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Donnerstag, 25. April 2013

Die Toten der Nelkenrevolution


Heute vor genau 39 Jahren, am 25. April 1974, um kurz nach Mitternacht, spielte der katholische Radiosender Radio Renascença das von der damaligen Diktatur verbotene Protestlied „Grândola, Vila Morena“ (lesen sie hierzu auch bitte meinen Blogeintrag „Grândola, Vila Morena“), vom 26. April 2010), des antifaschistischen Sängers José Afonso.

Das abspielen dieses Liedes war für die revolutionären Offiziere im ganzen Land das vereinbarte Zeichen, ihre Streitkräfte für den Aufstand zu mobilisieren.
Einen Aufstand der dann später als „Nelkenrevolution“ (port.: „Revolução dos Cravos“) in die Geschichtsbücher einging.
Nach noch nicht einmal 18 Stunden stürzte damals eine so genannte „Bewegung der Streitkräfte“ (port.: „Movimento das Forças Armadas“) die älteste Diktatur Westeuropas!

In vielen nationalen und internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Büchern die über die Geschehnisse dieses 25. April 1974 damals erschienen und auch noch heute publiziert werden, wird oftmals berichtet, die „Nelkenrevolution“ sei eine friedliche und unblutige Erhebung des portugiesischen Volkes gegen die autoritäre und faschistische Diktatur die damals in Portugal herrschte, gewesen.

Sicherlich, die „Nelkenrevolution“ verlief, im Vergleich zu vielen anderen Revolutionen die überall auf der Welt vor ihr und nach ihr stattgefunden haben, recht friedlich.
Aber unblutig war sie leider nicht, denn an diesem 25. April kamen fünf unbewaffnete und friedliche Demonstranten in Lissabon durch die Gewehrkugeln regimetreuer Geheimpolizisten ums Leben.

Der damalige Machthaber, Diktator Marcelo Caetano, hatte sich an diesem Tag, auf der Flucht vor den revoltierenden Truppen, in das Hauptquartier der Republikanischen Nationalgarde (port.: Guarda Nacional Republicana), am Largo do Carmo, Mitten in Lissabon, verbarrikadiert.
Als bekannt wurde, dass der Diktator sich dort aufhielt, kamen viele Demonstranten auf dem Platz vor der Kaserne zusammen und verlangten seine Auslieferung.
Da aus der Carmokaserne (port.: Quartel do Carmo) keine Reaktion kam, schoss gegen 15.30 Uhr ein ungeduldiger Soldat der „Bewegung der Streitkräfte“, aufgestachelt durch die Demonstranten, eine Gewehrsalve mit seinem Maschinengewehr in Richtung des Gebäudes, ohne allerdings jemanden zu verletzen oder gar zu töten.

Eine knappe Dreiviertel Stunde nach dieser versuchten Machtdemonstration durch die „Bewegung der Streitkräfte“, um 16.15 Uhr, wurde, ebenfalls mit Maschinengewehren, aus einem Fenster der Carmokaserne auf die demonstrierende Menschenmenge geschossen.
Mehrere Menschen wurden bei diesem Schusswechsel verletzt und einer von ihnen, der 32jährige Lissabonner Arbeiter António Lage, wurde so schwer getroffen, das er noch an Ort und Stelle seinen Verletzungen erlag.
Der erste Tote der Nelkenrevolution hatte sein Leben für die Freiheit gelassen!

Wenn die Nationalgarde gedacht hatte, die Demonstranten würden jetzt weichen und aus Angst den Platz räumen, dann wurden sie eines Besseren belehrt, denn genau das Gegenteil traf ein!
Immer mehr Demonstranten und revoltierende Soldaten trafen im Largo do Carmo ein, und forderten in Sprechchören Diktator Marcelo Caetano zur Aufgabe auf und verlangten er möge sich ergaben.

Die Situation wurde immer explosiver!
In der Zwischenzeit hatten sich schon hunderte Menschen auf dem kleinen Platz und den Seitenstraßen versammelt und die Situation heizte sich immer mehr auf.
Gegen 21 Uhr, also knapp fünf Stunden nach dem ersten Zwischenfall, wurde aus dem Hauptgebäude der politischen Geheimpolizei „Polícia International e de Defesa do Estado“ (dt.: Internationale Staatsschutzpolizei), kurz PIDE genannt, das in der Rua António Maria Cardoso, unweit des Carmoplatzes, lag, wieder auf die Menschenmenge geschossen.
Insgesamt 49 Menschen wurden durch Schüsse getroffen, vier von ihnen so schwer, dass sie später ihren Verletzungen erlagen.

Diese vier toten Demonstranten waren, damit sie niemals vergessen werden:

- der erst 18jährige Büroangestellte Fernando Carvalho Gesteiro, aus der nordportugiesischen Stadt Montalegre, in Trás-os-Montes

- der aus Vendas Novas, im Alentejo, stammende 37jährige verheiratete José James Barnetto

- der Lissabonner Fernando Barreiros dos Reis, ein 24jähriger Soldat, der sich aber an diesem Tag nicht im Dienst befand

- der 20jährige Student José Guilherme Rego Arruda, der aus der Azoreninsel São Miguel stammt

Nach diesem blutigen Zwischenfall drohte die „Bewegung der Streitkräfte“ die Kaserne der Republikanischen Nationalgarde zu stürmen und den Diktator und seine Männer gewaltsam zur Aufgabe zu zwingen.
Doch bevor dies geschah, ergab sich Marcelo Caetano seinem Schicksal und ließ sich von den Soldaten der Befreiungsarmee festnehmen.

Den vier Männern, die am Abend beim zweiten Schusswechsel ums Leben gekommen waren, wurde am darauf folgenden Tag auf besondere Weise gedacht.
Unter dem Straßenschild der Rua António Maria Cardoso, am Gebäude der Geheimpolizei, brachten Demonstranten damals spontan ein zweites Schild an, auf dem man „Avenida dos Mortos pela PIDE“ (dt.: „Allee der Toten der PIDE“) lesen konnte.
Dieses Schild wurde später durch eine Gedenktafel ersetzt, die dort heute noch hängt.

Warum das erste Opfer der Nelkenrevolution, der Arbeiter António Lage, der damals beim ersten Schusswechsel ums Leben gekommen war, nicht namentlich auf besagter Gedenktafel erwähnt wird, ist nicht etwa als eine Geringschätzung seines Lebens zu verstehen, sondern schlicht und einfach ein Versäumnis der Stifter der Gedenktafel.
Sie haben ihn einfach vergessen!

Montag, 13. August 2012

Cassiano Viriato Branco

Heute, auf den Tag genau vor 115 Jahren, am 13. August 1897, wurde im Lissabonner Stadtteil São José, unweit der Praça dos Restauradores, der portugiesische Architekt Cassiano Viriato Branco als Sohn des aus dem alentejanischen Alcácer do Sal stammenden Cassiano José Branco und seiner Ehefrau Maria da Assunção Viriato geboren.
Als Sohn eines Kleinindustriellenpaares, zumal als dessen einziges Kind, hatte Cassiano die Chance ein sehr gutes Schulsystem zu genießen und ein solides Studium zu absolvieren.

Recht früh, mit gerade erst einmal 20 Jahren, heiratete er im Jahre 1917 die junge Maria Elisa Soares Branco – eine Liebeshochzeit.
Nach der Heirat begann er sein Architekturstudium und beendete dieses, sehr erfolgreich, im Jahre 1926.
Er spezialisierte sich auf den modernen Baustil des Art Deco und wurde später ein wahrer Meister dieses Stils.
Cassiano Branco brachten seine originellen Bauwerke, sowohl im Inland als auch im Ausland, später einmal einigen Ruhm ein.

Er baute die verschiedensten Hotels, Theater, Wohnhäuser, Kinos und sogar einige Talsperren.
In der damaligen Überseeprovinz Angola errichtete er in der Stadt Benguela, den damaligen Hauptbahnhof der Stadt.
Cassiano Viriato Branco ist auch der Architekt des Kinderthemenparks „Portugal dos Pequenitos“ (dt.: „Portugal der Kleinsten“), in der Stadt Coimbra, einem Vergnügungspark für die Kleinsten unter uns, der sich auch heute noch größter Beliebtheit erfreut.

Cassiano Branco war als Architekt nicht immer unumstritten, zumal er als überaus cholerisch galt, wenn es um die Verwirklichung seiner Ideen ging.
Aber er war ein Visionär, ein Visionär, der bis an sein Lebensende versuchte seine Träume in Beton zu verwirklichen.

Am Anfang seiner Kariere wurde er von Diktator António de Oliveira Salazar noch gefördert und der Diktator hegte sogar eine gewisse Sympathie für ihn.
Doch spätestens 1958, als er Humberto Delgado, den oppositionellen Kandidaten für das Präsidentenamt in Portugal unterstützte, und so offen gegen Salazar anging, geriet er in Ungnade und wurde von der Geheimpolizei PIDE (port.: Policia International e de Defesa do Estado / dt.: Internationale Staatsschutzpolizei) festgenommen.
Nach seiner Festnahme wurde er nur noch geduldet und durfte seinen Beruf nicht mehr frei ausüben.

Zu den bedeutendsten und charakteristischsten Bauwerken von Cassiano Viriato Branco gehören

- das Rathaus in der Kleinstadt Sertã (port.: Paços do Concelho da Sertã), aus dem Jahre 1927

- die Markthalle von Santarém (port.: Mercado Municipal de Santarém), im Jahre 1928 fertig gestellt

- das Eden-Theater (port.: Teatro Eden), an der Praça dos Restauradores in Lissabon, aus dem Jahre 1932

- das ehemalige Hotel Vitória, in der Avenida da Liberdade n° 168 in Lissabon, heute im Besitz der KP Portugals (PCP), aus dem Jahre 1934

- das wunderschöne Grand Hotel Luso, in der Kleinstadt Luso, eingeweiht am 27. Juli 1940

- das Coliseu do Porto, eine Mehrzweckhalle in der Stadt Porto, aus dem Jahre 1939

- das Kinogebäude Império (port.: Cine-Teatro Império), aus dem Jahre 1948, in Lissabon

- Portugal dos Pequenitos, ein Kinderthemenpark das noch heute Kinderherzen höher schlagen lässt und am 08. Juni 1940 eingeweiht wurde

- das Hotel Britania in Lissabon, oftmals auch Hotel do Império genannt, aus dem Jahre 1942

- der Hauptbahnhof von Benguela, in der Stadt Benguela in Angola

Cassiano Viriato Branco verstarb am 24. April 1970, im Alter von 72 Jahren, in seiner Heimatstadt Lissabon.

Aus Anlass seines 115. Geburtstages hat die amerikanische Suchmaschine Google heute den Architekten Cassiano Branco mit einem besonderen „doodle“ geehrt.
Diesem „doodle“, das eine Burg im Themenpark „Portugal dos Pequenitos“ darstellt, ist es zu verdanken, dass ich heute noch diesen Beitrag geschrieben habe.
Denn wie viele andere auch, so hätte auch ich heute den Geburtstag dieses Genies der Architektur, wie ihn viele zu Lebzeiten genannt haben, einfach nur vergessen!

Freitag, 11. Mai 2012

Die gefangenen Studenten vom 11. Mai 1962

Die Studentenunruhen die Ende der 60er Jahre in vielen Ländern der Welt, leider oftmals auch mit Gewalt, für frischen politischen Wind sorgten sind ein Teil der Geschichte vieler Nationen dieser Zeit.

Was viele heute nicht wissen ist, das diese Studentenunruhen, die im Jahre 1968 weltweit ihren Höhepunkt erreichten, hier in Portugal schon wesentlich früher begannen.
Schon im Jahre 1961 war es an den Universitäten von Coimbra und Lissabon zu zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen den Studenten dieser zwei Bildungsanstalten und den Polizeikräften des damaligen Diktators António de Oliveira Salazar gekommen.
Die Studenten, die damals auf die Straße gingen, waren mit ihren Forderungen nach mehr politischen Freiheiten, zweifelsohne die Vorreiter der Revolutionäre des 25. April 1974.

Da aber Salazar kein allzu großer Freund von „Freiheiten“ war, veranlasste er, dass seine Polizei immer härter gegen die politisch engagierten Studenten vorging.
Dies verschärfte den Konflikt an den portugiesischen Universitäten zusehends.

Im April 1962 begannen zahlreiche Studenten an der Universität von Lissabon (port.: Universidade de Lisboa) den Unterricht zu boykottieren und viele von ihnen schlossen sich spontanen friedlichen Demonstrationen an.
Einige von ihnen traten sogar, um ihren Forderungen nach politischer und kultureller Freiheit mehr Ausdruck zu verleihen, einem Hungerstreik bei.

Salazar und sein Regime beobachteten diese Aktivitäten an der Lissabonner Universität zunehmend mit Besorgnis.
Anfang Mai befahl Salazar seiner Geheimpolizei PIDE mit allen Mitteln weitere Eskalationen und politische Aktivitäten an der Universitäten zu unterbinden.
Als sich der gesundheitliche Zustand der Studenten, die sich im Hungerstreik befanden, zunehmend verschlechterte, entschied sich Salazar zu handeln.

In den Morgenstunden des 11. Mai 1962, also vor genau 50 Jahren, umzingelte eine Hundertschaft der Polizei die Mensa der Lissabonner Universitätsstadt (port.: cidade universitária), wo die Studenten damals seit Tagen versammelt waren, und nahm alle Studenten fest.
Die Studenten die sich im Hungerstreik befanden wurden in Lissabonner Krankenhäuser eingewiesen und sofort zwangsernährt. Die anderen von ihnen wurden als „politische Revolutionäre“ in Gewahrsam genommen und auch als solche später verurteilt.

Über 1.500 junge Menschen wurden an diesem Tag von der Polizei verhaftet!
Sie wurden auf dem Campus der Universität zuerst zusammengetrieben und dann mit grünen Doppeldeckerbussen der öffentlichen Verkehrsbetriebe Carris zu der Lissabonner Zivilverwaltung (port.: Governo Civil de Lisboa) gefahren, wo sie dann fotografiert und ihnen die Fingerabdrücke abgenommen wurden, so als ob es sich bei ihnen um Schwerstkriminelle handeln würde.

Nachdem sie kriminaltechnisch Identifiziert waren, wurden sie von der Polizei tagelang vernommen, teilweise sogar zusammengeschlagen, bis man von jedem einzelnen ein „Geständnis“ hatte.
Die meisten von ihnen wurden dann wieder in Doppeldeckerbusse gesteckt und danach in das berüchtigte Gefängnis für politische Gefangene in Caxias, bei Lissabon, gesteckt.
Hier verbrachten sie dann mehrere Wochen, manche von ihnen sogar Monate, bevor sie wieder in die Freiheit entlassen wurden.

Aber viele von ihnen, wie Jorge Sampaio, der spätere Staatspräsident Portugals, João Cravinho, der spätere portugiesische Bauminister oder Ruben de Carvalho, der heute für die kommunistische Partei im Parlament sitzt, sahen ihre damalige Entlassung aus dem Gefängnis von Caxias keineswegs als Befreiung.
Im Gegenteil, viele von ihnen gingen später in den Untergrund und kämpften weiter gegen das diktatorische Regime von Salazar und seinem Nachfolger Marcelo Caetano.

Das damals, an einem einzigen Tag, 1.500 junge Menschen festgenommen werden konnten, ist heute kaum noch vorstellbar.
Aber, so vieles von damals ist heute noch kaum vorstellbar!

Sicherlich, man kann die heutige Zeit auch keinesfalls mit der damaligen vergleichen.
Aber, und da bin ich mir sicher, auch heute träumt sicherlich der eine oder andere Politiker davon, mal auf einem Schlag 1.500 Demonstranten festzunehmen, wenn diese auf den Straßen Portugals mal wieder für mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Bildung, einem besseren Gesundheitswesen und mehr politischen Freiheiten aufbegehren.

Samstag, 25. Juni 2011

Hermínio de Palma Inácio


Es gibt Männer (und natürlich auch Frauen!) die ich einfach wegen ihres Mutes und ihrer Zielstrebigkeit schätze!

Einer von ihnen ist Hermínio da Palma Inácio.
Im Ausland kaum bekannt, wird er hier in Portugal teilweise sogar bewundert.
Abgesehen davon das er der erste Luftpirat der Welt war, der ein Flugzeug entführte, und er der Autor eines der beispiellosesten Banküberfälle hier in Portugal war, war er auch ein Mensch voller Prinzipen und Aufrichtigkeit.

Wie kommt es aber, das ein Flugzeugentführer und Bankräuber, so viel Achtung und Respekt hier in Portugal besitzt?
Nun ich werde versuchen dies hier zu erklären.

Hermínio da Palma Inácio wird am 29. Januar 1922 in dem Ort Ferragudo, bei Lagos, an der Algarve geboren.
Nach seinem Abitur wird er Flugmechaniker bei der Portugiesischen Luftwaffe (port.: Força Aérea Portuguesa).
Die Luftfahrt hat es ihm angetan, und er will nicht nur Flugzeuge reparieren, sondern sie auch gerne fliegen.
Also macht er mit 20 Jahren seinen zivilen Flugschein (port.: brevet de piloto civil).
Er macht seinen Militärdienst auf der Flugzeugbasis Nr. 1 von Sintra (port.: Base Aérea n° 1 de Sintra), und dort fängt er an, gegen das politische System von Diktator Salazar zu kämpfen.
Am 10. April 1947, im Alter von nur 25 Jahren, nimmt er an einem Militärputsch teil, den General Marques Godinho befehligt.
Seine Aufgabe ist es, die Flugzeuge die auf der Flugbasis stehen, zu sabotieren.
Er wird auch seiner Aufgabe gerecht, aber der Putsch misslingt gründlich.

Palma Inácio wird denunziert und von der Geheimpolizei PIDE (port.: Policia International e da Defesa do Estado) festgenommen.
Hätte die Geheimpolizei damals schon gewusst, das Palma Inácio einmal dem Diktator Salazar und seinem Regime so viel Kopfschmerzen bereiten würde, hätten sie ihn bestimmt erschossen oder in eine der Kolonien deportiert.

Nach seiner Festnahme in der Nähe von Loures, foltert die Geheimpolizei Palma Inácio zwölf lange Tage im Gefängnis von Aljube.
Sie wollen von ihm wissen wer sein Kontaktmann ist.
Er überlebt schwer verletzt die Folter, bleibt aber standhaft.
Er verrät keinen einzigen Namen!

Er bleibt bis Mai 1949 im Gefängnis.
In diesem Monat kann er aus einem offenen Toilettenfenster des Gefängnisses flüchten.
Mit der Hilfe von vier Bettlaken, die aneinander geknotet sind, springt er 15 Meter in die Tiefe. Als die Wärter seine Flucht bemerken, entkommt er ihnen nur dadurch, dass es ihm gelingt, sich unter die Menschen in der Lissabonner Baixa zu mischen.

Nach seiner Flucht verbringt er sieben Monate, bei guten Freunden versteckt, auf einem Bauernhof in der Nähe von Odivelas, bevor er auf einem Frachtdampfer in Richtung Casablanca, im damaligen französischen Marokko, fliehen kann.

In Marokko heuert er, mit falschem Namen, auf mehreren Handelsschiffen als Lastenträger an, die ihn nach Nordeuropa, Asien und in die USA bringen.
In den USA lebt er einige Zeit lang im Bundesstaat Massachusetts, bis die amerikanischen Behörden im Jahre 1955 dahinter kommen, das er sich illegal im Lande aufhält.
Er wird aus den USA ausgewiesen und geht nach Rio de Janeiro, in Brasilien.

Hier tritt er mit Humberto Delgado, den er noch aus seiner Zeit bei der portugiesischen Luftwaffe kennt und Henrique Galvão, den zwei größten Kritikern des Salazarregimes, in Verbindung.
In Brasilien wird er Besitzer einer kleinen Firma die Flugzeuge repariert, und mit dieser wird er dann auch etwas wohlhabend.
Das meiste Geld aber, das er verdient, steckte er in revolutionäre Aktionen die er plant.

Eine dieser ersten Aktionen, die er plant, ist die „Operation Vagô“, die erste Flugzeugentführung der Welt.
Am 10. November 1961 steigt Palma Inácio, mit fünf anderen Antifaschisten, in Casablanca, in eine viermotorige „Super Constellation“ der Fluggesellschaft TAP, in Richtung Lissabon, ein.

Knapp eine halbe Stunde vor der Ankunft in Lissabon betritt Palma Inácio, mit einer Waffe in der Hand, das Cockpit.
Er wendet sich an Flugkapitän José Marcelino und Copilot Raul Teles Grilo, und sagt zu ihnen, mit ruhiger Stimme:
„Meine Herren, dies ist eine revolutionäre Aktion. Ich möchte keinem Weh tun“.
Er verlangt von dem Flugkapitän, dass er eine Landung in Lissabon simuliert und dann besonders niedrig über der Hauptstadt fliegt.
Von Lissabon aus fliegen sie dann weiter gen Süden, über die Städte Barreiro, Setúbal, Beja und Faro.
Jede dieser Städte wird mit tausenden antifaschistischen Flugblättern „bombardiert“ – über 100.000 Stück insgesamt – auf denen für freie Wahlen geworben, das Regime von Salazar offen anprangern und dessen Sturz gefordert wird.

Hermínio de Palma Inácio befiehlt Flugkapitän José Marcelino den marokkanischen Flughafen Tanger anzufliegen.
Da die „Super Constellation“ besonders niedrig fliegt, kann sie vom Radar der Kampfjets der Flugwaffe nicht geortet werden.
Über dem Atlantik aber, werden zwei Zerstörer der portugiesischen Marine auf das Flugzeug aufmerksam.
Mit einem gekonnten Flugmanöver, den Palma Inácio selbst fliegt, kann das Flugzeug aus dem Schussfeld der Zerstörer genommen werden.

Die 13 Passagiere an Bord der „Super Constellation“ bemerken während des ganzen Fluges nichts. Erst als sie in Tanger landen, wird ihnen klar, dass sie entführt worden sind.
Palma Inácio entschuldigt sich bei jedem Fluggast und trinkt mit ihnen ein Glas Sekt, um mit ihnen den Erfolg der Mission zu feiern.
Er verabschiedet sich von ihnen und begibt sich wieder nach Brasilien, wo er die Arbeit, als einfacher Mechaniker, in seiner eigenen kleinen Firma wieder aufnimmt.

In den nächsten Jahren spart er wieder etwas Geld, um erneut eine Operation gegen das Salazarregime zu starten.
Er will wieder dem Diktator den Schlaf rauben.
Er plant die „Operation Mondego“, dessen Ziel es ist, die Zweigstelle der Bank von Portugal (port.: Banco de Portugal), in der Stadt Figueira da Foz, zu überfallen.
Er plant den Überfall auf diese Bank, weil er der Meinung ist, das es kein besseres Ziel gibt, als die Bank von Portugal, die ein Symbol des Staates ist.
Und diesem Symbol des Staates das Geld zu rauben, um damit zukünftige Aktionen gegen den selbigen zu unternehmen, ist sein großes Ziel.

Bevor Palma Inácio mit seinen drei Gefährten Camilo Mortágua, Barracosa und Luis Benvindo den Raub begeht, versprechen sie sich, das geraubte Geld niemals für sich selbst privat zu nutzen, sondern es für erneute Aktionen zu verwenden.
Außerdem machen sie aus, bei ihren Aktionen, niemals Blut vergießen zu lassen.

Am 17. Mai 1967, zehn Minuten vor Schließung der Bank um 16:00 Uhr, zielt Palma Inácio mit einem Revolver Smith & Wesson auf den Bankangestellten Adelino Cardoso und sagte zu diesem, mit ruhiger Stimme: „Dies ist ein Überfall! Keiner Bewegt sich!“
Nachdem die acht Bankangestellten und die drei Kunden überwältigt sind, rauben sie den Tresor aus und schließen ihre Geiseln in der Toilette ein.
Ohne dass sie auffallen, gehen sie mit dem Geld aus der Bank und begeben sich zum Flugplatz von Cernache, in der Nähe von Coimbra.
Der Raub bringt ihnen damals stolze 29.274.390 Escudos ein, was nach heutigem Wert ca. 5 Millionen Euro sind.

Am Flugplatz nehmen sie sich eine einmotorige „Auster“, um mit dieser zu fliehen.
Sie landen in Vila do Bispo, an der Algarveküste, wo sie der Polizei eine falsche Spur legen. Während diese nämlich glaubt, die Bankräuber wären über das Meer in das nahe Marokko geflohen, machen sie sich über Spanien auf den Weg nach Frankreich.

In Paris werden sie bei dem Versuch eine große Menge Geldscheine zu wechseln, von der Polizei festgenommen.
Palma Inácio muss wieder ins Gefängnis, bis die Regierung von Präsident Charles De Gaulle entscheidet ob sie ihn an Portugal ausliefern soll, so wie es Salazar wünscht, oder nicht.
Nach sechs Monaten kommt die französische Regierung zu dem Entschluss, das der Banküberfall politisch motiviert war, und nicht nur kriminell. Palma Inácio wird daraufhin frei gelassen.

Er hätte sich spätestens jetzt zur Ruhe setzen können.
Aber er ist weiterhin politisch aktiv und 1972 betritt er erneut sein Heimatland.
Er will diesmal irgendeinen hohen Politiker des Regimes entführen, um ein politisches Zeichen zu setzen.
Doch er gerät erneut in die Fänge der Geheimpolizei PIDE und wird bei der Vorbereitung zu diesem Coup festgenommen und später im Gefängnis von Caxias schwer gefoltert.
Erst am 26. April 1974, einen Tag nach der geglückten Nelkenrevolution, kommt er, wie viele andere politische Gefangene, frei.
Endlich sieht er sich am Ziel seiner Träume – einem freien Portugal!

Nachdem Portugal nun eine Demokratie ist, begibt er sich freiwillig in die Stadt Figueira da Foz, um dort auf einem öffentlichen Platz, Rechenschaft über das Geld abzugeben, welches er 1967 dort beim Bankraub gestohlen hat.

Am 14. Juli 2009 stirbt er, verarmt aber nicht alleingelassen, in einem Altersheim in Lissabon.
Er, der er ein Kämpfer für die Freiheit und die Demokratie war, war wohl der letzte romantische Revolutionär Portugals.

Montag, 8. Juni 2009

Wenn deutsches Essen zum Tode führt


Im vorhergehenden Text „Andere Länder – andere Anschriften“ habe ich dem Leser meines Blogs versucht zu verdeutlichen, das es eine Zeit in Portugal gab, in der die Geheimpolizei PIDE Angst und Schrecken in der Bevölkerung Portugals verbreitete.
Diese Angst war teilweise so groß, dass selbst im Ausland lebende Portugiesen unter „Verfolgungswahn“ litten; zu Unrecht, den die PIDE operierte nicht außerhalb Portugals und seinen Überseegebieten, so wie man heute weiß.
Und zu diesem Thema ist mir heute eine Geschichte wieder eingefallen, die mich schon in Deutschland immer sehr fasziniert hat, denn ich habe sie als junger Mann mal entweder im Spiegel oder im Stern gelesen, und dann bei einem Besuch in Bonn bestätigen können.

Die Geschichte handelt von Armando oder Armindo Rodrigues de Sá, ich weiß nicht mehr genau, wie der Mann hieß.
Dieser Rodrigues de Sá kam in den 60er Jahren, nach einer mehrtägiger Zugfahrt aus Lissabon, im Kölner Bahnhof an. Als er aus dem Zug aussteigt, hört er wie aus den Lautsprechern sein Name ausgerufen wird. Das kann, so denkt er sich, und gesteht es Jahre später in einem Interview, nur die Geheimpolizei PIDE sein, die nach ihm sucht. Soll er sich wirklich zu erkennen geben? Er wagt es, und ist plötzlich von einem Blitzlichtgewirr umgeben. Hunderte Menschen applaudieren ihm und ein Mann mit Brille und im schwarzen Anzug überreicht ihm Blumen, einen Fresskorb und ein Moped.
Ohne es zu wissen, ist Rodrigues de Sá in diesem Moment der millionste Gastarbeiter Deutschlands geworden.
Er arbeitet jahrelang in einer Zementfabrik in der Nähe von Köln, lebt in einer Arbeiterbaracke und spart sich jede Mark zusammen, um seiner Familie in Portugal ein besseres Leben zu ermöglichen.
15 oder 16 Jahre nach seiner Ankunft in Köln, stirbt Rodrigues de Sá, in der Zwischenzeit wieder in Portugal, an Magenkrebs. Seine Familie ist sich nach seinem Tod sicher, das kann nur am schlechten deutschen Essen gelegen haben...

Keiner denkt heute mehr an Rodrigues de Sá. Aber ein besonderes Erinnerungsstück wird auf immer und ewig an diesen portugiesischen Gastarbeiter erinnern: Das Moped, welches er bei seiner Ankunft in Deutschland geschenkt bekommen hat, steht heute im „Haus der Geschichte“ in Bonn. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!