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Sonntag, 2. März 2014

Wie der Karneval nach Brasilien kam


Der große brasilianische Dichter und Schriftsteller Carlos Drummond de Andrade soll einmal gesagt haben, das „der Karneval das größte Geschenk Portugals an Brasilien sei“ (port.: „O carnaval é o maior presente de Portugal para o Brasil“).
Wenn Drummond de Andrade das als Brasilianer so sieht, dann will ich ihm nicht widersprechen.

Es ist schon wahr, dass die Portugiesen es waren, die den Karneval (port.: carnaval) in die ehemalige südamerikanische Kolonie gebracht haben.
Aber es waren zweifellos die Brasilianer selbst, die aus diesen eigentlich religiösen Tagen vor der Fastenzeit, das größte Volksfest der Welt machten.

Im Portugal des 16. und 17. Jahrhunderts waren die Wochen vor der großen Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch (port.: quarta-feira de cinzas) begann und dann bis zu Ostern (port.: páscoa) dauerte, eine ausgelassene, ausschweifende und manchmal sogar recht hemmungslose und anrüchige Zeit.
Die vierzigtägige Fastenzeit die aber dann nach Aschermittwoch folgte, war voller Verbote. Vor allem essenstechnisch war den Gläubigen damals von der katholischen Kirche so einiges untersagt.

So war es einem Katholik damals, unter anderem, nicht erlaubt in der Fastenzeit Fleisch (port.: carne) zu essen.
Von dem portugiesischen Wort „carne“ leitet sich das Wort „carnaval“ (dt.: Karneval) ab, was so viel wie „Verzicht auf Fleisch“ bedeutet.
Die Tage vor Aschermittwoch aber, also die Karnevalszeit, wurden selbst im ärmsten Haushalt ausgiebig gefeiert. Die, die es sich leisten konnten, luden Freunde ein und feierten den Karneval mit großen Festen und manche sogar mit Maskenbällen.

Es waren Portugiesen aus der Insel Madeira, die Ende des 17. Jahrhunderts diese Tradition des überschwänglichen Feierns vor der Fastenzeit nach Brasilien brachten.
In einem Bericht aus Rio de Janeiro, aus dem Jahre 1723, wird zum ersten Mal über den Karneval berichtet, oder „entrudo“, wie er in Brasilien auch genannt wurde und wird.
Damals wurden die Tage vor Aschermittwoch, wie im alten Portugal, ausgelassen gefeiert. So ausgelassen, dass sich neue Sitten entwickelten.
Eine dieser neuen Sitten war es z. B. damals Freunde oder völlig Unbekannte nass zu machen und dann mit Puder oder Kalk zu bewerfen.
Ein anderer Brauch war es Streiche zu spielen. Diese Streiche konnten manchmal sehr heftig und schmerzhaft sein. Da war es besser, man maskierte sich, um ja nicht wieder erkannt zu werden.
Heutzutage haben buntes Konfetti und Luftschlangen die Rolle des Puders und des Kalks übernommen und die meisten tragen heute eine Maske nur noch so aus Spaß – außer sie haben vor eine Bank zu überfallen…

Als die portugiesische Königsfamilie Anfang des 19. Jahrhunderts vor Napoleon Bonaparte aus Portugal fliehen musste, machte sie Rio de Janeiro zur Hauptstadt des portugiesischen Königreichs.
Irgendwann, kurz nach seiner Ankunft in Brasilien, gewann auch König João VI Gefallen an dem karnevalistischen Treiben der sich in den Straßen Rio de Janeiros vollzog.
Es dauerte nicht lange und João VI gab 1811 seinen ersten Karnevalsmaskenball. Die oberen Zehntausend machten es ihm nach, und feierten alsbald den Karneval jedes Jahr recht stimmungsvoll. Diese Feiern verliefen natürlich viel gesitteter ab, als etwa die auf den Straßen Rio de Janeiros, Salvadors oder Pernambucos.
Von Jahr zu Jahr etablierte sich der Karneval immer mehr in der brasilianischen Gesellschaft.

Um das Jahr 1900 begannen die Farbigen mit ihrer Musik und ihren Tänzen den Karneval zu bereichern.
Als am 11. April 1923 die erste Sambaschule Rio de Janeiros, die „Escola de Samba Portela“, gegründet wurde, spielte die Hautfarbe ihrer Mitglieder keine Rolle mehr.
Ohne Übertreibung kann man sagen, dass der Karneval dazu beigetragen hat, die brasilianische Gesellschaft zu einigen und zu festigen -  über alle sozialen Schichten, über alle Rassenprobleme und über alle politischen Meinungsverschiedenheiten hinweg!

Dienstag, 29. November 2011

Das brasilianische Exil der portugiesischen Königsfamilie


Heute vor 204 Jahren, am 29. November 1807, ging die portugiesische Königsfamilie, mit einem Teil ihres Hofstaates, ins brasilianische Exil. Königin Maria I, ihr Sohn der Thronfolger Infant João, die königlichen Infanten und Infantinnen, ein Teil des Hochadels, mehrere Minister und Staatsbeamte, sowie Militärs, Hofdamen, Ärzte, Handwerker, Kirchenmänner, Köche und Diener, alle machten sie sich an diesem Tag, über den Atlantik, nach Rio de Janeiro.

Zu diesem Exil war es gekommen, weil sich Frankreich unter Napoleon Bonaparte einen Monat zuvor, am 27. Oktober 1807, im Vertrag von Fontainebleau mit Spanien, das militärische Durchmarschrecht nach Portugal zugesichert hatte.
Der französische General Junot überschritt daraufhin die spanisch-portugiesische Grenze und begann das Land zu besetzen.
Schnell kamen die napoleonischen Truppen voran und die Portugiesen konnten der französischen Invasion kaum einen nennenswerten Widerstand entgegenbringen. Die Truppen Generals Junot kamen so der portugiesischen Hauptstadt von Tag zu Tag näher. Da der Regent und Sohn der Königin, Infante João, sich weigerte zu kapitulieren, und da er nicht ein Gefangener und somit eine Marionette Napoleons sein wollte, beschloss er, nach einer Abmachung mit England, mit seinem gesamten Hofstaat in die damalige Kolonie Brasilien zu ziehen und von dort aus die Regierungsgeschäfte über Portugal, so weit wie möglich, zu übernehmen.
Die Behörden in Lissabon stellen daraufhin in den ersten Novembertagen über 11.000 Pässe für jeweilige Überfahrten nach Brasilien aus.

Es muss damals genauso ein trister und nebeliger Tag gewesen sein, wie es heute einer war. Die Flotte, die die damals schon geistig umnachtete Königin Maria I und ihr Gefolge an diesem Tag nach Brasilien brachte, bestand aus den folgenden 16 königlichen Segelschiffen:

• Nau (dt.: Karacke) „Principe Real“ – unter dem Kommando von Kapitän Francisco José do Canto Castro e Mascarenhas

• Nau „Afonso de Albuquerque“ – unter dem Kommando von Kapitän Inácio da Costa Quintela

• Nau „Rainha de Portugal“ – unter dem Kommando von Kapitän Francisco Manuel Souto-Maior

• Nau „João de Castro“ – unter dem Kommando von Kapitän Manuel João Loccio

• Nau „Medusa“ – unter dem Kommando von Kapitän Henrique da Fonseca de Sousa Prego

• Nau „Principe do Brasil“ – unter dem Kommando von Kapitän Francisco de Borja Salema Garção

• Nau „Conde Dom Henrique“ – unter dem Kommando von Kapitän José Maria de Almeida

• Nau „Martins de Freitas“ unter dem Kommando von Kapitän Manuel de Menezes

• Fregatte (port.: Fragata) „Minerva“ – unter dem Kommando von Kapitän Rodrigo José Ferreira Lobo

• Fregatte „Golfinho“ – unter dem Kommando von Kapitän Luis da Cunha Moreira

• Fregatte „Urânia“ – unter dem Kommando von Kapitän João Manuel

• Brigg (port.: Brigue) „Lebre“ – unter dem Kommando von Kapitän Daniel Tompsom

• Brigg „Voador“ – unter dem Kommando von Kapitän Maximiliano de Sousa

• Brigg „Vingança“ – unter dem Kommando von Kapitän Diogo Nicolau Keating

• Schoner (port.: Escuna) „Furão“ – unter dem Kommando von Kapitän Joaquim Martins

• Schoner „Curiosa“ – unter dem Kommando von Kapitän Isidoro Francisco Guimarães

An die 10.000 Personen wurden an diesem nebeligen Novembertag auf diesen 16 königlichen Segelschiffen evakuiert. Die königliche Familie war, im Vergleich zu anderen königlichen Familien der damaligen Zeit, recht klein. Sie bestand nur aus 14 Personen, wovon die Hälfte Kinder waren. Laut Zeugenberichten von damals, brach an diesem Tag der Abreise der komplette Chos aus. Tausende Menschen versuchten am Hafen von Lissabon einen Platz auf einem der Schiffe zu ergattern, die sie nach Brasilien bringen sollten. Ein wunderschönes Gemälde im Lissabonner Kutschenmuseum (port.: Museu dos coches), das den Titel „A partida da Familia Real para o Brasil“ (dt.: „Abreise der königlichen Familie nach Brasilien“) trägt, zeigt auf eindrucksvolle Weise diesen Moment der Abreise.

Die 14 Mitglieder der königlichen Familie, die an jenem 29. November 1807 die Überfahrt nach Brasilien antraten, waren:


• Königin Maria I – geboren in Lissabon am 17.12.1734. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Principe Real“. Sie stirbt am 20.03.1816 in Rio de Janeiro, ohne jemals wieder portugiesischen Boden zu betreten

• Infante João – geboren am 13.05.1767 in Lissabon. Kronprinz und Regent seiner Mutter Maria I, späterer König João VI. Er macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Príncipe Real“

• Infantin Carlota Joaquina – geboren am 25.04.1775 in Aranjuez / Spanien. Kronprinzessin und Ehefrau von Infante João. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infante Pedro – ältester Sohn von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 12.10.1798 in Queluz bei Sintra. Zukünftiger König Pedro IV von Portugal und Kaiser Pedro I von Brasilien. Er macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Principe Real“

• Infante Miguel – zweitältester Sohn von Infahte João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 26.10.1802 in Queluz bei Sintra. Er macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Príncipe Real“

• Infantin Maria Teresa – älteste Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 29.04.1793 in Lissabon. Verheiratet mit Infante Pedro Carlos. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infantin Maria Isabel Francisca – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 19.05.1797 in Queluz bei Sintra. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infantin Maria Francisca de Assis – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren in Queluz bei Sintra, am 22.04.1800. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Rainha de Portugal“

• Infantin Isabel Maria – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren am 04.07.1801 in Queluz bei Sintra. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Rainha de Portugal“

• Infantin Maria da Assunção – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren in Queluz bei Sintra am 25.07.1805. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infantin Ana Jesus Maria Assunção – Tochter von Infante João und Infantin Carlota Joaquina. Geboren in Mafra am 23.10.1806. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Afonso de Albuquerque“

• Infantin Maria Francisca Benedita – Schwester von Königin Maria I. Geboren in Lissabon am 25.07.1746. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Rainha de Portugal“

• Infantin Maria Anna de Jesus – Schwester von Königin Maria . Geboren am 07.10.1736 in Lissabon. Sie macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Rainha de Portugal“. Sie stirbt am 16.05.1813 in Rio de Janeiro

• Infante Pedro Carlos de Borbon e Bragança – Geboren am 18.06.1786. Schwager von Infante João, verheiratet mit dessen Schwester Infantin Maria Teresa. Er macht die Überfahrt auf dem königlichen Segelschiff „Nau Principe Real“. Er stirbt am 26.05.1812 in Rio de Janeiro

Als General Junot an diesem Tag um kurz nach 9:00 Uhr früh in Lissabon einmarschierte, konnte er von dem Stadthügel „Alto de Santa Catarina“ nur noch in der Ferne die Flotte auf ihrem Weg nach Rio de Janeiro sehen. Er hatte zwar Lissabon, und somit ganz Portugal, vorerst für Napoleon Bonaparte eingenommen, aber die Königin und ihr Gefolge waren ihm praktisch in letzter Minute entkommen. Portugal sollte, in den kommenden Jahren, von Brasilien aus regiert werden und die Hauptstadt des Königreiches und alle politischen und kulturellen Institutionen wurden ab diesem Tag der Abreise nach Rio de Janeiro verlegt. Erst im Jahre 1821 sollte João VI, der nach dem Tode seiner Mutter Maria I, in Rio de Janeiro zum König gekrönt worden war, nach Lissabon und Portugal zurückkehren.

Montag, 13. Juni 2011

Eselsohren: „Império à deriva“


Leider komme ich in letzter Zeit noch kaum zum lesen eines guten Buches.
Umso mehr habe ich mich gefreut, die letzten Tage genug Zeit gehabt zu haben, um wieder einmal etwas zu schmökern.

Ich bin heute mit dem Lesen des Buches „Império à deriva“ (dt.: „Verjagtes Imperium“ / engl.: „Empire Adrift“) zu Ende.
Ich hatte dieses Buch von Patrick Wilcken schon einmal, vor gut zwei oder drei Jahren, gelesen, aber jetzt gerne wieder zur Hand genommen.
In seinem Werk beschreibt Wilcken das Leben des Portugiesischen Königshauses im brasilianischen Rio de Janeiro zwischen den Jahren 1808 und 1821.

In diesen Jahren lebte die portugiesische Königsfamilie mit dem gesamten Hofstaat in Brasilien im Exil, nachdem sie vor den vandalisierenden und mordenden Truppen Napoleons aus Lissabon geflohen waren.
In dem Buch wird ausführlich erzählt, wie die königliche Familie die Jahre in Rio de Janeiro verbrachte und wie ihr Alltag, wenn man es so nennen darf, dort verbrachten.

Es war im Jahre 1807, die napoleonischen Truppen hatten bereits Spanien überrannt und machten sich nun daran Portugal zu erobern, als der Thronregent João, der seine geistig umnachtete Mutter Königin Maria I in den Amtsgeschäften vertrat, beschloss mit seiner ganzen Familie, seinem Hofstaat und der Regierung in die größte Kolonie Portugals, nämlich Brasilien, ins Exil zu gehen.

Zwar hatte er, der er mit der Seefahrt nichts am Hut hatte sondern eher große Banketts liebte, eine panische Angst vor einer Monate langen dauernden Schiffsreise auf dem Atlantik und vor dem was ihn in Lateinamerika erwartete, aber er sah in der Flucht nach Brasilien den einzigen Weg, nicht in die Fänge Napoleon Bonapartes zu geraten.

So stechen am 29. November 1807 schätzungsweise 10.000 Aristokraten, Minister, Kirchenmänner und Bedienstete in Richtung Rio de Janeiro in See.
An einem einzigen Tag wird der ganze Regierungsapparat einer Weltmacht „evakuiert“.
Am gleichen Tag erobern der verhasste französische General Jean-Andoche Junot und seine Männer, mit Hilfe spanischer Truppen, die portugiesische Stadt Lissabon, die ab diesem Tag, auf Befehl des Königs und seiner Regierung, offiziell nicht mehr die Hauptstadt des Landes ist.
Die Hauptstadt Portugals wird für die nächsten 13 Jahre, so lange dauert die französische Invasion in Portugal und das Exil des Königs in Brasilien, Rio de Janeiro sein.

Als die Königliche Flotte am 21. Januar 1808 in Rio de Janeiro anlandet, sehen die verdutzten Einwohner der Stadt wie der hohe Besuch aus Europa total verlaust, stinkend und zerlumpt von Bord geht.
So hatten sich die Untertanen ihrer Majestät Maria I ihre Königin und ihre Familie wahrlich nicht vorgestellt…
Sie sollten sich die nächsten 13 Jahre noch mehr wundern.

Aber die Flucht der königlichen Familie nach Brasilien war wohl auch der wichtigste Meilenstein in der Geschichte des jungen Brasiliens.
Von einem Tag auf den anderen bekam Brasilien, vor allem aber die Hauptstadt Rio de Janeiro, eine Infrastruktur und noch vieles mehr, wovon andere kolonialen Städte und Länder der damaligen Zeit nur Träumten.

Die Moderne, die Sprache, die Kultur und die Einheit Brasiliens nahmen damals, mit dem Aufenthalt des portugiesischen Hofes, ihren Anfang.

Dies erklärt auf beeindruckende und lesenswerte Art und Weise der junge Schriftsteller Patrick Wilcken in seinem hier erwähnten Buch.
Patrick Wilcken ist im australischen Sydney aufgewachsen, hat am renommierten Goldsmith College Anthropologie und am Institute of Latin American Studies in London studiert, bevor er bei Amnesty International arbeitete.
Im Jahre 2004 schreibt er sein Buch „Empire Adrift“, das dann im Jahre 2005 in der portugiesischen Übersetzung „Império à deriva“ in dem Verlag „Civilização Editora“ erscheint.

Leider ist mir nicht bekannt ob es dieses Buch auch in einer deutschen Übersetzung gibt.
Sollte dem so sein, so kann ich jedem die Lektüre des selbigen nur empfehlen, denn er wird ein Buch voller lesenswerten, interessanten, historischen und faktenreichen Geschichten lesen.

Dienstag, 19. Januar 2010

Der 62-Tage-Prinzgemahl


Fast auf den Tag genau, vor 175 Jahren, nämlich am 25. Januar des Jahres 1835, landete mit der Korvette „Nauenburg“, aus London kommend, ein junger Prinz im Tejo an, der dazu bestimmt war durch die Heirat mit Königin Maria II, Prinzgemahl von Portugal zu werden.

Dieser junge Prinz war August, Herzog von Leuchtenberg (port.: Augusto, Duque de Leuchtenberg).
August war ein stattlicher, gut aussehender und hoch intelligenter junger Prinz, der sowohl der Kunst und der Literatur, als auch dem Militärhandwerk zugeneigt war.
Er hätte eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des portugiesischen Königshauses werden können.
Doch das Schicksal wollte es anders, und so wurde aus Augusto de Leuchtenberg nur eine der tragischsten Figuren der Monarchie.

Als Sohn des Generals Eugen de Beauharnais und Leuchtenberg und der bayerischen Prinzessin Auguste Amelie, wurde er am 09. Dezember 1835, als August Karl Eugen Napoleon de Beauharnais, Herzog von Leuchtenberg (port.: Augusto Carlos Eugénio Napoleão de Beauharnais, Duque de Leuchtenberg), in München geboren.

August war ein Nachfahre von Kaiserin Josefine, der Gemahlin Napoleon Bonapartes und er war ein Bruder der brasilianischen Kaiserin Maria Amélia, die Kaiser Pedro I geehelicht hatte.

Als 1828, die damals 12jährige Kronprinzessin Maria von Portugal in London als Gast von Queen Victoria weilt, trifft sie zum ersten Mal, auf einem Ball, auf August von Leuchtenberg.
Es soll Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, so berichten die Chronisten. Und da muss auch etwas Wahres dran sein, denn über sieben Jahre lang, bis zu ihrer Heirat, sollen die Kronprinzessin und der Prinz sich mehrere hundert Briefe geschrieben haben.

Kaiser Pedro I von Brasilien, selbst ein hoffnungsloser Romantiker, der zugunsten seiner Tochter Maria auf den portugiesischen Thron verzichtet hatte, steht damals einer Liebesheirat seiner Tochter mit dem deutschen Prinzen nicht im Wege.

Und so gehen Augusto de Leuchtenberg, wie er fortan in Portugal heißen wird, und die gerade erst 19jährige Königin Maria II, am 26. Januar 1835, den Bund der Ehe ein.

Die Hochzeit wurde in der Kathedrale von Lissabon (port.: Sé de Lisboa) zelebriert und laut den Chroniken sollen auf den Straßen der Hauptstadt tausende von Menschen dem jungen Paar begeistert zugejubelt haben.
Als Hochzeitsgeschenk bekam der Prinz den Titel eines Grafen von Santa Cruz.

Die Heirat zwischen Augusto und Maria II war, wie schon erwähnt, eine Liebeshochzeit, was zur damaligen Zeit, als es noch ganz normal war eine königliche Ehe rein aus politischen Gründen zu arrangieren, äußerst selten war.
Um so tragischer ist dann aber die Tatsache, das die Ehe zwischen Königin Maria II und ihrem Prinzgemahl gerade mal nur zwei Monate hielt.

Augusto de Leuchtenberg übernimmt als königlicher Prinzgemahl am 20. März 1835 das Amt des Oberbefehlshabers der Portugiesischen Truppen (port.: Comandante-chefe do Exército das Tropas Portuguêsas). An diesem Tag nimmt er in Almeirim, bei strömendem Regen, eine Ehrenparade ab.
Hier fängt er sich eine so schwere Grippe ein, von der er sich nicht mehr erholen wird.
Am 28. März 1835 stirbt Augusto de Leuchtenberg, nach nur 62 Tagen in Portugal, im Palácio das Necessidades, in Lissabon.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Von Raubkunst und ihrer schweren Rückgabe


Diese Woche hat die Portugiesische Kulturministerin Gabriela Canavilhas, im Namen der Portugiesischen Regierung und des Prämieministers José Socrates ein offizielles Schreiben an die Französische Staatsregierung gesendet, in der sie den Französischen Staat darum bittet (die Zeiten sind vorbei, indem man forderte; jetzt wird freundlich darum gebeten!) portugiesische Kulturgüter und –schätze, die während der französischen Besetzungszeit vor 200 Jahren außer Landes geschafft wurden, zurückzugeben.

Von 1807-1811 hatten nämlich die napoleonischen Truppen, allen voran General Geoffrey Saint Hilaire, die portugiesischen Paläste, Kirchen, Klöster und Bürgerhäuser regelrecht ausgeräumt.
Saint Hilaire handelte damals ausdrücklich auf Napoleon Bonapartes Befehl, der ihm schriftlich die Erlaubnis erteilt hatte, „…alles aus Portugal mitzunehmen, was sie Monsieur, für unsere Grande Nation als wertvoll betrachten…“.

Damals fanden schätzungsweise 900 voll beladene Ochsenkarren mit Möbeln, Teppichen, Gemälden, Kunsthandwerk, Schmuck und Büchern ihren Weg von Portugal nach Paris.
Und so kommt es, dass heute wertvolle indo-portugiesische Wandteppiche im Stadtmuseum von Lyon hängen, Porzellan aus Macau im Louvre ausgestellt ist, goldener und edelsteinverzierter Kirchschmuck im Nationalmuseum von Marseilles in den Vitrinen ausgestellt wird und Gemälde portugiesischer Maler in den Museen für Alte Kunst in Bordeaux und Nantes hängen.

Bis heute weigerte sich die französische Regierung hartnäckig diese geraubten Kunstschätze an Portugal wieder zurückzugeben.
Aber die Zeiten haben sich geändert.
Denn nach einem neuen Gesetz der EU dürfen solche geraubten Kunstwerke nicht mehr öffentlich ausgestellt werden, d.h. die geraubte Kunst ist für Frankreich somit wertlos geworden.

Die Depots der französischen Museen sind übervoll, und so stehen die Chancen gut, das dieses Mal der Bitte des Portugiesischen Kulturministeriums entsprochen wird, und einige Kunsthandwerkstücke, Möbel und Gemälde ihren Weg wieder nach Portugal finden.

Aber es gibt auch Widerstand gegen eine Rückgabe an Portugal:
Der Direktor des Musée National d´Histoire Naturelle de Paris (dt.: Naturhistorisches Nationalmuseum von Paris), dessen Museum über 50% seiner fossilen Pflanzen, Dinosaurierskeletten und seltenen Steinen und Mineralien dem ehemaligen Naturhistorischen Museum von Lissabon verdankt, hat z.B. schon gedroht, seine Ausstellungsstücke lieber in den Lagerdepots vergammeln zu lassen, als sie freiwillig an Portugal zurückzugeben.

Zum Glück hat auch in Frankreich, wie in jeder gut funktionierenden Demokratie auf der Welt, der Staatspräsident und die Regierung das Sagen, und nicht so ein popeliger Museumsdirektor, der noch voll und ganz auf Napoleons Schiene zu fahren scheint.