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Mittwoch, 15. April 2015

Ovos moles – weiche Eier aus Aveiro



In meinem vorhergehenden Blogeintrag „Aveiro“, vom 13. April 2015, erwähne ich im Text unter anderem die „ovos moles“ (dt.: weichen Eier) von Aveiro.
Damit sind nicht etwa weich gekochte Fünf-Minuten-Eier gemeint, wie man sie in Deutschland zum Frühstück isst, sondern eine traditionelle und sehr leckere Eiersüßspeise dieser Hafenstadt.

Ich bin nun von zwei meiner Leserinnen, Annette und Martina, gefragt worden was „ovos moles“ genau sind, wie sie schmecken und welche Geschichte hinter dieser regionalen Spezialität steckt.
Nun, „ovos moles“ bestehen fast ausschließlich aus Eigelb und Zucker, sind daher logischerweise zuckersüße Kalorienbomben und die Geschichte dieser traditionellen Süßspeise der portugiesischen Küche reicht bis ins 14. Jahrhundert hinein.

Im Mittelalter war es üblich das Nonnen und Mönche der europäischen Ordensgemeinschaften ihre Tuniken und Soutanen mit der Hilfe von Eiklar stärkten, so auch die im damaligen Portugal.
Durch die Nutzung von Eiweiß zum Stärken der Ordenstrachten entstand so natürlich ein großer Überschuss an Eigelb in den einzelnen Klöstern. Da es damals keine Möglichkeit gab die Eidotter lange Zeit zu konservieren, da sie vor allem in den portugiesischen Sommern sofort verdarben, wurde dieser Überschuss meistens den Schweinen zum Fraß vorgeworfen.

Es ist historisch belegt, dass es Nonnen des altehrwürdigen Dominikanerklosters Mosteiro de Jesus in Aveiro waren, die als erste anfingen die Unmengen von Eidotter nicht mehr zu vernichten, sondern diese zu verarbeiten.
Sie stellten fest, dass wenn man den Eidotter eine bestimmte Menge an Zucker beimengte, diese dann nicht mehr so schnell verdarben.
Dies war die Geburtstunde der „ovos moles“.
Mit der Zeit stellten die Ordensfrauen fest, das sie durch den Verkauf der von ihnen hergestellten Süßspeise eine neue finanzielle Einnahmequelle gefunden hatten, denn der Adel und Klerus leckten sich die Finger nach diesem neuen Naschwerk und zahlten gut für dieses Produkt.

Die Nonnen des Klosters Mosteiro de Jesus gaben mit der Zeit ihre Rezeptur an die anderen Kirchenorden der Stadt weiter, und so kam es, dass im 14. und 15. Jahrhundert die Dominikanerinnen, Franziskanerinnen und Karmeliterinnen der Stadt Aveiro für ihre kalorienreiche Süßspeise im ganzen Königreich bekannt wurden.

Nun werden viele wohl denken:
„Was ist daran so schwierig ein paar Eidotter mit Zucker zu vermengen?“

Nun, es kommt immer auf das richtige Mischverhältnis zwischen Eidotter und Zucker an, auf die Temperatur mit der man das Gemisch zu einer gelungenen Masse vermengt und wie schnell oder langsam man die Masse rührt, bis diese die gewünschte cremige Konsistenz erreicht.
Diese drei Dinge sind das große Geheimnis bei der Herstellung der „ovos moles“!
Die Nonnen der Stadt Aveiro hüteten dieses Geheimnis erfolgreich über viele Jahrhunderte hinweg.

Als dann im Rahmen der Säkularisierung in Portugal, ab dem Jahre 1834, so gut wie alle Klöster und Kirchenorden schließen mussten, waren es Klosterschülerinnen die von den alten Nonnen in das Herstellungsgeheimnis der „ovos moles“ eingeweiht wurden.
Einige dieser ehemaligen Klosterschülerinnen gaben ihr Wissen weiter, und so ist uns das Originalrezept für „ovos moles“ nach Generationen bis heute erhalten geblieben.

Heute werden die „ovos moles“ entweder in kleinen handbemalten Holz- oder Porzellanfässchen angeboten oder die cremige Masse wird, in dünnem Oblatenpapier gehüllt, in Form von kleinen Fischen, Muscheln, Seesternen, Bötchen oder anderen maritimen Figuren zum Verkauf angeboten.

Die „ovos moles“ von Aveiro waren das erste Produkt Portugals, das im Jahre 2006 von der EU auf ihre Liste der landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Lebensmittel als „Produkt mit geschützter geografischer Angabe“ (port.: Produto com Indicação Geográfica Protegida) aufgenommen wurde.
Und so sind nur die mit diesem Gütezeichen versehenen „ovos moles“ garantiert aus der Stadt Aveiro!

Wer aber nun diese süße Spezialität einmal probieren will, der muss nicht extra nach Aveiro fahren (auch wenn die Stadt sehr wohl einen Besuch wert ist!).
Jedes gut sortierte SB-Warenhaus hat für gewöhnlich mindestens eine oder zwei Schachteln dieser Nascherei jeden Tag frisch im Sortiment – zwar nicht immer, aber immer öfters…

Dienstag, 26. Oktober 2010

Von Nonnen und Piraten






Bei meinem letzten Aufenthalt auf Madeira, vor einer Woche, hatte ich die Gelegenheit, die Insel wieder neu zu entdecken.
Ich habe einige Ausflüge gemacht, an Orte die ich noch nicht kannte.
Eines dieser Orte ist Curral das Freiras, ein Ort der nur knapp 20 km von Funchal entfernt ist, aber immerhin 1600 Höhenmeter Unterschied zur Hauptstadt, die am Meer liegt, hat!

In nordwestlicher Richtung, an Câmara de Lobos vorbei, verließ ich Funchal über eine kurvenreiche Straße die durch eine blumen- und waldreiche Berglandschaft aufwärts führte.
Nach gut 6 km kam ich am 355 m hohen Pico dos Barcelos an.
Von der in Blumen gebetteten und mit einem großen Steinkreuz ausgestatteten Aussichtsterrasse bot sich mir ein prächtiger Blick über die ganze Südküste von Madeira.

Von Pico de Barcelos ging es in Windungen und Kehrungen weiter bis zum 1026 m hohen Eira do Serrado (dt.: „Serrado-Sattel“) am Nordostrand des Pico Serrado (dt.: „Abgesägter Gipfel“) der 1115 m über den Meeresspiegel ragt.
Da schönes Wetter war, was zu dieser Jahreszeit wirklich nicht alltäglich sein soll, so sagte man mir, hatte ich einen traumhaften Ausblick über die höchsten Gipfel der Insel.
Den Pico Ruivo (dt.: „Roter Gipfel“), mit 1861 m der höchste Berg Madeiras, den 1810 m hohen Pico do Areeiro (dt.: „Sandgipfel“), im Osten den 1607 m hohen Pico Grande (dt.: „Großer Gipfel“) und im Westen den 1692 m hohen Pico do Jorge (dt.: „Georgsgipfel“).

Vom Eira do Serrado, also vom „Sattel“ aus, hat man einen grandiosen Blick, runter auf den Kraterkessel und die Ortschaft Curral das Freiras.
Curral das Freiras wird in vielen Reiseführern, auch in dem, den ich benutzte als ich den Ausflug machte, fälschlicherweise als „Nonnental“ bezeichnet. Die genaue Übersetztung von Curral das Freiras ist aber „Nonnenpferch“, vergleichbar mit einem Schweinepferch oder einem Rinderpferch.
Die religiös, sensibleren Leser meines Blogs mögen diesen, meinen Vergleich bitte entschuldigen, aber so ist nun einmal die genaue Übersetzung des Wortes „curral“ (laut dem neuen Langenscheidts Taschenwörterbuch ist ein „curral“ ein „Pferch“ oder „Stall“).
Aber wie kam dieser Ort zu seinem eigenartigen Namen?
Nun, dieses Tal ist eines der wenigen Orte auf Madeira, auf dem man Vieh in freier Natur weiden lassen kann, d.h. während wo anders auf der Insel das Vieh konsequent im Stall gehalten werden muss, ist es hier in diesem Tal möglich, das Vieh draußen weiden zu lassen. Da das Tal von hohen Bergen umgeben ist, bildet es einen natürlichen Pferch, aus dem das Vieh nie entfliehen kann. Da die Nonnen, wie schon erwähnt, als erste dieses Tal bevölkerten, blieb, bis heute, im Volksmund der Name „Nonnenpferch“.

Curral das Freiras ist nur über eine einzige Straße, die zum größten Teil untertunnelt ist und erst 1959 fertig gestellt wurde, erreichbar.
Bis 1959 war Curral das Freiras das abgeschiedenste Dorf Europas, und nur über zwei steile Wanderpfade erreichbar.

Gegründet wurde das Dorf, schon Mitte des 15. Jahrhundert, von Nonnen aus dem Santa-Clara-Kloster (port.: Convento de Santa Clára) in Funchal.
Die waren nämlich in Funchal regelmäßig Opfer von Piratenangriffen, und zu ihrem eigenen Schutz, beschlossen sie in die Abgeschiedenheit der Bergwelt zu ziehen. Hier blieben sie auch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Als sie wieder nach Funchal umzogen landeten kurze Zeit später napoleonische Truppen auf der Insel.
Nun die Truppen Napoleons waren zwar offiziell keine Piraten, aber sie plünderten, verfolgten und vergewaltigten genauso die Einwohner Madeiras, auch die Nonnen, und machten die Insel genauso unsicher, wie Jahrzehnte zuvor die Piraten.
Also zogen die Nonnen wieder in ihr abgeschiedenes Tal und retteten sich wieder einmal vor den Übergriffen der vermeintlich stärkeren.

Um diese kleine Nonnenansiedlung bildete sich dann mit den Jahren der Ort.
Heute leben etwa 1600 Menschen in Curral das Freiras, die hauptsächlich von der Landwirtschaft leben.
Hauptanbauprodukt ist die Esskastanie.
Kastanienbäume gibt es in diesem Tal sehr viele und die Früchte sind eines der wenigen Einnahmequellen des Ortes.
Sie werden kulinarisch in jeglicher Form verwendet, sei es für Suppen, Kuchen, Soßen oder zum herstellen von Schnäpsen und Likören.

An jedem 01. November findet in Curral das Freiras das Kastanienfest (port.: Festa da castanha) statt.
Ein guter Grund, sicherlich nicht der einzige, um diesen wunderschönen Ort zu besuchen!