
diese in Portugal, im Stile Louis XV erbaute Kutsche, wurde im 18. Jahrh. von König José I in Auftrag gegeben.
Für ihren Bau waren die Brüder José de Almeida und Felix Vicente de Almeida verantwortlich. Die Malereien die den Wagen zieren werden dem portugiesischen Künstler Cirilo Volkmar Machado zugeschrieben

– Carruagem da Coroa (dt.: Staatskarosse)
König João VI gab diese Kutsche im Jahre 1824, kurz nachdem er aus Brasilien nach Portugal zurückgekehrt war, in Auftrag.
Sie diente ihm und seinen Nachfolgern als Staatskarosse. Im Jahre 1889 wurde die Kutsche signifikant umgebaut um dem Monarchen Carlos I als Krönungskutsche zu dienen.
1957 wurde die Kutsche anlässlich des Staatsbesuches von Königin Elisabeth II von Großbritannien aus dem Museum geholt und nochmals als Staatskarosse benutzt.
Dies war das letzte Mal, bis auf die kurze Reise die sie jetzt vom alten ins neue Museumsgebäude gemacht hat, das die Kutsche das Museum verlassen hat  

– Landau do Regicidio (dt.: Landauer des Königsmord)
diese viersitzige, vierrädrige und an beiden Achsen gefederte Kutsche, Landauer genannt, ist ein portugiesisches Fabrikat und stammt aus dem Ende des 19. Jahrh. Dieser Landauer ist das Fahrzeug, auf den am 01. Februar 1908 ein Attentat gegen den König verübt wurde.
Als der königliche Landauer an diesem Tag den zentralen Platz Terreiro do Paço überquerte, feuerten zwei Attentäter auf die königliche Familie.
König Carlos I und der Thronfolger Luis Filipe kamen bei diesem Königsmord (port.: regicidio) ums Leben. Nur Königin D. Amélia, die Begründerin des ersten Kutschenmuseums, und der zweitälteste Sohn des Königpaares, Manuel,  überlebten das Attentat.
An dem ausgestellten Landauer kann man heute noch sehr deutlich die entsprechenden Einschusslöcher erkennen.

Das neue Museu dos Coches, das pro Jahr an die 350.000 Besucher anziehen soll, hat dem portugiesischen Staat 40 Millionen Euro gekostet.
Am jetzigen Eröffnungswochenende besuchten knapp 20.000 Besucher die neuen Ausstellungshallen.

Sonntag, 24. Mai 2015

Ihrer Zeit weit voraus – die Barockmalerin Josefa de Óbidos








Wer in den nächsten Wochen hier in Lissabon verweilt und plant das berühmte Museum für Alte Kunst (port.: Museu de Arte Antiga) aufzusuchen, der wird die Gelegenheit haben eine faszinierende Sonderausstellung zu besuchen, die den Namen „Josefa de Óbidos e a invenção do barroco português“ (dt.: Josefa de Óbidos und die Erfindung des portugiesischen Barocks“) trägt, und die den Werken der Barockmalerin Josefa de Óbidos gewidmet ist.

Josefa de Óbidos, die eigentlich als Josefa de Ayala Figueira im Jahre 1630 in der spanischen Stadt Sevilla geboren wurde und die sich erst später in ihrem Leben mit dem Namen ihrer Wahlheimat Óbidos titulierte, war die bedeutendste portugiesische Malerin des Barocks und ohne Zweifel eine für ihre Zeit sehr ungewöhnliche Frau.

Josefa de Óbidos wurde im Februar des Jahres 1630, der genaue Tag ist leider nicht bekannt, als Tochter des portugiesischen Malers Baltazar Gomes Figueira im andalusischen Sevilla geboren.
Sie wurde, dem Taufbuch der Kirche San Vicente nach, am 20. Februar 1630 in dieser Kirche in Sevilla getauft.
Ihr Vater war als junger Mann im Jahre 1626 aus Portugal nach Sevilla gezogen, um dort beim Militär eine Karriere zu machen.
Doch dann entschloss er sich, er der anscheinend immer einen Hang für die schönen Künste besaß, an der damals einflussreichen Sevillaner Malerschule (esp.: Escuela de Sevilla) das Malen zu erlernen.
Sevilla übte im damaligen vereinigten Portugal und Spanien einen sehr großen Einfluss auf das gesamtiberische Kunstschaffen aus.
Die Maler die Anfang des 17. Jahrhunderts in Sevilla lebten und arbeiteten belieferten nicht nur die zahlreichen Kirchen, Klöster und Paläste im damaligen Vereinigten Königreich Spanien-Portugal mit ihren Bildern, sondern auch die vielen in dieser Zeit neu entstehenden Kirchen und Klöster in den Kolonien Mittel- und Südamerikas.

In Sevilla lernte Baltazar Gomes Figueira seine spätere Ehefrau, die andalusische Adelige Catarina de Ayala Camacho Cabrera Romero, kennen und ehelichte diese im Jahre 1628.
1634, Josefa war gerade mal vier Jahre alt geworden, verließen ihre Eltern mit ihr und ihrer kleinen Schwester Luisa, die 1632 auf die Welt gekommen war, Sevilla und zogen nach Portugal zurück.
Da ihr Vater keinen Hehl daraus machte, dass er die portugiesische Unabhängigkeitsbewegung unterstützte, wurde er zur „persona non grata“ erklärt und ihm wurde das Arbeiten in Spanien unmöglich gemacht.
Nach dem Verlassen Spaniens lebte die Familie zuerst in der kleinen Stadt Peniche, an der Atlantikküste, wo ihr Vater eine Anstellung gefunden hatte.
Doch etwas später, als Josefa sechs Jahre alt wurde, fanden sie und ihre Eltern in der Stadt Óbidos, auf dem Landgut Quinta da Capeleira, der zum Familienbesitz ihres Vaters gehörte, ihr neues Zuhause.

Seit ihrer frühesten Kindheit schaute sie ihrem Vater beim malen über die Schultern und dieser brachte ihr die ersten Pinselstriche bei.
Josefa war das, was man heute wohl ein „künstlerisch begabtes Kind“ nennen würde, denn sie fing nicht nur an ihre Zeichnungen und Malereien zu perfektionieren – sie spezialisierte sich vor allem darauf Blumen, Früchte und andere Stillleben (port.: natureza morta) zu malen – sondern zeigte auch viel Fingerfertigkeit beim gravieren, töpfern, Silber- und Goldschmieden.

Als sich Portugal im Jahre 1640 von der Personalunion mit Spanien löste und wieder unabhängig wurde, wurde ihr Vater Baltazar Gomes Figueira nach Lissabon berufen, wo er am Hofe des neuen Königs João IV Hofmaler wurde.
Josefa blieb mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester in der Provinz, in Óbidos, zurück.
Der Vater kam nur noch sporadisch nach Óbidos, da ihn seine Arbeit als Hofmaler in Lissabon voll beschäftigte.
Trotz der geographischen Trennung, bekamen Josefas Eltern in den folgenden Jahren noch fünf weitere Kinder: Francisco im Jahre 1634, Basilia 1635, José 1637, Antonia 1639 und nach dem frühen Tod des ersten Josés bekamen die Eltern 1643 noch einen Sohn, den sie ebenfalls José nannten.

Wohl ab dem Jahre 1644, so belegen Unterlagen des Augustinerklosters Santa Ana in der Stadt Coimbra, besuchte sie die dortige Klosterschule und erhielt religiösen Unterricht.
Für sie war eine Zukunft als Nonne vorgesehen – so hatten es wohl jedenfalls ihre Eltern geplant.
Doch sie zeigte wenig interessierte an dem religiösen Leben; das einzig spirituelle das für sie damals wohl Bedeutung hatte, waren die biblischen Motive die sie auf ihre Leinwände pinselte. Beweis dafür waren ihre ersten erhaltenen zwei Gravuren – eine „Santa Catarina“ und ein „São José“ -, welche sie mit 14 und 15 Jahren im Kloster in Coimbra malte.

Um 1653 verließ Josefa mit Erlaubnis ihres Vaters das Kloster Santa Ana und kehrte von Coimbra nach Óbidos in ihr Elternhaus zurück. Doch bevor sie Coimbra verließ, malte sie noch für die dortige Universität und für die Kathedrale auf Wunsch mehrere Bilder, darunter die Bilder „Santa Maria Madalena“ und „São Francisco e Santa Clara adorando o menino Jesus“, ihre wohl berühmtesten Frühwerke.

In Óbidos wieder angekommen fing sie an, im Alter von 23 Jahren, ihre ersten bezahlten Auftragswerke zu malen. Diese zwei Gemälde – eine Mutter Gottes und ein Christuskind – malte sie für das Franziskanerkloster Convento de Varatojo in der Stadt Torres Vedras.

Sowohl dem Klerus als auch dem Adel gefielen ihre Werke äußerst gut und so begann sie regelrecht im Akkord zu malen.
Zeitgenossen sagten über Josefa, sie würde so schnell und gut Bilder malen, wie ein Bäcker schnell gutes Brot backen würde.

Die nächsten Aufträge die sie malte waren verschiedene Gemälde mit biblischen Motiven für das Kloster in Alcobaça (port.: Mosteiro de Alcobaça), das Kloster in Batalha (port.: Mosteiro da Batalha) und das Kloster São Jerónimo in Vale Bem-Feito, bei Mirandela.
Für die Kathedrale von Évora malte sie um 1662 eines ihrer schönsten und berühmtesten Bilder, ein von Blumen umringtes Osterlamm (port.: cordeiro pascal), das heute im Regionalmuseum von Évora (port.: Museu Regional de Évora) hängt.
Diesen Bildern folgen noch viele andere für Kirchen, Klöster und Adelspaläste darunter z.B. Werke wie „Natureza morta: caixa com potes“ (1660) oder „O Mês de Março“ (1668).

Ab 1668 fing Josefa an ihre Bilder mit „Josefa de Óbidos“ zu unterschreiben, einen Namen mit dem sie fortan ihre Bilder bis an ihr Lebensende signierte.

Mit den Jahren entwickelt sich Josefa de Óbidos, die immer in der Provinz blieb und die so niemals die Barockhochburgen Italien oder Flandern kennen lernte und die nicht mit anderen Barockmalern wie Caravaggio, Rubens, Rembrandt, Vermeer oder van Dyck verkehrte, hierzulande zu einer Meisterin dieser Malkunst.
Ihre zahlreichen religiösen Bilder, die sie voller Frömmigkeit malte und dabei perfekt das Sakrale mit dem Profanen verband, ihre einzigartigen Portraits, die die gemalte Personen immer sehr real zeigten, als auch ihre vielen ästhetischen Stillleben mit den verschiedensten Motiven, wie z.B. Obst, Fische, Jagdwild oder Blumen – vor allem Blumen – waren immer von Licht und Schatten geprägt und voller Leben und kräftiger Farbigkeit.

Beste Beispiele aus dieser Zeit sind z.B. „Adoração dos Pastores“ (1669), „Natureza morta: frutos e flores“ (1670), „Menino Jesus Peregrino“ (1672),  „Transverberação de Santa Teresa“ (1672), „Visão de São João da Cruz“ (1673) und „O menino Jesus Salvador do Mundo“ (1673).

Als ihr Vater 1674 starb, erhielt sie vom Königshaus den Auftrag verschiedene Porträts zu malen, darunter eines von Königin Maria Francisca Luisa Isabel de Saboia, Gattin des neuen Königs Pedro II, und eines der einzigen Tochter des Königpaares, der Infantin Isabel Luisa de Bragança.
Zur Hofmalerin machte Pedro II sie nicht, obwohl der Monarch anscheinend sehr mit ihren Arbeiten zufrieden war.
Aber eine Frau als Hofmalerin, das wäre dann doch zu viel des Guten gewesen, für die damalige konservative Zeit.

Andere Bilder die sie nach dem Tod ihres Vaters malte waren u.a. so berühmte wie „Cesta com cerejas, queijos e barros“ (1675), „Anunciação“ (1676), „Calvario“ (1679) und „Natureza morta: vaso de flores“ (1680).

Nach dem Tod ihres Vaters Baltazar wurde Josefa die alleinige Ernährerin ihrer Mutter, ihrer Geschwister sowie ihrer Nichten.
Da ihre Gemälde immer bekannter und beliebter wurden, konnte sie ihre Familie gut über die Runden bringen, sowie das Haus und den Hof.
Josefa selbst trat nie in den Stand der Ehe ein.
An Kunden für ihre gemalten Kunstwerke mangelte es Josefa nicht. Es wird erzählt, das alles was damals Rang und Namen hatte, und im benachbarten Badeort Caldas da Rainha zur Kur ging, bei ihr in Óbidos vorbeischaute um eins oder gleich mehrere Bilder in Auftrag zu geben.

Am 22. Juli 1684 verstarb Josefa de Óbidos – heute würde man sagen „plötzlich und unerwartet“ – im Alter von nur 54 Jahren.
Sie war so bekannt und beliebt, dass man sie unter dem Altar der Stadtkirche São Pedro in Óbidos beisetzte, wo sie heute noch liegt.

Josefa de Óbidos, war eine gebildete und für die damalige Zeit sehr moderne, emanzipierte Frau, die damals, in einer von Männern beherrschten Welt, mit vielen, vielen Tabus brach.
Ihre Werke zeigen uns heute noch, wie viel künstlerische Begabung in dieser rein autodidaktischen Künstlerin steckte.

Wie am Anfang dieses Textes schon erwähnt, kann man in den nächsten Monaten im renommierten Museum für Alte Kunst (port.: Museu de Arte Antiga) in Lissabon eine Sonderausstellung besuchen, die dieser großen Künstlerin und den über 130 ihrer Werke gewidmet ist, die für diese Exposition zusammengetragen wurden.
Ich kann jedem diese Ausstellung nur wärmstens ans Herz legen!

Museu de Arte Antiga – Lisboa
Exposição Josefa de Óbidos e a ivenção do barroco português
16. Mai – 06. September 2015

Montag, 12. März 2012

Straßenverkehrsordnung anno dazumal



Über viele Jahrhunderte hinweg hatten Menschen nur zwei Möglichkeiten um sich in der Stadt Lissabon fortzubewegen:
Wenn sie arm waren, dann gingen sie zu Fuß.
Wenn sie reich waren und ein Pferd hatten, dann gingen sie reitend durch die Stadt. Eine andere Alternative hatten sie nicht.

Die Straßen Lissabons waren eng, dreckig, stinkend und schlammig.
Sie waren in solch einem schlechten Zustand, das die, die es sich leisten konnten, vom zentralen Terreiro do Paço, dort wo sich heute die Praça do Comercio befindet, nach Belém mit einem Boot oder einem Schiff den Tejo entlang fuhren, anstatt die engen, verwinkelten und schlammigen Straßen von damals zu benutzen.

Wie schlimm es um die Straßen Lissabons einstmals stand, kann man in einer wenig schmeichelhaften Reiseerinnerung eines französischen Kaufmanns nachlesen, der 1571 schrieb:

• „Portugals Seewege sind seine besten Trophäen. Die grässlichen Straßen Lissabons allerdings stapft höchstens der Teufel entlang, und selbst der Beelzebub würde umkehren, grau von Staub und krumm von Mühsal und höllisch fluchend vor Entsetzen.“

Als im Jahre 1578 König Sebastião I auf einem Schlachtfeld in Marokko starb, ohne einen Nachfolger hinterlassen zu haben, erhob der spanische König Philipp II Anspruch auf den Thron Portugals.
Als Philipp II sich drei Jahre später, 1581, auf den Weg nach Lissabon machte, um hier die Hauptstadt seines neuen Königreiches kennen zu lernen, kam er in einer Kutsche (port.: coche) an.
Was für uns heute absolut normal erscheint, war für die meisten Lissabonner der damaligen Zeit ein absolutes Novum.

So etwas hatten die meisten bis dahin noch nie gesehen:
einen hölzernen Kasten auf vier Rädern, der von sechs Pferden gezogen wurde und der an jeder Ecke verkeilte und stehen blieb, weil er einfach nicht durch die engen Straßen der Stadt hindurchpasste.
So soll denn auch Felipe I, wie er sich fortan als König von Portugal nannte, bei seinem Einzug in Lissabon die letzten 1.500 m zum königlichen Palast Paço da Ribeira auf dem Rücken seines Pferdes zurückgelegt haben.

Aber so unpraktisch Felipes Kutsche für die Straßen Lissabons auch war, als er die Stadt im Jahre 1583 für immer verließ, machte es ihm der portugiesische Adel nach, und jeder der es sich leisten konnte, schaffte sich seine eigene Kutsche an.
Welchen Verkehrschaos es daraufhin in den Straßen Lissabons gab, kann man sich leicht vorstellen.

Da es damals so etwas wie eine Straßenverkehrsordnung noch nicht gab, versuchte man das Problem auf der hierarchischen Ebene zu lösen.
Kamen sich z.B. in einer Straße zwei Kutschen entgegen, so machte die Kutsche mit dem rangniedrigsten Fahrgast immer für den ranghöheren Platz.
Begegneten sich aber zwei gleich ranghohe Fahrgäste, und machte die eine Kutsche der anderen nicht freiwillig Platz, dann kam es oft zu Auseinandersetzungen, die von einfachen Wortgefechten bis hin zu Handgreiflichkeiten und Duellen, ja sogar Mord und Totschlag, gingen.

Um diese zuweilen sehr gewalttätigen Diskussionen ein für alle Mal zu beenden wurde im Jahre 1686, auf Anordnung von König Pedro II, die erste Straßenverkehrsordnung (port.: código da estrada) Portugals herausgegeben.

Die Strafe die sich König Pedro II für die Nichteinhaltung der neuen Verkehrsordnung ausgedachte hatte, war denkbar hart:
So wurden, auf Anweisungen des Königs hin, nicht etwa die Kutscher bestraft, sondern die adeligen Kutschenbesitzer.
Demnach wurde der Adelige der sich nicht an die neuen Verkehrsbestimmungen hielt, ohne wenn und aber, nach Brasilien deportiert!

Alleine diese Strafe zwang die Adeligen dazu mehr Rücksicht im Straßenverkehr zu haben.
Dennoch wurden zwischen 1686 und 1702, nach offiziellen Angaben, 274 adelige Verkehrsrowdies in Lissabon aus dem Verkehr gezogen und nach Brasilien zwangsdeportiert.

Mit in Kraft treten der neuen Verkehrsordnung wurden in Lissabon auch die ersten Verkehrsschilder aufgestellt und die ersten Verkehrspolizisten, die „prácticos“, traten ihren Dienst an.
Eines dieser ehemaligen ersten Verkehrsschilder kann man heute im Stadtteil Alfama, im Beco do Salvador, an der Hauswand des Gebäudes mit der Hausnummer 26 bewundern.

Auf diesem marmornen Verkehrsschild (port.: placa de trânsito), das eine Einbahnstraße anzeigt, kann man, auf alt-portugiesisch, folgende Inschrift lesen:

• „ANO DE 1686. SUA MAJESTADA ORDENA QUE OS COCHES, SEGES E LITEIRAS, QUE VIEREM DA PORTARIA DE SÃO SALVADOR, RECUEM PARA A MESMA PARTE“

Überstezung des Textes:

• „Im Jahre 1686. Seine Majestät ordnet an das alle Kutschen, Karossen und Sänften, die aus Richtung São Salvador kommen, in die selbige Richtung umkehren müssen“

Ich kann mich noch an solch ähnliche Verkehrsschilder an Gebäuden der Calçada de São Vicente, der Calçada de São Tomé und im Largo de Santa Luzia erinnern.
Doch mit den Jahren wurden diese Gebäude alle abgerissen und mit ihnen auch die Schilder zerstört.
Nur noch das marmorne Verkehrsschild im Beco do Salvador ist aus der Zeit der ersten Straßenverkehrsordnung in Portugal übrig geblieben.
Es ist das einzige das heute noch existiert!

Dienstag, 10. Januar 2012

Königin Maria Sofia de Neuburgo


In der hessischen Stadt Darmstadt, meiner zweiten Heimatstadt, kann man im dortigen Museum des großherzoglichen Schlosses ein Porträt eines Kleinkindes bewundern.
Das Gemälde, aus dem Jahre 1675, zeigt die neunjährige Enkelin des damaligen Landgrafen Georg II von Hessen-Darmstadt.
Kaum einer, der das Museum besucht, weiß dass auf dem Gemälde eine zukünftige portugiesische Königin abgebildet ist.

Bei dem neunjährigen Mädchen, das hier von dem unbekannten Maler mit einem dezenten Lächeln gemalt worden ist, handelt es sich um die kleine Marie Sophie Elisabeth von Neuburg und der Pfalz, die später einmal unter dem Namen Maria Sofia Isabel de Neuburgo e do Palatino do Reno e Bragança den portugiesischen Thron besteigen wird.

Die kleine Marie Sophie war eine Tochter des Kurfürsten Philipp Wilhelm von der Pfalz und dessen zweiten Ehefrau Elisabeth Amalie von Hessen-Darmstadt.
Sie erblickte am 06. August 1666 auf Schloss Benrath bei Düsseldorf das Licht der Welt.

Wie alle Kinder von Kurfürst Philipp Wilhelm, genoss auch Prinzessin Marie Sophie eine, für die damalige Zeit, äußerst umfangreiche, musikalische, religiöse und wissenschaftlich fundierte Ausbildung.

Marie Sophie wurde in ein kinderreiches Haus hineingeboren. Insgesamt hatte sie 16 Brüder und Schwestern!
Als zukünftige Königin war sie, was ihre Geschwister anging, in allerbester Gesellschaft.
Ihre Brüder Johann Wilhelm und Karl Philipp z.B. folgten ihrem Vater als Kurfürsten von der Pfalz.
Ihre Schwester Eleonore Magdalena wurde an der Seite von Leopold I Kaiserin des römisch-deutschen Kaiserreiches.
Eine andere Schwester von ihr, Maria Anna, wurde als Ehefrau von Carlos II, Königin von Spanien.
Drei ihrer Brüder schlugen eine Kirchenlaufbahn ein.
So wurde ihr Bruder Franz Ludwig Kurerzbischof von Trier, ihr Bruder Ludwig Anton wurde Bischof von Worms und Alexander Sigismund wurde Bischof von Augsburg.

Sie ist 20 Jahre alt, als der portugiesische Sonderbotschafter Manuel Teles da Silva sich am 08. Dezember 1686 auf dem Weg macht, um bei ihrem Vater, im Auftrag von König Pedro II, der seit vier Jahren Witwer ist, um ihre Hand anzuhalten.
Man wird sich schnell über die Einzelheiten einig, und am 22. Mai 1687 wird der Heiratsvertrag in Heidelberg unterschrieben.

11 Tage später, am 02. Juli 1687, heiratet Marie Sophie per procura in der kurfürstlichen Kapelle zu Heidelberg König Pedro II von Portugal und wird dessen zweite Ehefrau.
Ihr Vater, Kurfürst Philipp Wilhelm, hatte sich im Heiratsvertrag verpflichtet, seiner Tochter eine Mitgift von 100.000 Gulden auf dem Weg nach Lissabon mitzugeben.

Aber der Kurfürst konnte diese Vereinbarung nicht einhalten.
Zwar hatten die Stände von Pfalz-Neuburg der Braut, anlässlich ihrer Hochzeit, 20.000 Gulden geschenkt, ihr zukünftiger Schwager Carlos II von Spanien gab ihr weitere 20.000 Gulden mit auf dem Weg und die jülich-bergischen Landstände machten ihr 10.000 Gulden zur Schenkung.
Dennoch blieb Kurfürst Philipp Wilhelm dem portugiesischen Königshaus erst einmal 50.000 Gulden schuldig, die Hälfte der vereinbarten Mitgift.
Er verpflichtete sich, in einem Zusatz des Heiratvertrages, die fehlende Summe innerhalb von 12 Monaten zu begleichen.

Nichtsdestotrotz machte sich Prinzessin Marie Sophie mit Sonderbotschafter Manuel Teles da Silva und ihrem kleinen Gefolge am 01. August auf den Weg nach Portugal.
Sie reiste zuerst auf einem Schiff den Rhein hinauf und wurde in den Städten Worms, Mainz und Köln feierlich empfangen und dann jedes Mal mit Glanz und Pomp verabschiedet.
Dann überschritt die Prinzessin mit ihrem Gefolge die Grenze zu den Niederlanden.
Hier bestieg Marie Sophie in der Kleinstadt Brila ein englisches Schiff, das ihr James II von England zur Verfügung gestellt hatte, und das sie nach Portugal bringen sollte.

Am 12. August, zur Mittagszeit, ankerte das Schiff, welches Prinzessin Marie Sophie nach Portugal gebracht hatte, im Hafen von Lissabon an.
König Pedro II persönlich holte sie vom Schiff ab und gemeinsam begaben sich beide zur Kapelle des, heute leider nicht mehr existierenden, königlichen Palastes Paço da Ribeira, wo sie vom Lissabonner Erzbischof Luis de Sousa in persona verheiratet wurden.
Die umfangreichen Reisekosten Marie Sophies bestritt damals ihr Bruder Johann Wilhelm.

Maria Sofia, wie die portugiesische Form ihres Namens fortan lautete, war die 25. Königin Portugals.
Die zwölf Jahre, in dem sie den Titel einer Königin trug, waren ohne eine einzige Intrige oder einem einzigen negativem Ereignis ihrerseits behaftet.
Dennoch wurde König Pedro II schon kurze Zeit nach der Hochzeit ihrer überdrüssig, wahrscheinlich weil Kurfürst Philipp Wilhelm ihm die restliche Mitgift schuldig blieb.
Das Verhältnis zwischen dem König und der Königin wurde mit den Jahren immer schwieriger und war alsbald auch vor dem Hof nicht mehr zu verbergen.

Maria Sofia war eine sehr gläubige, gutmütige, respektvolle und beim Volk sehr beliebte Königin.
Die Tatsache, dass sie Witwen und Waisen finanziell unterstützte und das sie sogar, zum Leidwesen ihres Ehemanns Pedro II, in einem Teilflügel des Königspalastes Kranke, Behinderte und Bettler zeitweise unterbrachte, brachten ihr die vollste Hochachtung des ganzen Volkes.

Politisch trat sie nur einmal in Erscheinung, nämlich als sie erfolglos gegen einen Beschluss des Königs vorging, der den kategorischen Verbot beinhaltete, ihren Lieblingsbruder Ludwig Anton am Lissabonner Hof zu empfangen.
Ludwig Anton hatte seine Schwester Maria Anna nach Spanien begleitet, als diese Carlos II ehelichte, und Königin von Spanien wurde.
Maria Sofia, seine andere Schwester, die jetzt Königin von Portugal war, schickte ihrem Bruder eine Einladung nach Madrid, damit dieser sie in Lissabon besuchen möge.
In Coimbra erhielt Ludwig Anton die Nachricht, dass er am Lissabonner Hof nicht erwünscht sei, da Pedro II auch nicht zur Hochzeit von Anna Maria und Carlos II an den spanischen Hof eingeladen worden war.
Selbst nach mehrmaligen Bitten Maria Sofias an Pedro II, ihren Bruder in Lissabon empfangen zu dürfen, blieb der König hart.

Bis auf diese und ähnliche unerfreuliche persönliche Begebenheit mit ihrem Mann, verlief das Leben von Maria Sofia am Lissabonner Königshof recht ruhig und unspektakulär.

Spektakulär waren dagegen ihre Schwangerschaften.
In nur zwölf Jahren schenkte sie ihrem Mann sieben Kinder.
Die Tatsache, dass sie so viele Kinder in so kurzer Zeit gebar, obwohl sie und der König sich eigentlich nicht verstanden, lässt nur eine Schlussfolgerung zu, die damals ein offenes Geheimnis am Hofe war und die da lautete:
„der König nahm die Königin, wenn er einen gewissen Drang verspürte“.

Von den sieben Kindern die Maria Sofia auf die Welt brachte, starben zwei im Kindesalter, nämlich ihr Erstgeborener Sohn Infante João Francisco im Jahre 1688 und ihre Tochter, Infantin Teresa Maria, die 1696 geboren wurde und nur fünf Jahren alt wurde.

Das Erwachsenenalter erlangten ihr zweiter Sohn, der ebenfalls auf den Namen João getauft wurde und später seinem Vater als João V auf dem Thron folgte, Infante Francisco Xavier, Infante António Francisco, Infante Manuel José und Infantin Francisca Josefa.

Im Juli 1699 erkrankte Königin Maria Sofia in ihrer Residenz, dem Palácio dos Corte Real, plötzlich an einer schweren Gesichtsgürtelrose (port.: erisipela do rosto), die ihr ganzes Gesicht und ihren Kopf in Mitleidenschaft zog und ihr ungeheuerliche Schmerzen verursacht haben muss.
Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich von Tag zu Tag mehr und der König, obwohl er noch nicht einmal 200 Meter von ihr im angrenzenden Palast Paço da Ribeira lebte, lässt sich nicht ein einziges Mal an ihrem Krankenbett blicken.

Am 04. August 1699, zwei Tage vor ihrem 33. Geburtstag, erliegt Königin Maria Sofia in ihrem Palast an den Folgen ihrer schweren Krankheit.
Der König lässt daraufhin ihren Leichnam in den königlichen Palast Paço da Ribeira bringen und erst jetzt erweist er der Königin die letzte Ehre.

In der Kirche São Vicente de Fora, in der Gruft der Braganças, findet die vom Volk so geliebte und von ihrem Mann so wenig respektierte Königin Maria Sofia de Neuburgo letztendlich ihre letzte Ruhestätte.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Senhor Roubado


Als am frühen Morgen des 11. Mai des Jahres 1671 zwei Küster die Türen der kleinen Dorfkirche von Odivelas öffnen um den Gottesdienst vorzubereiten, finden sie die untrüglichen Zeichen eines Einbruchs und eines ungeheuerlichen Frevels vor.

In der Kirche finden sie die Heiligenfiguren „Unserer Jungfrau des Rosenkranzes“ (port.: „Nosssa Senhora do Rosario“) und „Unserer Jungfrau aus Ägypten“ (port.: „Nossa Senhora do Egípto“), die Figur des Jesuskindes (port.: „Menino Jesus“) sowie die Figuren anderer Heiliger splitterfasernackt und entkleidet bloßgestellt.

Nach dem Frevel kommt nun auch der Schock:
Außer das die Figuren nackt sind, müssen die erschrockenen Küster auch feststellen, dass einige Schmuckperlen aus dem Rosenkranz der einen entblößten Heiligen fehlt und ein riesiger Schmuckedelstein aus der Krone der anderen Heiligenfigur heraus gebrochen ist.
Außerdem fehlen einige Altardecken, das Heilige Grabtuch, zwei vergoldete Becher und die wertvolle Monstranz, in der immer die Hostien - das Laib Christi - für die nächste heilige Messe aufbewahrt werden.

Sofort macht das Gerücht vom „gestohlenen Laib Christi“, (port.: „Senhor Roubado“), den die Hostien in der christlichen Religion darstellen, die Runde.
Dieses ungeheuerliche Sakrileg und Diebstahl erschüttert das katholische Portugal der damaligen Zeit bis auf die Grundmauern.

Eine Sonderkommission der Polizei wird daraufhin gegründet und eine nächtliche Ausgangssperre über Odivelas verhängt. Alle Häuser, selbst das Rathaus und die der hohen Bürger werden bei mehreren Razzien durchsucht – allerdings ohne Erfolg!

Nach ein paar Tagen erreicht diese skurrile Kriminalgeschichte den königlichen Hof in Lissabon.
König Pedro II ist außer sich vor Wut!
Auf seine Veranlassung hin werden an jeder Kirche des Landes, an jedem öffentlichen Platz in Portugal, Steckbriefe ausgehängt auf denen für sachdienliche Hinweise zur Ergreifung des Täters des „Senhor Roubado“ die stolze Summe von zweitausend Cruzados ausgesetzt werden.
Außerdem werden verschiedene Prozessionen veranlasst und in allen Kirchen Fürbitten abgehalten.
Der König ordnet sogar an, dass für Hundert Tage am ganzen königlichen Hof schwarze Trauerkleidung getragen werden muss.
Doch alles Beten und büßen hilft nichts.
Die Suche nach dem „Senhor Roubado“ und den anderen gestohlenen Wertgegenständen bleibt erfolglos.

Vier Monate später, am 16. Oktober 1671, ereignet sich in Odivelas erneut ein Verbrechen, der den Ort aufschreckt:
Im altehrwürdigen Kloster von Odivelas (port.: Mosteiro de Odivelas) wird ein Dieb dabei erwischt, wie er auf frischer Tat den Schwestern sechs Suppenhühner stehlen will.
Die Küchenmagd kann den Dieb im Hühnerstall festhalten bis die Dorfpolizei eintrifft.

Der auf frischer Tat festgenommene Hühnerdieb ist der betrunkene António Ferreira, der im ganzen Ort als der Dorftrottel bekannt ist.
Die Polizei findet in einer seiner Taschen ein goldenes Kreuz das zu einer der Heiligenfiguren gehört, welche Monate zuvor in Odivelas gestohlen worden waren.
Nach einigen Verhören gesteht António Ferreira den Diebstahl in der Dorfkirche, im betrunkenen Zustand, begangen zu haben.
Auf einem Feld, unweit von Odivelas, wird unter den Wurzeln eines Baumes versteckt, die Mehrzahl der gestohlenen Gegenstände gefunden.
Die Hostien allerdings, so gibt der Dorftrottel freimütig zu, habe er vor lauter Hunger noch in derselben Nacht vernascht.
Die Monstranz, in der die Hostien aufbewahrt waren, bleibt aber verschwunden.
Der ganze Ort lacht, ja ganz Portugal lacht über diesen Dorftrottel, und eigentlich wäre der Fall nun aufgeklärt und somit zu den Akten zu legen.

Doch was nun folgt ist eine selbstherrliche, gnadenlose Demonstration der Inquisition, der in einen gnadenlosen, brutalen Prozess gegen António Ferreira endet.
Die Hysterie eines Teils des Großadels und der Fanatismus der Kirchenoberen führen dazu bei, das António Ferreira, ein armer Schlucker, die ganze Härte des Inquisitionstribunal zu spüren bekommt.
Ihm wird öffentlich der Prozess gemacht.
Unter der Folter wird er aufgefordert zu sagen wo die Monstranz ist, da diese unauffindbar ist.
Doch alles foltern nützt nichts, und der „Senhor Roubado“ bleibt verschollen.
António Ferreira wird gnadenlos durch die Inquisition zum Tode verurteilt!

Am 13. November 1671 wird der Verurteilte zur Urteilvollstreckung nach Lissabon gebracht.
Dort werden ihm am nächsten Tag öffentlich am Rossioplatz, bei lebendigem Leib, beide Hände vom Körper abgehackt.
Eine Würgeschlinge wird ihm angelegt, und er wird langsam und qualvoll erwürgt.
Als er tot ist, wird sein lebloser Körper auf einen Scheiterhaufen gelegt und verbrannt.
So endet, auf stupide Weise und durch eines der vielen Fehlurteile der Inquisition, das Leben des Dorftrottels António Ferreira.

Nur noch wenig erinnert heute in Odivelas an den traurigen Held dieser wahren Geschichte.
An der Stelle im Feld, an der die gestohlenen Kirchengegenstände wieder gefunden wurden, und wo António Ferreira behauptet die Hostien vor lauter Hunger verspeist zu haben, haben die Bürger von Odivelas, hundert Jahre nach dem Ereignis, ihm ein Denkmal gesetzt.
Seit 1774 kann dort, ein alleine durch Spendengeldern finanzierter „Senhor Raubado Denkmal“ (port.: Monumento ao Senhor Roubado), bewundert werden.
Auch der jeden Montag stattfindende Wochenmarkt in Odivelas trägt den Namen dieses traurigen Helden, nämlich „Feira do Senhor Roubado“ (dt.: „Senhor Roubado Markt“), genauso wie eine Metrostation ganz in der Nähe.