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Mittwoch, 22. April 2015

Tomar






Das reizvoll in der mittelportugiesischen Landschaft Ribatejo, unweit nördlich vom Tejo, am Fluss Nabão gelegene Städtchen Tomar hat knapp 41.000 Einwohner und ist vor allem wegen seines mächtigen Ordenskloster der Christusritter, das seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe ist, bekannt.

Das Flüsschen Nabão teilt das recht ansprechende Städtchen in einen westlichen und einen östlichen Teil.
Das historische Zentrum befindet sich westlich des Flusses, rund um die Praça da República.
An diesem zentralen Platz, an dem ein Denkmal für den Stadtgründer Gualdim Pais steht, befindet sich die um 1490 erbaute Kirche São João Baptista mit ihrem wunderschönen, zierlichen manuelistischen Portal.
Vor dieser Kirche beginnt das nur alle vier Jahre stattfindende größte Stadtfest von Tomar, die „Festa dos Tabuleiros“ (port.: Fest der Präsentierplatten), mit einem traditionellen Volksfestumzug.

Bei dieser religiösen Prozession ziehen weißgekleidete Mädchen und Frauen durch die Straßen der Altstadt und balancieren auf ihren Köpfen hohe Präsentierplatten (port.: tabuleiros), auf denen sich immer 30 Brotlaibe türmen, die mit Ähren, bunten Papierblumen, Klatschmohn und Weinlaub geschmückt sind. Jeder „tabuleiro“ hat in der Regel die Höhe des Mädchens, das ihn auf den Kopf trägt.
Mit diesem Fest soll an die Zeremonie erinnert werden, mit der im 14. Jahrhundert vom Heilig-Geist-Orden Lebensmittel bei Prozessionen an die Armen verteilt wurden.

Etwas südlich von der Praça da República steht die aus dem 15. Jahrhundert stammende alte Synagoge im alten Judenviertel (port.: judiaria), indem sich das kleine jüdische Museum Abraão Zacuto (port.: Museu Luso-Hebraico Abraão Zacuto) befindet, das nach Abraham ben Samuel Zacuto, dem jüdischen Astronomen von König João II, benannt ist. Tomar gehört heute, auf Grund seiner jüdischen Geschichte, der „Rede de Judiarias“ an, einer Gruppe von historischen portugiesischen Stätten mit ehemals bedeutenden jüdischen Gemeinden, zu denen z.B. auch die Städte Belmonte, Évora, Lamego und Trancoso gehören.

Östlich von der Synagoge überquert die Ponte Velha (port.: Alte Brücke) den Rio Nabão.
In einer Sandbank des Flusses wurde der hübsche Park do Mouchão angelegt, in dessen Umgebung sich die Kirche Igreja de Santa Maria do Olival befindet, die lange Zeit Sitz des großen Ordenskapitels und Mutterkirche aller Ordenskirchen in Portugal und all seinen Kolonien war. Das Innere der ehemaligen Templerkirche entstammt überwiegend aus der Renaissancezeit und in ihr befinden sich die Gräber zahlreicher Ordensmeister und Ritter, auch das des Großmeisters und Stadtgründers Gualdim Pais.

Unweit der Kirche Igreja de Santa Maria do Olival führt, an der alten Kapelle Eremida de Nossa Senhora da Conceição vorbei, eine kurvenreiche Straße hinauf zur Christusritterordensburg (port.: Convento da Ordem de Cristo), der wohl bedeutendsten Sehenswürdigkeit der Stadt Tomar.

Der Christusritterorden (port.: Ordem de cavalharia de Nosso Senhor Jesus Cristo) wurde einstmals von den Templern zur „Verteidigung des Glaubens und zur Bekämpfung der Mauren“ als Templerorden im Jahre 1118 infolge des Ersten Kreuzzuges gegründet. Der Templerorden war der erste Orden der die bis dahin streng getrennten Stände der Mönche und Ritter miteinander verband.
Im Jahre 1159 siedelte sich der Templerorden unter seinem vierten Großmeister Gualdim Pais, einem Ritter der mit König Afonso Henriques in der Schlacht von Ourique gegen die Mauren gekämpft hatte, in Portugal an.
Gualdim Pais war es dann auch der ein Jahr drauf, 1160, hoch über dem rechten Ufer des Nabão eine Burg erbauen ließ – dies war die Geburtsstunde von Tomar.
Im Jahre 1312 wurde der Orden durch fadenscheinigen Anschuldungen des französischen Königs Philipp IV von Papst Clemens V aufgelöst und verboten.

Nach dem päpstlichen Verbot des Templerordens, der auch in Portugal befolgt werden musste, gründete im Jahre 1317 der portugiesische König Dinis den Christusritterorden. Vor allem französische Mitglieder des verbotenen Templerordens die vor König Philipp IV nach Portugal geflohen waren fanden in dem neuen Orden Zuflucht. Recht schnell erlangte der Christusritterorden an Bedeutung und vor allem unter den späteren Großmeistern Heinrich dem Seefahrer (port.: Henrique o Navegador) und König Manuel I hatte der Orden seine Glanzzeit.

Mit Mitteln des Ordens – die Güter und Reichtümer des ehemaligen Templerordens waren fast alle auf den Christusritterorden übertragen worden – wurden Entdeckungsexpeditionen an die Westküste Afrikas entsandt und damit die Kolonialerwerbung der europäischen Völker eingeleitet. Unter König Manuel I, Großmeister ab 1484, bildeten die Christusritter mit ihren Besitzungen in Afrika und Ostindien den reichsten Orden der Christenheit.

Die hoch über Tomar thronende Christusritterordensburg besteht heute aus mehreren stattlichen Bauten des 12. bis 17. Jahrhunderts, von dem einer der wichtigsten wohl die zinnengekrönte achteckige Templerkirche ist, mit deren Bau im Jahre 1162 begonnen und die nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem errichtet wurde. Der überreiche Innenschmuck dieser Kirche – vergoldete Holzschnitzereien, Fresken und Statuen – stammt fast ausnahmslos aus dem 16. Jahrhundert.

Die an die Templerkirche angrenzende Christusritterkirche, mit deren Bau 1515 nach Plänen von João de Castilho – dem Baumeister der später auch am Hieronymuskloster in Lissabon und dem Kloster von Batalha mitgewirkt hat – begonnen wurde, gilt als eines der hervorragendsten Baudenkmäler manuelistischen Stils in Portugal. Das Äußere der Kirche ist über und über mit Schmuckwerk und Statuen beladen und vor allem das weltberühmte prunkvolle „Fenster von Tomar“ (port.: Janela de Tomar) des alten Kapitelsaals zeigt den manuelistischen Stil in seiner schönsten Vollendung.
Die Prachtentfaltung der Templerburg drückt sich ohne Zweifel vor allem in der Architektur der insgesamt acht Kreuzgänge (port.: claustros) aus, die man hier findet.

Da wäre zum einen der älteste Kreuzgang der Templerburg, der Claustro do Cemitério (dt.: Friedhofskreuzgang), der aus der Zeit des Großmeisters Heinrich dem Seefahrer stammt und mit wunderschönen Fliesen im Mudejarstil ausgestattet ist. In diesem Kreuzgang wurden einstmals traditionell die Ritter und Mönche des Christusordens bestattet.

Östlich neben dem Friedhofskreuzgang befindet sich der zweistöckige Claustro da Lavagem (dt.: Kreuzgang der Waschungen), ein weiterer Kreuzgang aus der Zeit des Großmeisters Heinrich des Seefahrers. In ihm fanden früher immer die religiösen Waschungen der Rittermönche statt.

Ein weiterer Kreuzgang der Templerburg ist der Claustro da Hospedaria (dt.: Kreuzgang der Beherbergung). Wie der Name schon andeutet war dieser Kreuzgang dazu bestimmt, die Personen zu beherbergen, die damals das Kloster als Besucher aufsuchten und dort verweilten.

In der Vorhalle des vom Architekten João de Castilho erbauten Claustro da Micha (dt.: Kreuzgang des Brotes) wurde einstmals das Brot an die Armen verteilt.

Der Claustro dos Corvos (dt.: Kreuzgang der Raben), der früher die Klosterküche beherbergte, ist der einzige Kreuzgang der Mönchsburganlage mit einem Garten.

Ein anderer Kreuzgang auf der Klosterburg ist der überaus prachtvolle Bau des  Claustro dos Filipes (dt.: Philippkreuzgang). Der Kreuzgang verfügt über zwei Stockwerke und von der Terrasse hat man einen grandiosen Überblick über die gesamte Klosteranlage. Hier im Claustro dos Filipes wurde im Jahre 1580 der spanische Monarch Felipe II als Filipe I zum König von Portugal gekrönt.

Vom Claustro dos Filipes gelangt man in den Claustro de Santa Barbara (dt.: Sankt-Barbara-Kreuzgang). Dieser kleine Kreuzgang wurde im Auftrag von König Manuel I im Stil der Frührenaissance erschaffen. Von der Terrasse dieses zweistöckigen Kreuzganges hat man den besten Nahblick auf das schon erwähnte prächtige manuelistische Fenster des Kapitelsaals der Christuskirche.
Das Fenster wird von zwei mächtigen Strebepfeilern, Tauwerk, Knoten, Bändern und vielem anderem, vor allem mit dem Motiv Meer verbundenem steinernem Schmuckwerk umgeben. Das portugiesische Wappen oberhalb des Fensters überragt heute noch das Kreuz der Christusritter.

Ein weiterer Kreuzgang ist der Claustro de João III (dt.: Kreuzgang von João III). Der Bau dieses Kreuzganges wurde unter König João III begonnen und erst unter dem Spanier Felipe II, der gleichzeitig auch König von Portugal war, und seinen Lieblingsarchitekten Filippo Terzi beendet. Filippo Terzi war auch der Baumeister der 6 km langen Wasserleitung Aqueduto dos Pegões, der die Klosterburg und die Stadt mit Wasser versorgte.

Im Jahre 1523 wurde der Christusritterorden auf Befehl von König João III zu einem reinen Mönchsorden. Die politische Bedeutung des Ordens nahm in den folgenden Jahrhunderten rapide ab, bis er im Zuge der Säkularisierung, aufgelöst wurde.
Der religiöse Orden wurde zwar aufgegeben, aber der Christusorden besteht seit 1834 als politische Auszeichnung für verschiedene Verdienste heute immer noch und ist der höchste Verdienstorden den Portugal aktuell zu vergeben hat.
Deutsche Träger des portugiesischen Christusordens waren und sind u. a. Alexander von Humboldt, Konrad Adenauer, Heinrich von Brentano, Gerhard Schröder und Hans-Diedrich Genscher.

Tomar ist zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert.
Aber vor allem jetzt im Frühsommer, wenn es überall in der Stadt blüht und duftet, ist die Stadt am Ufer des Rio Nabão ein wundervolles Erlebnis für Augen und Sinne.

Dieses Jahr findet vom 04. bis zum 13. Juni das nur alle vier Jahre stattfindende und hier am Anfang dieses Textes schon erwähnte berühmte Stadtfest „Festa dos Tabuleiros“ statt, eine Festivität voll religiösem Brauchtum, geschichtlicher Tradition und gut gelaunten Menschen jeden Alters.
Zum Abschluss ein Link von den Festlichkeiten der letzten „Festa dos Tabuleiros“ im Jahre 2011, aufgenommen von dem von mir sehr geschätzten Antonio Rovisco:



Samstag, 13. Oktober 2012

Monsanto







Die nordportugiesische Landschaft Beira Baixa, mit ihrer Hauptstadt Castelo Branco, erstreckt sich über eine überwiegend unfruchtbare Ebene zwischen den südlichen Ausläufern der Serra da Estrela und dem Fluss Tejo.
In einem Tal, unweit der Kleinstadt Idanha-a-Nova, erhebt sich eine 758 m hohe Anhöhe, die den Namen Cabeço de Monsanto trägt.

Auf dieser Anhöhe, die schon die Römer Mons Sanctus (dt.: Heiliger Berg / port.: Monte Santo) nannten, liegt die noch nicht einmal 1.000 Einwohner zählende kleine historische Gemeinde Monsanto.
Wie ein Schwalbennest, das an einem Hauserdach klebt, so „klebt“ auch Monsanto eindrucksvoll am Cabeço de Monsanto, eingebettet zwischen riesigen Granitblöcken.

Archäologische Funde, wie Überreste von Wohnhäusern und Thermen, zeugen davon, dass schon die alten Römer den Fuß des Cabeço de Monsanto bevölkerten, bevor dann die Westgoten und die arabischen Mauren die Anhöhe besiedelten.
Als der portugiesische König Afonso Henriques im Jahre 1143 die Mauren besiegte und diese des Landes verwies, machte er viele Ortschaften und Siedlungen in der Beira Baixa dem religiösen Templerorden zur Schenkung.
Eines dieser Orte war Monsanto, das Afonso Henriques 1165 dem Kreuzritter Gualdim Pais, der an der Seite des Königs erfolgreich gegen die Mauren gekämpft hatte, schenkte.

Gualdim Pais, der am Zweiten Kreuzzug im Heiligen Land teilgenommen hatte und zum Großmeister des Templerordens avanciert war, war es dann auch, der im Jahre der Schenkung mit dem Bau der Burg von Monsanto anfing.
Im Jahre 1174 gewährte König Afonso Henriques in einem Brief (port.: carta de foral) der Burg Monsanto und ihren Bewohnern Sonderrechte.
Diese Sonderrechte erhielt Monsanto damals aufgrund seiner Grenznähe zum verfeindeten Königreich Leon, mit dem Portugal in dieser Zeit ständig kriegerische Auseinandersetzungen hatte.

Im Jahre 1190 und 1217 wurden diese Sonderrechte durch die Nachfolger von König Afonso Henriques, Sancho I und Afonso II, bestätigt.
1308 erteilte König Dinis I Monsanto die Marktrechte und König Manuel I machte im Jahre 1510 den Marktflecken Monsanto zur „vila“, also zur Kleinstadt.

Monsanto und seine Bürger konnten die Jahrhunderte hindurch nur Dank der wehrhaften Burg sicher überleben.
Mehrere Male wurde die Burg von spanischen und französischen Truppen belagert und bedroht, aber nie besiegt.
Da ist es schon fast ironisch, das es ausgerechnet die Portugiesen selber waren, die die Burg eines Tages in Schutt und Asche legten.
In einer Weihnachtsnacht des späten 19. Jahrhunderts explodierte, durch Leichtsinn der diensthabenden Wache, das Munitionsdepot der Burg, indem eine sehr große Menge Schießpulver gelagert wurde.
Die Explosion war so gewaltig, das ein riesiger Granitfelsen an dem die Burg angebaut war, in tausend Stücke gesprengt wurde und eine irreparable Lücke im Mauerwerk zurückließ.
Von der Burg von Monsanto (port.: Castelo de Monsanto), sind heute, bis auf einpaar Mauerreste, nur noch die Torre de Menagem, die Torre do Pião und die Kirche Igreja de Santa Maria do Castelo übrig geblieben.
Gott sei Dank leben wir heute in friedlicheren Zeiten und so war die Zerstörung der Burg von Monsanto nicht das Ende des Dorfes, sondern eher seine Wiedergeburt.

In den letzten Jahrzehnten ist Monsanto und seine Burgruine nämlich dadurch bekannt und landesweit berühmt geworden, weil Monsanto in einem Wettbewerb als das „portugiesischste Dorf Portugals“ (port.: A aldeia mais portuguesa de Portugal) als Sieger hervorging.
Dieser Wettbewerb fand im Jahre 1938 statt, also noch zu Zeiten des Diktators António de Oliveira Salazar.
Aber den Ruf, das „portugiesischste Dorf Portugals“ zu sein, hat Monsanto heute noch!

Monsanto liegt nicht nur schön, Monsanto ist auch wirklich ungewöhnlich schön!
Die moosbewachsenen Häuser aus Granit und Schiefer liegen eingebettet zwischen den riesigen Granitblöcken des Cabeço de Monsanto und werden durch enge und steile Gassen miteinander verbunden.
Die Bewohner des kleinen Ortes scheinen ihr Dorf wirklich zu lieben, denn alles ist sauber, ordentlich, gehegt und gepflegt, was hier in Portugal, zumindest auf dem Festland, leider nicht immer so selbstverständlich ist.

So klein der Ort auch ist, er hat außer seiner Burg geschichtsarchitektonisch noch einiges zu bieten.
So liegt außerhalb der Burgmauern die kleine Kapelle São Miguel, aus dem 12. Jahrhundert, von der behauptet wird, sie stehe an der Stelle, an dem einstmals ein Tempel für den römischen Kriegsgott Mars stand.
Weitere schöne Kirchen von Monsanto sind die Kirche Igreja São Salvador, die Hauptkirche des Dorfes, und die Kirche Igreja da Misericórdia.
Unweit der Igreja da Misericórdia steht der Pelourinho und die Torre do Lucano, die auch unter dem Namen Torre do Relógio (dt.: Uhrturm) bekannt ist, und aus dem 14. Jahrhundert stammt.
Gekrönt wird die Torre do Lucano durch einen silberfarbenen Hahn. Dieser Hahn ist die Siegestrophäe für den Wettbewerb, der Monsanto 1938 als das portugiesischste Dorf Portugals auszeichnete.

Ob Monsanto auch weiterhin das „portugiesischste Dorf Portugals“ ist oder nicht, das liegt wohl im Auge des Betrachters.
Fakt ist aber, das Monsanto zweifelsohne eines der ursprünglichsten und zauberhaftesten Ortschaften Portugals ist.