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Montag, 22. Juni 2009

Meine Großtante Aida


Heute habe ich es endlich mal geschafft meiner Tante im nahen Badeort Costa de Caparica ihre Pralinenschachtel vorbei zu bringen, die ich ihr eigentlich schon an ihrem 90. Geburtstag, vor vier Wochen, hätte geben sollen.
Nur ist mir immer etwas dazwischen gekommen, und ich habe es, typisch portugiesisch, auf die lange Bank hinausgeschoben.
Eigentlich ist sie nicht meine Tante, sondern meine Großtante, denn sie ist die Tante meiner Mutter, und die Schwägerin meiner Großeltern.

Wie gesagt, heute habe ich der alten Dame einen Besuch abgestattet. Und da saß sie nun vor mir, meine Großtante Aida.
(In Deutschland wird man Aida höchstwahrscheinlich nur aus der Oper kennen, aber hier in Portugal ist das ein ganz normaler weiblicher Vorname).
Wie immer, war sie von Kopf bis Fuß, gestylt.
Ich finde meine Großtante Aida unheimlich hip und trotz ihres hohen alters unheimlich modern.

Ich kann es nicht lassen, hier meine Großtante zu loben.
Sie ist eine reiche, freundliche und liebenswerte alte Dame.
Leider ist sie auch etwas schwerhörig, was eine vernünftige Kommunikation sehr schwierig macht, denn wir müssen uns immer regelrecht anbrüllen.
Wie ich schon erwähnt habe, ist sie ein sehr modischer Mensch. Sie zieht sich immer sehr adrett an, und schminkt sich auch stets perfekt, ob sie dann zuhause bleibt oder ausgeht.
Früher, als sie noch besser zu Fuß war, da zog sie sich sogar noch extravaganter an. Ob sie nun zum Eierholen ging oder ins Theater, die Frau war ein modisches Kunstwerk.
Viele Fotos beweisen es.
Früher ging sie auch mehrmals die Woche zum Friseur. Heute besucht sie den Friseursalon, zu ihrem Leidwesen, nur noch einmal die Wochen. Aber genauso wie damals, so lässt sie sich auch heute noch die Haare in Stahlblau oder Altrosa färben. Und sie lässt sich dann so viel Haarspray in die Haare machen, das selbst ein Orkan der Stärke 10 nichts an ihrem Frisurenoutfit ändern könnte.

Es gab mal eine Zeit in ihrem Leben, kurz nachdem sie mit ihrem Ehemann Joaquim aus Portugiesisch-Ostafrika, dem heutigen Moçambique, geflohen war, da traf sie sich jeden Mittag mit ihren Freundinnen, die ebenfalls in Moçambique gelebt hatten, im Café Mexicana, oder in der Pastelaria Versailles um ihren Mittagskaffee zu genießen. Wer schon einmal im Mexicana oder in der Versailles war, weiß von welchem Luxus ich hier rede.
Sie erzählte mir einmal, dass damals ihre einzige Freizeitbeschäftigung darin bestand, die Avenida da Liberdade und die Avenida Guerra Junqueiro entlangzulaufen, um sich bei Armani, Gucci und Versace die Schaufenster anzuschauen.
Natürlich hatte meine Großtante Aida, wie so viele andere die in den Kolonien gelebt hatten, damals kein vernünftiges Verhältnis zum realen Leben. Während viele Portugiesen in den 70er Jahren, nach der Nelkenrevolution, in richtiger Armut lebten, wusste meine Großtante noch nicht einmal dass es Armut und sogar Hunger, in ihrer nächsten Verwandtschaft gab.
Aber heute verzeihe ich ihr diese damalige Ignoranz. Genauso wie ich ihr die übertriebene Menge von penetrantem Parfüm verzeihe, welches sie immer an sich hat, wenn ich sie besuche.

Ich sehe in meiner Großtante eine Frau mit 85 Jahren, die eine Menge Stolz und Würde ausstrahlt. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass man im hohen Alter, auch ohne plastische Chirurgie und falschen Pelzen (sie hat nämlich nur echte Pelze!) noch Stil und Klasse haben kann.
Natürlich ist sie ein Mensch voller Klischees. Aber ich glaube viele Menschen meiner Generation, oder sogar noch jüngere, wir könnten von dieser alten Dame viel lernen: nämlich, das uns ein bisschen Eitelkeit auch recht gut tun würde.
Natürlich sind heutzutage Jeans mit Löchern und ungewaschene Hemden und T-Shirts modisch angesagt.
Auch lange, ungewaschene Haare und Piercings überall im Gesicht sind voll im Trend.
Aber müssen wir wirklich immer jedem Trend nachgeben? Vielleicht würde uns ein bisschen altmodische Eitelkeit allen etwas besser zu Gesicht stehen, oder?!?

In diesem Sinne:
Nachträglich alles Liebe zum Geburtstag Tia Aida!

Freitag, 19. Juni 2009

„Oh, der trägt Brille. Ist bestimmt ein Portugiese!...“


Anfang dieses Monats musste ich mir leider eine neue Brille und neue Kontaktlinsen beim Augenoptiker machen lassen.
Diese Woche holte ich mir beides dann beim Optiker ab, und nun kann ich wieder „ungetrübt“ in die Welt schauen.

Aber vom Optiker brachte ich nicht nur die Brille und die Kontaktlinsen mit nach hause, sondern auch mehrere Prospekte (insgesamt 9 Stück, ich habe sie gerade gezählt!), die mir unaufgefordert von der netten Verkäuferin in die Tüte mitgegeben wurden. Es geht doch nichts, über Kundenbetreuung!
Heute wollte ich nun die ganzen Prospekte wegwerfen, und entdeckte, zu meiner Überraschung, in der ganzen Papierflut ein „Schätzchen“, das die Bezeichnung „Informationsprospekt“ wirklich verdient und mich sogar dazu bringt dieses post hier zu schreiben!

In diesem Prospekt eines Brillenherstellers, kann ich lesen, das es mal hier in Portugal eine Zeit gab, in der es unheimlich schick war, eine Brille zu tragen.
Im Gegensatz zu heute, wo man es eher vermeidet eine Brille zu tragen, setzten sich wohlhabende Mitmenschen hier in Portugal im 18. und 19. Jahrhundert eine Brille oder einen Monokel auf, und spazierten damit, voller Stolz, herum.
Das tragen einer dicken Hornbrille, den so genannten „Oculos de mocho“ (Eulenbrillen), so wie wir sie heute von Harry Potter kennen, war bei vielen Adeligen, Künstlern und Wissenschaftlern der letzte Schrei.
Aus dieser Zeit stammt wohl auch die Meinung, dass Brillenträger wohl alle Intellektuell und besonders Klug wären. Eine Meinung die sich kurioserweise bis heute gehalten hat, auch wenn die meisten dann heute doch lieber Kontaktlinsen tragen.

Natürlich trugen überall in Europa die Menschen Brillen, wenn sie es sich leisten konnten. Aber laut dem Infoprospekt des Brillenherstellers, trugen die Menschen hier in Portugal ihre Brillen, nicht nur wenn sie sich diese auch leisten konnten, sondern sie trugen sie auch mit einer gewissen Halsstarrigkeit.
Das ging soweit, so heißt es im Prospekt, das selbst die die eigentlich keine Brille brauchten, weil sie keine Sehschwäche hatten (wie z.B. König João VI), sich einfach aus Eitelkeit nur das Brillengestell oder den Monokel ohne Glas, auf die Nase setzten.

Das führte dazu, dass man sich im Ausland erbarmungslos über die Portugiesen lustig machte. Es entstanden sogar geflügelte Worte und Witze über die Brillen tragenden Portugiesen.
Das ging soweit, das man im entfernten London, wenn man jemanden mit einer besonders großen Brille auf der Nase sah, mit echt sarkastischem, britischem Humor meinte:

„Oh, der trägt Brille. Ist bestimmt ein Portugiese!...“

Jetzt im Nachhinein frage ich mich, warum ich dieses post hier eigentlich schreibe.
Denn als Brillenträger (und ich rede hier von einem wirklich dicken, fetten Teil das ich als stark Kurzsichtiger mit mir rumtragen muss) muss ich zugeben, dass es Dinge in Prospekten zu lesen gibt, die man gar nicht wissen will…