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Mittwoch, 2. Juni 2010

Zum 1. Geburtstag von Planet Portugal


Man nehme ein halbes Pfund der schönsten Strände Europas, ein halbes Pfund weiter Ebenen mit Korkeichen- und Pinienwäldern, und zwei Teelöffel einer Kapitale mit alter Weltstadtatmosphäre.
Das Ganze in einem dreiviertel der besten süßen und roten Weine der Welt langsam quellen lassen und dann reichlich Kulturgewürz hinzugeben.
Je nach Geschmack ein paar Spritzer politisches Bittermandel-Essenz und eine Messerspitze Saudade.
Das Ganze gut durchrühren und auf der von der EU verordneten Sparflamme langsam gar kochen lassen.
Das fertige Gericht garniere man mit locker geschlagenem Optimismus und einer Prise Humor…

Sieht es wirklich so aus, mein Portugal?
Sicherlich, die Zutaten stimmen schon.
Und es gibt noch eine Menge anderer die Appetit machen.
Doch „kochen“ muss sich jeder, so glaube ich, Portugal schon selber.

Als ich vor genau einem Jahr, am 03. Juni 2009, anfing „Planet Portugal“ zu schreiben, wollte ich jedem der Interesse an meinem Heimatland hat, „Rezepte anbieten“, wollte jedem zeigen, was es hier im Land der Entdecker zu entdecken gibt.

Alleine die geschichtlichen und kulturellen Angebote meines Heimatlandes sind so umfangreich, dass auch der längste Urlaub nicht ausreicht, alles zu sehen und zu hören.
Die Gastronomie bietet Vielfältiges für jeden Gaumen und jeden Geldbeutel: von der einfachen „Bifana“ im Stehcafé an der Ecke, über den „Pastel de Nata“ in Belém bis zum Diner im Salon des Ritz-Hotels in Lissabon.
Das Nachtleben, die Feste und regionalen Feierlichkeiten sind auch nicht ohne und die vielen Strände und die historischen Städte alle Mal einen Ausflug wert.

Mir wurde einmal gesagt ich würde sehr kreativ und informativ über Portugal und seine Geschichte, seinen Alltag, seine Bürger, seine Politik und seine Gefühle in diesem Blog schreiben.

Aber diese Kreativität war mir nur möglich, weil ich den Lesern von „Planet Portugal“ immer mit „offenen Augen“ begegnete.
Ihre und Eure Anregungen und vor allem der vorgebrachte Lob, aber auch die Kritik, haben mich immer bestärkt weiter zu schreiben.
Deshalb möchte ich Sie und Euch einladen, mir auch in Zukunft Anregungen, Ideen und Empfehlungen zukommen zu lassen.

Hier in Portugal ist manches anders als anderswo – im Positiven wie im Negativen.
Es zu entdecken lohnt sich alle mal.
Ich hoffe „Planet Portugal“ ist meinen Lesern eine Hilfe dabei.

Danke für Ihre und Eure wunderbare Unterstützung in den letzten zwölf Monaten

Ângelo Paulo

Mittwoch, 12. August 2009

Seefahrer, Entdecker und Abenteurer







Portugal ist auch als das "Land der Seefahrer und Entdecker" („Terra dos Navegadores e dos Descobridores“) bekannt.
Als solches hatte Portugal einmal, nebst seinem Nachbar Spanien, eine Weltmachtstellung unter den Nationen der Welt.

Als Seefahrernation erlebte Portugal, durch den weltweiten Handel, einen bis dahin nie gesehenen wirtschaftlichen Aufschwung.
Die Krone, der Adel, der Klerus und die Kaufleute gewannen unerhöhte Reichtümer durch die Entdeckungsfahrten.
Aber diesen Reichtum verdankten sie nur einer Anzahl wagemutiger Männer.
Diese mutigen Männer waren Pioniere und Abenteurer zugleich.
Als Seefahrer und Entdecker sollten sie einen ewigen Platz in der Geschichte erlangen.

Portugiesische Seefahrer waren im 15. und 16. Jahrhundert das, was amerikanische Astronauten für die heutige Menschheit sind.
Ihre Entdeckungen auf hoher See waren so abenteuerlich, wie eine Raumfahrt zum Mond heute, und ihre Karavellen waren so futuristisch wie die heutigen Raumfähren.

Aber wer waren diese Männer?

Natürlich wissen viele, dass es Vasco da Gama war, der den Seeweg nach Indien entdeckte.
Die meisten wissen auch das Magellan (Fernão de Magalhães) als erster Mensch die Welt umrundete.

Aber wer entdeckte z.B. Brasilien?
Wer war als erster Europäer am siamesischen Hof?
Wer betrat als erster die Japanischen Inseln?
Wer umsegelte als erster das Kap der Guten Hoffnung?
Wer segelte bis nach China?

Viele, außerhalb Portugals, wissen auf diese simplen Fragen keine Antwort.

Um diese Männer aus ihrer Anonymität zu holen, führe ich hier nun die Namen einiger Seefahrer und Entdecker auf, die nicht nur in der portugiesischen Geschichte, sondern auch in der Geschichte anderer Nationen, ihren Platz gefunden haben.

- Gil Eanes: Der aus dem südportugiesischen Lagos stammende Gil Eanes umsegelte 1434 als erster, nach 15 erfolglosen Versuchen, das Kap Bojador an der westafrikanischen Küste. 1446 entdeckt er Gambia, ebenfalls an der afrikanischen Westküste.

- João Gonçalves Zarco: Zarco, ein Edelmann aus dem Umfeld von Heinrich dem Seefahrer (Henrique o Navegador) entdeckte mit Tristão Váz Teixeira 1419 die Atlantikinsel Porto Santo. Im Jahr darauf, 1420, entdeckten diese beiden Seemänner, mit Bartolomeu Perestrelo die Insel Madeira.

- Bartolomeu Dias: Dias umsegelte als erster die Südspitze Afrikas. Er nannte diesen stürmischen Punkt Kap der Guten Hoffnung. 1487 erreichte er als erster Europäer den Indischen Ozean und die Ostküste Afrikas. Im Jahre 1500 fand er an dem von ihm entdeckten Kap der Guten Hoffnung, in einem heftigen Sturm, den Tod.

- Vasco da Gama: Im Auftrag von König Manuel I entdeckte Vasco da Gama 1498 den maritimen Weg nach Indien. Der König beförderte ihn daraufhin, aus Dank, zum Admiral und erhob ihn in den Adelstand. 1502, auf dem Rückweg von Indien nach Portugal, entdeckte er die Inseln der Seychellen. Als Vizekönig von Indien starb er 1524 im indischen Cochim.

- Pedro Álvares Cabral: Der in Belmonte, bei Santarém, geborene Pedro Álvares Cabral machte sich im Jahre 1500 auf den Weg nach Indien. Vom Kurs abgekommen, erreichte er am 22. April 1500 die Küste Brasiliens. Als Entdecker Brasiliens und Südamerikas ist er in die Geschichte eingegangen.

- Fernão de Magalhães: Er ist wohl das „schwarze Schaf“ unter allen portugiesischen Seefahrern. Er ist zwar Portugiese, umrundete als erster Mensch überhaupt die Erdkugel, und bewies somit auch dass die Erde wirklich Rund war. Aber er machte diese Weltreise im Auftrage Spaniens, und das nahm ihm über viele Jahrhunderte hinweg das Vaterland übel.

- Diogo Cão: Er entdeckte die Mündung des Flusses Kongo und segelte hinunter, bis zu den heutigen Küsten Angolas und Namibias.

- Diogo de Silves: Der Entdeckter der Azoreninseln São Miguel und Santa Maria im Jahre 1427. Im Jahr darauf, 1428, entdeckte er die Inseln Terceira, Graciosa, São Jorge, Pico und Faial.

- João de Teive: 1452 entdeckte dieser Seefahrer die westlichen Azoreninseln Flores und Corvo.

- Dinis Dias: Im Jahr 1444 entdeckt Dinis Dias die Kanareninsel La Palma.

- Álvaro Fernandes: 1446 setzt Álvaro Fernandes seinen Fuß auf dem Gebiet des heutigen Guinea-Bissau, in Westafrika.

- Diogo Gomes: Von 1456 bis 1461 entdeckt Diogo Gomes, zusammen mit Alvise Cadamosto, Antonio da Noli und Diogo Afonso die Kapverdischen Inseln.

- João de Santarém: João de Santarém entdeckt mit Pêro Escobar die Inseln São Tomé und Principe. 1471 überqueren sie als erste Europäer den Äquator und segeln bis zum heutigen Niger.

- João Vaz Corte-Real: 1472 entdeckt Corte-Real ein Land, welches er „Terra Nova“ (Neufundland) nennt. Leider konnte bis heute nicht bewiesen werden, ob es sich hierbei um das heutige kanadische Neufundland handelt. Wenn dem so ist, dann ist João Vaz Corte-Real der eigentliche Entdecker Amerikas, und nicht etwa Christoph Columbus 20 Jahre später!

- Afonso de Paiva: Afonso de Paiva und Pêro da Covilhã reisen 1487, auf dem Landweg, nach Äthiopien.

- João Fernandes Lavrador: 1495 segelt João Fernandes Lavrador über Grönland bis nach Amerika. Dem Land, welches er entdeckt, gibt er seinen Namen „Lavrador“. Hierbei handelt es sich um das heutige kanadische Labrador.

- Duarte Pacheco Pereira: Duarte Pacheco Pereira durchfuhr als erster Europäer den Amazonas stromaufwärts.

- Diogo Dias: Am 10. August 1500 entdeckt der Seefahrer Diogo Dias eine Insel, die er Ilha de São Lourenço nennt. Heute ist diese Insel unter dem Namen Madagaskar bekannt.

- Estevão da Gama: Entdeckt 1503 die Insel Sankt Helena.

- Lourenço de Almeida: Entdeckt 1505 die Insel Ceylon, das heutige Sri Lanka.

- Tristão da Cunha: Entdeckt die Insel der er auch seinen Namen gibt.

- Diogo Lopes de Sequeira: Überquert als erster Europäer den Bengalischen Golf und segelt bis zum heutigen Malaysia.

- Duarte Fernandes: Besucht als erster Europäer 1511 den königlichen Hof von Siam, dem heutigen Thailand.

- António Abreu: Entdeckt die Inseln Timor, Banda, Ambon und Seram, im heutigen Indonesien.

- Pedro Mascarenhas: Entdeckt die Insel Mauritius.

- Fernão Pires de Andrade: Als erster Portugiese segelte er bis nach Kanton, in China.

- Diogo Pacheco: 1525 entdeckt Diogo Pacheco ein Land südlich der Insel Sumatra. Wahrscheinlich handelte es sich hierbei um Australien. Leider gibt es heute keine Hieb- und Stichfeste Beweise dafür, ob es sich bei dem entdeckten Land wirklich um Australien handelt.

- Jorge de Meneses: Entdeckt das heutige Papua-Neuguinea.

- Fernão Mendes Pinto: Mit Diogo Zeimoto und Cristovão Borralho besucht Fernão Mendes Pinto als erste Europäer das japanische Kaiserreich.

Diese Männer die ich hier aufgeführt habe sind nur einige der vielen, vielen Portugiesen, die sich um die weltweite Entdeckungsgeschichte verdient gemacht haben.
Leider gab es keine Frauen unter den vielen Seefahrern und Entdeckern. Vielleicht traute man ihnen entbehrungsreiche, monatelange Fahrten auf hoher und sehr oft auch stürmischer See einfach nicht zu, was zu bedauern ist.
Denn sicherlich sähe die Welt heute etwas anders aus, wenn Frauen schon damals mehr Einfluss in der Expansionspolitik gehabt hätten.

Dienstag, 11. August 2009

Die Portugiesische Nationalflagge


Mit der Einführung der Republik am 05. Oktober 1910, löste das heutige Rot und Grün der portugiesischen Flagge das Königsblau und Weiß ab, das die prägende Farbe der portugiesischen Fahne seit Bestehen der Nation war.
Doch was gibt es außer diesen beiden Farben noch auf der Portugiesischen Nationalflagge (Bandeira Nacional) zu sehen?
Sie ist ein wahres Bilderbuch, das die Geschichte dieser am längsten in seinen ursprünglichen Grenzen bestehenden europäischen Nation illustriert.

In der Trennungslinie der verteilten Grundfarben (2/5 Grün auf der Mastseite, 3/5 Rot daneben) ist eine gelbe Armillarsphäre abgebildet.
Die Armillarsphäre ist ein von den arabischen Mauren eingeführtes nautisches Gerät und war als solches für die portugiesischen Seefahrer und ihre Entdeckungen von größter Bedeutung.
König Manuel I, in dessen Regierungszeit (1495-1521) die wichtigsten portugiesischen Entdeckungen fielen, machte die Armillarsphäre sogar zu seinem persönlichen Wappenemblem.
Mittig auf die Armillarsphäre sitzt das portugiesische Staatswappen.

Das seit der Regierungszeit von Königin Maria II unveränderte Wappen muss heute natürlich ohne Krone auskommen.
Die Anzahl der Burgen (Castelos) die abgebildet sind, beläuft sich auf sieben. Sie sollen die sieben Burgen darstellen (die Burgen der Städte Évora, Lissabon, Leiria, Montemor, Palmela, Santarém und Sintra) die die Portugiesen unter König Afonso Henriques von den Mauren eroberten.

Das Zentrum des Wappens bildet das weiße Schild (Escudo) mit fünf kleineren Schilden (Quinas). Diese stehen für die fünf maurischen Könige, die im Zuge der christlichen Kreuzzüge (Reconquista) von den portugiesischen Truppen besiegt wurden. Die Quinas tauchen schon 1185 auf der Fahne von König Sancho I auf und ersetzen das blaue Kreuz, das die erste Fahne Portugals zierte (1139-1185). Schon hier sind die Quinas kreuzförmig angeordnet, um den Sieg des Christentums
über den Islam zu signalisieren. Die fünf weißen Punkte, die sich von dem blauen Grund der Quinas abheben, sollen die fünf Wundmale Christi (cinco chagas de Jesus Cristo) darstellen.

So zeigt die portugiesische Flagge – sieht man mal von den Veränderungen durch die Republikaner ab – im Laufe der Jahrhunderte eine bemerkenswerte Konstanz.
Daran hat weder die Salazardiktatur noch die Nelkenrevolution etwas geändert.

Heute sind die Bandeira Nacional und die darauf abgebildeten Embleme mehr denn je im Bewusstsein der Portugiesen.
Die Portugiesen haben, im Gegensatz zu den Deutschen, noch nie Probleme gehabt, sich mit ihrer Flagge zu identifizieren.

Im Gegenteil!

Die „Bandeirite“ (deutsch: „Flaggenritis“) hatte ihren bisherigen Höhepunkt als die Fußball-Europameisterschaft im Jahre 2004 hier in Portugal stattfand. Damals schmückten hunderttausende Flaggen Fenster, Balkone, Autos, öffentliche und Private Gebäude, Busse, Bahnen usw.

Heutzutage hat diese Flaggenvernarrtheit ein wenig nachgelassen. Aber trotz allem finden sich heute noch an vielen Gebäuden und vielen Autos in ganz Portugal tausende wehende Flaggen.

Freitag, 17. Juli 2009

Encompassing the Globe


Heute, am 16. Juli 2009, wurde hier in Lissabon im Nationalmuseum für Antike Kunst (Museu de Arte Antiga) die Ausstellung „Encompassing the Globe“ (auf Deutsch: „Weltumspannung / Globalisierung“) eröffnet.

Die Ausstellung stellt eine außergewöhnliche Sammlung von Objekten aus, die die Geschichte der portugiesischen Entdeckungen im 16. und 17 Jahrhundert zu erzählen versucht. Leihgeber und Museen aus der ganzen Welt – wie aus China, Indien, Japan, Brasilien, Südafrika und Europa ─ haben über 250 Kunstwerke, Karten und Bilder für diese besondere Ausstellung beigesteuert.

In Kombination mit den bereits in Portugal vorhandenen Ausstellungsstücken, bilden diese ganzen wertvollen Objekte eine einzigartige Zusammenstellung, die auf außergewöhnliche Art und Weise verdeutlichen welche kulturellen Auswirkungen, das Zusammentreffen zwischen den portugiesischen Entdeckern und den neuen Handelspartnern aus Afrika, Asien und Amerika ehemals hatte.
Weltweit hatten die Portugiesen damals ein gut organisiertes Handelsnetz aus Seefahrtsrouten aufgebaut. Was heute Houston oder Cape Canaveral für die Raumfahrt ist, waren einst Lissabon und Sagres für die Seefahrt. Von hier aus wurde die Welt entdeckt!

Die bereits 2007 in der Arthur M. Sackler Gallery des Washingtoner Smithsonian-Instituts ausgestellten Exponate, lassen keinen Zweifel daran, dass bereits zu dieser Zeit die Grundlage für die Globalisierung von heute gelegt wurde - so meinen renommierte Wissenschaftler heute – mit all ihren negativen Seiten: brutale Landenteignungen, weltweite Ungleichheiten, kulturelle Missverständnissen. Die Phänomene und Probleme unserer heutigen Welt standen schon damals für Portugal auf der Tagesordnung.

Die berühmte New York Times nannte dieses Netzwerk, in einem Bericht über „Encompassing the Globe“, sogar einen „Vorläufer des Internets, nur etwas langsamer“. Portugal war zur Zeit der Entdeckungen, mit gerade einmal einer Million Einwohner, ein kleines Land. Und so mussten die vorhandenen Ressourcen gezielt eingesetzt werden. Was dann auch, bis ins Ende des 20. Jahrhunderts, gelang!

Die Ausstellung Encompassing the Globe legt Wert darauf, dass die Geschichte der portugiesischen Entdeckungen zum ersten Mal nicht aus europäischer Sicht der „Entdecker“ erzählt wird, sondern aus Sicht der „Eroberten“, weswegen viele Exponate auch die Perspektive der Völker aus Afrika, Asien und Amerika widerspiegeln.

Noch bis zum Oktober dieses Jahres kann die Ausstellung Encompassing the Globe hier in Lissabon besichtigt werden. Danach zieht sie weiter nach Brüssel, ihrer dritten und letzten Station.
So interessant die Ausstellung auch in Washington gewesen sein mag, und wie spannend sie auch in Brüssel sein wird, nirgends wird sie so viel Realität und Identität zeigen können, wie hier in Lissabon - hier wo die Globalisierung der Welt begann!

Freitag, 5. Juni 2009

So war die Seefahrt im Zeitalter der Entdeckungen wirklich


Diese Woche traf ich in der Lissaboner Altstadt ein deutsches Touristenehepaar aus Neuss, welches mich nach dem Denkmal der Entdeckungen (Monumento dos Descobrimentos) fragte und mich bat, ihnen den Weg zu diesem zu erklären.
Dieses imposante Bauwerk, für mich persönlich einer der schönsten der Hauptstadt, ist 1960, anlässlich des 500. Todesjahres von Heinrich dem Seefahrer (Infante Dom Henrique, o Navegador) erbaut worden.
Es stellt einen gigantischen, symbolischen Schiffsbug dar, der auf das offene Meer hinausweist, und auf dem sich überlebensgroße Figuren aus dem Entdeckungszeitalter versammelt haben.
Auf eine gewissen Art und Weise glorifiziert dieses Denkmal die Entdeckungsfahrten Portugals und natürlich auch die Seefahrt an sich.
Aber die Seefahrt, nachdem was man heute weiß, war im ausgehenden 15. Jahrhundert alles andere als glorreich oder gar romantisch. Im Gegenteil! Heute weiß man dass eine Reise auf See damals sehr unsicher, ungemütlich und dreckig war.
Laut einem Bericht des portugiesischen Marineministeriums aus dem Jahre 1992, ging im 16. und 17. Jahrhundert, durchschnittlich jedes dritte Schiff, das sich hier von Lissabon auf den Weg in die Kolonien machte, unter!
40% der Besatzung starb auf diesen Reisen, und erreichte so nie wieder heimatlichen Boden. Sie wurde Opfer, nicht nur von Schiffsuntergängen, sondern auch von Piraten, von Krankheiten und Überfällen von Eingeborenen.
In diesem Ambiente von Not, Leid, Entbehrung und Gewalt fand ein ständiger Überlebenskampf statt. Wer sozial besser gestellt war, hatte auch bessere Überlebenschancen. Wer sozial schlecht gestellt war, hatte so gut wie keine Überlebenschancen. So einfach war das damals!
Laut den Reiseberichten von Damião de Góis, der im 16. Jahrhundert regen Schriftverkehr mit Erasmus von Rotterdam und Martin Luther hatte, beförderte eine portugiesische Karavelle auf ihrer Fahrt von Portugal nach Brasilien, Indien oder China bis zu 500 Personen.

Es ist heute wissenschaftlich erwiesen (und hier übersetze ich frei aus dem Buch des Historikers Fábio Pestana Ramos, von der Universität São Paulo), dass

- im Durchschnitt die Passagiere und Matrosen auf einer Karavelle nur 50cm² Platz hatten. Nur dem Kapitän und dem Steuermann standen eine Kabine von durchschnittlich 2m² zur Verfügung. Offizieren, Edelleuten und Kirchenmännern standen, auch wenn man es kaum glauben mag, ebenfalls nur knapp über 50cm² zu.

- Passagiere und Besatzung teilten sich Schlaf- und Essensbereiche. Wer es sich leisten konnte schlief auf Hängematten. Aber der größte Teil, wie die meisten Matrosen, die noch halbe Kinder waren, schliefen auf dem Plankenboden. Zu essen gab es für alle das gleiche: vorwiegend Zwieback, Oliven, Lupinenkerne, getrocknetes Obst und Bacalhau, den gesalzenen Stockfisch. Heute weiß man, das die Tatsache das es auf portugiesischen Schiffen mehr gesalzenen Fisch zu essen gab, als auf den Schiffen anderer Nationen, wo es hauptsächlich gepökeltes Fleisch als Verpflegung gab, dazu geführt hat, das portugiesische Seeleute weniger an Skorbut litten, als die Seefahrer anderer Länder.

- die hygienischen Verhältnisse an Bord waren katastrophal, selbst für die damalige Zeit. An Baden war nicht zu denken, und so waren selbst Offiziere, Edelleute und Mönche voller Läuse, Wanzen und Flöhe. Wer seine Notdurft verrichten musste hatte zwei Möglichkeiten. Entweder er war reich und nannte einen Nachttopf sein Eigen (der dann über Bord ausgeleert wurde) oder er war nicht reich, und musste sich an der Reling direkt ins Wasser entleeren. Viele gingen dabei, vor allem bei starkem Wellengang, über Bord und verloren ihr Leben.

- da praktisch nie ein Arzt an Bord war, waren Passagiere und Besatzungsmitglieder bei ernsthaften Erkrankungen dem Tode geweiht. Selbst simple Krankheiten, wie einfache Erkältungen, Masern und Windpocken breiteten sich blitzschnell zu Epidemien aus.

- der schlimmste Feind eines Kapitäns auf einer Überfahrt über den Atlantik oder Pazifik, war die Langeweile der Besatzung und Passagiere. Durch zu viel Freizeit und Nichtstun, brachen regelmäßig Revolten und Meuterein aus. Deshalb fanden auf portugiesischen Schiffen fast täglich Prozessionen, Gottesdienste und Kirchenspiele statt.

- im Durchschnitt war das Verhältnis Männer/Frauen 50 zu 1. Die Frauen die sich an Bord befanden, waren meistens Passagiere oder Prostituierte. Sie wurden skrupellos von den Männern an Bord sexuell belästigt, auch wenn sie verheiratet waren. Da so wenige Frauen an diesen Überfahrten teilnahmen und die Männer monatelang sich selbst überlassen waren, war die Homosexuellenrate an Bord sehr hoch.

- der wichtigste Mann an Bord eines portugiesischen Schiffes war nicht der Kapitän sondern der Steuermann (laut königlichem Dekret von 1498 waren in der portugiesischen Marine Kapitän und Steuermann gleichberechtigt, was damals einzigartig auf der Welt war). Der Kapitän hatte die „autoritäre“ Rolle, aber der Steuermann war verantwortlich für das sichere Erreichen des Zielortes.

Aber obwohl so viele Karavellen und Naus in den sieben Weltmeeren untergingen, und fast die Hälfte der Besatzung ihr Leben auf dem Wasser lies, lohnten sich solche Überseereisen finanziell fast immer. Denn der Ertrag den die vollbeladenen Segelschiffe nach Portugal brachten war enorm.
Kirchen, Klöster und Paläste, überall in Portugal, zeugen noch heute von diesem immensen Reichtum.
Erwähnenswert sei vielleicht noch die Tatsache, dass die portugiesische Marine, trotz all der oben beschriebenen schrecklichen Tatsachen, den Ruf einer der besten Marinen der damaligen Zeit hatte.

Wenn ihnen also diese Berichte von damals so schrecklich erscheinen, stellen sie sich vor, wie es erst auf den Schiffen anderer Nationen zugegangen sein muss.