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Montag, 16. November 2015

Coretos – die kulturellen Mittelpunkte einer jeden portugiesischen Gemeinde






Meine lieben Freunde Anika und Christian aus Pforzheim, die diesen Herbst zum ersten Mal gemeinsam Lissabon, den Alentejo und die Algarve entdeckten, haben mich vor einpaar Tagen gefragt, warum in so vielen portugiesischen Dörfern und Städte Gartenpavillons stehen.
Nun, ich habe nicht lange überlegen müssen um zu wissen was sie mit den „Gartenpavillons“ meinten.

Die Bauwerke die Anika und Christian hier auf ihrer Reise durch das südliche Portugal entdeckt haben und die sie als Gartenpavillons bezeichnen, heißen auf portugiesisch „coretos“ (sing. coreto / plural coretos) und sind, obwohl man sie oftmals in Parkanlagen oder anderen Grünflächen vorfindet, doch eigentlich eher Musikpavillons als Gartenpavillons.

Es wird wohl in ganz Portugal mehr als Tausend dieser leichten und freistehenden Bauwerke geben – keiner hat sich jemals die Mühe gemacht diese urbanen architektonischen Schätze zu zählen.
Lediglich 44 von ihnen stehen heute unter Denkmalschutz!
Auf unzähligen Briefmarken und alten Postkarten verewigt stehen die meisten Coretos hierzulande in öffentlichen Parks oder auf zentralen Plätzen, wie z.B. dem Marktplatz oder vor der Dorfkirche.
Charakteristisch für einen Coreto ist das er immer überdacht, nach allen Seiten rundherum offen und im Grundriss entweder rund, vier-, sechs- oder achteckig ist.

Obwohl schon zu Zeiten der Römer – und später der Mauren – im früheren Portugal solche Pavillons anscheinend schon existierten und obwohl den Portugiesen durch ihre vielen Seereisen nach China und Japan die Architektur des Pavillons sehr wohl bekannt war, sind die Coretos, so wie wir sie heute kennen, erst in der Epoche des Barock in Portugal populär geworden.
In dieser Zeit, so Ende des 18. Jahrhunderts herum, fingen die Musikkapellen an, die bis dahin zumeist nur kirchenmusikalischen Stücke spielten, auch weltliche Aufführungen zu geben.
Um diese Auftritte vor Publikum aufzuführen, wurden dementsprechend – in einer Zeit in der es kein Radio, keine Schallplatte, kein Fernseher und kein Internet gab – die Coretos gebaut, damit eine breite Öffentlichkeit den Musikaufführungen lauschen konnte.

Kein Coreto aus dieser Zeit, die reine verschnörkelte und mit Ornamente verzierte und bemalte Kunstobjekte aus Holz waren und die eher an überdimensionale Spieldosen erinnerten, existiert heute noch.
Sie sind alle ein Opfer der „Moderne“ geworden und wurden aufgegeben, vandalisiert, dann abgerissen oder an einem anderen Ort neu aufgebaut.
Die Coretos, die im 19. Jahrhundert dann überall im Land aus Eisen errichtet wurden, wurden fast alle während des Ersten Weltkrieges demoliert und zu Kriegswerkzeug verarbeitet.

In Lissabon gibt es heutzutage in den verschiedenen Stadtteilen 22 Coretos und alle werden sie heute noch genutzt.
Der älteste steht im Zoologischen Garten und wurde um das Jahr 1830 errichtet.
Der Coreto der heute im Park Jardim da Estrela steht, ist um 1840 erbaut worden und stand ehemals auf dem „Passeio Publico“, der heutigen Avenida da Liberdade.

Auf dem Land bilden die Coretos weiterhin das kulturelle Zentrum einer jeden portugiesischen Gemeinde.
In allen Dörfern in denen diese Pavillons stehen, sind sie praktisch der Mittelpunkt eines jeden Volksfestes, eines jeden Freiluftkonzerts und einer jeden kirchlichen Walfahrt. Coretos sind hier, wie ehedem, die kleine aber besondere Bühne für die lokalen Musikkapellen, für Chöre, für Folkloregruppen, für Dichterlesungen und manchmal sogar für kleine politische Veranstaltungen.

Über viele Jahrzehnte vernachlässigt und dem Verfall preisgegeben, fangen in unserer Zeit Coretos wieder an das zu sein, was sie traditionell immer waren:
Orte der Musik, der Kultur, der Fröhlichkeit, des Feierns und des Beisammenseins.

Freitag, 14. August 2015

Internationales Festival für Sandskulpturen FIESA an der Algarve






Seit einiger Zeit findet in der kleinen Ortschaft Pêra, an der südportugiesischen Provinz Algarve gelegen, das weltweit größte Internationale Festival für Sandskulpturen FIESA (port.: Festival Internacional de Escultura em Areia) statt.

Realisiert wird dieses seit 2003 alljährlich in Südportugal stattfindende Festival von zahlreichen nationalen und internationalen Künstlern, u. a. aus Norwegen, der Tschechischen Republik oder Deutschland, die alle aus etwa 40 t reinem Sand die kreativsten und originellsten Skulpturen herstellen.

Das diesjährige Festival steht unter dem Motto „Musik“.
Auf einem Areal von über 15.000 m² werden dieses Jahr mehr als Hundert kunstvoll modellierte Sandskulpturen, die berühmte Musiker, Komponisten und Musikinstrumente darstellen, zu bestaunen sein.

Wem die Sandbauten nicht nur gefallen, sondern auch gerne wissen will wie sie entstanden sind, bzw. wie sie gebaut wurden, der kann auf dem Ausstellungsareal bei verschiedenen Aktivitäten und Workshops von den Carver – so werden die Sandskulpteure genannt – selbst den einen oder andere Tipp erhalten und von diesen einige Techniken erlernen.

Das Internationale Festival für Sandskulpturen FIESA in Pêra, bei Silves an der Algarve, kann bis zum 20. Oktober 2015 besucht werden.
Kinder bis 12 Jahre bezahlen 4,50 Euro und Erwachsene 9,- Euro Eintritt für den Besuch des Sandskulpturenparks.

Wer sich also bis in den Herbst hinein an der Algarve aufhält, der sollte sich dieses imposante Sandspektakel nicht entgehen lassen.

Freitag, 7. August 2015

Portugals Strände – unter den besten der Welt


In ihrer letzten Ausgabe hat die US-amerikanische Onlinezeitung „The Huffington Post“ mit Hilfe ihrer Reisejournalisten und anderen redaktionellen Mitarbeitern die paradiesischste Meeresbucht der Welt gesucht und dann gekürt.
Badestrände in Brasilien, Australien, Mexiko, Hawaii und auf den Seychellen kamen auf die vordersten Plätze.
Den ersten Platz aber machte ein Strand in unseren Gefilden, nämlich der Strand in der Bucht von Ponta da Piedade südlich der Stadt Lagos, an der Algarve.

Und zu Recht, denn die Ponta da Piedade ist einer der malerischsten Küstenabschnitte der Algarve und ganz Portugals, mit vielen prächtigen Felsenbildungen, steilen Klippen, zahlreichen Grotten, kristallklarem Wasser und einem feinen Sandstrand, der das Prädikat Traumstrand ohne weiteres verdient.

Portugiesische Strände, so unterschiedlich sie auch sein mögen, waren schon immer sehr beliebt, nicht nur bei uns Portugiesen, sondern auch bei unseren ausländischen Gästen.
Hier nun im Folgenden einige internationale Bewertungen portugiesischer Strände der letzten Jahre:

- Ponta da Piedade in Lagos, Algarve
die US-amerikanische „The Huffington Post“ tituliert diese Badebucht in ihrer Onlineausgabe vom Juli 2015 als „Die schönste Bucht der Welt“

- Praia da Fábrica in Cacela Velha, bei Vila Real de Santo António, Algarve
laut den Lesern der spanischen Ausgabe der  Reisezeitschrift „Traveler“ ist dieser Strand unter den 15 anziehendsten der Welt – Ausgabe Juli 2015

- Praia da Adraga, Sintra
die Leser des englischen „The Guardian“ kürten im Mai 2014 diesen Strand zum attraktivsten in Portugal

- Praia da Salema, Vila do Bispo
die Reisezeitschrift „Travel and Leisure“ meinte im März 2012, dieser Strand sei einer der größten Geheimtipps der Welt

- Praia de Sagres, in Vila do Bispo und Praia de Sesimbra
die englische Ausgabe der „Time Out“ bezeichnet diese zwei Strandabschnitte im August 2010 als die besten und schönsten in Europa

- Praia de Porto Covo, Sines
laut der französischen Ausgabe der „Huffington Post“ vom Oktober 2014 gehört dieser zu den zehn attraktivsten Stränden der Welt

- Praia de Peniche
die spanische Ausgabe der „Lonley Planet“ bewertet Peniche im Juni 2015 als eine der zehn besten Europas im diesjährigen Sommer

Wer lange Strandspaziergänge mag, gerne eine Runde im glasklaren Wasser schwimmt oder schnorchelt, wer spektakuläre Sonnenuntergänge mag oder mit seinen Kindern lieber eine Sandburg baut, einen Drachen steigen lässt oder Muscheln sammelt, wer gerne Beachball oder Volleyball spielt oder lieber faul die Sonne genießt, der ist zweifellos mit den hiesigen Stränden immer bestens bedient!

Montag, 27. Juli 2015

Mit einer Nussschale über den Atlantik – die historische Fahrt der „Bom Sucesso“


Wer jemals die Stadt Olhão in der südportugiesischen Algarve besucht hat (lesen sie hierzu bitte auch meinen Blogeintrag „Olhão“, vom 30. Juni 2015), dem wird am Hafen, zwischen all den Fischer- und Segelbooten, ein kleiner, aber besonders schöner Segler aufgefallen sein.
Bei diesem Kahn – einem so genannten Kaik (port.: caíque) – handelt es sich um eine maßstabgetreue Nachbildung eines Seglers, welches vor über 200 Jahren eine recht abenteuerliche Atlantiküberquerung hinter sich gebracht hat.
Der Name dieses Kaik lautete und lautet „Bom Sucesso“ (dt.: guter Erfolg / gutes Gelingen / viel Erfolg) und ist heute das Wappen der Stadt Olhão.

Kaiks – nicht zu verwechseln mit Kajaks! – sind, vereinfacht gesagt, Miniaturausgaben von Schiffstypen mit denen Portugal einst die Welt umsegelte, wie etwa Karavellen, Galeonen und Naus.
Im Gegensatz zu diesen großen Seglern, waren Kaiks aber nicht für lange Fahrten konzipiert, sondern fanden als robuste Fischer- und Frachtschiffe eigentlich nur in Küstennähe Verwendung.
Die Fischer der Algarve wagten mit diesen kleinen Kähnen gerade mal ab und zu eine Fahrt bis ins nahe Nordafrika.
Vor allem die Einwohner von Olhão benutzten diesen recht wendigen Bootstyp seit jeher um in der vor ihrer Haustür liegenden Ria Formosa zu fischen.

Als Anfang des 19. Jahrh. französische Soldaten auf Befehl von Napoleon Bonaparte Portugal besetzten, verboten sie u. a. den Fischern von Olhão die Kaiks zu benutzen und so ihrem eigentlichen Broterwerb nachzugehen.
Daraufhin fanden die Einwohner von Olhão eine zwar gefährlichere – da unter Todesstrafe stehende – aber dennoch wesentlich ertragreichere Erwerbstätigkeit:
sie schmuggelten auf Teufel komm raus!
Die schnittigen Kaiks, die kaum Tiefgang hatten, waren in den zahlreichen Kanälen, Sanddünen, Salzmarschen und seichten Lagunen der Ria Formosa hierfür für ihre Besitzer sehr von Nutzen. 

Im Juni 1808 erhoben sich die Bürger von Olhão erfolgreich gegen die französischen Besatzer.
Dank der Hilfe englischer Truppen konnten die französischen Soldaten recht schnell besiegt werden und hinter die spanische Grenze gedrängt werden.
Bereits am 23. Juni 1808 galt die Algarve als von den Franzosen befreit.

Die Nachricht über diesen überaus wichtigen Sieg gegen die verhassten Franzosen konnte zuerst einmal nicht an den Staatsoberhaupt gegeben werden, da die damalige Monarchin, Königin Maria I, und ihr Sohn Prinzregent João, der spätere König João VI, im entfernten Brasilien im Exil weilten.
Die königliche Familie war kurz vor der französischen Besatzung im November 1807, samt ihrem Hofstaat und der Regierung, außer Landes gegangen und hatte in Rio de Janeiro ihre Zelte aufgeschlagen.

Da man aber so schnell wie möglich den Prinzregenten über den durchaus wichtigen militärischen Erfolg in der Heimat in Kenntnis setzen wollte, entschloss die portugiesische Militärregierung der Algarve dem Regenten ein Dokument mit der Nachricht über den Sieg Portugals gegen Frankreich zukommen zu lassen.

Am 07. Juli 1808, drei Wochen nach der Befreiung der Algarve, bestiegen 17 einfache Männer aus Olhão den Kaik „Bom Sucesso“ und stachen wagemutig in See.
An Bord waren Manuel de Oliveira Nobre, der zum Kapitän bestimmt worden war,
Manuel Martins Garrocho, der Eigentümer der „Bom Sucesso”,
und die einfachen Fischer
António Pereira Gémio
António da Cruz Charrão
António dos Santos Palma
Domingos do Ó Borrego
Domingos de Sousa
Francisco Lourenço
João Domingues Lopes
João do Munho
Joaquim do Ó
Joaquim Ribeiro
José Pires
José da Cruz
José da Cruz Charrão
Manuel de Oliveira
und Pedro Ninil

Keiner dieser Männer hatte sich vorher so weit in den Atlantik hinausgewagt und es darf behauptet werden, dass keiner von ihnen sich auch nur annähernd vorstellen konnte was für Strapazen und Gefahren vor ihnen lagen.
Wenn man bedenkt, dass die „Bom Sucesso“ gerade mal 18 m lang und 5 m breit war, das mehrere Tausend Kilometern vor ihnen lagen, sie vor französischen Kriegsschiffen und Piraten ständig auf der Hut sein mussten und das sie, außer einer alten Seekarte, keinerlei nautisches Gerät an Bord hatten, kann man ohne Zweifel von Wagemut bei diesen Männern sprechen.
Sie orientierten sich nachts mit Hilfe der Sterne und nutzten die Winde und Meeresströmungen um ihr Ziel Rio de Janeiro zu erreichen.

Begünstigt durch aus Nordosten wehenden Winden erreichte nach einer Woche auf See die „Bom Sucesso“ am 14. Juli Funchal auf Madeira. Hier versorgte sich die Mannschaft mit frischem Wasser und Lebensmitteln.
In einer Hafenkneipe lernte Kapitän Manuel de Oliveira Nobre den Seemann Francisco Domingos Machado kennen.
Machado war zwar noch jung an Jahren, hatte aber schon als Matrose eine Reise ins entfernte Macau hinter sich gebracht, was ihn, in den Augen des Kapitäns, „hochseetauglich“ machte.
Kapitän Oliveira Nobre lud den jungen Machado zur Überfahrt ein, konnte ihn aber nicht für diese bezahlen. Außer dem Dokument mit der Nachricht an den Prinzregenten hatte die „Bom Sucesso“ keinerlei Wertsachen an Bord. Kapitän Oliveira Nobre machte Machado aber ein Angebot schmackhaft, welches er sofort annahm.
Vor versammelter Mannschaft sagte Kapitän Oliveira Nobre dem jungen Machado zu, er würde das Kommando der „Bom Sucesso“ übernehmen, sollte er selber während der abenteuerlichen Reise versterben.
Ein Angebot das der einfache Matrose Machado nicht ausschlagen konnte und wollte.
Zwei Tage später, am 16. Juli, stach die „Bom Sucesso“ wieder in See.

Nach einer langen Zeit auf dem Meer ließen sich eines Morgens zwei Pelikane auf der „Bom Sucesso“ nieder, wohl um sich auszuruhen. Da die Männer diese Vögel von ihrer Heimat her kannten, wussten sie dass sich Pelikane nur sehr selten mehr als 60 oder 70 Seemeilen vom Land zu entfernten pflegten.
Als die Männer dann auch Treibholz, Seegras und Schilfrohr im Wasser treiben sahen, wussten sie, dass sie sich wohl nicht mehr sehr weit von der Küste befinden würden.

Fünf lange und stürmische Wochen nach ihrer Wegfahrt von Madeira und nachdem sie mit großer Zähigkeit und Willenskraft alle Hindernisse auf hoher See überwunden hatten, sichteten die Männer endlich die südamerikanische Küste.
Als sie an Land gingen erfuhren sie von Missionaren, die im Urwald Indios bekehrten, dass sie nicht in Brasilien angelandet waren, sondern sich in Französisch-Guayana befanden – also in Feindesland.
Sie füllten ihre Fässer mit frischem Wasser, besorgten sich im Urwald Nahrung und stachen darauf hin sofort wieder in See.
Da sie nun wussten wo sie sich ungefähr befanden, segelten sie die restliche Strecke immer in Landesnähe.
Sie segelten und ruderten an der dicht bewaldeten Küste Amazoniens, Pernambucos und Bahias vorbei, bevor sie endlich am 22. September 1808 in die Bucht von Guanabara, in Rio de Janeiro, einfuhren.

Sie hissten die portugiesische Flagge und gingen an Land.
Sofort sammelten sich am Hafen zahlreiche Bürger der Stadt und die Soldaten Rios, die den Kaik zuerst gar nicht bemerkt hatten, dachten anfänglich an einen üblen Scherz, denn für sie war es unvorstellbar, dass solch eine Nussschale wie die „Bom Sucesso“ den Atlantik überqueren konnte.
Als dem wachhabenden Kommandeur aber das versiegelte Dokument an den Prinzregenten gezeigt wurde, wurden die Atlantiküberquerer sofort in den königlichen Palast zu Prinzregent João geführt.

Der Regent war beeindruckt und konnte zuerst einmal, wie wohl jeder an diesem Tag in Rio de Janeiro, nicht so richtig glauben das die „Bom Sucesso“ den weiten Weg von Olhão nach Brasilien gefunden hatte.
Er empfing die ganze Mannschaft und ließ dieser, nach dem lesen des Dokuments das die portugiesische Militärregierung der Algarve an ihn gesendet hatte, noch am selben Tag die stattliche Summe von 1.200 Reis, die damalige portugiesische Goldwährung, auszahlen.

Aber der Prinzregent beließ es nicht bei dieser stattlichen Geldsumme für die 18 wagemutigen und tapferen Fischer aus Olhão.
In den folgenden Tagen gab er allen einen hohen militärischen Rang und versah jeden von ihnen mit dem höchsten Verdienstsorden den der portugiesische Staat damals zu vergeben hatte, dem Christusorden (port.: ordem de Cristo), einem Orden der bis dahin eigentlich nur an Adelige verliehen wurde.
Außerdem kaufte er Manuel Martins Garrocho, dem Eigentümer der „Bom Sucesso“, seinen Kaik ab und schenkte ihm einen neuen Segler, mit dem die Mannschaft später auch die Heimreise nach Portugal antrat.

Die original „Bom Sucesso“ gibt es heute nicht mehr.
Keiner weiß was aus dieser kleinen Nussschale geworden ist. Tatsache ist, das der Kaik bis 1841 nachweißlich eines der beliebtesten Ausstellungsstücke des renommierten Marinemuseums von Rio de Janeiro war.

Am 15. November 1808 erhob Prinzregent João Olhão zur Stadt und versah diese mit dem lyrischen Beinamen „Vila de Olhão da Restauração“ (dt.: Olhão, Stadt der Wiederherstellung).
Diesen Ehrentitel gab der Prinzregent der Stadt als Dank für die wichtige Initiative der Bürger Olhãos für die „Wiederherstellung“ der Unabhängigkeit Portugals von den französischen Besatzern.

Im Februar 1809 kehren die 18 Fischer aus Olhão in ihre Heimat zurück.
An Bord nahmen sie verschiedene Schriftstücke mit, unter ihnen verschiedene Anordnungen und Befehle des Prinzregenten an die Militärverwaltungen in Lissabon und der Algarve, sowie zahlreiche Briefe und Schriftstücke bürgerlicher, adliger und kirchlicher Bürger Rios an die verschiedensten Empfänger in Portugal.
Der portugiesische Seepostweg war gegründet!

In Portugal angekommen fingen einige der 17 Männer der „Bom Sucesso“ eine militärische Karriere an, andere widmeten sich wieder der Fischerei zu und zwei von ihnen, Manuel de Oliveira Nobre und Francisco Domingos Machado blieben der portugiesischen Übersee-Seefahrt treu.

Aber so unterschiedlich sich auch ihre jeweiligen Lebenswege nach ihrer tapferen Reise über den Atlantik entwickelten, alle 18 fanden sie nach dem Tod ihre letzte Ruhestätte in der Kapelle Nossa Senhora dos Aflitos im Herzen von Olhão, dort wo sie heute noch ruhen.
Der Kaik „Bom Sucesso“, wenn auch nur die Kopie, hat sie alle überlebt und steht heute im Hafen von Olhão, wo sie der Stadt als Museums- und Ausflugsboot dient.

Dienstag, 30. Juni 2015

Olhão







Im Vergleich zu anderen Orten an der Algarve ist das nur wenige Kilometer östlich der Distrikthauptstadt Faro gelegene und knapp 50.000 Einwohner zählende Städtchen Olhão noch weitgehend vom Tourismus unberührt.
Wichtiger Erwerbszweig der Bewohner ist der Fischfang auf Sardinen und Thunfisch die hier heute noch in einer Konservenfabrik weiterverarbeitet werden.
Der Hafenumsatz liegt an erster Stelle im Distrikt Faro, noch vor dem von Portimão, Lagos oder Tavira.

Das noch immer sehr orientalisch anmutende Olhão erhält sein maurisches Flair durch die typischen weißen zwei- bis dreistöckigen Würfelhäuser, deren Flachdächer zu Terrassen (port.: açoteias) mit durchbrochenen Kamin- und Ausguckaufbauten ausgestattet sind. Diese kubistische Bauweise ist freilich kein maurisches Erbe, sondern wurde im ausgehenden 18. Jahrh., als eine große Zahl von Fischern aus Aveiro sich in Olhão niederließ, wegen ihrer Zweckmäßigkeit in dem hier vorherrschenden heiß-trockenen Klima als maurischer Stil wieder entdeckt.

Mit außergewöhnlichen architektonischen Sehenswürdigkeiten kann Olhão nicht aufwarten, ganz stimmungsvoll ist jedoch die Atmosphäre am Hafen, wo nicht zuletzt eine eigenwillige Fischmarkthalle (port.: mercado de peixe) die Blicke auf sich lenkt.
Die Fischer von Olhão sind seit jeher dafür berühmt sehr talentiert und erfolgreich ihrem Handwerk nachzugehen und aus ihrem Fang dann exquisite Gerichte zu zaubern. Das geht soweit, das Olhão heute als die „kulinarische Hauptstadt“ der Algarve gilt.

Außer dem malerischen Hafen und der Fischmarkthalle verdient die Pfarrkirche Nossa Senhora do Rosário an der Praça da Restauração, im historischen Stadtzentrum, Beachtung. Vom Turm dieses in den Jahren 1681 bis 1698 von Fischern erbauten Gotteshauses bietet sich ein schöner Blick über die Stadt.
Gegenüber, in der Kapelle Nossa Senhora dos Aflitos, beteten und beten heute noch die an Land zurückgebliebenen Fischerfrauen für ihre auf See befindlichen Männer.

Aber so arm Olhão auch an großen architektonischen Sehenswürdigkeiten auch sein mag, an Geschichte und spektakulären Landschaften ist diese Kleinstadt an der Lagune der Ria Formosa umso reicher.
Die Ria Formosa ist einer der größten vogel- und fischreichsten Wassernaturschutzgebiete (port.: Parque Natural da Ria Formosa) Europas.
Unzähligen Kanäle, Sanddünen, Salzmarschen und ein Watt bilden diese unglaubliche Lagunenlandschaft vor der Küste der Algarve.

Obwohl die Umgebung von Olhão wahrscheinlich bereits in der Jungsteinzeit bevölkert war, wurde die heutige Stadtgegend nachweißlich erst von den Römern ständig besiedelt. Die heute noch existierende alte römische Steinbrücke in der Gemeinde Quelfes ist wohl das markanteste Bauwerk aus dieser Zeit.

Im 8. Jahrh. n. Chr. wurde die Algarve von den arabischen Mauren erobert und besiedelt.
Die neuen Herren gaben dem Ort den Namen „al-Hain“, was soviel bedeutete wie „sprudelnde Quellen“, da es in dieser Gegend sehr viele Quellen und Brunnen gab.
Aus „al-Hain“ wurde mit der Zeit „Alham“ und später, als die Portugiesen Mitte des 13. Jahrh die Algarve im Rahmen der Reconquista von den Mauren eroberten, benannten sie den Ort in „Olham“ um, gaben ihn aber schnell auf, so das er rasch an Bedeutung verlor.

Die nächsten Siedler sollten erst wieder im 17. Jahrh. hier auftauchen, dann nämlich, als sich Fischer aus der Stadt Aveiro im Territorium der heutigen Stadt ansiedelten und den Ort Olhão nannten.
Die ersten Bewohner bauten sich einfache Strohhütten und erst Ende des 18. Jahrh. fingen die Fischer an feste Steinhäuser im maurischen Stil zu errichten, so wie wir sie heute kennen.

Die Fischer lebten aber damals nicht nur vom Fischfang, sondern gaben sich auch Erfolgreich dem Schmuggel hin.
Das kam daher, weil die in der Nähe liegende Stadt Faro damals sehr hohe Steuern und Zölle auf importierte Waren erhob.
Da Olhão strategisch sehr gut in einem Labyrinth von verzweigten Meeresarmen, Lagunen und Sandbänken lag – die nur von den einheimischen Fischern gefahrlos befahren werden konnten – umgingen viele Händler die horrenden Handelszölle in Faro, indem sie die Fischer von Olhão zum schmuggeln animierten.

Als das Schmuggeln überhand nahm und auch noch marokkanische Piraten vor Olhão anfingen ihr Unwesen zu treiben, beschloss der Gouverneur in Faro im Jahre 1654 auf einer Sandinsel in der Ria Formosa vor Olhão eine Festung zu errichten.
Diese Festung, die den Namen Fortaleza de São Lourenço erhielt, versandete leider recht schnell und verlor mit der Zeit als Festung der Stadt schnell an Wert.
Im Jahre 1747 beschloss man daher eine neue Festung zu bauen, diesmal auf der vor Olhão gelagerten Insel Armona.
Doch kaum war diese Festung erbaut, da wurde sie 1755 von einem verheerenden Erdbeben völlig zerstört.

Mitte des 18. Jahrh. war Olhão zu einem kleinen florierenden Ort herangewachsen.
Die Einwohner konnten sehr gut vom Meer leben, und zwar so gut, dass König José I im Jahre 1765 dem Ort die gleichen Steuerprivilegien zugestand, wie sie bis dahin nur die Stadt Faro hatte.
Dank dieser neuen steuerlichen Freiheiten entwickelte sich Olhão zusehends und seine Bürger wurden damals zu den reichsten der ganzen Algarve.

Als zwischen 1779 und 1783 spanisch-französische Truppen das von den Engländern regierte und in der Nähe liegende Gibraltar belagerten, blühte Olhão wirtschaftlich und handelspolitisch noch einmal auf.
In Folge der napoleonischen Kriege auf der Iberischen Halbinsel besetzten französische Truppen auch Portugal.
Während Königin Maria I und ihr Sohn, Prinzregent João, mit der ganzen Regierung und dem gesamten Hofstaat nach Rio de Janeiro ins Exil gingen (lesen sie hierzu auch meinen Blogeintrag „Das brasilianische Exil der portugiesischen Königsfamilie“, vom 29. November 2011) blieben die Portugiesen der Willkür der Franzosen überlassen.
Obwohl Prinzregent João bei seinem Abschied aus Portugal, aus Angst vor Repressalien, seinen Untertanen empfohlen hatte sich nicht gegen die Truppen Frankreichs zu stellen, fanden während der französischen Okkupation in Portugal doch verschiedene kleine Aufstände statt, die aber bis dahin alle von den französischen Soldaten grausam niedergeschlagen wurden.

Es waren die Fischer von Olhão die im Juni 1808 erfolgreich gegen die französischen Invasionstruppen vorgingen.
Die Franzosen hatten Olhão am 14. April 1808 besetzt und den Ort auf brutalste Art und Weise geplündert und unterworfen.
Den Einwohnern, die praktisch alle nur von der Fischerei lebten, wurde auf Anordnung von General Jean Andoche Junot, dem Oberbefehlshaber der französischen Truppen, u. a. untersagt aufs offene Meer hinauszufahren, so dass sie ihrem Haupterwerb nicht mehr nachgehen konnten.
Ihnen wurden hohe Steuern auferlegt und es war den Bürgern bei Todesstrafe verboten portugiesische Hoheitszeichen, wie etwa Fahnen, Banner oder Wappen, zu besitzen oder diese gar zur Schau zu stellen.
Ebenfalls unter Todesstrafe setzten die Franzosen das Schmuggeln, womit den Bürgern von Olhão ihre bis dahin zweite Lebensgrundlage auch genommen wurde.

Die französischen Truppen, die damals in Portugal wohl so zerstörerisch und brutal vorgingen wie heute der so genannte Islamische Staat in Syrien oder dem Irak, waren hierzulande verständlicher Weise nicht gerade sehr beliebt!

Vor allem die Bürger der Algarve, hier insbesondere die Menschen in Olhão, widersetzten sich regelmäßig den drastischen Befehlen und Anordnungen der Franzosen, was zur Folge hatte, das diese hier in diesem Teil Portugals besonders brutal gegen die Bevölkerung vorging.

Eines dieser Anordnungen der Franzosen war, wie schon erwähnt, das Verbot von portugiesischen Hoheitszeichen, die kein Bürger und kein Gebäude der Stadt besitzen noch zeigen durfte.
Die Hauptkirche von Olhão, die Kirche Nossa Senhora do Rosário, war an ihrem Altar mit einem portugiesischen Wappen geschmückt, der seit der französischen Okkupation aber durch ein Tuch verdeckt wurde.
Als am Vorabend zur Feier des Heiligen Antonius (port.: Santo António), dem 12. Juni 1808, ein Festgottesdienst in dieser Kirche abgehalten wurde, entblößte der Pfarrer während der Messe das portugiesische Wappen, welches bis dahin unter dem Tuch versteckt war, und die Bevölkerung unterstützte mit lautem Wohlwollen diesen offenen Affront gegen die verhassten französischen Besatzer.
Diese Widersetzung gegen die französischen Besatzungsgesetze in der Kirche war sozusagen der „Startschuss“ für die bis dahin größte Revolte gegen die französischen Besatzer!
Nach diesem für Olhão denkwürdigen Gottesdienst holten alle Bürger der Stadt – einer Zählung nach soll Olhão damals an die 4.000 erwachsene Einwohner gehabt haben – ihre bis dahin aufbewahrten Fahnen und Banner aus ihren Verstecken hervor und zeigten diese demonstrativ offen auf der Straße.

Da sich damals lediglich 58 französische Soldaten in der Stadt aufhielten – die französische Hauptgarnison befand sich zu dieser Zeit in der nahen Stadt Faro – ließen diese die euphorischen und revoltierenden Bürger aus Angst gewähren.

Aber eine französische Antwort ließ nicht lange auf sich warten!
Noch am Tag der Revolte wurden französische Soldaten aus Tavira und Vila Real de Santo António – etwa 200 Mann – nach Faro beordert um das revoltierende Olhão wieder zur Räson zu bringen.
Drei Tage später, am 16. Juni 1808, einem Fronleichnamdonnerstag, trafen die bis an die Zähne bewaffneten französischen Truppen an der römischen Steinbrücke von Quelfes bei strömendem Regen auf die kämpferische Bevölkerung von Olhão.
Die Bürger von Olhão waren zahlenmäßig den französischen Soldaten zwar weit überlegen, hatten aber außer Mistgabeln, Stöcken, Zwillen, Armbrüsten und Steine keine anderen Waffen um sich zu verteidigen.

Dennoch entschieden sich die gut ausgerüsteten Franzosen die Portugiesen nicht anzugreifen und beschlossen auf Verstärkung und besseres Wetter zu warten.
Das war zweifellos ihr Fehler, denn, um es mit den Worten von Michael Gorbatschow zu sagen, „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – und die Franzosen wurden bestraft!

Da das Wetter nicht besser wurde und die Kampfesmoral der Besatzer immer mehr sank, entschlossen sich die Einwohner von Olhão am 18. Juni 1808 zum Angriff gegen die Franzosen.
Mit Hilfe englischer Soldaten, die den Portugiesen zu Hilfe geeilt waren, konnten die Bürger von Olhão die napoleonischen Truppen bezwingen und das belagerte Olhão befreien.
Diese Revolte gegen die Franzosen war der Vorreiter weiterer Aufstände gegen die verhassten Invasionstruppen. So lehnten sich alsbald die Städte Loulé, dann Lagos und schließlich auch die Provinzhauptstadt Faro gegen die Franzosen auf, so das eine Woche nach der Revolte in Olhão, am 23. Juni 1808, die Algarve offiziell als „Franzosenfrei“ galt.

Drei Wochen nach dem erfolgreichen Aufstand beschlossen 17 Fischer aus Olhão nach Brasilien zu segeln um dem Königshaus über die neuesten Ereignisse in Portugal zu unterrichten.
Am 07. Juli 1808 stachen sie in einer Nussschale in See und nach einer beschwerlichen Reise von 77 Tagen auf dem Meer, landeten sie am 22. September 1808 in Rio de Janeiro an.

Die Fischer wurden sofort nach ihrer Ankunft zum Regenten des Königreiches, Prinz João, vorgelassen und überbrachten diesem die Nachricht vom Sieg der Einwohner von Olhão über die französischen Invasionstruppen.
Prinzregent João war über diesen errungenen Volkssieg sehr erfreut und zum Dank gab er dem Ort Olhão augenblicklich die Stadtrechte, mit allen Privilegien, Freiheiten, Rechten und Ehren wie sie die anderen Städte des Königreiches besaßen und genossen.
Und noch mehr:
als Zeichen seiner Anerkennung durfte sich die Stadt nach einem Erlass vom 15. November 1808 fortan offiziell „Vila de Olhão da Restauração“ (dt.: „Olhão, Stadt der Wiederherstellung“) nennen.
Diesen lyrischen Beinahmen gab der Prinzregent der Stadt als Dank für die wichtige Initiative der Bürger Olhãos für die „Wiederherstellung“ der Unabhängigkeit Portugals von den Franzosen.

Die Erhebung von Olhão zur Stadt kam ihrer Entwicklung nur zugute und bis ins letzte Jahrhundert hinein florierte Olhão wie kaum eine andere Stadt an der Algarve.
Erst mit dem Niedergang der für diesen Landstrich so wichtigen Fischindustrie und nach der Schließung mehrerer Fischkonservefabriken – nur eine ist heute noch übrig geblieben – hatte der expandierende Aufstieg Olhãos ein Ende.

Der Tourismus sorgt in den letzten Jahren für einen Aufschwung in Olhão.
Auch wenn Olhão keine so landschaftlich schöne Strände hat wie z.B. Albufeira, Portimão, Lagoa oder Tavira – auch wenn sich der Strand von Armona (port.: Praia da ilha da Armona) sich keinesfalls verstecken muss – so sind sie doch sehr sehenswert und erholsam gelegen.
Ich persönlich habe das große Glück sehr gute Freunde in Olhão zu haben und bin ihnen dort jederzeit sehr willkommen.
Aber auch wer keine Freunde in Olhão hat, der wird sie hier, in dieser durchaus sehr gastfreundlichen, stolzen und geschichtsträchtigen Stadt, garantiert schnell finden!

Dienstag, 2. Juni 2015

Ohne Sardinen – keine Santos populares – kein Volksfest!


Nun ist er endlich da, der Monat Juni, der hierzulande der „Monat der Volksheiligen“ (port.: „mês dos Santos populares“) genannt wird.
Als Volksheilige werden die drei Heiligen Santo António (dt.: Heiliger Anton), São João (dt.: Sankt Johann) und São Pedro (dt.: Sankt Peter) bezeichnet.
Traditionell ist der Juni der Monat, indem hier in Portugal landauf landab viele kirchliche Zeremonien, Prozessionen, Wallfahrten und Volksfeste stattfinden. Vor allem in Lissabon (Santo António), in der nordportugiesischen Metropole Porto (São João) und in vielen Städten der Algarve (São Pedro) wird dieser Monat mit viel Belustigungen, Umzügen, Tanz, Gesang, Brauchtum, gutem Essen und Trinken gefeiert.

Festschmaus der landesweit stattfindenden Feste sind traditionell gegrillte Sardinien (port.: sardinhas assadas).
Was die Weißwürste für München, das Eisbein für Berlin und die gekochten Rippchen für Frankfurt sind, sind ohne Zweifel die Sardinen für Lissabon und Porto in der Volksfestzeit.

Sardinen sind das Symbol, das Wahrzeichen des feiernden Portugals – ein Wahrzeichen das langsam in den Meeren Portugals selten wird.
Um es deutlicher zu sagen, dieser hier so beliebte Fisch droht regelrecht auszusterben!

Laut einer Schätzung des Instituto Português do Mar e da Atmosfera (dt.: Portugiesisches Institut des Meeres und der Atmosphäre), einem Institut welches die Aufgabe hat die Öffentlichkeit über Forschungsaktivitäten und Expertisen zu informieren und unabhängige Veröffentlichungen herauszubringen, werden dieses Jahr im Feiermonat Juni schätzungsweise nur ca. 2.000 t Sardinen von portugiesischen Trawlern aus dem Meer geholt werden.

2.000 t Sardinen entsprechen, so haben es einpaar kluge Köpfe ausgerechnet, schätzungsweise 35 Millionen Sardinen.
Da der Monat 30 Tage hat, heißt das mit anderen Worten, das etwas mehr als 1 Million dieser Fische diesen Monat hierzulande auf den Tisch kommen werden, das sind 48.000 Sardinen jede Stunde, 805 Sardinen pro Minute oder 13 Sardinen jede Sekunde.

Das mag jetzt einem unheimlich viel erscheinen, aber Tatsache ist, dass die Sardinenfischerei hierzulande jedes Jahr geringere Fangresultate aufweisen kann – dieses Jahr die kleinste Menge an Sardinen der letzten 75 Jahre überhaupt!

Vor 30 Jahren konnte Portugal gut 200.000 t Sardinen anlanden.
Vor zehn Jahren waren es dann, wegen jahrelanger Überfischung und immer stärker werdenden klimatischen Veränderungen, nur noch 100.000 t.
Während portugiesische Trawler im Jahre 2012 gut 32.000 t Sardinen aus dem Meer holten, waren es 2013 bereits nur noch 28.000 t und 2014 gar nur noch 16.000 t, d.h. in zwei Jahren hat sich die Fangmenge um ganze 50% reduziert.
Für das Jahr 2015 ist eine Fangquote von lediglich nur noch 13.500 t vorgesehen, was den Preis dieses Fisches ins astronomische katapultiert hat.
Hat man letztes Jahr für ein Kilo Sardinen noch um die 3,50 Euro bezahlt, so wird man dieses Jahr wohl bereits gut 5,00 Euro für das Kilo hinblättern müssen.

Nichtsdestotrotz sind die meisten Portugiesen weiterhin bereit Sardinen zu kaufen, auch wenn diese fast unerschwinglich geworden sind.
Denn jeder Portugiese ist sich über eines im Klaren:

ohne Sardinen – keine Santos populares – kein Volksfest!

Donnerstag, 2. April 2015

Der Folar – das portugiesische Osterbrot


Vor einiger Zeit habe ich von Matthias, einem Leser meines Blogs, eine E-Mail erhalten indem er mich nach einem „typisch traditionelles Osternbrot“ fragt, von dem ihm sein Nachbar, der anscheinend öfters hier in Portugal Urlaub macht, wohl berichtet hat.

Nun, dieses Osterbrot, nach dem Matthias fragt und von dem ihm sein Nachbar erzählt hat, trägt hier in Portugal den Namen „Folar“ (port.: folar).
Der Folar ist ein Hefeteigbrot, der hierzulande traditionell in der Osterzeit gebacken wird und der kulturhistorisch den gleichen Stellenwert hat, wie wohl in Deutschland der Osterhase oder die Ostereier.

Der Basisteig dieses süßen, weichen und fluffigen Brotes besteht immer aus Weizenvollkornmehl, Hefe, Wasser, Eier und Schmalz, sowie aus Zucker (für die süße Variante) oder Salz (für die salzige Variation).
Da jede Provinz hier in Portugal ihr eigenes Folarrezept hat, unterscheidet er sich von Region zu Region durch die jeweiligen Zusatzzutaten die dem Teig beigemengt werden.

In Olhão, an der Algarve, fügt man z.B. dem Grundteig des Folar Honig und eine Menge Zimt (port.: canela) hinzu.
Im Alentejo gibt man dem Teig fast immer Anis (port.: anis) oder Fenchel (port.: erva doce) hinzu, um ihn geschmacklich zu verfeinern.
Vielerorts bereichert man den Folar z.B. auch mit Mandeln (port.: amendoas), Schokolade (port.: chocolate), Rosinen (port.: passas), Trockenobst (port.: frutas secas), Kürbismarmelade (port.: gila) und noch vieles mehr.
Im nordportugiesischen Trás-os-Montes, in der Umgebung von Chaves und Valpaços, fügt man dem salzigen Folarteig traditionell entweder Schweine-, Geflügel-, Lamm- oder Kalbfleisch, sowie Salami, Speck oder Wurst hinzu.

Aber, ob nun in der süßen oder salzigen Variation und egal wie er sich auch geschmacklich unterscheiden mag, eines sollte ein echter Folar stets haben: er sollte immer mit einem oder zwei hart gekochten Eiern verziert sein!
Nur dann ist er ein echter Folar!

Traditionell schenken am Ostersonntag der Patenonkel (port.: padrinho) und die Patentante (port.: madrinha) ihrem Patenkind (port.: afilhado) immer einen Folar.
Dies tun sie jedes Jahr, bis das Patenkind heiratet.
Dies ist seit Generationen so!
Da meine Patentante nie sehr viel von Traditionen gehalten hat und mein Patenonkel leider schon verstorben ist, muss ich mir in den letzten Jahren meinen Folar selber kaufen…

Wo der Folar zum ersten Mal gebacken wurde, woher sein Name kommt und wie er hierzulande zum traditionellen Osterbrot wurde, ist ein Geheimnis der Geschichte.

Der Legende nach soll einmal vor langer, langer Zeit, in einem abgelegenen Dorf die Tochter eines Schneiders mit Namen Mariana gelebt haben. Marianas größter Wunsch es war, zu heiraten.
Also betete Mariana zur Heiligen Katharina (port.: Santa Catarina), der Schutzpatronin der Näherinnen und Schneider, und bat diese um einen Ehemann.
Wie es das Schicksal so will, verliebten sich eines Tages zur gleichen Zeit zwei junge Männer in das junge Mädchen – ein armer Schafhirte und ein reicher Edelmann – und sowohl der eine als auch der andere machten ihr den Hof.
Da sich Mariana weder für den Hirten noch für den Edelmann entscheiden konnte, betete sie erneut zur Heiligen Katharina, diese möge ihr bitte bei der schweren Entscheidung helfen.
Da sie sich aber mit der Entscheidung Zeit ließ, klopfte eines Tages der junge Hirte an ihre Tür und forderte Mariana auf, sich für ihn oder den Edelmann zu entscheiden. Als Frist für sein Ultimatum nannte der Hirte ihr den Sonntag vor Ostern, den  Palmsonntag.
Am nächsten Tag klopfte auch der Edelmann an die Tür der jungen Schneidertochter und auch er stellte ihr eine Entscheidungsfrist für den nahenden Palmsonntag.
Als der Palmsonntag gekommen war und Mariana sich immer noch nicht für einen der zwei Freier entscheiden hatte, machten sich sowohl der Hirte als auch der Edelmann auf dem Weg zum Hause des Schneiders.
Vor dem Haus trafen sie sich.
Voller Wut und Eifersucht aufeinander zog der Hirte seinen Dolch und der Edelmann sein Schwert und beide waren sie bereit für die Gunst der jungen Schneidertochter bis zum Tode zu kämpfen.
Als das Mädchen vor die Tür trat und die beiden Männer um sie kämpfen sah, schrie sie auf und rief – ohne zwei Mal zu überlegen – den Namen des Hirten und umarmte diesen.
Als der Edelmann nun sah, dass sich Mariana für den Hirten entschieden hatte, steckte er sein Schwert in die Scheide, drehte sich um und räumte das Feld. Doch bevor er ging, drohte er dem jungen Paar am Tag der Hochzeit zurückzukommen und sich dann zu rächen.
Einen Tag vor Ostersonntag, ihrem Hochzeitstag, ging Mariana in die Kirche und betete noch einmal zur Heiligen Katharina.
Sie bat ihre Schutzpatronin um eine glückliche und friedliche Hochzeit mit dem Hirten, die am nächsten Tag stattfinden sollte. Bevor sie die Kirche verließ, legte sie einen Strauß Blumen für die Heilige Katharina am Altar nieder.
Wieder zuhause angekommen entdeckte Mariana auf ihrem Tisch ein rundes Brot stehen, den ein Ei zierte und welches von Blumen umgeben war – die gleichen Blumen,  die sie zuvor in der Kirche für dieHeilige Katharina niedergelegt hatte.
Da wusste Mariana, dass ihre Schutzpatronin sie erhört hatte und das ihr eine glückliche Ehe mit ihrem Hirten bevorstand.
Seitdem gilt der Folar traditionell an Ostern als ein Symbol von Freundschaft, Frieden, Glück und Versöhnung.

Zu erwähnen sei noch das der Folar im Mittelalter unter dem altportugiesischen Namen „folore“ in der Literatur oftmals Erwähnung findet.
Höchstwahrscheinlich leitet sich „folore“ wiederum vom lateinischen Wort „flora“ ab, was soviel wie Blumenblüte (port.: flor) bedeutet, und was wiederum erklären würde, warum in der Legende von Blumen die Rede ist, die um das Osterbrot gelegt werden.

Dienstag, 10. Februar 2015

Bahnhöfe an denen der Zug der Zeit schon abgefahren ist




Möchten sie einen Bahnhof (port.: estação ferroviária) kaufen, und das nicht nur für ihre Modelleisenbahn?
Nun, seit kurzem stehen hier in Portugal zahlreiche alte Bahnhofsgebäude zum Verkauf.
Von Nord bis Süd, von Trás-os-Montes bis zur Algarve, kann man nun teilweise sehr schön gelegene Bahnimmobilien zu einem wahren Schnäppchenpreis erwerben.
Früher waren all diese Bahnhöfe voller Reisender und hektischem Leben.
Doch seitdem die portugiesische Bahn viele Steckenlinien aus wirtschaftlichen Gründen stilllegen musste, bröckeln diese Bahnstationen vor sich hin und verkommen so zusehends.

In Zeiten der Krise und knapper Kassen hat sich die portugiesische Bahngesellschaft REFER, die hierzulande für die Instandhaltung des Eisenbahnnetzes ist, dazu entschlossen sich von vielen nicht mehr benutzten und deshalb leer stehenden Bahnhofsgebäuden zu trennen.

Sicherlich, so gut wie alle der zum Verkauf angebotenen Bahnhöfe sind modernisierungs- und sanierungsbedürftig – schließlich sind viele von ihnen über 100 Jahre alt – aber sie liegen fast alle an sehr malerischen Standorten und alle haben sie eine Geschichte.

Hier nun einige der Bahnstationen die von der portugiesischen Eisenbahngesellschaft REFER auf ihrer Internetseite www.referpatrimonio.pt zum Verkauf angeboten werden:

Bahnhof: Almendra (Hauptgebäude)
Ort: Almendra / Vila Nova de Foz Coa
Provinz: Trás-os-Montes e Alto Douro
Erbaut im Jahre: 1887
Bauwerksgröße: 160 m²
(Anmerkung: für mich persönlich ist der am Ufer des Douro malerisch gelegene Bahnhof von Almendra der, der am schönsten gelegen ist)

Bahnhof: Barreiro (Nebengebäude)
Ort: Barreiro
Provinz: Estremadura
Erbaut im Jahre: 1857
Bauwerksgröße: 1169 m²

Bahnhof: Duas Igrejas (Hauptgebäude)
Ort: Duas Igrejas / Miranda do Douro
Provinz: Trás-os-Montes e Alto Douro
Erbaut im Jahre: 1938
Bauwerksgröße: 185 m²

Bahnhof: Gouvinhas (Hauptgebäude)
Ort: Gouvinhas / Sabrosa
Provinz: Trás-os-Montes e Alto Douro
Erbaut im Jahre: 1880
Bauwerksgröße: 143 m²

Bahnhof: Lagos (Nebengebäude)
Ort: Lagos
Provinz: Algarve
Erbaut im Jahre: 1922
Bauwerksgröße: 446 m²

Bahnhof: Monte Gordo (Hauptgebäude)
Ort: Monte Gordo / Vila Real de Santo António
Provinz: Algarve
Erbaut im Jahre: 1906
Bauwerksgröße: 138 m²

Bahnhof: Óbidos (Hauptgebäude)
Ort: Óbidos / Caldas da Rainha
Provinz: Estremadura
Erbaut im Jahre: 1887
Bauwerksgröße: 236 m²

Bahnhof: Paranheiras (Hauptgebäude)
Ort: Vilarinho das Paranheiras / Chaves
Provinz: Trás-os-Montes e Alto Douro
Erbaut im Jahre: 1919
Bauwerksgröße: 90 m²

Bahnhof: Santa Apolónia (Nebengebäude)
Ort: Lissabon
Provinz: Estremadura
Erbaut im Jahre: 1865
Bauwerksgröße: 3153 m²

Bahnhof: Santa Vitória-Ervidel (Hauptgebäude)
Ort: Santa Vitória / Beja
Provinz: Alentejo
Erbaut im Jahre: 1870
Bauwerksgröße: 237 m²

Bahnhof: São Bartolomeu (Hauptgebäude)
Ort: São Bartolomeu da Serra / Santiago do Cacém
Provinz: Alentejo
Erbaut im Jahre: 1904
Bauwerksgröße: 247 m²

Bahnhof: Vale do Peso (Hauptgebäude)
Ort: São Vale do Peso / Portalegre
Provinz: Alentejo
Erbaut im Jahre: 1880
Bauwerksgröße: 143 m²

Die von der Bahngesellschaft REFER angebotenen Objekte sind alle preislich verhandelbar und können zukünftig u. a. als Wohnraum, Künstleratelier, Hotel, Restaurant, Vereins- oder Kulturgebäude genutzt werden.