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Sonntag, 16. Februar 2014

Santinho


Es ist Winterzeit, und somit Erkältungszeit.
Wenn die Temperaturen sinken und das Wetter so nasskalt ist wie im Moment hier in Portugal, dann steigen die Erkältungserkrankungen rapide.
Und so ist es nicht verwunderlich, das im Augenblick so ziemlich jeder von uns schniefend und hüstelnd herumläuft und Taschentücher und Hustenbonbons in dieser Jahreszeit Hochkonjunktur haben.

Auch an meinem Arbeitsplatz wird in letzter Zeit kollektiv genießt und in unserem Büro wird geschnäuzt was das Zeug hält.
Als dieser Tage meine erkältete Kollegin Silvia Carina, die genau neben mir sitzt, niesen musste, sagte ich, für mich selbstverständlich, „Santinho“ zu ihr, was mit dem deutschen „Gesundheit“ vergleichbar ist, aber eher mit „Alle Heiligen mögen Dich beschützen“ übersetzt werden kann.

Soll man aber zu Jemand der niest „Santinho“, also „Gesundheit“, sagen oder nicht?
Soweit mir bekannt ist, gibt es ja in Deutschland so etwas wie eine Nies-Etikette, und da ich mit vielen Deutschen zusammenarbeite, will ich ja keinem zu Nahe treten.
Der deutsche Knigge sagt hierzu unmissverständlich:

„Muss man selbst, oder aber eine andere Person in einem Raum niesen, ignoriert man dies als einen unerheblichen Zwischenfall. Dieser sollte nicht durch ein schallendes „Gesundheit“ zu einem Drama gesundheitlichen Verfalls verfremdet werden.“
(aus knigge.de)

Während es also in Deutschland heutzutage anscheinend nicht mehr üblich ist Jemand nach dem niesen „Gesundheit“ zu wünschen, gilt es hier in Portugal als äußerst unhöflich, wenn man einer Person, die gerade genießt hat, nicht ein „Santinho“ zuruft.
Andere Länder – andere Sitten – andere Benimmregeln!

Was heißt aber nun „Santinho“ genau?
Also, „Santinho“ ist die portugiesische Diminutivform von „Santo“ (dt.: Heiliger).
Das mag für deutsche Ohren etwas skurril klingen, aber mit dieser frommen Ausspruchsform beim Niesen, die hierzulande ihren Ursprung im Mittelalter hat, wünschte man sich früher ursprünglich vereinfacht gesagt, dass Gott und alle „Heiligen“ des Himmels einem vor einer Krankheit schützen mögen.

Heute sagt man hier in Portugal „Santinho“ zu einem Kranken.
Aber damals im Mittelalter, zu einer Zeit in der Pest, Cholera und Pocken überall wüteten, sagte man „Santinho“ nur aus reinem Egoismus, d.h. man wünschte sich selber „Gesundheit“ und nicht etwa dem Kranken!
Früher war der Ausspruch „Santinho“ nichts weiter als ein frommer Abwehrwunsch für denjenigen selbst der ihn aussprach, weil man damals dachte, wenn man den „Santinho-Segen“ aussprechen würde, dann könne man sich der Unterstützung aller „Santinhos“ (dt. „Heiligen“) sicher sein.
Außerdem, so war man sich damals in dieser unaufgeklärten Zeit sicher, hielt das simple Wort „Santinho“ den Teufel und alle bösen Geister von einem fern.

Auch die Tatsache, dass man sich heute die Hand vor Nase und Mund hält wenn man niest oder hustet, ist ebenso ein Relikt aus dem Mittelalter. Schon damals bedeckte man sich Mund und Nase, aber nicht aus hygienischen Gründen, wie man vielleicht denken mag – nein!
Früher nahmen kranke Menschen einfach nur an, dass sie beim Niesen und Husten schutzlos dem Satan ausgeliefert waren, denn der konnte, ihrer Meinung nach, so leichter durch den offenen Mund in ihren Körper eindringen, und dann wären sie wohl endgültig erledigt gewesen.

Andere übliche Wunschformel, die man hier in Portugal beim Niesen verwendet, sind „saúde“ (dt.: Gesundheit) und „Deus te ajude“ (dt.: Gott beschütze dich / engl.: bless you).

Wie dem auch sei, ich werde weiterhin meinen verschnupften Mitmenschen „Santinho“ oder „Gesundheit“ zurufen, wenn diese in meiner Anwesenheit niesen.
Ich finde das gehört sich einfach so! – Knigge hin oder her!

Sonntag, 8. Dezember 2013

Beziehungskiller Besen


Also man kann mir vieles nachsagen, aber eines ganz bestimmt nicht: nämlich das ich abergläubisch bin!
Ich bin wohl einer der wenigen, die nicht an Unglückstage, Glückszahlen oder Maskottchen glauben, bin mir aber sehr wohl darüber im Klaren, das ich von vielen Menschen umgeben bin, die alltäglich diesem magischen Denken des Aberglaubens verfallen sind.

Ich kann es beim besten Willen nicht nachvollziehen, dass in unserer modernen, gebildeten Gesellschaft von heute es tatsächlich Menschen gibt, auch jüngere Menschen, die oftmals ihr rationales Denken ausschalten und sich dafür lieber dem irrationalen Denken widmen.
Leider, so scheint es mir, ist Aberglaube (port.: superstição) auch hier in Portugal im Alltag sehr weit verbreitet, vielleicht sogar mehr als in Deutschland – jedenfalls kommt es mir so vor.

Eine dieser modernen, gebildeten, jungen Menschen, die um jede schwarze Katze einen Bogen macht und die wegen jeder angelehnten Leiter die Straßenseite wechselt, ist meine liebe Freundin Fátima Rodrigues, die es beruflich bis zur Architektin gebracht hat, die überaus erfolgreich ist und die eigentlich als Mensch sehr unkompliziert ist.

Als ich Fátima dieser Tage traf und mich mit ihr unterhielt, stellte ich ihr die, eigentlich nebensächliche, Frage:
„Mensch Fátima, wann heiratest Du eigentlich?!?“
Denn man muss wissen, dass Fátima nicht nur erfolgreich, intelligent, kreativ, zuverlässig, bescheiden und extrem freundlich ist, sondern dass sie auch eine „Schnitte“ ist.
Und deshalb ist es mir unbegreiflich, weshalb diese Frau keinen Partner findet.

Fátima hatte dann auch prompt, auf die belanglose Frage die ich ihr gestellt habe, eine Antwort parat.
Sie sagte zu mir allen ernstes (und jetzt halte man sich fest):

„Man hat mir schon so oft über die Füße gekehrt. Wahrscheinlich werde ich wohl nie heiraten!“
(port.: „Já me varreram tantas vezes por cima dos pés. Provavelmente nunca hei-de casar!“

Also den kannte ich noch nicht!
Und so habe ich mich durch Fátima aufklären lassen.
Sie erklärte mir, dass einem Aberglauben nach, junge Mädchen oder junge Frauen ihr Leben lang alleine bleiben, wenn mit einem Besen (port.: vassoura) über ihre Füße gefegt wird.
Dabei spielt es anscheinend keine Rolle, ob sich die Frau selbst über die Füße fegt oder ob ein Außenstehender den Fegevorgang vollzieht.
Fegen ist fegen – jedenfalls für einen Abergläubigen!

Ich habe mich nun ein bisschen schlau gemacht und herausbekommen, dass dieser Aberglaube seinen Ursprung im Alltag des Mittelalters hat.
Demnach, so der Volksmund damals, hatte eine Frau, die sich selber über ihre eigenen Füße kehrte, keine Ahnung von der Hausarbeit und war somit als Ehe- und Hausfrau komplett ungeeignet.
In Nordportugal, im Minho und Trás-os-Montes, gilt es noch heute als schlechtes Omen vor einer allein stehenden Frau den Besen zu schwingen, denn das bedeutet, dass diese niemals heiraten wird.

Aber, so habe ich rausbekommen, es gibt für eine Frau eine Möglichkeit diesen „Fluch“ des ewigen Single-Daseins zu entkommen:
Sie muss nur einen Besen über Nacht vor ihre Haustür stellen, und dann kann sich die Single-Frau, so der Volksmund, wieder Hoffnung auf einen zukünftigen Ehepartner machen!  

Ach, wenn doch alles im Leben so einfach wäre...

Montag, 17. Oktober 2011

Eselsohren: „Tod und Teufel“


Es ist schon lange her, das ich ein über 500 Seiten dickes Buch in nur drei Tagen ausgelesen habe.
Heute ist es mal wieder soweit gewesen.
Als ich vor 72 Stunden voller Neugier angefangen habe „Tod und Teufel“ zu lesen, konnte ich noch nicht erahnen, dass ich von der Handlung dieses Buches so gefesselt und begeistert sein würde und das mir die einzelnen Charaktere so schnell ans Herz wachsen würden.

„Tod und Teufel“ ist eine perfekte Mischung aus historischem Krimi und Abenteuerroman, das schon 1994 im Verlag Goldmann erschien, welches ich aber erst jetzt in einem meiner Bücherregale fand.
Geschrieben hat dieses beeindruckende Werk der 1957 in Köln geborene Schriftstellers Frank Schätzing.

Im Mittelpunkt der von Schätzing geschriebenen Geschichte steht der junge Jacop, der sich als Dieb und Herumtreiber im Köln des Jahres 1260 herumschlägt.
Eines Nachts klettert Jacop in den Garten des Erzbischofs der Stadt um ein paar Äpfel zu stehlen.
Genau gegenüber dem erzbischöflichen Garten befindet sich die Baustelle des neuen Kölner Doms.
Vom Apfelbaum aus sieht Jacop, der wegen seiner feuerroten Haare auch der „Fuchs“ genannt wird, wie der Dombaumeister gewaltsam vom Baugerüst in die Tiefe gestürzt wird.
Jacop wird somit unfreiwilliger Zeuge eines Mordes.

Der Ast des Apfelbaums auf dem Jacop sitzt bricht und er muss nun schleunigst vom Tatort fliehen, da ihm der Mörder auf den Fersen ist.
Nur wenigen Menschen kann sich Jacop anvertrauen.
Doch jeder, dem er erzählt was er in dieser Nacht gesehen hat, stirbt auf grausame Art und Weise.
Eine spannende Hetzjagd beginnt, bei der Jacop versucht seine Haut zu retten.
Er hat nur eine Chance um zu überleben: er muss den Mörder entlarven, bevor auch er zu einem seiner potenziellen Opfer wird.

Das Buch ist durchgängig gut geschrieben und sowohl die Örtlichkeiten, die Charaktere als auch die ganze mittelalterliche Atmosphäre werden vom Autor spannend und detailliert dargestellt.
Man erhält auf eindrucksvolle Weise einen Einblick in die verschiedenen sozialen Schichten, die Politik und das Kirchenwesen der damaligen Zeit und erfährt so eine Menge über das alltägliche Leben im Mittelalter.

Schätzings historischer Roman basiert auf den tatsächlichen, bis heute ungeklärten Tod, des damaligen Baumeisters des Kölner Doms Gerhard.

„Tod und Teufel“ ist das erste Buch von Frank Schätzing das ich gelesen habe, aber ich bin mir sicher, dass es bestimmt nicht das letzte war!