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Mittwoch, 22. April 2015

Tomar






Das reizvoll in der mittelportugiesischen Landschaft Ribatejo, unweit nördlich vom Tejo, am Fluss Nabão gelegene Städtchen Tomar hat knapp 41.000 Einwohner und ist vor allem wegen seines mächtigen Ordenskloster der Christusritter, das seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe ist, bekannt.

Das Flüsschen Nabão teilt das recht ansprechende Städtchen in einen westlichen und einen östlichen Teil.
Das historische Zentrum befindet sich westlich des Flusses, rund um die Praça da República.
An diesem zentralen Platz, an dem ein Denkmal für den Stadtgründer Gualdim Pais steht, befindet sich die um 1490 erbaute Kirche São João Baptista mit ihrem wunderschönen, zierlichen manuelistischen Portal.
Vor dieser Kirche beginnt das nur alle vier Jahre stattfindende größte Stadtfest von Tomar, die „Festa dos Tabuleiros“ (port.: Fest der Präsentierplatten), mit einem traditionellen Volksfestumzug.

Bei dieser religiösen Prozession ziehen weißgekleidete Mädchen und Frauen durch die Straßen der Altstadt und balancieren auf ihren Köpfen hohe Präsentierplatten (port.: tabuleiros), auf denen sich immer 30 Brotlaibe türmen, die mit Ähren, bunten Papierblumen, Klatschmohn und Weinlaub geschmückt sind. Jeder „tabuleiro“ hat in der Regel die Höhe des Mädchens, das ihn auf den Kopf trägt.
Mit diesem Fest soll an die Zeremonie erinnert werden, mit der im 14. Jahrhundert vom Heilig-Geist-Orden Lebensmittel bei Prozessionen an die Armen verteilt wurden.

Etwas südlich von der Praça da República steht die aus dem 15. Jahrhundert stammende alte Synagoge im alten Judenviertel (port.: judiaria), indem sich das kleine jüdische Museum Abraão Zacuto (port.: Museu Luso-Hebraico Abraão Zacuto) befindet, das nach Abraham ben Samuel Zacuto, dem jüdischen Astronomen von König João II, benannt ist. Tomar gehört heute, auf Grund seiner jüdischen Geschichte, der „Rede de Judiarias“ an, einer Gruppe von historischen portugiesischen Stätten mit ehemals bedeutenden jüdischen Gemeinden, zu denen z.B. auch die Städte Belmonte, Évora, Lamego und Trancoso gehören.

Östlich von der Synagoge überquert die Ponte Velha (port.: Alte Brücke) den Rio Nabão.
In einer Sandbank des Flusses wurde der hübsche Park do Mouchão angelegt, in dessen Umgebung sich die Kirche Igreja de Santa Maria do Olival befindet, die lange Zeit Sitz des großen Ordenskapitels und Mutterkirche aller Ordenskirchen in Portugal und all seinen Kolonien war. Das Innere der ehemaligen Templerkirche entstammt überwiegend aus der Renaissancezeit und in ihr befinden sich die Gräber zahlreicher Ordensmeister und Ritter, auch das des Großmeisters und Stadtgründers Gualdim Pais.

Unweit der Kirche Igreja de Santa Maria do Olival führt, an der alten Kapelle Eremida de Nossa Senhora da Conceição vorbei, eine kurvenreiche Straße hinauf zur Christusritterordensburg (port.: Convento da Ordem de Cristo), der wohl bedeutendsten Sehenswürdigkeit der Stadt Tomar.

Der Christusritterorden (port.: Ordem de cavalharia de Nosso Senhor Jesus Cristo) wurde einstmals von den Templern zur „Verteidigung des Glaubens und zur Bekämpfung der Mauren“ als Templerorden im Jahre 1118 infolge des Ersten Kreuzzuges gegründet. Der Templerorden war der erste Orden der die bis dahin streng getrennten Stände der Mönche und Ritter miteinander verband.
Im Jahre 1159 siedelte sich der Templerorden unter seinem vierten Großmeister Gualdim Pais, einem Ritter der mit König Afonso Henriques in der Schlacht von Ourique gegen die Mauren gekämpft hatte, in Portugal an.
Gualdim Pais war es dann auch der ein Jahr drauf, 1160, hoch über dem rechten Ufer des Nabão eine Burg erbauen ließ – dies war die Geburtsstunde von Tomar.
Im Jahre 1312 wurde der Orden durch fadenscheinigen Anschuldungen des französischen Königs Philipp IV von Papst Clemens V aufgelöst und verboten.

Nach dem päpstlichen Verbot des Templerordens, der auch in Portugal befolgt werden musste, gründete im Jahre 1317 der portugiesische König Dinis den Christusritterorden. Vor allem französische Mitglieder des verbotenen Templerordens die vor König Philipp IV nach Portugal geflohen waren fanden in dem neuen Orden Zuflucht. Recht schnell erlangte der Christusritterorden an Bedeutung und vor allem unter den späteren Großmeistern Heinrich dem Seefahrer (port.: Henrique o Navegador) und König Manuel I hatte der Orden seine Glanzzeit.

Mit Mitteln des Ordens – die Güter und Reichtümer des ehemaligen Templerordens waren fast alle auf den Christusritterorden übertragen worden – wurden Entdeckungsexpeditionen an die Westküste Afrikas entsandt und damit die Kolonialerwerbung der europäischen Völker eingeleitet. Unter König Manuel I, Großmeister ab 1484, bildeten die Christusritter mit ihren Besitzungen in Afrika und Ostindien den reichsten Orden der Christenheit.

Die hoch über Tomar thronende Christusritterordensburg besteht heute aus mehreren stattlichen Bauten des 12. bis 17. Jahrhunderts, von dem einer der wichtigsten wohl die zinnengekrönte achteckige Templerkirche ist, mit deren Bau im Jahre 1162 begonnen und die nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem errichtet wurde. Der überreiche Innenschmuck dieser Kirche – vergoldete Holzschnitzereien, Fresken und Statuen – stammt fast ausnahmslos aus dem 16. Jahrhundert.

Die an die Templerkirche angrenzende Christusritterkirche, mit deren Bau 1515 nach Plänen von João de Castilho – dem Baumeister der später auch am Hieronymuskloster in Lissabon und dem Kloster von Batalha mitgewirkt hat – begonnen wurde, gilt als eines der hervorragendsten Baudenkmäler manuelistischen Stils in Portugal. Das Äußere der Kirche ist über und über mit Schmuckwerk und Statuen beladen und vor allem das weltberühmte prunkvolle „Fenster von Tomar“ (port.: Janela de Tomar) des alten Kapitelsaals zeigt den manuelistischen Stil in seiner schönsten Vollendung.
Die Prachtentfaltung der Templerburg drückt sich ohne Zweifel vor allem in der Architektur der insgesamt acht Kreuzgänge (port.: claustros) aus, die man hier findet.

Da wäre zum einen der älteste Kreuzgang der Templerburg, der Claustro do Cemitério (dt.: Friedhofskreuzgang), der aus der Zeit des Großmeisters Heinrich dem Seefahrer stammt und mit wunderschönen Fliesen im Mudejarstil ausgestattet ist. In diesem Kreuzgang wurden einstmals traditionell die Ritter und Mönche des Christusordens bestattet.

Östlich neben dem Friedhofskreuzgang befindet sich der zweistöckige Claustro da Lavagem (dt.: Kreuzgang der Waschungen), ein weiterer Kreuzgang aus der Zeit des Großmeisters Heinrich des Seefahrers. In ihm fanden früher immer die religiösen Waschungen der Rittermönche statt.

Ein weiterer Kreuzgang der Templerburg ist der Claustro da Hospedaria (dt.: Kreuzgang der Beherbergung). Wie der Name schon andeutet war dieser Kreuzgang dazu bestimmt, die Personen zu beherbergen, die damals das Kloster als Besucher aufsuchten und dort verweilten.

In der Vorhalle des vom Architekten João de Castilho erbauten Claustro da Micha (dt.: Kreuzgang des Brotes) wurde einstmals das Brot an die Armen verteilt.

Der Claustro dos Corvos (dt.: Kreuzgang der Raben), der früher die Klosterküche beherbergte, ist der einzige Kreuzgang der Mönchsburganlage mit einem Garten.

Ein anderer Kreuzgang auf der Klosterburg ist der überaus prachtvolle Bau des  Claustro dos Filipes (dt.: Philippkreuzgang). Der Kreuzgang verfügt über zwei Stockwerke und von der Terrasse hat man einen grandiosen Überblick über die gesamte Klosteranlage. Hier im Claustro dos Filipes wurde im Jahre 1580 der spanische Monarch Felipe II als Filipe I zum König von Portugal gekrönt.

Vom Claustro dos Filipes gelangt man in den Claustro de Santa Barbara (dt.: Sankt-Barbara-Kreuzgang). Dieser kleine Kreuzgang wurde im Auftrag von König Manuel I im Stil der Frührenaissance erschaffen. Von der Terrasse dieses zweistöckigen Kreuzganges hat man den besten Nahblick auf das schon erwähnte prächtige manuelistische Fenster des Kapitelsaals der Christuskirche.
Das Fenster wird von zwei mächtigen Strebepfeilern, Tauwerk, Knoten, Bändern und vielem anderem, vor allem mit dem Motiv Meer verbundenem steinernem Schmuckwerk umgeben. Das portugiesische Wappen oberhalb des Fensters überragt heute noch das Kreuz der Christusritter.

Ein weiterer Kreuzgang ist der Claustro de João III (dt.: Kreuzgang von João III). Der Bau dieses Kreuzganges wurde unter König João III begonnen und erst unter dem Spanier Felipe II, der gleichzeitig auch König von Portugal war, und seinen Lieblingsarchitekten Filippo Terzi beendet. Filippo Terzi war auch der Baumeister der 6 km langen Wasserleitung Aqueduto dos Pegões, der die Klosterburg und die Stadt mit Wasser versorgte.

Im Jahre 1523 wurde der Christusritterorden auf Befehl von König João III zu einem reinen Mönchsorden. Die politische Bedeutung des Ordens nahm in den folgenden Jahrhunderten rapide ab, bis er im Zuge der Säkularisierung, aufgelöst wurde.
Der religiöse Orden wurde zwar aufgegeben, aber der Christusorden besteht seit 1834 als politische Auszeichnung für verschiedene Verdienste heute immer noch und ist der höchste Verdienstorden den Portugal aktuell zu vergeben hat.
Deutsche Träger des portugiesischen Christusordens waren und sind u. a. Alexander von Humboldt, Konrad Adenauer, Heinrich von Brentano, Gerhard Schröder und Hans-Diedrich Genscher.

Tomar ist zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert.
Aber vor allem jetzt im Frühsommer, wenn es überall in der Stadt blüht und duftet, ist die Stadt am Ufer des Rio Nabão ein wundervolles Erlebnis für Augen und Sinne.

Dieses Jahr findet vom 04. bis zum 13. Juni das nur alle vier Jahre stattfindende und hier am Anfang dieses Textes schon erwähnte berühmte Stadtfest „Festa dos Tabuleiros“ statt, eine Festivität voll religiösem Brauchtum, geschichtlicher Tradition und gut gelaunten Menschen jeden Alters.
Zum Abschluss ein Link von den Festlichkeiten der letzten „Festa dos Tabuleiros“ im Jahre 2011, aufgenommen von dem von mir sehr geschätzten Antonio Rovisco:



Donnerstag, 12. Januar 2012

Vasco da Gama


Wer jemals in Sines zu Gast war, wird von der Stadt an sich enttäuscht sein.
In einer felsigen und dünenreichen Bucht der südportugiesischen Atlantikküste des Baixo Alentejo gelegen, hat Sines, architektonisch gesehen, nicht viel mehr als eine kleine Fischerkapelle, eine vor Jahren restaurierte alte Burg und eine riesige, stinkende Erdölraffinerie zu bieten.
Aber, auch wenn Sines nicht besonders sehenswert ist, so ist die Stadt in Portugal doch als der Geburtsort eines großen Portugiesen bekannt.

Der berühmte Seefahrer und Entdecker Vasco da Gama ist nämlich ein Sohn dieser Stadt.
Sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, denn die Angaben in den verschiedenen Dokumenten schwanken zwischen 1460 und 1469.
Überhaupt weiß man heute recht wenig über das Leben des jungen Vasco da Gama.
Er wurde als Sohn von Estêvão da Gama und Isabel Sodré, deren Familie ursprünglich aus England stammte, geboren.
Vasco da Gama hatte mindestens vier Geschwister, darunter auch sein Bruder und Weggefährte Paulo da Gama. Einige Wissenschaftler sprechen gar von fünf oder sechs Brüdern und Schwestern.

Sein Vater Estêvão da Gama gehörte dem niederen Adel und dem Ritterorden von Santiago (port.: Ordem de Santiago) an. Er hatte das Amt eines Gouverneurs (port.: Alcaide-mor) der Städte Sines und Silves inne.
Estêvão da Gama besaß eine kleine Seifenfabrik in Estremoz, mit der er hauptsächlich den Lebensunterhalt seiner Familie bestritt.

Im Jahre 1480 trat auch Vasco da Gama in den Ritterorden von Santiago ein. Der Eintritt in diesen Orden bedeutete nicht automatisch die spätere Weihe zum Priester, sondern sie war lediglich die Voraussetzung dafür, später einmal
Einkünfte aus der Verwaltung und Bewirtschaftung der Güter des Ritterordens beziehen zu können.
Da der Eintritt in den Santiagoorden damals gewöhnlich im Alter von elf oder zwölf Jahren erfolgte, gehen heutige Historiker davon aus, das das Geburtsjahr von Vasco da Gama entweder 1468 oder 1469 war.
Aber wie schon erwähnt – sicher ist man sich nicht.

Sicher ist man sich allerdings darin, dass er im Santiagoroden ein Schüler des Mathematikers und Historikers Augusto Carlos Teixeira de Aragão war. Außerdem kam er durch den Orden zum ersten Mal mit der Seefahrt in Verbindung.
Da er den großen Astronomen Abraão ben Samuel Zacuto persönlich kannte (bitte lesen sie hierzu auch meinen Eintrag „Abraão ben Samuel Zacuto“ vom 07. Januar 2012), vermutet man, dass er von diesem auch in die Astronomie eingewiesen wurde.

Im Jahre 1492 beauftragt ihn König João II mit der Überwachung des Handels in der Hafenstadt Setúbal.
Zu seinen Aufgaben gehörte es, unter anderem, Angriffe französischer Piraten, gegenüber portugiesischen Handelsschiffen vor der Küste Westafrikas, zu unterbinden.
Einen Auftrag den Vasco da Gama, gnadenlos und mit aller Härte, zur vollsten Zufriedenheit des Königs erledigt.
Eine Tatsache die dazu führt, dass seine menschlichen Qualitäten bis heute sehr umstritten sind.
In zeitgenössischen Quellen wird Da Gama oftmals als tapfer, zäh, stolz, mutig und kompromisslos aber auch als jähzornig, hitzig und sogar brutal beschrieben.

Aber vielleicht ist gerade seine Kompromisslosigkeit der Grund, warum König Manuel I ausgerechnet ihn damit beauftragte den Seeweg nach Indien zu finden, obwohl er bis dahin nur geringe Kenntnisse in der Seefahrt hatte.
Zwar hatte er eine gute Beziehung zu Manuel I und genoss das völlige Vertrauen des Königs, aber ausschlaggebend für die Ernennung Vasco da Gamas zum Kommandanten der ersten Entdeckungsfahrt nach Indien, war wohl, das er der größte Verfechter der Suche des Seeweges nach Indien, um den afrikanischen Kontinent herum, gewesen war.

Am 08. Juli 1497 sticht Vasco da Gama vom Hafen des damaligen Lissabonner Vorortes Restelo in See.
Insgesamt vier Segelschiffe bilden die kleine Armada.
Die Nau „São Gabriel“, die eigens für diese Fahrt gebaut wurde, diente Vasco da Gama, mit Pêro de Alenquer als Steuermann, als Flagschiff.
Auf der Nau „São Rafael“, die ebenfalls eigens für diese Reise konstruiert wurde, übernahm sein Bruder Paulo da Gama, mit dem Steuermann João de Coimbra, das Kommando.
Kapitän Nicolau Coelho und Steuermann Pêro Escobar kommandieren die etwas ältere Nau „Bérrio“.
Und auf dem kleinen und alten Transportschiff „São Miguel“ hatte Kapitän Gonçalo Nunes das sagen.

Obwohl er geringe nautische Kenntnisse hatte, standen so Vasco da Gama einige der besten Steuermänner und Kapitäne der damaligen Zeit zur Verfügung.
Die gesamte Besatzung der Armada bestand aus 170 Seeleuten, sieben Priestern und 24 Sträflingen, deren Aufgabe es war, bei besonders riskanten Unternehmungen ihren Kopf hinzuhalten.
Ein Drittel dieser Männer wird die Rückkehr nach Portugal nicht mehr erleben.

Nach einer Woche auf dem Meer, passieren die Schiffe die Kanarischen Inseln und am 04. November erreichen sie die Bucht von Sankt Helena (port.: Baía de Santa Helena) an der südwestafrikanischen Küste.
Am 22. November umrundet die kleine Armada das Kap der Guten Hoffnung (port.: Cabo da Boa Esperança) und drei Tage später werfen sie vor der heutigen Moselbay die Anker.
Am Weihnachtstag des Jahres 1497 segeln sie an der südafrikanischen Küste vorbei, und taufen sie auf den Namen Natal.
Diese Küste ist heute Teil der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal.

Am 02. März 1498 ankert Vasco da Gama, nach Tagen voller schwerer Stürme und mehreren versuchten Meutereien seiner Mannschaft, in einer Bucht, die zum heutigen Moçambique gehört.

Fünf Wochen später, am 07. April 1498, erreichen sie die heutige kenianische Stadt Mombasa (port.: Mombaça), wo sie von den dortigen Bewohnern und arabischen Kauf- und Seeleuten feindlich empfangen werden.
Vasco da Gama segelt bis zur Stadt Malindi (port.: Melinde) weiter, wo sie freundlicher aufgenommen werden. In Malindi wird ihm vom Sultan der ortskundige Steuermann Ahamed ben Madjid zur Verfügung gestellt, der die Armada nach Indien bringen soll.

Dort kommt Vasco da Gama auch, am Morgen des 20. Mai 1498, nach einer zehnmonatigen Überfahrt, an dem Strand von Kappakadavu, nördlich der Stadt Calecut im heutigen indischen Bundesstaat Kerala, an.
Zum ersten Mal in der Geschichte, war es einem Menschen gelungen, den afrikanischen Kontinent zu Umfahren und so den Seeweg nach Indien zu entdecken!

Da Gama schließt mit Samutiri Manavikraman Rajá, dem Zamorin (dt.: Stadthalter) von Calecut einen Friedens- und Handelsvertrag ab, und am 29. August 1498 tritt er, mit damals wertvollen Gewürzen beladen, den Rückweg nach Portugal an.
Er lässt 18 Mann zurück, ausnahmslos Sträflinge, und gibt diesen den Auftrag, sie möchten einen portugiesischen Handelsplatz gründen.

Durch den Monsun kommt die Armada nur langsam voran. Erst am 07. Januar 1499 erreicht Vasco da Gama bei Melinde die afrikanische Küste.
Die weitere Fahrt erweist sich, auf Grund der schlechten Wetterverhältnisse, als ziemlich schwierig und langwierig.

Erst am 10. Juli 1499 erreicht das erste Schiff seiner Armada, die „Bérrio“, unter dem Kommando von Kapitän Nicolau Coelho, Lissabon.
Vasco da Gama selber, der sich wegen seines todkranken Bruders Paulo mehrere Wochen auf der Azoreninsel Terceira aufhält, kommt erst am 09. September 1499 in Lissabon an, wo er triumphal vom König empfangen wird.

König Manuel I belohnt ihn reichlich.
Er spricht ihm eine stattliche Jahresrente von 300.000 Reais zu, macht ihn im Dezember 1499 zum Gouverneur von Sines, ein Amt den zuvor sein Vater Inne hatte, und ernennt ihn zum „Almirante do Mar das Indias“ (dt.: Admiral der indischen Meere“).

Um das Jahr 1500 herum ehelicht Vasco da Gama die Adelige Catarina de Ataíde, eine Tochter des königlichen Stadthalters von Alvor, Afonso de Ataíde, und dessen Ehefrau Maria da Silva.
Mit Catarina de Ataíde hat Vasco da Gama später einmal sechs Söhne und eine Tochter.

Es sind dies:

• Pedro da Silva da Gama, der von 1548 bis 1552 Gouverneur (port.: Capitão-mor) von Malakka war
• Francisco da Gama, zukünftiger Haupterbe seines Vaters und zweiter Graf von Vidigueira
• Paulo da Gama, der zwischen 1533 und 1534 Gouverneur von Malakka war
• Isabel de Ataíde
• Álvaro da Gama
• Estêvão da Gama, der u. a. zwischen 1529-1534 Gouverneur von Elmina, zwischen 1534–1538 Gouverneur von Malakka und zwischen 1540–1542 Gouverneur des portugiesischen-indischen Staates (port.: Estado da Índia) war
• Cristovão da Gama

Am 12. Februar 1502 bricht Vasco da Gama, diesmal mit 21 Schiffen, zu seiner zweiten Fahrt nach Indien auf.
Er wird von mehreren Familienmitgliedern begleitet.
So sind seine Onkel Vicente Sodré und Brás Sodré Kapitäne auf zwei Schiffen der Flotte. Sein Cousin Estêvão da Gama und sein Schwager Lopo Mendes de Vasconcelos haben ebenfalls das Kommando auf zweien der 21 Schiffe.

Die Überfahrt nach Indien verläuft diesmal etwas zügiger. Auf dem Weg nach Calecut sichtet der Seefahrer im Juni 1502 ein paar Inseln, die er auf den Namen „Ilhas do Almirante“ (dt.: Admiralsinseln) tauft.
Diese Inseln kennen wir heute unter dem Namen Seychellen.

Als Da Gama in Calecut ankommt, muss er feststellen, dass die Männer die er bei seiner ersten Reise zurückgelassen hatte, alle auf Befehl des Zamorins ermordet worden waren.
Er rächt sich auf grausame Weise an dem Zamorin von Calecute, in dem er die Stadt bombardiert, sie völlig zerstört und dann ihre Bewohner umbringen lässt.
Seinen Jähzorn lässt Da Gama ungezügelten Lauf, er verfällt nahezu in einen Rausch von Grausamkeiten.

Er segelt nach der Vernichtung von Calecut in Richtung Süden und erreicht bald darauf die indische Stadt Cochim, dessen Stadthalter den Portugiesen sehr gewogen ist.
Im Jahre 1503 lässt er in der Stadt Cochim die erste portugiesische Festung auf indischem Boden errichten, das Fort São Miguel, und stabilisiert mit diesem so die Vormachtstellung Portugals in Indien.
Im September 1503 macht sich Vasco da Gama wieder zurück auf den Weg nach Portugal.

Als Da Gama von seiner zweiten Indienfahrt reich beladen mit Gewürzen, Seide und Gold nach Lissabon zurückkehrt, erhöht der König seine monatliche Jahresrente auf die ungeheuerliche Summe von 400.000 Reais und macht ihn obendrein zum Mitglied seines Hofstaates.

Im Jahre 1507 legt Vasco da Gama, nach jahrelangen Streitigkeiten, alle Ämter im Santiagoorden nieder und tritt aus diesem aus.
Er zieht mit seiner Familie in die Stadt Évora.
Mit Unterstützung von König Manuel I wird er in den Orden der Christusritter (port.. Ordem de Cristo) aufgenommen.
Die nächsten Jahre verbringt Vasco da Gama am Hofe des Königs und ist ihm dort als Ratgeber für die verschiedensten Angelegenheiten der indischen Überseegebiete treu ergeben.
Im Jahre 1519 verleiht ihm der König für seine geleisteten Dienste und Treue den Titel eines Grafen von Vidigueira (port.: Conde de Vidigeura).

Als König Manuel I am 12. Dezember 1521 verstirbt, besteigt sein Sohn als João III den Thron.
Da die indischen Gebiete zusehends in Korruption und Misswirtschaft versinken, beschließt der neue König erneut die reichen militärischen und diplomatischen Dienste und Erfahrungen Da Gamas in Anspruch zu nehmen.
Er ernennt Vasco da Gama zum Vizekönig von Indien (port.: Vice-Rei da India) und stattet diesen mit allerlei Vollmachten aus, bevor er ihn nach Indien schickt.

Am 05. April 1524 verlässt Da Gama zum dritten Mal Lissabon in Richtung Indien.
Begleitet wird er diesmal, unter anderem, von seinen zwei Söhnen Estêvão und Paulo.

Kaum in Calecut und Cochim angekommen beginnt er drastische Reorganisationsmaßnahmen, sowohl in der Zivil- als auch in der Militärverwaltung.
Diese harten Veränderungen sollten später einmal, weit über Da Gamas Tod hinaus, die Verwaltungsstrukturen des portugiesisch-indischen Staates (port.: Estado da India) beherrschen.

Aber Vasco da Gama ist krank, sehr krank sogar.
Kaum vier Monate nach seiner Ankunft in Indien, erkrankt Vasco da Gama, laut einem zeitgenössischen Bericht, plötzlich an einer „Infektion in der Nackengegend“, was auch immer das heißen mag. Fakt ist, das sich an seinem ganzen Nacken eitrige Geschwüre bildeten, die schlussendlich zu seinem Tod führten.
Er verstarb am 24. Dezember 1524 in der südwestindischen Stadt Cochim.

Zuerst wurde er dort, in dem von den portugiesischen Franziskanerpatern gegründeten Kloster São Francisco beigesetzt.
Doch im Jahre 1538 ließ sein Sohn Pedro da Gama seinen Leichnam ins Kloster Nossa Senhora das Relíquias ins heimatliche Vidigueira überführen.
1880 wurden seine sterblichen Überreste, auf Anweisungen König Carlos I, feierlich im Hieronymus-Kloster (port.: Mosteiro dos Jerónimos) von Belém, in Lissabon, beigelegt.

Vasco da Gama ist ohne Zweifel einer der berühmtesten Portugiesen weltweit.
Seine Entdeckungsfahrt nach Indien, seine Taten und seine Abenteuer hat Portugals Nationaldichter Luis Vaz de Camões später mit seinem Hauptwerk „Os Lusiadas“ unsterblich gemacht.

Samstag, 7. Januar 2012

Abraão ben Samuel Zacuto


Über die Jahrhunderte hinweg hat es tausende Menschen in der Geschichte Portugals gegeben, die ihr ganzes Wissen und Können in den Dienst des Königs und der Nation gestellt haben, und die dann dennoch respektlos, gedemütigt, verhöhnt, missachtet und stiefmütterlich behandelt worden sind.

Einer dieser Menschen war der Jude Abraão ben Samuel Zacuto (hebräisch: Abraham ben Schmuel Zacuth), der im Jahre 1450 in der kastilischen Stadt Salamanca geboren wurde.
Abraão Zacuto wuchs im jüdischen Viertel seiner Geburtsstadt auf und genoss eine gute Erziehung und eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung.
Im Jahre 1477 schließt er sein Astronomiestudium an der Universität von Salamanca erfolgreich ab, und wird an dieser Professor für Astronomie.

Fünf Jahre später lehrt er an der Universität von Saragossa ebenfalls Astronomie und im Jahre 1484 übernimmt er an der Universität von Cartagena ebenfalls eine Astronomieprofessur.
Gleichzeitig belegt er an dieser Universität ein Studium über jüdisches Recht und schließt diesen mit Magister ab.
Später wird er, auch dank dieses Studiums, zum Rabbiner ernannt.

Als im Jahre 1492 die katholischen Könige Isabella von Kastilien und Fernando von Aragon durch das Alhambra-Edikt alle Juden aus Spanien verbannen, flieht Abraão Zacuto mit seiner Familie nach Lissabon.
Hier ruft ihn König João II an den Hof und macht ihn zum königlichen Astronomen und Berater.
Diese Ämter begleite er auch unter König Manuels I, der João II im Oktober 1495 auf den Thron folgt.

In dieser Zeit, als königlicher Astronom, war er es, der seinen persönlichen Freund Vasco da Gama und König Manuel I darin bestärkte einen direkten Seeweg nach Indien, um Afrika herum, zu wagen.

Er entwickelte zwei nautische Gebrauchsutensilien die für die junge portugiesische Seefahrt von ungeheuerlichem Wert werden sollten.
Zum einen erfand er ein nautisches Gerät, einen metallenen „Astrolabio“, und zum anderen entwickelte er so genannte Planetentafeln, mit denen man die Positionen der Planeten auf hoher See exakt vorausberechnen konnte.
Über die Planetentafeln schrieb er später ein Buch in hebräischer Sprache, mit dem Namen „Biur Luhot“.

Sein Schüler José Vizinho übersetzte dieses Buch aus dem hebräischen in die lateinische Sprache und gab diesen dann den Namen „Almanach Perpetuum“.
Das „Almanach Perpetuum“ war ein äußerst wichtiges Instrumentarium für die Seefahrt und rettete vielen portugiesischen Seefahrern, in der Folgezeit, sicherlich das Leben.
Der Seefahrer Pedro Àlvares Pereira, der in späteren Jahren mit Abraão Zacuto und José Vizinho im engen Kontakt stand, benutzte z.B. lebenslang ein Exemplar des „Almanach Perpetuum“.

Dieses astronomische Werk gehörte zu den ersten vier Büchern, die damals in Portugal, in der Buchdruckerei von Abraão de Ortas in der Stadt Leiria nach der Gutenberg-Methode, mit beweglichen Metalllettern, im Jahre 1496 gedruckt wurde.

Doch auch wenn Abraão Zacuto das vollste Vertrauen König Manuels I genoss und auch wenn er für die portugiesische Seefahrt unermessliche Dienste geleistet hatte, und zukünftig sicherlich noch geleistet hätte, musste er Ende 1496 Portugal verlassen.

Manuel I wollte die Tochter der Katholischen Könige Isabella und Fernando ehelichen und eine Bedingung, die die spanischen Könige im Heiratsvertrag festlegten, war die ausnahmslose Zwangsumtaufung oder Vertreibung aller Juden Portugals.

König Manuel, der Abraão Zacuto hoch schätzte, bat diesen sich umtaufen zu lassen, damit er weiterhin in seinen Diensten bleiben konnte.
Doch Zacuto weigerte sich kategorisch.
Nach dem er wenig Rückrat gegenüber den spanischen Königen gezeigt hatte, musste König Manuel I seinen Astronomen gehen lassen.

In den folgenden Jahren entdeckten portugiesische Seefahrer, wie Vasco da Gama und Pedro Álvares Cabral, verschiedene Seewege, Länder und Kontinente.
Aber all diese Entdeckungen wären ohne die Erfindungen von Abraão Zacuto nur schwer möglich gewesen.

Von Lissabon aus, floh er mit seiner Familie, im Dezember 1496 nach Tunesien.
Hier wurde er Rabbiner der dort existierenden jüdischen Gemeinde und schrieb, unter anderem, acht Jahre lang an dem Buch „Sefer ha-Yuhasin“, in dem er die Geschichte der Juden von der Entstehung der Welt bis zum Jahr 1500 erzählte.
Dieses Buch war so bedeutend und ausführlich, das es 1581 in Krakau, 1717 in Amsterdam und 1857 sowohl in Königsberg als auch in London publiziert wurde.

Abraão Zacuto soll alle Berichte und Logbücher verschlungen haben, die damals aus Lissabon kamen, denn die portugiesische Hauptstadt war zu der Zeit, auch Dank ihm, das Nabel der Welt, was die Seefahrt und die Entdeckungen anging.
Doch im Jahre 1510, im Alter von 60 Jahren, verstarb er im Osmanischen Reich (port.: Império Otomano), ohne jemals wieder einen Fuß auf portugiesischem Boden gesetzt zu haben.