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Donnerstag, 1. Mai 2014

Die Geschichte des 1. Mai in Portugal


Der 1. Mai (port.: Dia 1 de Maio), den man hierzulande auch den „Tag des Arbeiters“ (port.: „Dia do Trabalhador) nennt – nicht wie in Deutschland, wo dieser Tag „Tag der Arbeit“ (port.: Dia do Trabalho“ genannt wird) – , ist hier in Portugal genauso ein gesetzlicher Feiertag wie unter anderem auch in Deutschland.
Diesen Feiertag gab es aber hierzulande nicht immer!

Erst seit dem Jahre 1974 kann man hier in Portugal diesen Tag der internationalen Arbeiterbewegung und der Werktätigen wieder straffrei feiern.
Vorher, zu Zeiten der faschistischen Diktatur, war er absolut verboten!

Seinen Ursprung hat der 1. Mai in den USA.
Im April des Jahres 1886 gingen Fabrikarbeiter in der Stadt Chicago auf die Straße und demonstrierten tagelang für die Einführung des 8-Stunden-Arbeitstages und für bessere und gerechtere Löhne.
Da die Fabrikbesitzer nicht einlenkten, kam es Ende April zu Massendemonstrationen und in Folge dieser auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Am 1. Mai 1886 kam es zu einer von den Gewerkschaften organisierten riesigen Kundgebung in Chicago, mit über 500.000 Teilnehmern.
Dies war die Geburtsstunde der Arbeiterbewegung!
Drei Jahre später, 1889, trafen sich mehrere sozialistische Parteien und Gewerkschaften aus aller Welt in Paris, und erklärten den 1. Mai zum internationalen Feiertag der Arbeit und Arbeiter.

1890 wurde dann der 1. Mai zum ersten Mal international gefeiert und auch in Portugal wurde dieser Tag zum Feiertag bestimmt.
Zu Zeiten der Monarchie steckte die Arbeiterbewegung in Portugal, verglichen mit der anderer Länder, noch in den Kinderschuhen und so wurde in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts der 1. Mai hierzulande fast familiär gefeiert, mit kleinen Picknicks und Friedhofsbesuchen, bei denen man die Gräber verstorbener Arbeiter besuchte. Noch heute gibt es an diesem Tag auf Madeira und den Azoren diese Tradition des picknicken und der Friedhofsbesuche bei Personen die Opfer eines Betriebsunfalls wurden.
Erst nach dem Fall der Monarchie begannen die Gewerkschaften sich erfolgreich zu organisieren und an Stärke zu gewinnen. So erreichten sie dann am 1. Mai 1919 eines ihrer größten Ziele, und setzten den 8-Stunden-Arbeitstag in Portugal durch.

Als 1926 die Militärs gegen die Erste Republik putschten wurde Portugal zur Diktatur. Ab diesem Jahr wurde der 1. Mai als Feiertag verboten und abgeschafft.
Aber trotz Verbotes wurde dieser Tag in manchen Jahren der faschistischen Diktatur zelebriert, was zur Folge hatte, das die Teilnehmer an den jeweiligen Kundgebungen meistens im Gefängnis landeten.
Erst 1974, gerade mal sechs Tage nach der Nelkenrevolution vom 25. April, wurde der 1. Mai zum ersten Mal nach 48 Jahren Diktatur wieder offiziell in Portugal enthusiastisch gefeiert.

Heute, 40 Jahre nach der ersten Maifeier im demokratischen Portugal, ist dieser Tag im krisengeschüttelten Portugal, auch wenn er zweifellos an Bedeutung verloren hat, mehr denn je ein Tag des Trotzes, der Entschlossenheit und des Protestes.

Freitag, 25. April 2014

Die ganze heutige Welt bräuchte mal eine Nelkenrevolution…


25. April

Dies ist der Morgen den ich ersehnte
Der Tag des Neubeginns, vollkommen und rein
An dem wir aufgestanden sind aus Nacht und Schweigen:
Und frei bewohnen wir die eigentliche Zeit.

Sophia de Mello Breyner Andresen (1919-2004)


Heute vor genau 40 Jahren, am 25. April 1974, fand hier in Portugal die  Nelkenrevolution (port.: Revolução dos Cravos) statt – eines der wichtigsten Ereignisse in der modernen portugiesischen Geschichte.
Welchen besonderen Stellenwert dieser außergewöhnliche und friedliche Tag für Portugal und seine Bürger hatte (hat), sieht man heute, im Vergleich, z.B. an den leider gewalttätigen Konflikten in Syrien oder der Ukraine.
Manchmal denke ich mir: die ganze heutige Welt bräuchte mal eine Nelkenrevolution…

Mit dem obigen Vierzeiler „25 de Abril“ von Sophia de Mello Breyner Andresen, den die portugiesische Schriftstellerin 1977 in ihrem Gedichtsband „O Nome das Coisas“ (dt.: „Der Name der Dinge“) veröffentlichte, erinnere ich hier im Blog an diesen – auch für mich – sehr wichtigen Tag.

Hier das Gedicht in seiner Originalfassung:


25 de Abril

Esta é a madrugada que eu esperava
O dia inicial inteiro e limpo
Onde emergimos da noite e do silêncio
E livres habitamos a substância do tempo

Sophia de Mello Breyner Andresen (1919-2004)

Donnerstag, 25. April 2013

Die Toten der Nelkenrevolution


Heute vor genau 39 Jahren, am 25. April 1974, um kurz nach Mitternacht, spielte der katholische Radiosender Radio Renascença das von der damaligen Diktatur verbotene Protestlied „Grândola, Vila Morena“ (lesen sie hierzu auch bitte meinen Blogeintrag „Grândola, Vila Morena“), vom 26. April 2010), des antifaschistischen Sängers José Afonso.

Das abspielen dieses Liedes war für die revolutionären Offiziere im ganzen Land das vereinbarte Zeichen, ihre Streitkräfte für den Aufstand zu mobilisieren.
Einen Aufstand der dann später als „Nelkenrevolution“ (port.: „Revolução dos Cravos“) in die Geschichtsbücher einging.
Nach noch nicht einmal 18 Stunden stürzte damals eine so genannte „Bewegung der Streitkräfte“ (port.: „Movimento das Forças Armadas“) die älteste Diktatur Westeuropas!

In vielen nationalen und internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Büchern die über die Geschehnisse dieses 25. April 1974 damals erschienen und auch noch heute publiziert werden, wird oftmals berichtet, die „Nelkenrevolution“ sei eine friedliche und unblutige Erhebung des portugiesischen Volkes gegen die autoritäre und faschistische Diktatur die damals in Portugal herrschte, gewesen.

Sicherlich, die „Nelkenrevolution“ verlief, im Vergleich zu vielen anderen Revolutionen die überall auf der Welt vor ihr und nach ihr stattgefunden haben, recht friedlich.
Aber unblutig war sie leider nicht, denn an diesem 25. April kamen fünf unbewaffnete und friedliche Demonstranten in Lissabon durch die Gewehrkugeln regimetreuer Geheimpolizisten ums Leben.

Der damalige Machthaber, Diktator Marcelo Caetano, hatte sich an diesem Tag, auf der Flucht vor den revoltierenden Truppen, in das Hauptquartier der Republikanischen Nationalgarde (port.: Guarda Nacional Republicana), am Largo do Carmo, Mitten in Lissabon, verbarrikadiert.
Als bekannt wurde, dass der Diktator sich dort aufhielt, kamen viele Demonstranten auf dem Platz vor der Kaserne zusammen und verlangten seine Auslieferung.
Da aus der Carmokaserne (port.: Quartel do Carmo) keine Reaktion kam, schoss gegen 15.30 Uhr ein ungeduldiger Soldat der „Bewegung der Streitkräfte“, aufgestachelt durch die Demonstranten, eine Gewehrsalve mit seinem Maschinengewehr in Richtung des Gebäudes, ohne allerdings jemanden zu verletzen oder gar zu töten.

Eine knappe Dreiviertel Stunde nach dieser versuchten Machtdemonstration durch die „Bewegung der Streitkräfte“, um 16.15 Uhr, wurde, ebenfalls mit Maschinengewehren, aus einem Fenster der Carmokaserne auf die demonstrierende Menschenmenge geschossen.
Mehrere Menschen wurden bei diesem Schusswechsel verletzt und einer von ihnen, der 32jährige Lissabonner Arbeiter António Lage, wurde so schwer getroffen, das er noch an Ort und Stelle seinen Verletzungen erlag.
Der erste Tote der Nelkenrevolution hatte sein Leben für die Freiheit gelassen!

Wenn die Nationalgarde gedacht hatte, die Demonstranten würden jetzt weichen und aus Angst den Platz räumen, dann wurden sie eines Besseren belehrt, denn genau das Gegenteil traf ein!
Immer mehr Demonstranten und revoltierende Soldaten trafen im Largo do Carmo ein, und forderten in Sprechchören Diktator Marcelo Caetano zur Aufgabe auf und verlangten er möge sich ergaben.

Die Situation wurde immer explosiver!
In der Zwischenzeit hatten sich schon hunderte Menschen auf dem kleinen Platz und den Seitenstraßen versammelt und die Situation heizte sich immer mehr auf.
Gegen 21 Uhr, also knapp fünf Stunden nach dem ersten Zwischenfall, wurde aus dem Hauptgebäude der politischen Geheimpolizei „Polícia International e de Defesa do Estado“ (dt.: Internationale Staatsschutzpolizei), kurz PIDE genannt, das in der Rua António Maria Cardoso, unweit des Carmoplatzes, lag, wieder auf die Menschenmenge geschossen.
Insgesamt 49 Menschen wurden durch Schüsse getroffen, vier von ihnen so schwer, dass sie später ihren Verletzungen erlagen.

Diese vier toten Demonstranten waren, damit sie niemals vergessen werden:

- der erst 18jährige Büroangestellte Fernando Carvalho Gesteiro, aus der nordportugiesischen Stadt Montalegre, in Trás-os-Montes

- der aus Vendas Novas, im Alentejo, stammende 37jährige verheiratete José James Barnetto

- der Lissabonner Fernando Barreiros dos Reis, ein 24jähriger Soldat, der sich aber an diesem Tag nicht im Dienst befand

- der 20jährige Student José Guilherme Rego Arruda, der aus der Azoreninsel São Miguel stammt

Nach diesem blutigen Zwischenfall drohte die „Bewegung der Streitkräfte“ die Kaserne der Republikanischen Nationalgarde zu stürmen und den Diktator und seine Männer gewaltsam zur Aufgabe zu zwingen.
Doch bevor dies geschah, ergab sich Marcelo Caetano seinem Schicksal und ließ sich von den Soldaten der Befreiungsarmee festnehmen.

Den vier Männern, die am Abend beim zweiten Schusswechsel ums Leben gekommen waren, wurde am darauf folgenden Tag auf besondere Weise gedacht.
Unter dem Straßenschild der Rua António Maria Cardoso, am Gebäude der Geheimpolizei, brachten Demonstranten damals spontan ein zweites Schild an, auf dem man „Avenida dos Mortos pela PIDE“ (dt.: „Allee der Toten der PIDE“) lesen konnte.
Dieses Schild wurde später durch eine Gedenktafel ersetzt, die dort heute noch hängt.

Warum das erste Opfer der Nelkenrevolution, der Arbeiter António Lage, der damals beim ersten Schusswechsel ums Leben gekommen war, nicht namentlich auf besagter Gedenktafel erwähnt wird, ist nicht etwa als eine Geringschätzung seines Lebens zu verstehen, sondern schlicht und einfach ein Versäumnis der Stifter der Gedenktafel.
Sie haben ihn einfach vergessen!

Mittwoch, 25. April 2012

„O tesouro“ – „Der Schatz“


Vor vielen Jahren, zurzeit als dein Vater zur Schule ging, lebte in einem sehr fernen Land ein Volk unglücklich und einsam, gebeugt unter der Last einer mysteriösen Traurigkeit.
Der Himmel war hoch und blau, die Felder fruchtbar, das Meer und die Flüsse waren voller Fische und Leben, die Städte warm und hell, aber die Menschen, die vorüber kamen, blickten sich mit traurigen Augen an, schnell laufend und zwischen den Häusern entschwindend; und wenn sie einander in den Cafés, in Ämtern, auf der Straße trafen, sprachen sie flach, so als ob etwas, ein schreckliches Geheimnis sie ängstigen würde.

Wer aus anderen Ländern in das „Land der traurigen Leute“ kam, verstand es nicht. Die Menschen waren gut und liebevoll und hatten augenscheinlich nur Motive, um glücklich zu sein.
Aber wenn man ihnen Fragen stellte, entfernten sie sich und antworteten nicht, oder sie wechselten behutsam um Entschuldigung bittend das Thema.

Manchmal jedoch blieben die Besucher länger und schlossen schnell Freundschaften, weil es sehr leicht war, in diesem Land Freunde zu bekommen. Diese Freunde nahmen sie dann mit in ihre Häuser, und nachdem sie ihre Türen gut verriegelt und alle Fenster geschlossen hatten, enthüllten sie das Geheimnis ihrer Traurigkeit.
So erzählten sie, dass das Volk dieses Landes einst einen mächtigen und schönen Schatz besessen hatte, der ihm gestohlen wurde und dass es ein großer und wertvoller Schatz war, ohne den man nicht leben kann.
„Einen Schatz?“, fragten die Besucher befremdet.
„Ja einen Schatz...die Freiheit.“
„Die Freiheit? Ein Schatz?“

Die Besucher wollten es nicht glauben, da in ihren Ländern die Freiheit eine allgemeine Sache war - fast ohne Bedeutung. Allen Leuten stand es frei, zu machen, was sie wollen, so lange sie keinem etwas Schreckliches taten. Und das war so normal, dass die Menschen die Freiheit nicht bemerkten. Sie waren frei auf dieselbe Weise wie sie atmeten, und niemand stellte in Rechnung, dass sie atmeten. Sie atmeten und fertig.
„Ja, die Freiheit ist wie die Luft, die wir atmen“, sagten ihnen ihre Freunde traurig. „Nur wenn sie uns fehlt, ersticken wir voller Verzweiflung und wir entdeckten, dass wir ohne die Freiheit nicht leben können.“

„Wie kann irgendjemand ohne die Freiheit leben? Wie ist das möglich?“

Also erklärten sie es ihnen: Dort in diesem Land können die Menschen weder sagen, was sie wollen, was sie denken oder fühlen noch können sie weggehen und andere Länder besuchen, andere Völker kennen lernen; sie leben also eingeschlossen in ihrem Land, als wäre es ein Gefängnis. Nicht einmal verraten könnten sie jemandem dieses Geheimnis, weil sie gefangen oder sogar getötet werden könnten.

„Das muss wohl ein großes Unglück sein.“, sagten die Besucher.
„Es ist nicht verwunderlich, dass ihr immer so traurig seid?“
Nachdem sie erneut die Türen kontrolliert hatten, um zu sehen, ob jemand draußen sei, der sie bespitzelte, verrieten ihre Freunde ihnen, wie das Leben jeden Tag im „Land der traurigen Leute“ war. Es gab Polizisten für alle Bereiche. Keine guten Polizisten, die den Verkehr regeln und Diebe festnehmen, sondern Polizisten, um ihnen nachzuspionieren, um zu verhindern, dass sie miteinander reden, Polizisten an den Grenzen, um sie nicht rausgehen zu lassen, sogar Polizisten , die ihre Briefe öffnen und ihre Gespräche abhören, um aufzuspüren, was sie gesagt und gedacht haben, und sie verfolgen und verprügeln, wenn sie weder sagen noch denken, was man will, das sie sagen oder denken sollen.
Die Jugendlichen des „Landes der traurigen Leute“ durften weder Musik hören und Filme sehen, noch Bücher und Zeitungen lesen, die ihnen gefielen, sondern nur die Musik, die Filme und Bücher, die ihnen nicht verboten wurden. Nicht einmal Coca Cola konnten sie trinken, weil Coca Cola, niemand weiß warum, auch verboten war. Die Jungen und Mädchen durften sich weder unterhalten noch gegenseitig einladen, mussten in separate Schulen gehen und getrennt durch Mauern und Gitter spielen.
Die Mädchen durften keine Hosen anziehen. Ihnen war es auch verboten, ohne Strümpfe zu laufen. Und die Jungen, wenn sie heranwuchsen, wurden in schreckliche Kriege in weit entfernten Ländern befehligt und gezwungen, fremde Völker abzuschlachten, die ihnen nie etwas Schlechtes angetan hatten; und viele von ihnen starben dort oder kehrten irrsinnig und verkrüppelt zurück.

„Aber warum habt ihr nicht in der Regierung abgestimmt, dass all diese Dinge beendet werden und dass man euch eure Freiheit, euren Schatz zurückgibt?“, wunderten sich die Besucher. „Weil wir auch nicht wählen dürfen!“ Es war erschreckend. „Ihr dürft nicht wählen? Also, wie habt ihr eure Regierenden ausgesucht?“
„Aber wir haben unsere Regierenden gar nicht ausgesucht...“
„Nun, wer hat sie gewählt?“
„Niemand weiß es...“

Wer diese Dinge, die sehr besorgt machten, hörte, dessen Herz füllte sich jäh mit Trauer und Hoffnungslosigkeit. Die Sonne schien ihm schon nicht mehr so warm, der Himmel nicht mehr so durchsichtig und blau; und als er auf die Straße zurückkehrte, sah er sich ängstlich um, daran denkend, dass er überwacht und verfolgt werden könnte, befürchtend, dass jemand seine Gedanken lesen und aus dem Schatten heraustreten könnte, um ihn dafür zu bestrafen.
Nach der Rückkehr in sein Land verstand er wohl, was für ein kostbarer Schatz seine Freiheit schließlich war und wenn er es verließ, behandelte er sie wie eine Kostbarkeit von der sein Glück und sein eigenes Leben abhingen, sich viele Male an seine Freunde erinnernd, die allein und unglücklich im „Land der traurigen Leute“ zurückgeblieben waren.

Bis es eines Tages im „Land der traurigen Leute“ dazu kam, dass sich die Menschen entschlossen, ihren Schatz zurückzuerobern. Die Soldaten sammelten sich in ihren Kasernen und nahmen ihre Waffen, um am Ende den Schatz den Händen der Diebe zu entreißen. Alle Menschen gingen in freudiger Erregung auf die Straße und begleiteten die Soldaten singend und rufend: „Es lebe die Freiheit! Es lebe die Freiheit! “
Die Jungen kamen aus dem Krieg, glücklich, wieder von Freunden umgeben zu sein und schlossen ihre Eltern und Geschwister in die Arme. Die Jungen und Mädchen konnten sich zum ersten Mal die Hände reichen und sich betrachten, Seite an Seite einherschreiten ohne Angst vor Anklagen und Strafen. Das ganze Land drehte sich lärmend und überschwänglich in einem großen Fest, die Menschen ließen allen Worten und allen Gefühlen freien Lauf, die sich so lange während der unglücklichen Jahre angesammelt hatten.

Es war der 25. April. Und weil an diesem Tag jenes Volk den Schatz der Freiheit zurückerlangte, heißt dieser Tag für immer „Tag der Freiheit“.

Das alles geschah vor langer Zeit, du warst noch nicht geboren, in einem weit entfernten Land.

Dieses Land heißt jetzt nicht mehr „Land der traurigen Leute“. Es heißt Portugal und ist Dein Land. Der Schatz gehört jetzt Dir und Du bist es, der für ihn Sorge tragen muss, tief in Deinem Herzen behüten, damit ihn niemand wieder stielt.

Deshalb ist diese keine erfundene Geschichte. Es ist eine wahre Geschichte, die wirklich stattgefunden hat.
Frage Deine Eltern oder Lehrer und sie werden Dir mehr Dinge über das „Land der traurigen Leute“ erzählen und über die Freiheit.

(Manuel António Pina)


Manuel António Pina ist ein portugiesischer Schriftsteller, Kinderautor und Journalist, der regelmäßig in hiesigen Zeitungen und Zeitschriften publiziert und dessen Werke in mehreren Sprachen übersetzt wurden, auch ins Deutsche.
Pina schrieb das Kinderbuch „O tesouro“ (dt.: „Der Schatz“) im Jahre 1993 ursprünglich für seinen elfjährigen Enkelsohn, um diesem die portugiesische Nelkenrevolution vom 25. April 1974 zu erklären.
Manuel António Pina ist Träger des „Prémio Camões“, dem wichtigsten Literaturpreis Portugals. Der obere Text wurde von "Andorinha" übersetzt.

Samstag, 31. März 2012

Die zentralen Feierlichkeiten zum 10. Juni 2012


Wie das portugiesische Präsidialamt diese Woche bekannt gegeben hat, hat Staatspräsident Aníbal Cavaco Silva verfügt, dass die diesjährigen Feierlichkeiten zum portugiesischen Nationalfeiertag, am 10. Juni, in der Hauptstadt Lissabon stattfinden sollen.

Der 10. Juni ist einer der höchsten Feiertage Portugals und trägt den offiziellen Namen „Dia de Portugal, de Camões e das Comunidades Portuguesas“ (dt.: „Tag Portugals, Camões und der portugiesischen Gemeinden“.

Zum ersten Mal wurde dieser Feiertag im Jahre 1933, noch zu Zeiten der Salazar-Diktatur, gefeiert, und zwar noch unter dem weniger rühmlichen Namen „Dia de Portugal, de Camões e da Raça“ ( dt.: „Tag Portugals, Camões und der (portugiesischen) Rasse“).
Unter Diktator António de Oliveira Salazar fanden die zentralen Feierlichkeiten dieses Tages, das ursprünglich die portugiesische Kolonialpolitik verherrlichen sollte, immer in Lissabon statt.

Mit dem Ende der Diktatur im Jahre 1974 änderte sich nicht nur der Name des Feiertages – der Begriff „Raça“ (dt.: Rasse) wurde durch den Begriff „Comunidades Portuguesas“ (dt.: Portugiesische Gemeinden) ersetzt – sondern auch der Ort der Feierlichkeiten.
Seit 1977 ist es nämlich nun Tradition die zentralen Feierlichkeiten zum Portugal-Tag stets abwechselnd in jeweils einer anderen Stadt des Landes zu feiern, und nicht wie früher, nur in Lissabon.
So bekamen auch kleinere Provinzstädte, wie Covilhã, Vila Real oder Tomar, die Möglichkeit die Feiern zum portugiesischen Nationalfeiertag auszutragen.

Lissabon war, nach der Nelkenrevolution von 1974, bisher vier Mal Austragungsort der zentralen Feierlichkeiten zum 10. Juni, nämlich in den Jahren 1983, 1987, 1992 und 1998.

Bisherige Austragungsstädte der jeweiligen Feiern waren von 1977 bis heute:

• 1977 – Guarda (Beira Alta)
• 1978 – Portalegre (Alto Alentejo)
• 1979 – Vila Real (Trás-os-Montes)
• 1980 – Leiria (Beira Litoral)
• 1981 – Funchal (Madeira)
• 1982 – Figueira da Fóz (Beira Litoral)
• 1983 – Lisboa (Estremadura)
• 1984 – Viseu (Beira Alta)
• 1985 – Porto (Douro Litoral)
• 1986 – Évora (Alto Alentejo)
• 1987 – Lisboa (Estremadura)
• 1988 – Covilhã (Beira Baixa)
• 1989 – Ponta Delgada (Azoren)
• 1990 – Braga (Minho)
• 1991 – Tomar (Ribatejo)
• 1992 – Lisboa (Estremadura)
• 1993 – Sintra (Estremadura)
• 1994 – Coimbra (Beira Litoral)
• 1995 – Porto (Douro Litoral)
• 1996 – Lagos (Algarve)
• 1997 – Chaves (Trás-os-Montes)
• 1998 – Lisboa (Estremadura)
• 1999 – Aveiro (Beira Litoral)
• 2000 – Viseu (Beira Alta)
• 2001 – Porto (Douro Litoral)
• 2002 – Beja (Baixo Alentejo)
• 2003 – Angra do Heroismo (Azoren)
• 2004 – Bragança (Trás-os-Montes)
• 2005 – Guimarães (Minho)
• 2006 – Porto (Douro Litoral)
• 2007 – Setúbal (Estremadura)
• 2008 – Viana do Castelo (Minho)
• 2009 – Santarém (Ribatejo)
• 2010 – Faro (Algarve)
• 2011 – Castelo Branco (Beira Baixa)

Somit ist es nun also beschlossene Sache:
Staatspräsident Aníbal Cavaco Silva wird, zum ersten Mal seit seiner Amtseinführung im Jahre 2006, die Feiern zum 10. Juni in der portugiesischen Hauptstadt stattfinden lassen.

Samstag, 17. Dezember 2011

Die für mich 20 wichtigsten historische Daten und Ereignisse der portugiesischen Geschichte


Ich habe hier in meinem Blog schon mehrmals versucht meinen Lesern die verschiedensten historischen Daten und Ereignisse der portugiesischen Nation zu erklären und näher zu bringen.

Von meiner deutschen Freundin Sabine wurde ich jetzt gefragt, welches denn für mich persönlich das wichtigste Datum und Ereignis der portugiesischen Geschichte sei.

Da ich diese Frage nicht so einfach mit einem oder zwei Sätzen beantworten kann und will und ich mich auch nicht für ein einziges geschichtliches Datum und Ereignis entscheiden kann, habe ich hier einmal die für mich 20 markantesten Daten und Ereignisse der Geschichte Portugals zusammengestellt.
Ich habe mit Absicht nur 20 geschichtliche Ereignisse ausgesucht, da ich sonst den Rahmen dieses Eintrages sprengen würde.

Die für mich 20 wichtigsten historische Daten und Ereignisse der portugiesischen Geschichte sind:

• 1128 – Die Schlacht von São Mamede (port.: Batalha de São Mamede). Diese Schlacht fand am 24. Juni 1128 statt, und in ihr standen sich die Truppen von Portugals zukünftigen König Afonso Henriques und die Truppen seiner Mutter Teresa, die die Unterstützung der galizischen Adeligen hatte und die eigentliche Herrscherin über die Grafschaft Portucale (port.: Condado Portucalense) war, gegenüber. Afonso Henriques ging als Sieger dieser Schlacht hervor und am 06. April 1129 erklärte er sich selber zum Herrscher über die Grafschaft Portucale.

• 1143 – Am 05. Oktober 1143 wird der Vertrag von Zamora (port.: Tratado de Zamora) unterschrieben. In ihm wird die Unabhängigkeit Portugals, zwischen dem Grafen Afonso Henriques und seinem Cousin König Alfonso VII von Leon und Kastilien, besiegelt. Von diesem Tag an, durfte sich Afonso Henriques nun offiziell König von Portugal nennen.

• 1385 – Am 14. August des Jahres 1385 ereignete sich die Schlacht von Aljubarrota (port.: Batalha de Aljubarrota), in der sich die Könige João I von Portugal und Juan I von Kastilien gegenüber standen. Juan I von Kastilien hatte zuvor versucht Portugal mit seinen Truppen zu erobern. König João I von Portugal konnte diese Schlacht, vor allem dank seines mutigen Feldherren Nuno Álvares Pereira, letztendlich für sich gewinnen und so damals die Unabhängigkeit Portugals garantieren.

• 1415 – Die Eroberung der nordmarokkanischen Stadt Ceuta, die damals als der wichtigste Handelsplatz Afrikas galt und die der bedeutendste Karawanenknotenpunkt seiner Zeit war, ereignete sich am 22. August 1415. Die Eroberung Ceutas (port.: Conquista de Ceuta) gilt schlechthin als Beginn der weltweiten portugiesischen Eroberungs- und Expansionspolitik.

• 1434 – In diesem Jahr umsegelte der Seefahrer Gil Eanes, im Auftrag von Prinz Heinrich dem Seefahrer (port.: Infante D. Henrique o Navegador) das Kap Bojador (port.: Cabo Bojador) in Westafrika. Dieses Kap war, auf Grund der ständigen dichten Nebelbänke, der starken Winde und der unberechenbaren Strömungen die dort oftmals herrschen, zuvor niemals von Europäern umsegelt worden. Mit der Umseglung des Kap Bojador nahmen die Portugiesen die erste große Hürde zur Realisierung eines Seeweges nach Indien in Angriff.

• 1488 – 54 Jahre nach der Umsegelung des Kap Bojador durch Gil Eanes, umrundete der Seefahrer Bartolomeu Dias, nach einem schweren Sturm, im Jahre 1488 das Kap der Guten Hoffnung (port.: Cabo da Boa Esperança) in Südafrika. Mit dieser Umrundung war eine Verbindung des Atlantischen mit dem Indischen Ozeans bewiesen und somit eine weitere Hürde der portugiesischen Expansionspolitik genommen. Man war nun „guter Hoffnung“ alsbald den Seeweg nach Indien zu entdecken.

• 1494 – Am 07. Juni 1498 unterzeichneten der portugiesische König João II und die Katholischen Könige Isabella von Kastilien und Fernando von Aragon in der spanischen Kleinstadt Tordesillas (port.: Tordesilhas) einen Vertrag, der die damalige Welt in eine portugiesische und eine spanische Interessenssphäre aufteilte. Im Vertrag von Tordesillas (port.: Contrato de Tordesilhas) setzten beide Parteien fest, das die in Zukunft zu entdeckenden Länder und Territorien in der Neuen Welt (port.: Novo Mundo) zwischen ihnen „gerecht aufzuteilen“ seien. Dieser Vertrag war nötig geworden, da sowohl Portugal als auch Spanien danach strebten den Seeweg nach Indien zu entdecken, um so im Vorhinein Meinungsverschiedenheiten und sogar Kriege zwischen den zwei Nationen verhindern zu können.

• 1498 – Am 08. Juni 1497 stachen von Lissabon aus drei Karavellen im Auftrag des portugiesischen Königs Manuel I in See. Das Oberkommando über diese drei Karavellen hatte der Kapitän zu See, Vasco da Gama. Nach 346 Tagen kam seine Flotte, am 20. Mai 1498, im indischen Calecute an. Somit war Vasco da Gama, und nicht Kolumbus (port.: Colombo / span.: Colon), der erste Europäer der den Seeweg nach Indien entdeckte.

• 1500 – Anfang März des Jahres 1500 verlässt eine 1.300 Mann starke Armada unter Kapitän Pedro Álvares Cabral Lissabon. Cabral ist auf dem Weg nach Indien, als seine Schiffe in einen heftigen Sturm geraten und von der ursprünglich vorgesehenen Route abkommen. Am 22. April 1500 sichtet er Land und nennt dieses, im Glauben eine Insel entdeckt zu haben, Ilha de Vera Cruz (dt.: Insel von Vera Cruz). Ohne es zu wollen, entdeckt Pedro Álvares Cabral an diesem Tag Brasilien (port.: Descoberta do Brasil).

• 1536 – Auf Wunsch von König João III führt die Römisch-Katholische Kirche am 23. Mai 1536 in Portugal die Inquisition (port.: Inquisição) ein. Mit der Einführung der Inquisition bricht eine der dunkelsten Kapitel der Geschichte über Portugal herein.

• 1578 – Am 24. Juni 1578 begann die Schlacht von Alcacer-Quibir (port.: Batalha de Alcácer-Quibir), im heutigen Marokko, zwischen den portugiesischen Truppen unter dem Kommando König Sebastião I und den maurischen Truppen unter dem Befehl Sultans Abu Marwan Abd al-Malik. Die Schlacht von Alcacer-Quibir sollte sich bis in den Monat August hinziehen und mit einer vernichtenden Niederlage Portugals, dem Tod von König Sebastião am 04. August 1578 und dem daraus resultierenden Verlust der portugiesischen Souveränität an Spanien, zwei Jahre später, enden.

• 1640 – Nach dem Verlust der portugiesischen Souveränität im Jahre 1580 geriet das Land für die kommenden 60 Jahre unter spanischer Herrschaft. Am 01. Dezember 1640 konnte, durch eine erfolgreiche Konspiration portugiesischer Adliger gegen das spanische Königshaus, die Unabhängigkeit Portugals wiedererlangt (port.: Restauração da Independência) werden, und der damalige Herzog von Bragança wurde als João IV König von Portugal.

• 1755 – Am 01. November 1755 erschütterte ein verheerendes Erdbeben die Stadt Lissabon. Dem Erdbeben von Lissabon (port.: Terramoto de Lisboa), der bis heute zu den stärksten und verlustreichsten der Weltgeschichte gehört, folgten mehrere vernichtende Tsunamis und Großbrände, die zehntausenden Menschen das Leben kosteten. Als Folge dieser unbeschreiblichen Tragödie wurde die Stadt Lissabon vom damaligen Prämierminister Marques de Pombal noch schöner und noch prachtvoller wiederaufgebaut.

• 1807 – Am 29. November 1807 floh die portugiesische Königsfamilie vor den Truppen Napoleon Bonapartes, die unter dem General Junot bereits am 18. Oktober in Portugal einmarschiert waren, nach Brasilien. Die Hauptstadt des Königreiches wurde von Lissabon nach Rio de Janeiro verlegt, und João VI und seine Familie sollten bis 1820 in Brasilien bleiben. Die Flucht der portugiesischen Königsfamilie nach Südamerika war die Geburtsstunde des modernen Brasiliens.

• 1820 – Die französischen Soldaten brachten viel Elend und Leid über Portugal, als sie das Land im Jahre 1807 besetzten. Doch die Truppen Napoleon Bonapartes brachten auch das revolutionäre Gedankengut mit nach Portugal, das besonders in der schlecht bezahlten und gedemütigten portugiesischen Armee auf fruchtbaren Boden fiel. Am 24. August 1820 beginnt in der Stadt Porto eine liberale Revolution (port.: Revolução Liberal) die 1821 ihren Höhepunkt erreicht, als König João VI einen Eid auf die erste konstitutionelle Verfassung des Landes ablegt und damit die absolute Monarchie in Portugal abschafft.

• 1908 – Am 01. Februar 1908 kommen König Carlos I und sein Sohn und Thronfolger Luis Filipe auf dem Terreiro do Paço in Lissabon bei einem feigen republikanischen Attentat ums Leben. Der zweitälteste Sohn von König Carlos I wird als Manuel II letzter König von Portugal.

• 1910 – Nur zwei Jahre nach dem Attentat auf König Carlos I und seinen Sohn Luis Filipe wird am 05. Oktober 1910 die Monarchie in Portugal abgeschafft und die Republik ausgerufen. König Manuel II geht nach England ins Exil.

• 1926 – Am 28. Mai 1926 kommt General Gomes da Costa durch einen Putsch an die Macht und setzt daraufhin eine Militärdiktatur (port.: Ditadura Militar) ein. Diese Diktatur wird von 1930 bis 1974 den „Estado Novo“ (dt.: „Neuen Staat“) hervorbringen. Lediglich zwei Männer, nämlich António de Oliveira Salazar von 1930 bis 1969 und Marcelo Caetano von 1969 bis 1974, werden in diesen Jahren der faschistischen Diktatur über Portugal herrschen.

• 1974 – Mit einer praktisch unblutigen Revolution setzt am 25. April 1974 eine Gruppe junger Offiziere, bekannt als „Movimento das Forças Armadas“ = MFA (dt.: Bewegung der Streitkräfte) der Diktatur, die 48 lange Jahre gedauert hatte, ein Ende. Als Nelkenrevolution (port.: Revolução dos Cravos) ging diese gewaltlose Erhebung gegen den Faschismus in die Geschichtsbücher ein.

• 1985 – Mit der Unterzeichnung der Beitrittserklärung Portugals am 12. Juni 1985, im altehrwürdigen Hieronymuskloster (port.: Convento dos Jerónimos) von Belém, wurde Portugal ab dem 01. Januar 1986 Vollmitglied der Europäischen Union (port.: União Europeia). Auch wenn viele Portugiesen es heute nicht so recht wahr haben wollen, so ist der 12. Juni 1985 doch ohne Zweifel der wichtigste Meilenstein in der jüngsten Geschichte Portugals.


Sicherlich hat der Eine oder Andere eine andere Priorität, was die geschichtlichen Ereignisse unserer Nation angeht.
Aber im Großen und Ganzen sind die wichtigsten Ereignisse der portugiesischen Geschichte, wie z.B. der Unabhängigkeitstag, die Schlacht von Aljubarrota, das große Erdbeben von Lissabon, das Ende der Monarchie, die Salazardiktatur oder die Nelkenrevolution, für die meisten Portugiesen gleich wichtig.

Die von mir hier oben aufgeführten Daten und Ereignisse der portugiesischen Geschichte sind, wohlgemerkt, meine rein persönlichen Highlights!
Aber anstatt hier nur ein Datum oder nur ein geschichtliches Ereignis zu nennen, habe ich, wie oben gesehen, 20 von ihnen hier aufgeführt.

So gesehen, habe ich die Frage meiner Freundin Sabine, welches denn für mich persönlich das wichtigste Datum und Ereignis der portugiesischen Geschichte sei, hier sicherlich mehr als zufrieden stellend beantwortet.

Montag, 26. April 2010

Grândola, Vila Morena


In meinem Beitrag „Nelkenrevolution“, von Vorgestern, schrieb ich über die Entstehung des wichtigsten politischen Feiertags Portugals, dem 25. April, Tag der Freiheit (port.: „Dia da Liberdade“), und ich erwähnte in diesem Beitrag auch das Lied „Grândola, vila morena“.
Heute wurde ich von einer deutschen Arbeitskollegin über den Liedtext von „Grândola, vila morena“ gefragt und über die Geschichte dieses Liedes.

Also habe ich mich heute hingesetzt und versucht den Originaltext ins Deutsche zu übersetzen und ein wenig über das Lied selbst herauszufinden.

Vor 36 Jahren, schlossen sich breite Teile des portugiesischen Militärs zur „Bewegung der Streitkräfte“ (port.: Movimento das Forças Armadas - MFA“) zusammen, und putschten gegen die faschistische Diktatur, die bereits 48 Jahre andauerte.

Das vereinbarte, verschlüsselte Zeichen für den Putschbeginn der Truppen war das verbotene Lied „Grândola, vila morena“.
Damals, in einer Zeit in der es noch keine Computer oder Handys gab, mussten die revoltierenden Truppen dieses Lied per Radio in das Land hinaus senden.
Und so kam es also, das in der ersten Stunde des 25. April, um genau 00:30 Uhr, der Sprecher des Radiosender „Radio Renascença“ die erste Strophe dieses Liedes vortrug.
Nach dem vorlesen der Strophe wurde dann das Lied selbst abgespielt, und da wussten die Militärs in allen Kasernen und Militärbasen des Landes, das die Stunde zum Aufstand geschlagen hatte.

„Grândola, vila morena“ stammt aus der Feder des kommunistischen Sängers und Liedermachers José Afonso, der damals einer der größten Gegner der Diktatur war.
In seinem Lied besingt der Liedermacher die alentejanische Stadt Grândola, die zur Zeit der Diktatur eines der Widerstandszentren der Opposition war.
Wegen seines doppeldeutigen Textes war „Grândola, vila morena“ von der Staatszensur verboten worden.
Den politisch Verfolgten und dem Normalbbürger war dieses Lied jedoch ein Lied der Hoffnung und Zukunft.

Das Lied besteht aus sechs Strophen und lautet im Originaltext wie folgt:

Grândola, vila morena,
Terra da fraternidade,
O povo é quem mais ordena,
Dentro de ti ó cidade.

Dentro de ti ó cidade,
O povo é quem mais ordena,
Terra da fraternidade,
Grândola vila morena.

Em cada esquina um amigo,
Em cada rosto igualdade,
Grândola vila morena,
Terra da fraternidade.

Terra da fraternidade,
Grândola vila morena,
Em cada rosto igualdade,
O povo é quem mais ordena.

À sombra de uma azinheira,
Que já não sabia a idade,
Jurei ter por companheira,
Grândola a tua vontade.

Grândola a tua vontade,
Jurei ter por companheira,
À sombra de uma azinheira,
Que já não sabia a idade.


Meine Übersetzung von „Grândola, vila morena“ lautet wie folgt:

Grândola, sonnengebräunte Stadt,
In einem Land der Brüderlichkeit gelegen,
Das Volk hat das Sagen,
In Dir, oh du Stadt.

In Dir, oh du Stadt,
Hat das Volk das Sagen,
In einem Land der Brüderlichkeit gelegen,
Grândola du dunkele Stadt.

An jeder Ecke ein Freund,
In jedem Gesicht Gleichheit,
Grândola du dunkele Stadt,
In einem Land der Brüderlichkeit gelegen.

In einem Land der Brüderlichkeit gelegen,
Grândola du dunkele Stadt,
In jedem Gesicht Gleichheit,
In Dir hat das Volk das Sagen.

Im Schatten einer mächtigen Steineiche,
Die ihr Alter nicht mehr wusste,
Habe ich dir Treue geschworen,
Grândola, nach deinem Wunsch.

Grândola, nach deinem Wunsch,
Habe ich dir Treue geschworen,
Im Schatten einer mächtigen Steineiche,
Die ihr Alter nicht mehr wusste.


Zwei wichtige Anmerkungen möchte ich gerne zu meiner Übersetzung noch hinzufügen:

- Ins Deutsche übersetzt verliert dieses Lied leider viel von seiner Doppeldeutigkeit und Aussagekraft.

- Ich habe das Wort „morena“ mit „dunkel“ übersetzt. Aber „morena“ kann auch mit „brünett“, „schwarzbraun“, „braungebrannt“ oder „gebräunt“ übersetzt werden.

Samstag, 24. April 2010

Nelkenrevolution



Wir schreiben das Jahr 1974.
Am frühen Morgen des 25. April, kurz nach Mitternacht, erklingt im portugiesischen Radiosender „Rádio Renascença“ das von der Diktatur bis dahin zensierte Lied „Grândola, Vila Morena“, des Sängers José Afonso.

Dieses einfache, aber vom Text her sehr ausdruckreiche Lied, ist das Startsignal für einen minutiös geplanten Aufstand, der Portugal von seiner damals verhassten faschistischen Diktatur befreien, und als die Nelkenrevolution (port.: Revolução dos Cravos) in die Geschichte eingehen wird.
Über 48 Jahre hinweg hatten die Diktatoren António de Oliveira Salazar und Marcelo Caetano mit strenger Hand über das Land und die Kolonien geherrscht.
Diese Herrschaft endete nun am 25. April, mit besagter unblutigen Nelkenrevolution.

April ist die Zeit der Nelken.
An diesem 25. April wird diese unscheinbare Blume, die ich abschätzig „Friedhofskraut“ nenne, weil ich einfach keine Nelken mag, zum Symbol der friedlichen Revolution.
Inspiriert von der „flower power“ schmückten damals die Studenten und die Arbeiter, die Hausfrauen und selbst Kinder, die Panzer mit den Nelken und stecken sie in die Gewehrläufe der Soldaten.

Als am späten Nachmittag über das Radio die Nachricht verbreitet wurde, das der Diktator Marcelo Caetano sich der MFA (port.: Movimento das Forças Armadas / dt.: Bewegung der Streitkräfte) ergeben und die Macht an General António Sebastião Ribeiro de Spinola übergeben hatte, setzt ein stundenlanger Hupkonzert ein und lockte auch die letzten Zweifler aus ihren Häusern zum Rossio und in die Baixa.
Von diesem Hupkonzert hat mir meine Großmutter Sara später noch oft erzählt.

Ich selber, der ich zu dieser Zeit schon mit meinen Eltern und meiner Schwester in Deutschland lebte, erlebte diesen Morgen in der Wilhelm-Busch-Grundschule in Arheilgen.
Ich weiß noch, als ob es erst gestern gewesen wäre, wie damals meine Grundschullehrerin Frau Koppe auf dem Schulhof auf mich zukam, und mich fragte wie es mir gehen würde, und ob ich wüsste wie es meiner Familie gehen würde.
Als achtjähriges Kind hatte ich damals keine Ahnung von Politik, und auch keine Ahnung was meine Lehrerin eigentlich von mir wollte und erst recht wusste ich nicht, was sich in diesen Stunden in meinem Heimatland abspielte.
Aber selbst als kleines Kind begriff ich, es musste etwas „weltbewegendes“ passiert sein in dem Land das ich damals unter Protest verlassen hatte und welches meine Eltern Portugal nannten.

Für mich als Kind änderte sich damals nichts im Leben.
Aber heute, 36 Jahre später, weiß ich sehr wohl, das an diesem Tag, Werte wie die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit und die Gleichberechtigung in Portugal, ihre Geburtsstunde hatten.

Dennoch gibt es noch heute einige die sich die „Diktatur der Ordnung“ zurückwünschen. Man kann zu den Diktatoren Salazar und Caetano stehen wie man will.
Aber eines muss auch diesen ewig Gestrigen klar sein:
Unter einer faschistischen Diktatur, wie es sie fast 50 Jahre lang in Portugal gegeben hat, wären die Gedanken niemals frei und Portugal nichts weiter als ein riesiges Gefängnis!