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Montag, 15. Juni 2015

Chegas de bois – wenn in Nordportugal die Hörner krachen



Wer jemals einem typisch-portugiesischen Stierkampf beigewohnt hat, der weiß dass dieser wesentlich unblutiger über die Bühne läuft als etwa z.B. die spanische Version dieses Schauspiels.
Wem aber die portugiesische „tourada“ trotz allem doch ein wenig zu „gewalttätig“ ist, der sollte eine der in Nordportugal um diese Jahreszeit üblichen „chegas de bois“ besuchen.

Im Gegensatz zu einem normalen Stierkampf in der Arena, bei dem sich immer Mensch und Tier gegenüber stehen, ist die „chegas de bois“ immer nur ein Kräftemessen zwischen zwei Tieren.
Diese Duelle zwischen zwei Stieren, bei dem die männlichen Tiere auf natürliche Art und Weise ihre Rangordnung klären, gehen für gewöhnlich immer unblutig aus. Sobald einer der kämpfenden Tiere mit den Knien den Boden berührt oder er vor seinem Gegner Reißaus nimmt, ist der Kampf beendet.
So ein Wettbewerb kann nur wenige Sekunden lang dauern, kann sich aber auch über eine gute halbe Stunde hinziehen – es kommt immer auf das Aggressionspotential der einzelnen Tiere an.

Der Kampf zwischen zwei männlichen Rindern, bei dem die Tiere instinktiv ihre Rangfolge klären, war schon bei den alten Römern ein beliebtes Schauspiel. Mit den Jahrhunderten aber starb diese Art des Spektakels aus und der klassische Stierkampf, zwischen Torero und Stier, setzte sich hierzulande durch.

Erst vor einpaar Jahrzehnten kam die seit vielen Generationen ausgestorbene Tradition der „chegas de bois“ wieder in Mode.
Durch die immer größer werdende technische Industrialisierung der Landwirtschaft nach der Nelkenrevolution in Portugal waren sehr viele heimische landwirtschaftliche Nutztiere, die nicht rentabel waren, plötzlich vom aussterben bedroht.
So „entdeckten“ einige Bauern und Grundbesitzer in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die „chegas de bois“ wieder, organisierten zahlreiche Wettbewerbe, schrieben Preisgelder für die Duelle aus, erlaubten das Wetten und machten so auf diese Weise fast ausgestorbene Rinderrassen für Züchter und Publikum wieder attraktiv.

Der Ausdruck „chegas de bois“, mancherorts auch unter dem Begriff „chegas de touros“ bekannt, setzt sich aus dem portugiesischen Verb „chegar“ (dt.: beikommen, annähern) und dem Wort für Stier (port.: boi, touro) zusammen, und beschreibt einfach so die „Annährung von Stieren“ (port.: „chegas de bois“) die miteinander kämpfen wollen.

Zwei fast ausgestorbene portugiesische Rinderrassen kamen durch diese ausgefallenen Stierkämpfe bei Bauern und Rinderzüchtern wieder in Mode:
das kleine Barrosão-Rind (port.: raça barrosã), mit seinen langen, geschwungenen und bis zu 100 cm langen Hörnern, das in der Region um die nordportugiesischen Städte Montalegre, Alfândiga da Fé, Mirandela und Vila Flor seine Heimat hat und das bis 1.200 kg schwere und temperamentvolle Mirandesa-Rind (port.: raça mirandesa), aus der Gegend um die Städte Miranda do Douro, Bragança, Vinhais, Vimioso und Mogadouro, in der nordöstlichsten Provinz Portugals, dem Trás-os-Montes.

Die meisten Stiere dieser beiden Rinderrassen die zum Kampfwettbewerb antreten, gehören heute zumeist privaten Züchtern und Bauern.
Doch einige Dörfer und Gemeinden im Norden Portugals, in denen traditionsgemäß das Vieh immer der ganzen Dorfgemeinschaft gehörte und gehört, stellen heute noch so genannte „bois do povo“ (dt.: Volksstiere / Allgemeinheitsstiere) zum Kampf auf.

Die „chegas de bois“ finden den ganzen Sommer lang – meistens bis Mitte August – in vielen Städten und Dörfern Nordportugals statt und sind ein imposantes und spektakuläres Schauspiel, das ich jedem nur empfehlen kann!

Donnerstag, 2. April 2015

Der Folar – das portugiesische Osterbrot


Vor einiger Zeit habe ich von Matthias, einem Leser meines Blogs, eine E-Mail erhalten indem er mich nach einem „typisch traditionelles Osternbrot“ fragt, von dem ihm sein Nachbar, der anscheinend öfters hier in Portugal Urlaub macht, wohl berichtet hat.

Nun, dieses Osterbrot, nach dem Matthias fragt und von dem ihm sein Nachbar erzählt hat, trägt hier in Portugal den Namen „Folar“ (port.: folar).
Der Folar ist ein Hefeteigbrot, der hierzulande traditionell in der Osterzeit gebacken wird und der kulturhistorisch den gleichen Stellenwert hat, wie wohl in Deutschland der Osterhase oder die Ostereier.

Der Basisteig dieses süßen, weichen und fluffigen Brotes besteht immer aus Weizenvollkornmehl, Hefe, Wasser, Eier und Schmalz, sowie aus Zucker (für die süße Variante) oder Salz (für die salzige Variation).
Da jede Provinz hier in Portugal ihr eigenes Folarrezept hat, unterscheidet er sich von Region zu Region durch die jeweiligen Zusatzzutaten die dem Teig beigemengt werden.

In Olhão, an der Algarve, fügt man z.B. dem Grundteig des Folar Honig und eine Menge Zimt (port.: canela) hinzu.
Im Alentejo gibt man dem Teig fast immer Anis (port.: anis) oder Fenchel (port.: erva doce) hinzu, um ihn geschmacklich zu verfeinern.
Vielerorts bereichert man den Folar z.B. auch mit Mandeln (port.: amendoas), Schokolade (port.: chocolate), Rosinen (port.: passas), Trockenobst (port.: frutas secas), Kürbismarmelade (port.: gila) und noch vieles mehr.
Im nordportugiesischen Trás-os-Montes, in der Umgebung von Chaves und Valpaços, fügt man dem salzigen Folarteig traditionell entweder Schweine-, Geflügel-, Lamm- oder Kalbfleisch, sowie Salami, Speck oder Wurst hinzu.

Aber, ob nun in der süßen oder salzigen Variation und egal wie er sich auch geschmacklich unterscheiden mag, eines sollte ein echter Folar stets haben: er sollte immer mit einem oder zwei hart gekochten Eiern verziert sein!
Nur dann ist er ein echter Folar!

Traditionell schenken am Ostersonntag der Patenonkel (port.: padrinho) und die Patentante (port.: madrinha) ihrem Patenkind (port.: afilhado) immer einen Folar.
Dies tun sie jedes Jahr, bis das Patenkind heiratet.
Dies ist seit Generationen so!
Da meine Patentante nie sehr viel von Traditionen gehalten hat und mein Patenonkel leider schon verstorben ist, muss ich mir in den letzten Jahren meinen Folar selber kaufen…

Wo der Folar zum ersten Mal gebacken wurde, woher sein Name kommt und wie er hierzulande zum traditionellen Osterbrot wurde, ist ein Geheimnis der Geschichte.

Der Legende nach soll einmal vor langer, langer Zeit, in einem abgelegenen Dorf die Tochter eines Schneiders mit Namen Mariana gelebt haben. Marianas größter Wunsch es war, zu heiraten.
Also betete Mariana zur Heiligen Katharina (port.: Santa Catarina), der Schutzpatronin der Näherinnen und Schneider, und bat diese um einen Ehemann.
Wie es das Schicksal so will, verliebten sich eines Tages zur gleichen Zeit zwei junge Männer in das junge Mädchen – ein armer Schafhirte und ein reicher Edelmann – und sowohl der eine als auch der andere machten ihr den Hof.
Da sich Mariana weder für den Hirten noch für den Edelmann entscheiden konnte, betete sie erneut zur Heiligen Katharina, diese möge ihr bitte bei der schweren Entscheidung helfen.
Da sie sich aber mit der Entscheidung Zeit ließ, klopfte eines Tages der junge Hirte an ihre Tür und forderte Mariana auf, sich für ihn oder den Edelmann zu entscheiden. Als Frist für sein Ultimatum nannte der Hirte ihr den Sonntag vor Ostern, den  Palmsonntag.
Am nächsten Tag klopfte auch der Edelmann an die Tür der jungen Schneidertochter und auch er stellte ihr eine Entscheidungsfrist für den nahenden Palmsonntag.
Als der Palmsonntag gekommen war und Mariana sich immer noch nicht für einen der zwei Freier entscheiden hatte, machten sich sowohl der Hirte als auch der Edelmann auf dem Weg zum Hause des Schneiders.
Vor dem Haus trafen sie sich.
Voller Wut und Eifersucht aufeinander zog der Hirte seinen Dolch und der Edelmann sein Schwert und beide waren sie bereit für die Gunst der jungen Schneidertochter bis zum Tode zu kämpfen.
Als das Mädchen vor die Tür trat und die beiden Männer um sie kämpfen sah, schrie sie auf und rief – ohne zwei Mal zu überlegen – den Namen des Hirten und umarmte diesen.
Als der Edelmann nun sah, dass sich Mariana für den Hirten entschieden hatte, steckte er sein Schwert in die Scheide, drehte sich um und räumte das Feld. Doch bevor er ging, drohte er dem jungen Paar am Tag der Hochzeit zurückzukommen und sich dann zu rächen.
Einen Tag vor Ostersonntag, ihrem Hochzeitstag, ging Mariana in die Kirche und betete noch einmal zur Heiligen Katharina.
Sie bat ihre Schutzpatronin um eine glückliche und friedliche Hochzeit mit dem Hirten, die am nächsten Tag stattfinden sollte. Bevor sie die Kirche verließ, legte sie einen Strauß Blumen für die Heilige Katharina am Altar nieder.
Wieder zuhause angekommen entdeckte Mariana auf ihrem Tisch ein rundes Brot stehen, den ein Ei zierte und welches von Blumen umgeben war – die gleichen Blumen,  die sie zuvor in der Kirche für dieHeilige Katharina niedergelegt hatte.
Da wusste Mariana, dass ihre Schutzpatronin sie erhört hatte und das ihr eine glückliche Ehe mit ihrem Hirten bevorstand.
Seitdem gilt der Folar traditionell an Ostern als ein Symbol von Freundschaft, Frieden, Glück und Versöhnung.

Zu erwähnen sei noch das der Folar im Mittelalter unter dem altportugiesischen Namen „folore“ in der Literatur oftmals Erwähnung findet.
Höchstwahrscheinlich leitet sich „folore“ wiederum vom lateinischen Wort „flora“ ab, was soviel wie Blumenblüte (port.: flor) bedeutet, und was wiederum erklären würde, warum in der Legende von Blumen die Rede ist, die um das Osterbrot gelegt werden.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Miley Cyrus made in Portugal


Der Norden Portugals ist für seine reichhaltige Gastronomie, seine ausgezeichneten Weine und die offene Gastfreundschaft seiner Bewohner nicht nur hierzulande bekannt.
Vor allem die vielen qualitativ hochwertigen und frischen regionalen Produkte sind es, die seine schmackhafte regionale Küche so beliebt machen.
Da das nördliche Portugal naturgegeben viel Weideland besitzt, werden hier viele Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine gehalten und gezüchtet, um dann irgendwann auch zu leckeren Steaks, Koteletts, Schinken und Würsten verarbeitet zu werden.
Die regionale Vielfalt an Innereien- und Räucherwurstspezialitäten sowie an Grieben- und Blutwurstgerichten ist in dieser Region schier unerschöpflich!

Ein Ort an dem man viele dieser Spezialitäten mal probieren kann, ist die seit 1980 existierende alljährliche Gastronomiemesse „Feira do Fumeiro“ (dt.: „Räucherwurstmesse), die in der nordportugiesischen Kleinstadt Vinhais, unweit von Bragança, in der Provinz Trás-os-Montes, immer Anfang des Jahres stattfindet.
Diese Messe, auf der man die originellsten und traditionellsten Wurstspezialitäten Nordportugals vorfinden und genießen kann, erfreut sich jedes Jahr großer Besucherzahlen und ist eigentlich ein Event, der heutzutage ohne viel Werbung auskommt.

Nichtsdestotrotz lassen sich die Veranstalter der „Feira do Fumeiro“ jedes Jahr den einen oder anderen witzigen Spot einfallen, um auf ihre Messe aufmerksam zu machen.
Noch im letzten Jahr hat eine spritzige Gangnamstyle-Persiflage auf die Gastronomieschau aufmerksam gemacht und dieses Jahr sorgt eine Parodie des Musikvideos „Wrecking Ball“, von der US-Popsängerin Miley Cyrus, hierzulande im Netz für Furore.

Während im Originalmusikvideo zu sehen ist, wie Miley Cyrus sich nackig auf einer Abrissbirne räkelt und dabei den Hammer schwingt, zeigen die Macher vom witzigen Clip für die „Feira do Fumeiro“ wie ein gestandener junger Mann in Unterwäsche und mit Dreitagebart auf einer riesigen Wurst hin und her schaukelt und ein „Wurstlied“ singt.
Während der junge Kerl so dahinpendelt, hält er sich lasziv einen gefüllten, geräucherten Schweinemagen an seinen Mund – mit solch einem erotischen Blick, der das ganze prüde Amerika wohl in seinen Grundfesten erschüttern würde…

Ein witziger Genuss!

Die diesjährige Gastronomiemesse „Feira do Fumeiro“ in Vinhais findet vom morgigen Donnerstag, den 06. Februar, bis zum kommenden Sonntag, den 09. Februar 2014, statt.
Mir selber wird es dieses Jahr leider nicht vergönnt sein nach Vinhais zu fahren. Wer aber zu dieser Zeit im Norden Portugals verweilt, dem kann ich einen Besuch der Messe nur empfehlen.

Anbei der Link der originellen Wrecking Ball-Persiflage der Miley Cyrus made in Portugal:




Sonntag, 8. Dezember 2013

Beziehungskiller Besen


Also man kann mir vieles nachsagen, aber eines ganz bestimmt nicht: nämlich das ich abergläubisch bin!
Ich bin wohl einer der wenigen, die nicht an Unglückstage, Glückszahlen oder Maskottchen glauben, bin mir aber sehr wohl darüber im Klaren, das ich von vielen Menschen umgeben bin, die alltäglich diesem magischen Denken des Aberglaubens verfallen sind.

Ich kann es beim besten Willen nicht nachvollziehen, dass in unserer modernen, gebildeten Gesellschaft von heute es tatsächlich Menschen gibt, auch jüngere Menschen, die oftmals ihr rationales Denken ausschalten und sich dafür lieber dem irrationalen Denken widmen.
Leider, so scheint es mir, ist Aberglaube (port.: superstição) auch hier in Portugal im Alltag sehr weit verbreitet, vielleicht sogar mehr als in Deutschland – jedenfalls kommt es mir so vor.

Eine dieser modernen, gebildeten, jungen Menschen, die um jede schwarze Katze einen Bogen macht und die wegen jeder angelehnten Leiter die Straßenseite wechselt, ist meine liebe Freundin Fátima Rodrigues, die es beruflich bis zur Architektin gebracht hat, die überaus erfolgreich ist und die eigentlich als Mensch sehr unkompliziert ist.

Als ich Fátima dieser Tage traf und mich mit ihr unterhielt, stellte ich ihr die, eigentlich nebensächliche, Frage:
„Mensch Fátima, wann heiratest Du eigentlich?!?“
Denn man muss wissen, dass Fátima nicht nur erfolgreich, intelligent, kreativ, zuverlässig, bescheiden und extrem freundlich ist, sondern dass sie auch eine „Schnitte“ ist.
Und deshalb ist es mir unbegreiflich, weshalb diese Frau keinen Partner findet.

Fátima hatte dann auch prompt, auf die belanglose Frage die ich ihr gestellt habe, eine Antwort parat.
Sie sagte zu mir allen ernstes (und jetzt halte man sich fest):

„Man hat mir schon so oft über die Füße gekehrt. Wahrscheinlich werde ich wohl nie heiraten!“
(port.: „Já me varreram tantas vezes por cima dos pés. Provavelmente nunca hei-de casar!“

Also den kannte ich noch nicht!
Und so habe ich mich durch Fátima aufklären lassen.
Sie erklärte mir, dass einem Aberglauben nach, junge Mädchen oder junge Frauen ihr Leben lang alleine bleiben, wenn mit einem Besen (port.: vassoura) über ihre Füße gefegt wird.
Dabei spielt es anscheinend keine Rolle, ob sich die Frau selbst über die Füße fegt oder ob ein Außenstehender den Fegevorgang vollzieht.
Fegen ist fegen – jedenfalls für einen Abergläubigen!

Ich habe mich nun ein bisschen schlau gemacht und herausbekommen, dass dieser Aberglaube seinen Ursprung im Alltag des Mittelalters hat.
Demnach, so der Volksmund damals, hatte eine Frau, die sich selber über ihre eigenen Füße kehrte, keine Ahnung von der Hausarbeit und war somit als Ehe- und Hausfrau komplett ungeeignet.
In Nordportugal, im Minho und Trás-os-Montes, gilt es noch heute als schlechtes Omen vor einer allein stehenden Frau den Besen zu schwingen, denn das bedeutet, dass diese niemals heiraten wird.

Aber, so habe ich rausbekommen, es gibt für eine Frau eine Möglichkeit diesen „Fluch“ des ewigen Single-Daseins zu entkommen:
Sie muss nur einen Besen über Nacht vor ihre Haustür stellen, und dann kann sich die Single-Frau, so der Volksmund, wieder Hoffnung auf einen zukünftigen Ehepartner machen!  

Ach, wenn doch alles im Leben so einfach wäre...

Freitag, 1. März 2013

Winterimpressionen







Festlandsportugal hat, entsprechend seiner Lage am Westrand der Iberischen Halbinsel (port.: Peninsula Ibérica), generell ein mediterranes, ozeanisch geprägtes, Klima.
So sind die Sommer zumeist heiß und trocken und die Winter feucht und mäßig kalt. Schneien tut es hier in Portugal eigentlich nur selten.
Aber ab und zu, so wie in den letzten Tagen, werden Teile Kontinentalportugals von sehr außergewöhnlich niedrigen Temperaturen heimgesucht, so das die winterlichen Niederschläge dann als Schnee herunterkommen.

Seit Wochen schneit es regelmäßig in der Serra da Estrela, dem höchsten Gebirge Portugals, und in Trás-os-Montes, im Norden Portugals, kommt in den letzten Tagen auch so einiges an Schnee herunter.
Ende dieser Woche hat es sogar in einigen Teilen des Alentejo heftig geschneit.
Laut dem portugiesischen Wetteramt (port.: Instituto Português do Mar e da Atmosfera) soll es auch in den nächsten Tagen in manchen Teilen des Landes weiterschneien.

Anbei nun einige außergewöhnliche, aktuelle Winterimpressionen aus dem Netz, die Portugal so zeigen, wie es die meisten Nichtportugiesen sicherlich nicht kennen.

Montag, 25. Juni 2012

Die Schornsteine der Algarve









Gestern, beim Sommerfest der DEKL (Deutsche Evangelische Kirche in Lissabon) wurde ich für meinen Blog, und hier im Besonderen für meinen letzten aktuellen Beitrag über die Algarve, gelobt.
Nun, solches Lob ist für mich zweifelsohne der Hauptgrund wieso ich so viel von meiner Freizeit in diesen Blog investiere.

Gestern wurde ich nun auch gefragt, wieso ich, als ich über die Algarve geschrieben habe, nicht auch die originellen Schornsteine erwähnt habe, die für die Algarve so charakteristisch sind.
Nun, ich habe in meinem Beitrag sicherlich vieles nicht erwähnt, was nicht heißen soll, das ich über originelle Themen, die mir angetragen werden, nicht schreiben kann oder will.
Im Gegenteil, ich bin meinen Lesern immer dankbar für ihre Ideen, Anregungen und Vorschläge.

Deshalb will ich hier heute über die Schornsteine an der Algarve (port.: chaminés algarvias) schreiben.

Zuallererst sei einmal gesagt, dass es natürlich in ganz Portugal Schornsteine gibt.
Ob in Trás-os-Montes, den Beiras oder im Alentejo, ob in der Hauptstadt Lissabon, auf der Insel Madeira oder auf den Azoren, überall im Lande gibt es Schornsteine die die Häuserdächer verzieren.
Aber nirgendwo in Portugal sind die Schornsteine so unterschiedlich, außergewöhnlich und schmückend schön wie an der Algarve.

Sie sind groß oder klein, schlank oder gedrungen.
Sie sind entweder viereckig, rund oder zylindrisch und haben manchmal eine kleine Haube als Verzierung, die als Rauchabzug dient.
Sie sind zumeist einfarbig weiß, können aber auch ockerfarben und mit blauen oder gelben Randstreifen sein.
Oftmals sind sie auch mit spitzenartigen Ornamenten durchbrochen, und manche von ihnen erinnern mit ihren metallenen Wetterhähnen sogar an Kirchtürmen.

Im ländlichen Algarve findet man oftmals Häuser mit zwei Schornsteinen. Einer von ihnen ist meistens einfach und schmucklos und befindet sich meistens über der Wohnküche (port.: casa do forno), in der meistens gekocht und gegessen wurde und wird.
Ein anderer Schornstein, der zumeist kunstvoll verzierter ist, befindet sich über dem Wohnzimmer (port.: sala) oder dem Raum im Haus in dem sich der Kamin befindet und indem sich das gemeinschaftliche Leben abspielt. Dieser Schornstein ist etwas Besonderes und wird, im Gegensatz zum ersten, nur zu besonderen Anlässen benutzt.

So abwechslungsreich und unterschiedlich die Schornsteine der Algarve auch sein mögen, sie sind weitaus mehr als nur ein Schmuckelement auf den Dächern der Häuser.
Sie sind ein Symbol der Algarve und ein Erbe der maurischen Vergangenheit dieser südportugiesischen Region.

Dienstag, 27. September 2011

Alheira


In meinem Beitrag „Die 7 Wunder der portugiesischen Gastronomie“, vom 20. September 2011, zähle ich die sieben kulinarischen Spezialitäten auf, die beim Wettbewerb der typisch traditionellen portugiesischen Küche, der Anfang dieses Monats stattgefunden hat, den Sieg davontrugen.

Eines dieser Leckereien, das als Sieger gekürt wurde, ist die in Portugal sehr beliebte und bekannte „Alheira“.
Ich bin heute gefragt worden, was denn eine „Alheira“ sei und wie sie denn so schmecken würde.

Nun, bei der „Alheira“ handelt es sich um eine Wurstspezialität aus dem Norden Portugals, die heute hauptsächlich aus Schweinefleisch und Brot besteht, früher aber eben nicht aus Schweinefleisch bestand, sondern lediglich aus anderen Fleischsorten, wie Hühnchen, Lamm, Ente, Rind, Kalb oder Kaninchen.
Und um gleich die zweite Frage zu beantworten:
Ja, sie schmeckt sehr lecker!

Die Alheira ist eine Erfindung portugiesischer Juden des 16. Jahrhunderts, die dank der Inquisition die damals in Portugal eingeführt wurde, leider nur zwei Möglichkeiten hatten um am Leben zu bleiben.
Entweder sie gingen mehr oder weniger freiwillig ins Exil oder aber sie konvertierten zum katholischen Glauben.
Viele, die sich damals für die Konvertierung entschlossen, übten aber nach dem Übertritt zum Katholizismus weiterhin, im Verborgenen, ihren ursprünglichen jüdischen Glauben aus.

Früher war es in Portugal üblich, die daheim hergestellten Wurstwaren in einem gemeinschaftlichen Räucherofen zu bringen und sie dort alle zusammen zu räuchern.
Da aber die jüdische Religion die Zubereitung und den Verzehr von Schweinefleisch heute wie damals verbietet, kamen die jüdischen Bürger nicht zur Räucherung und konnten so leicht von den anderen Einwohnern identifiziert werden und somit an die allmächtige Inquisition verraten werden.

Um ihr Leben zu retten, begannen die Juden Würste aus anderen Fleischsorten, wie Kalb-, Rind- oder Hähnchenfleisch herzustellen, vermischten das Fleisch mit Brot oder Brotteig, und brachten dann diese koscheren Würste in den Gemeindeofen zum räuchern.
So hatten sie einerseits ihre jüdische Tradition bewahrt, kein Schweinefleisch essen zu müssen, und andererseits nahmen sie offen am Gemeinschaftsleben teil.
Die Christen aber, von den Juden hinters Licht geführt, glaubten nun, ihre jüdischen Mitbürger hätten sich assimiliert und fingen nun selbst an schmackhafte Alheiras herzustellen, allerdings mit Schweinefleisch.

Heute besteht eine Alheira normalerweise aus gekochtem Schweinefleisch, Speck und zu gut einem Drittel aus Weißbrot.
Aber es gibt sie auch noch traditionell aus Rindfleisch, Geflügel und Wild und seit kurzem sogar aus dem in Portugal allgegenwärtigen Bacalhau (dt.Stockfisch).
Aber egal welche Fleischsorte man für diese Wurst auch immer verwendet, die Produktion an sich ist immer die gleiche.

Das Fleisch wird zuerst mit Salz, Pfeffer, Knoblauch und Paprika gewürzt, dann durch den Fleischwolf gedreht und anschließend wird die so entstandene Masse in Schweine- oder Lammdärme zu Würsten von ca. 30 cm abgedreht.
Danach wird die Alheira zu einem Hufeisen geformt und dann über eine Woche hinweg, jeweils zwei bis drei Stunden täglich, geräuchert.

In Nordportugal, genauer gesagt in der Gegend um die Stadt Mirandela, in der Region um Trás-os-Montes, dort wo die Alheira ursprünglich her ist, wird sie traditionell frittiert mit gekochten Kartoffeln und Gemüse und ein paar Olivenölspritzern serviert und gegessen.
Weiter südlich, auch hier im Lissabonner Raum, wird sie gerne mit Pommes Frites, einem Spiegelei und frischem Salat angeboten.

Aus der ehemals geheimen Wurst der konvertierten Juden ist heute ein ganz normales Essen geworden, das überall hier in Portugal angeboten wird.
Oftmals ist sie das billigste Gericht auf der Speisekarte, was nicht heißen soll das sie auch billig schmecken muss.
Im Gegenteil, eine schmackhafte Alheira, zumal eine aus Wild oder Kaninchenfleisch, kann der reinste Gaumenschmaus sein!

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Man muss der Zeit genügend Zeit geben


Ein alter portugiesischer Spruch lautet: „É preciso dár tempo ao tempo“, was übersetzt so viel heißt wie: „Man muss der Zeit genügend Zeit geben“.
Diesen Spruch bekommt man hier in Portugal dann zu hören, wenn man ungeduldig ist, oder frühzeitig zu einem Ergebnis gekommen ist ohne das Ende abzuwarten.
Da ich, von Natur aus, eher ein ungeduldiger Typ bin, wurde ich schon mehrmals im Leben mit diesem Ausspruch konfrontiert.

Seinen Ursprung hat dieser Spruch in einer alten Sage aus der Provinz Trás-os-Montes (dt.: „Hinter-den-Bergen“), die im hohen Norden Portugals liegt.

Diese alte Sage lautet wie folgt:

Vor langer, langer Zeit lebte ein alter Bauer in Trás-os-Montes.
Der Bauer war sehr arm, aber auch sehr weise. Mit seinem jungen Sohn lebte er auf einem alten Hof und bearbeitete mit diesem den harten, kargen Boden.

Eines Tages sagt der Sohn zum Vater:
„Vater, was für ein Unglück, unser Pferd ist weggelaufen!“
„Warum sprichst Du von Unglück?“ antwortete ihm der Vater daraufhin „Wir werden sehen was uns die Zukunft bringen wird.“

Nach einigen Tagen steht das Pferd mit einer schönen, fremden Stute auf dem Hof.
„Vater, was für ein Glück!“ sagt der Sohn zum Vater „Unser Pferd ist mit einem anderen zurückgekehrt!“
„Warum sprichst Du von Glück?“ antwortete ihm der Vater „Wir werden sehen was uns die Zukunft bringen wird.“

Wieder ein paar Tage später wollte der Sohn das neue Pferd einreiten. Doch dieser, nicht an das Sattelzeug gewohnt, bäumte sich auf und warf seinen jungen Reiter ab.
Bei diesem Abwurf brach sich der Sohn ein Bein.

„Vater, was für ein Unglück, ich habe mir ein Bein gebrochen!“
„Warum sprichst Du von Unglück?“ antwortete ihm der Vater wohlmeinend „Wir werden sehen was uns die Zukunft bringen wird.“
Der Sohn konnte mit dieser Antwort des Vaters nichts anfangen und wurde böse.

Tage später kamen die Boten des Königs ins Dorf. Sie gingen auf jeden Hof und nahmen alle jungen, gesunden Männer mit, denn der König brauchte Soldaten für den bevorstehenden Krieg mit dem nahen Spanien.
Als die Boten des Königs den Hof des alten Bauern betraten und dessen Sohn mit gebrochenem Bein im Bett sahen, da ließen sie ihn liegen und gingen weiter zum nächsten Hof.

Da verstand der Sohn die Worte des alten Vaters, und er begriff auch das Glück und Unglück nicht immer weit voneinander entfernt sind.

Unser Leben ist oftmals so komplex und paradox, das Glück schnell in Unglück umschlagen kann, und umgekehrt.
Man muss der Zeit genügend Zeit geben!

Freitag, 18. September 2009

Die Taubenhäuser der Terra Fria


Über Jahrhunderte hinweg gehörten kleine, weiß gekalkte Taubenhäuschen fest zum Landschaftsbild von Portugals äußerstem Nordosten, der Terra Fria, in der Provinz Trás-os-Montes. Doch dieses Stück portugiesischer Kulturgeschichte befindet sich heute in akuter Gefahr: Landflucht und EU-Agrarpolitik ließen viele der so charakteristischen Taubenschläge mit den Jahren verfallen. Doch in der Region setzt ein Umdenken ein: Immer mehr Taubenhäuser werden wieder restauriert.

Terra Fria nennen die Portugiesen den Landstrich rund um die Städte Bragança, Vimioso und Miranda do Douro im äußersten Nordosten Portugals. Diese Gegend ist kalt, karg und mühsam zu bewirtschaften - wie schon der Name “Kaltes Land” besagt. Über Jahrhunderte hinweg mussten sich die Bauern der Terra Fria mit einer mühevollen Selbstversorger-Wirtschaft über Wasser halten. Und so war die Taubenhaltung für viele Menschen ein willkommenes Zubrot, die nicht nur den Speisezettel mit zartem Vogelfleisch bereicherte: Ganz nebenbei produzierten die Tauben noch wertvollen Dünger.

Die Ursprünge der Taubenhaltung liegen weit zurück. Vermutlich vor über 5.000 Jahren fingen Menschen im Mittleren Osten an, die Vögel in Taubenschlägen zu halten. In Europa entdeckte man allerdings sehr spät, etwa ab Einsetzen der Renaissance, die Vorzüge von Taubenhäusern. So breiteten sich auch im Nordosten Portugals erst ab dem 19. Jahrhundert die heute als typisch geltenden Taubenhäuschen aus - dann aber in großer Zahl. Heute gibt es in der dünn besiedelten Nordost-Provinz Trás-os-Montes rund 3.500 Taubenschläge aus der Zeit des 19. Jahrhunderts. Anders als in Spanien oder auch in anderen Regionen Portugals sind sich die Taubenhäuser in der Terra Fria in ihrer Baustruktur meistens sehr ähnlich. Von außen sind sie weiß gekalkt, haben meistens eine halbrunde Hufeisenform oder sind quadratisch. Die Häuser, befinden sich zumeist am Dorfrand oder auf Feldern in der Nähe von Siedlungen, und sind größtenteils schmucklos.

Die Funktionsweise ist denkbar einfach. Denn anders als in der normalen Käfighaltung von Vögeln erfordern die Taubenschläge nur wenig Pflege von den Bauern. Die Tauben, die normalerweise in den zerklüfteten Felshöhlen von Trás-os-Montes nisten, werden durch das Futter in den Häuschen angelockt - und bleiben dort. Denn die „Pombais“ (deutsch: Taubenschläge) bieten nicht nur sichere Nahrung, sondern auch Schutz vor natürlichen Feinden der Tauben.

Meist wurden die Taubenhäuser auf felsigem Grund errichtet, so dass sie dem Bauern noch nicht einmal Ackerland wegnahmen. Der Nutzen war dagegen groß, denn die hier gehaltenen Felsentauben (port.: pombo-das-rochas) und Hohltauben (port.: pombo-bravo) eigneten sich nicht nur zum Verzehr. Auf dem Boden der Taubenhäuser sammelte sich der Vogelkot zu einem mineralstoffreichen Dünger, dem „Pombinho“ (deutsch: Täubchen), an.

Die große Zeit der Taubenhaltung währte im Terra Fria nur ein gutes Jahrhundert lang. Seit den 1950er Jahren sank die Zahl der bewirtschafteten Taubenhäuser rapide. Landflucht, künstlicher Dünger und seit Mitte der 80er Jahre auch die neu verteilten Fördermittel der EU-Agrarpolitik sorgten für den Niedergang der Taubenzucht im Nordosten Portugals. Die meisten Häuschen verfielen: Ein Stück Kultur- und Landschaftsgeschichte drohte zu verschwinden.

Doch seit ein paar Jahren wächst wieder das Bewusstsein für die alten Taubenhäuser: Sie sind nicht nur ein Anziehungspunkt für Touristen, sondern auch wichtig für die Bewahrung der Landschaftsgeschichte der Region. Und so ist es ein Glücksfall, dass viele der Taubenhäuser nun wieder liebevoll restauriert werden.